HERZMEDIZIN: Was macht die SCAD-ALIGN-Studie aus wissenschaftlicher Sicht interessant und warum ist sie für die kardiovaskuläre Forschung bei Frauen so relevant?
Magnussen: Es handelt sich um die erste globale akademische, also nicht Industrie-geförderte, SCAD-Studie. Sie adressiert ein Krankheitsbild, das gerade für junge Frauen eine Limitierung von Lebensqualität und ggf. auch Prognose bedeutet. Da dieses Krankheitsbild trotz zunehmend häufiger Diagnostik im Vergleich zum „klassischen, atherosklerotischen Herzinfarkt“ immer noch selten ist, gibt es dazu bisher keine finalisierten randomisierten Studiendaten. Derzeit werden betroffene Patientinnen vielfach analog zum atherosklerotischen Herzinfarkt nach Stentimplantation behandelt, da spezifische leitlinienbasierte Empfehlungen für die SCAD bislang fehlen. Registerdaten deuten jedoch darauf hin, dass die aggressivere Thrombozytenaggregationshemmung eher mehr Schaden als Nutzen anrichtet, da sie zur Vergrößerung des intramuralen Hämatoms und damit zum Progress der SCAD und Myokardischämie führen kann.
HERZMEDIZIN: Welche zentralen Erkenntnisse erhofft man sich im Hinblick auf Diagnostik und Therapie?
Magnussen: Fokus der Studie ist es zu überprüfen, welche therapeutische Strategie nach der SCAD besser ist, den zusammengesetzten Endpunkt aus erneuter Myokardischämie, rekurrierender SCAD, Myokardinfarkt, Notwendigkeit der Revaskularisation und Tod zu verhindern. Dazu vergleicht die Studie zwei verschiedene Strategien der Thrombozytenaggregationshemmung (antiplatelet therapy, APT) nach dem Indexereignis. Es erfolgt eine 1:1-Randomisierung entweder zu einer moderaten Strategie mit ASS-Monotherapie über 3 Monate und anschließendem Absetzen der antithrombozytären Therapie oder zu einer intensiven Strategie bestehend aus einer dualen Thrombozytenaggregationshemmung (DAPT) mit ASS und Clopidogrel über 3 Monate, gefolgt von einer 9-monatigen Clopidogrel-Monotherapie. Getestet wird die Überlegenheit der moderaten APT-Strategie bzgl. des kombinierten MACE-Endpunkts bei allen Patientinnen, bei denen die SCAD konservativ, also ohne Koronarintervention oder Bypass-Operation, therapiert werden kann.
HERZMEDIZIN: Wer wirkt international bei der Studie mit und welche Vorteile bringt ein globales Forschungsnetzwerk bei seltenen Herzerkrankungen?
Magnussen: Die SCAD-ALIGN Studie ist die größte, rein akademisch geförderte globale Studie, die von fast allen Teilnehmenden im Netzwerk des Global Cardiovascular Research Funders Forum (GCRFF) gefördert wird und deren Förderung sich zahlreiche akademische Förderinstitutionen angeschlossen haben. Vorteile des GCRFF sind u. a. ein simultaner Studienstart mit entsprechend schneller Rekrutierung der für eine verlässliche Endaussage benötigten Fallzahl.
HERZMEDIZIN: Kann die SCAD-ALIGN-Studie aus Ihrer Sicht auch ein Modell dafür sein, wie geschlechtersensible Herzmedizin künftig stärker strukturiert und gefördert werden sollte?
Magnussen: Die SCAD-ALIGN Studie ist ein sehr aufwändiges Vorhaben, das hoffentlich Maßstäbe setzt, aber nicht der Maßstab für geschlechtersensible Forschung sein kann. Geschlechtersensible Forschung ist auch im kleineren Rahmen möglich und muss sicherlich im Sinne der viel zitierten Präzisionsmedizin noch deutlich stärker in den Vordergrund rücken.
HERZMEDIZIN: Was müsste sich in Forschung, Leitlinien und Versorgung in den nächsten Jahren insgesamt konkret verändern, damit Frauen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen früher erkannt und gezielter behandelt werden?
Magnussen: Wir brauchen einen systematischen Wandel auf mehreren Ebenen: In Studien müssen Frauen konsequenter eingeschlossen und Ergebnisse geschlechtsspezifisch ausgewertet werden. In Leitlinien sollten frauenspezifische Risikofaktoren verbindlicher in Risikobewertung, Prävention und Diagnostik integriert werden. Und in der Versorgung braucht es mehr Bewusstsein, eine strukturierte Anamnese und eine niedrigere Schwelle für die kardiologische Abklärung bei Frauen mit möglichen kardialen Beschwerden.
Ziel muss es sein, Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen nicht nur mitzudenken, sondern früher, präziser und individueller zu erkennen und zu behandeln. Wichtig ist es auch, dass wir Awareness schaffen, im medizinischen Bereich, aber auch bei den Frauen selbst, die eben oft auch selbst ihre Symptome nicht einer möglichen Herzerkrankung zuordnen und dann viel zu spät ärztlich vorstellig werden.
HERZMEDIZIN: Zum Abschluss: Was ist Ihnen in Bezug auf die Studie persönlich besonders wichtig?
Magnussen: SCAD-ALIGN ist die erste globale akademisch durchgeführte Studie, die völlig ohne Industrie-Funding geplant ist. Sie zeigt damit, was möglich ist, wenn wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Antworten suchen, die für die Industrie irrelevant sind und daher nicht gefördert werden – auch nicht, wenn es um die häufigste Ursache von Herzinfarkten bei jungen Frauen geht.
„Die SCAD-ALIGN-Studie zeigt, was möglich ist, wenn wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Antworten suchen, die für die Industrie irrelevant sind.“
Prof. Christina Magnussen
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