quick-dive-tauchgang-shutterstock-343349687-32zu9-1920x540 quick-dive-tauchgang-shutterstock-343349687-32zu9-1920x540

Quick Dive: Umstellung antithrombozytärer Therapien

In unserer Reihe "Quick Dive" stellen die Autorinnen und Autoren von Publikationen medizinischer Fachgesellschaften prägnant die wichtigsten Hintergründe und Inhalte der jeweiligen Veröffentlichung vor. Dieses Mal wird eingetaucht in:

DGK-Empfehlung zur Umstellung antithrombozytärer Therapien: Interaktionen und praktische Durchführung

Empfehlung aus der Kommission für Klinische Praxis und Leitlinien der DGK

03.07.2026 | Verfasst von: Diona Gjermeni, Tobias Geisler, Karin Anne L. Müller, Dietmar Trenk, Tobias Petzold, Julinda Mehilli, Bernhard H.Rauch, Tanja Katharina Rudolph, Sven Waßmann, Willibald Hochholzer, Christoph B. Olivier

Von:

Melissa Wilke

DGK-Redaktion

 

14.08.2026

Bildquelle (Bild oben): vovan / Shutterstock.com

5 Fragen an die Erstautorin

Dr. Diona Gjermeni, Universitäts-Herzzentrum Freiburg

Was sind Anlass und Ziel der Publikation?

 

Die antithrombotische Therapie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Gleichzeitig sehen wir im klinischen Alltag immer häufiger Situationen, in denen eine Anpassung der antithrombotischen Therapie erforderlich wird – beispielsweise aufgrund von Blutungskomplikationen, erhöhtem ischämischem Risiko, unerwünschten Arzneimittelwirkungen oder geplanten operativen Eingriffen.

Ziel des Positionspapiers ist es, eine praxisnahe und evidenzbasierte Orientierung für die sichere Umstellung antithrombotischer Therapien zu bieten und dabei pharmakologische Grundlagen sowie klinische Handlungsszenarien kompakt zusammenzufassen.

 

Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?

 

  1. Jede Umstellung sollte individuell erfolgen.
    Die antithrombotische Therapie sollte stets patientenspezifisch angepasst werden. Alter, Nierenfunktion, Begleiterkrankungen, Blutungs- und Ischämierisiko sowie Begleitmedikation müssen in jeder Therapieentscheidung berücksichtigt werden.
  2. Kenntnisse der Pharmakokinetik und Pharmakodynamik sind essenziell.
    Unterschiedliche Wirkmechanismen sowie Wirkeintritt und -dauer der einzelnen Antithrombotika bestimmen den optimalen Zeitpunkt und die sichere Durchführung einer Therapieumstellung.
  3. Eine strukturierte Vorgehensweise erhöht die Patientensicherheit.
    Klare Handlungsempfehlungen tragen dazu bei, Über- oder Untertherapie zu vermeiden und das Risiko thromboembolischer Ereignisse sowie Blutungskomplikationen während der Umstellung zu reduzieren.

 

Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?


Eine der zentralen Herausforderungen besteht darin, dass klinische Entscheidungssituationen im Kontext der De- und Eskalation antithrombotischer Therapien häufig komplex sind und sich nicht vollständig durch randomisierte Studien abbilden lassen. Oft müssen multiple Faktoren gleichzeitig berücksichtigt werden, darunter Blutungs- und ischämisches Risiko, Dringlichkeit eines Eingriffs sowie Begleiterkrankungen. Hinzu kommt die Vielzahl verfügbarer antithrombotischer Substanzen mit unterschiedlichen pharmakologischen Eigenschaften, Wirkprofilen und Zulassungsindikationen, die eine differenzierte Therapieentscheidung erfordern. Die vorliegende Empfehlung wurde von der Arbeitsgruppe Kardiovaskuläre Hämostase und antithrombotische Therapie (AG19) der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Klinische Pharmakologie (AG22) sowie der Arbeitsgruppe Interventionelle Kardiologie (AG6–AGIK) erarbeitet. Sie soll eine praxisnahe, strukturierte Entscheidungshilfe bieten und evidenzbasierte Empfehlungen für typische klinische Szenarien der De- und Eskalation antithrombotischer Therapien zusammenfassen. Ungeachtet dessen bleibt die individuelle ärztliche Beurteilung des einzelnen Patienten unverzichtbar.

 

Welche Punkte sind offengeblieben?


Trotz der bestehenden Evidenz bleiben zentrale Aspekte der De- und Eskalation antithrombotischer Therapien weiterhin ungeklärt. Dies betrifft insbesondere den Langzeitnutzen und die Sicherheit der Dual-Pathway-Inhibition in breiten und heterogenen Patientenkollektiven sowie die differenzierte Identifikation von Subgruppen mit klarem Netto-Nutzen. Ebenso ist der Stellenwert genotyp- und phänotypbasierter Strategien zur Steuerung von P2Y12-Inhibitoren in der klinischen Routine noch nicht abschließend definiert.

 

Weitere Unsicherheiten bestehen hinsichtlich des optimalen Timings und der Dauer von De- und Eskalationsstrategien nach ACS und PCI, der Evidenz ultrakurzer DAPT-Regime im Real-World-Setting sowie der Rolle von Triple-Therapie- und DOAC-basierten Konzepten in spezifischen Risikokonstellationen. Auch die Indikationsstellung für Bridging-Strategien mit intravenösen P2Y12-Inhibitoren ist weiterhin nicht durch robuste randomisierte Evidenz gesichert. Die praktische Implementierung von Risikoscores bleibt zudem heterogen.

 

Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?


Die antithrombotische Therapie entwickelt sich zunehmend in Richtung einer präzisionsmedizinischen, risikoadaptierten Behandlungsstrategie. Künftig werden klinische Charakteristika, Biomarker und genetische Informationen voraussichtlich eine stärker individualisierte Steuerung von De- und Eskalationsentscheidungen ermöglichen. Parallel ist mit einer Erweiterung der Evidenzbasis durch prospektive Studien insbesondere in bislang unzureichend untersuchten und komplexen Patientenkollektiven zu rechnen. Zudem ist die Entwicklung neuer antithrombotischer Substanzen zu erwarten. Besonders im Fokus steht hierbei die weitere klinische Evaluation und potenzielle Zulassung von Faktor-XI-Inhibitoren, die perspektivisch neue Therapieoptionen mit möglicherweise verbessertem Sicherheitsprofil eröffnen könnten. Digitale Entscheidungsunterstützungssysteme und strukturierte Algorithmen könnten perspektivisch die leitliniengerechte Umsetzung im klinischen Alltag erleichtern und gleichzeitig eine standardisierte, aber individualisierte Therapieentscheidung fördern.

Zur Person

Dr. Diona Gjermeni

Dr. med. Diona Gjermeni ist Fachärztin für Innere Medizin und Fachärztin für Kardiologie. Ihre wissenschaftliche Tätigkeit konzentriert sich auf klinische Studien und Precision Cardiovascular Medicine mit dem Ziel, evidenzbasierte und patientenindividuelle Therapiestrategien in der kardiovaskulären Medizin weiterzuentwickeln und im klinischen Alltag umzusetzen.

Dr. Donia Gjermini

Weiter zur vorgestellten Publikation:

Empfehlung Umstellung antithrombozytärer Therapien: Interaktionen und praktische Durchführung

Literaturnachweis:

Gjermeni, D., Geisler, T., Müller, K.A.L. et al.

Umstellung antithrombozytärer Therapien: Interaktionen und praktische Durchführung – DGK-Empfehlung.

Kardiologie 20, 377–389 (2026).

https://doi.org/10.1007/s12181-026-00821-8.

Kurzinfo: Die Formate der DGK-Publikationen

Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Stütze im klinischen Alltag, um ihre Patientinnen und Patienten nach neuestem Stand der Wissenschaft bestmöglich zu behandeln. Dabei dienen die Leitlinien als verlässliche Handlungsempfehlungen in spezifischen Situationen.

Pocket-Leitlinien sind Leitlinien in kompakter, praxisorientierter Form. Bei Übersetzungen von Pocket-Leitlinien der ESC werden alle Empfehlungsklassen und Evidenzgrade der Langfassung übernommen.

Master Pocket-Leitlinien stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Leitlinienempfehlungen in Form von grafischen Diagnose- und Therapiealgorithmen dar. Als Quelle der Empfehlungen dienen dabei vorwiegend die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstellten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) sowie deren deutsche Übersetzung durch die DGK.

Kommentare beinhalten Hinweise, wie sich die neuen von den alten Leitlinien unterscheiden, Hinweise auf wesentliche Neuerungen, die seit dem Erscheinen der ESC-Leitlinien bekannt geworden sind, Diskussion kontroverser Empfehlungen in den ESC-Leitlinien sowie Möglichkeiten und Grenzen der Leitlinienumsetzung im Bereich des deutschen Gesundheitswesens.

Ein Positionspapier behandelt eine Fragestellung von großem allgemeinen Interesse, für die keine aktuelle Leitlinie vorliegt.

Bei einem Konsensuspapier handelt es sich um ein von mehreren Fachgesellschaften getragenes Statement.

Diese Veröffentlichungen enthalten Empfehlungen einer DGK-Arbeitsgruppe zu einer speziellen Frage von großem Interesse.

Stellungnahmen der DGK beziehen sich auf gesundheitspolitische Fragestellungen und erfolgen durch den Vorstand, gemeinsam mit Kommissionen und Projektgruppen. Sofern möglich und sinnvoll, werden auch Fachgesellschaft-übergreifende Stellungnahmen ausgearbeitet.

Ein Manual ist eine praktisch orientierte Expertenempfehlung für wesentliche kardiovaskuläre Prozeduren.

Das könnte Sie auch interessieren

Welche Strategie würden Sie wählen? Ein spannender Fall von PD Dr. A. Brand: „PCI am ‚geschützten‘ Hauptstamm – ganz easy?“. Dauer: 9 Minuten.

Aktuelle Studien, u. a. zu verkürzter DAPT, Polypille bei HFrEF, LV-Erholung unter LVAD, milde HCM, Blutdrucksenkung, PMOS sowie Mikroplastik.

EAPCI/EBC clinical consensus statement on intracoronary imaging (ICI) for left main percutaneous coronary intervention. Presented by Dr T. Johnson.