Chancengerechtigkeit stellt ein zentrales Anliegen der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie dar. Um dieses Thema gezielt weiter gestalten zu können, waren wir an einer breiten Meinungsbildung zu diesem Thema interessiert. Auf Initiative des DGK-Vorstands und unterstützt von BNK und ALKK wurden unter Federführung der Sektion 5 „Chancengerechtigkeit in der Kardiologie“ Aspekte und Fragen zu den oben genannten Themenfeldern definiert. Professionelle Unterstützung erhielt das Projekt vom Institute for International Management and Diversity Management von Prof. Gudrun Sander, St. Gallen, Schweiz.
Vier Wochen lang stand die Mitgliederbefragung online. Insgesamt nahmen 1.536 Personen daran teil. Ein großer Erfolg, besonders in Anbetracht der verhältnismäßig hohen Teilnahmerate – 12 % der DGK-Mitglieder haben mitgemacht – der paritätischen Geschlechterverteilung (48 % der Teilnehmenden waren Frauen) und der Repräsentanz aller Berufsgruppen und Karrierestufen. Dies unterstreicht die Aktualität und große Bedeutung des Themas für die Fachgesellschaft.
Erste Kernergebnisse wurden im Rahmen der Jahrestagung in Mannheim präsentiert. Hierzu gehören:
- Karrieremöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte in der Kardiologie in Deutschland werden von Männern und Frauen vergleichbar wahrgenommen.
- Männer und Frauen zeigen ein ähnliches Maß an proaktivem Karrieremanagement. Die Frage „Inwiefern haben Sie sich in den vergangenen 6 Monaten aktiv um die Gestaltung Ihrer beruflichen Zukunft bemüht?“ wurde zum Beispiel von 56 % der Männer und von 65 % der Frauen mit „ziemlich viel“ oder „sehr viel“ beantwortet (statistisch nicht signifikant unterschiedlich).
- Mit ihrem bisherigen Karriereerfolg waren die teilnehmenden Frauen signifikant weniger zufrieden als die teilnehmenden Männer (Abb. 1).
- Negativ assoziierte Determinanten des (wahrgenommenen) Karriereerfolgs sind weibliches Geschlecht sowie ein Studium außerhalb von Europa.
Sowohl in der Klinik wie auch in der Niederlassung nahm das Jahreseinkommen mit aufsteigender Karrierestufe zu, wobei Frauen deutlich seltener die einkommensstarken Karrierestufen erreicht hatten als Männer.
Abb. 1 Umfrageergebnisse auf zwei Fragen der Mitgliederbefragung zur „Karriere, Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit“ in der Kardiologie, Antworten getrennt nach Männer und Frauen. © Cardio News
Was könnten nun Gründe für diese geschlechts-assoziierten Unterschiede sein? Eine erste pauschale Aussage lautet oft „Frauen wollen nicht“. Diese Annahme konnte in der Mitgliederbefragung deutlich widerlegt werden: Die Frage „Ich strebe eine Führungsposition an“ wurde von 64 % der Männer und von 66 % der Frauen mit „Ja“ beantwortet (Abb.1).
Nach ihrer klinischen Expertise befragt, gaben signifikant weniger Frauen Schlüsselqualifikationen wie Koronardiagnostik- und Therapie (35 % vs. 56 %) oder interventionelle Aortenklappen- (6 % vs. 18 %) und AV-Klappentherapie (8 % vs. 15 %) an, als ihre männlichen Kollegen. Ein zentrales Ergebnis der Erhebung war, dass 56 % der Männer und nur 26 % der Frauen interventionell ausgebildet sind, um hauptverantwortlich am Herzkatheter-Rufdienst teilnehmen zu können. Dieser Meilenstein ist insbesondere für weitere Karriereschritte von Bedeutung. Der Grund hingegen, „kein Interesse an interventioneller Kardiologie“ zu besitzen, fand sich bei Männern (22 %) und Frauen (24 %) jedoch gleichermaßen. Auf die Frage, welche Expertise gerne erworben worden wäre, stand bei Frauen die Koronardiagnostik und -therapie auf Platz 1.
Insgesamt lässt sich konstatieren: die Frauen wollen eine leistungsorientierte berufliche Karriere anstreben!
Deutliche Unterschiede zeigten sich jedoch hinsichtlich der Unterbrechung der beruflichen Laufbahn: 23 % der Männer und 32 % der Frauen gaben an, ihre Laufbahn schon mal pausiert zu haben. Die jeweilige Dauer dieser Phase unterschied sich mit 2,0 versus 11,3 Monaten jedoch deutlich zwischen Männern und Frauen. Diskriminierung im beruflichen Umfeld berichteten 51 % der Teilnehmenden. Determinanten der erfahrenen Diskriminierung waren weibliches Geschlecht, Elternschaft, Unterbrechung der beruflichen Laufbahn und ein Studium außerhalb Europas. Auch sexuelle Belästigung spielt eine Rolle; so berichteten 7 % der Männer und 36 % der Frauen, in ihrer beruflichen Laufbahn bereits sexuell belästigt worden zu sein.
Diese Erhebung zeichnet ein detailliertes Bild der aktuellen Situation in der Kardiologie in Deutschland und identifiziert Ansatzpunkte zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit: Transparenz bei Karriereschritten, strukturierte Programme zum Erwerb interventioneller Fähigkeiten, zum Arbeiten in Teilzeit und gegebenenfalls auch zum (Wieder-) Einstieg nach einer familienbedingten Pause. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die aktive Integration von Personen, die außerhalb von Europa studiert haben, um den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt und das deutsche Gesundheitswesen zu erleichtern.
Diese Ergebnisse bilden die Grundlage weiterführender Maßnahmen. Fokusgruppen werden unter Einbeziehung der Sektion 5, betroffenen DGK-Arbeitsgruppen, BNK, ALKK, Young DGK und Akademie spezifische Aspekte analysieren und Konzepte zur Optimierung der Chancengerechtigkeit erarbeiten. Diese Anstrengungen tragen nicht zuletzt zu einem Erhalt der Attraktivität des Faches Kardiologie in Deutschland bei.
Wir bedanken uns für die Beteiligung und die Zeit, die die Mitglieder für diese Umfrage investiert haben.