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Quick Dive: Psychische Gesundheit und kardiovaskuläre Erkrankungen

In unserer Reihe "Quick Dive" stellen die Autorinnen und Autoren von Publikationen medizinischer Fachgesellschaften prägnant die wichtigsten Hintergründe und Inhalte der jeweiligen Veröffentlichung vor. Dieses Mal wird eingetaucht in:

Psychische Gesundheit und kardiovaskuläre Erkrankungen

DGK-Kommentar zur Konsensus-Erklärung der ESC aus der Kommission für Klinische Praxis und Leitlinien der DGK

11.08.2026 | Verfasst von: Karl-Heinz Ladwig · Hilka Gunold · Christoph Herrmann-Lingen · Volker Köllner · Boris Leithäuser · Julia Lurz · Peter Ong · Monika Sadlonova · Eric Schulze-Bahr · Bernhard Schwaab · Ingrid Kindermann

Von:

Melissa Wilke

DGK-Redaktion

 

18.08.2026

Bildquelle (Bild oben): vovan / Shutterstock.com

5 Fragen an den Erstautor

Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, TUM Klinikum Rechts der Isar

Was sind Anlass und Ziel der Publikation?

 

Mit dem hier vorgelegten Konsensus-Statement zur seelischen Gesundheit unterstreicht die europäische Herzgesellschaft (ESC), dass in der klinischen Herz-Kreislauf-Medizin in Europa bislang zu wenig Aufmerksamkeit auf die seelische Gesundheit gelegt worden ist. Aus diesem Grund wird ein integrierter Ansatz gefordert, bei dem die Herz- und Gefäßmedizin mit psychischer Gesundheitsversorgung verknüpft wird statt sie getrennt zu betrachten.


Im Einzelnen wird ein unzureichendes Bewusstsein hinsichtlich der Prävalenz, Inzidenz und Auswirkungen psychosozialer Risiken und psychischer Erkrankungen auf das erhöhte Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKK) zu erkranken, kritisiert. Ebenso ein begrenztes Verständnis über die Auswirkung dieser Faktoren auf die Lebensqualität (QoL), die Therapietreue und die Prognose im Krankheitsverlauf bei HKK-Patientinnen und Patienten.


Dieses Manko macht sich besonders bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen (v.a. Schizophrenie und bipolarer Störungen) bemerkbar, die eine Lebenserwartung von etwa 8 bis 12 Jahre weniger als Menschen ohne solche Erkrankungen aufweisen; deren Gesamtsterblichkeit mehr als 2,5-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung ist und bei denen die HKK bei der ursachenspezifischen Mortalität die vermutlich wichtigste Rolle spielt. 

 

Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?

 

  1. Anerkennung der Bedeutung des Zusammenspiels zwischen psychischer und kardiovaskulärer Gesundheit und Einbeziehung in die kardiologische Regelversorgung.
  2. Forderung nach einem obligaten psychosozialen Screening im Erstkontakt und später in regelmäßigen Abständen.
  3. Betreuende Angehörige sollten in die Versorgung mit einbezogen werden.
  4. Die Einrichtung eines Psycho-Kardio-Teams als Bestandteil der kardiologischen Regelversorgung, um die weitere Diagnostik und Therapie bei positivem Screening zu organisieren.
  5. Besondere Anstrengungen in Prävention und Therapie von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wegen der gegenwärtig drastisch reduzierten Lebenserwartung dieser Patienten.

 

Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?

 

Grundsätzliches Verständnis dafür wecken, dass die Erweiterung kardiologischen Handelns um die Dimension des Seelischen nicht eine beliebige Zusatzleistung („nice to have“) ist, auf die man im Zweifel verzichten könnte, sondern wegen ihrer evidenzbasierten Auswirkungen auf das Selbstmanagement, die Therapietreue und Krankheitsverhalten der HKK-Patientinnen und Patienten genuiner Bestandteil der klinischen Kardiologie werden muss, um eine patientenzentrierte Versorgung von Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu fördern und so die Langzeitprognose zu verbessern.

 

Gegenwärtiges Fehlen systematischer und angemessener Screening-Maßnahmen, Bewertungen, Kommunikation und Management der psychischen Gesundheit, die (noch) nicht in die routinemäßige klinische kardiovaskuläre Praxis integriert sind.


Unzureichende Anerkennung der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft und im Gesundheitswesen sowie deren Folgen für Menschen, die mit psychischen Erkrankungen leben, ihren Familien und Pflegekräften.

 

Welche Punkte sind offengeblieben?

 

Geringes Wissen und laufende Forschung darüber, wie die kardiovaskuläre Gesundheit verbessert und HKK bei Menschen mit psychosozialen Stressbelastungen und psychischen Erkrankungen verhindert werden können.

 

Begrenzte Evidenz und laufende Forschung zu den besten Methoden zur Kommunikation, Förderung, Erhaltung und Verbesserung der psychischen Gesundheit und Resilienz bei HKK Patienten und ihren Familienangehörigen.

 

Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?

 

Um eine Verstetigung dieser Entwicklung zu erreichen, ist nicht nur Kreativität und Eigeninitiative bei der Umsetzung in konkrete Handlungsschritte vor Ort gefragt, sondern auch eine gezielte Kompetenzentwicklung („Empowerment“) von Kardiologinnen und Kardiologen für psychosoziale Aspekte der Herzgesundheit durch entsprechende Fortbildungen und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

 

Hier zeichnen sich im Rahmen des entsprechenden DGK-Akademiekurses neue Entwicklungen in Richtung einer Weiterentwicklung zu einem Sachkunde-Kurs ab, aber auch eine wachsende Bereitschaft bei Jahrestagungen und regionalen Fortbildungs-Veranstaltungen, regelhaft psychosoziale Themen als feste Programmpunkte zu berücksichtigen.

Weiter zur vorgestellten Publikation:

Psychische Gesundheit und kardiovaskuläre Erkrankungen – DGK-Kommentar zur Konsensus-Erklärung der ESC (2025)

Ladwig, KH., Gunold, H., Herrmann-Lingen, C. et al.

Psychische Gesundheit und kardiovaskuläre Erkrankungen –

DGK-Kommentar zur Konsensus-Erklärung der ESC (2025).

Kardiologie (2026) https://doi.org/10.1007/s12181-026-00839-y

 

Zur Person

Prof. Karl-Heinz Ladwig

Karl-Heinz Ladwig ist Professor und Senior Researcher an der TUM mit Schwerpunkt auf Stress, psychischen Faktoren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Seine Forschung befasst sich unter anderem mit Depression nach Herzinfarkt, Vorhofflimmern, PTBS und psychosozialen Risikofaktoren. Für seine Beiträge zur Psychokardiologie wurde er mehrfach ausgezeichnet und ist international in Fachgremien aktiv.

Portrait Karl-Heinz Ladwig

Kurzinfo: Die Formate der DGK-Publikationen

Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Stütze im klinischen Alltag, um ihre Patientinnen und Patienten nach neuestem Stand der Wissenschaft bestmöglich zu behandeln. Dabei dienen die Leitlinien als verlässliche Handlungsempfehlungen in spezifischen Situationen.

Pocket-Leitlinien sind Leitlinien in kompakter, praxisorientierter Form. Bei Übersetzungen von Pocket-Leitlinien der ESC werden alle Empfehlungsklassen und Evidenzgrade der Langfassung übernommen.

Master Pocket-Leitlinien stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Leitlinienempfehlungen in Form von grafischen Diagnose- und Therapiealgorithmen dar. Als Quelle der Empfehlungen dienen dabei vorwiegend die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstellten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) sowie deren deutsche Übersetzung durch die DGK.

Kommentare beinhalten Hinweise, wie sich die neuen von den alten Leitlinien unterscheiden, Hinweise auf wesentliche Neuerungen, die seit dem Erscheinen der ESC-Leitlinien bekannt geworden sind, Diskussion kontroverser Empfehlungen in den ESC-Leitlinien sowie Möglichkeiten und Grenzen der Leitlinienumsetzung im Bereich des deutschen Gesundheitswesens.

Ein Positionspapier behandelt eine Fragestellung von großem allgemeinen Interesse, für die keine aktuelle Leitlinie vorliegt.

Bei einem Konsensuspapier handelt es sich um ein von mehreren Fachgesellschaften getragenes Statement.

Diese Veröffentlichungen enthalten Empfehlungen einer DGK-Arbeitsgruppe zu einer speziellen Frage von großem Interesse.

Stellungnahmen der DGK beziehen sich auf gesundheitspolitische Fragestellungen und erfolgen durch den Vorstand, gemeinsam mit Kommissionen und Projektgruppen. Sofern möglich und sinnvoll, werden auch Fachgesellschaft-übergreifende Stellungnahmen ausgearbeitet.

Ein Manual ist eine praktisch orientierte Expertenempfehlung für wesentliche kardiovaskuläre Prozeduren.

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