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Die Tagungspräsidentinnen und DGK-Pressesprecher Prof. Michael Böhm auf der Pressekonferenz der DGK Herztage 2026.
Vorhofflimmern-Therapie im Wandel des Gesundheitssystems
Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Vorhofflimmern, bei den über 65-Jährigen sind mehr als 8 % betroffen. Um Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Demenz vorzubeugen, ist eine rechtzeitige Rhythmuskontrolle wichtig. Dabei hat sich die Katheterablation bei paroxysmalem und persistierendem Vorhofflimmern als effektiver im Vergleich zur medikamentöse Therapie erwiesen, so PD Dr. Anja Schade, Tagungspräsidentin der Deutschen Rhythmustage 2026. Rund 100.000 Vorhofflimmerablationen werden jährlich in Deutschland durchgeführt. Mit der Pulsed Field Ablation (PFA) steht inzwischen eine nicht-thermische Energieform zur Verfügung, die Herzmuskelgewebe selektiver behandelt und benachbarte Strukturen wie Ösophagus und Zwerchfellnerv schont. Zugleich ermöglichen moderne PFA-Systeme kürzere Prozeduren, was auch eine ambulante Durchführung begünstigt.
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Seit dem 1. Januar 2026 wird die Vorhofflimmerablation sektorengleich vergütet, mit identischer Honorierung für die ambulante oder die stationäre Erbringung mit bis zu 2 Übernachtungen. Voraussetzung für eine sichere Entlassung am Eingriffstag ist jedoch eine sorgfältige Patientenselektion. Komorbiditäten, die soziale Situation und eine gesicherte Nachbetreuung sind zu berücksichtigen. Beobachtungsdaten sprechen dafür, dass die Same Day Discharge (SDD) bei geeigneten Patientinnen und Patienten sicher möglich ist: In einer Untersuchung mit 5.414 Behandelten kam es bei 2 % zu schweren Komplikationen, wobei nur bei 0,2 % später als 6 Stunden nach dem Eingriff. Eine Metaanalyse mit über 150.000 Patientinnen und Patienten zeigte eine vergleichbare Sicherheit gegenüber der stationären Übernachtung.
Laut einer AGEP-Umfrage im März planten 79 % der Kliniken für das laufende Jahr SDD-Prozeduren und 64 % gaben an, diese bereits umzusetzen. Etwa 15 % der Patientinnen und Patienten sollten noch am Eingriffstag entlassen werden, 70 % nach einer Übernachtung und weitere 15 % später. In den USA ist man schon weiter: Hier stieg die Ambulantisierungsrate bei der Vorhofflimmerablation von 6 % in 2016 auf 60 % in 2023.
Schade sieht durch die Ambulantisierung Vorteile wie mehr Bettkapazitäten für schwere Fälle, mögliche Kostenersparnisse und mehr Komfort für geeignete Patientinnen und Patienten, aber auch Nachteile durch erhebliche Umstellungsprozesse in den Kliniken (SDD-Koordination, Patientenselektion, Aufklärungs- und Entlassungsprozesse) oder auch Patientenängste bei etwa der Hälfte der Betroffenen, die durch eine große Entfernung zu Klinik und Notfallambulanz verstärkt werden könnten. „Patientenängste werden sich reduzieren, wenn man merkt, es ist der Standard“, zeigte sich die Tagungspräsidentin aber zuversichtlich.
Bisher gibt es keine gesetzliche vorgeschriebene Qualitätssicherung, eine vergleichbare Qualitätssicherung für ambulante wie für stationäre Leistungserbringende sowie eine Evaluation der Auswirkungen der Ambulantisierung sei aber wichtig. Mit Einführung der Leistungsgruppen im Rahmen der Gesundheitsreform werden Mindeststandards eingeführt, allerdings keine Prüfung der Ergebnisqualität, und Mindestvorhaltezahlen sind noch zu entwickeln. Die freiwillige DGK-Zertifizierung als Vorhofflimmerzentrum erfordert unter anderem definierte personelle und strukturelle Voraussetzungen sowie mindestens 150 Ablationen pro Jahr, was durch Studiendaten gestützt ist, die eine erhöhte Komplikationsrate bei weniger Eingriffen zeigen. Schade verweist auf Simulationen, laut denen nur wenige Patientinnen und Patienten in andere Kliniken wechseln müssten, wenn kleine Zentren durch sinnvoll festgelegte Mindestvorhaltezahlen wegfallen, während die Behandlungsqualität steigen würde, ohne die wohnortnahe Versorgung wesentlich zu verschlechtern.
Frauenherzen im Herzkatheterlabor
Frauen sterben nach einem Myokardinfarkt häufiger als Männer. Die Intra-Hospital-Mortalität nach ST-Hebungsinfarkt (STEMI) betrug im Jahr 2024 14,4 % bei Frauen gegenüber 10,1 % bei Männern, wie der aktuelle Deutsche Herzbericht zeigt. Das habe multifaktorielle Ursachen, erläuterte Prof. Tanja Rudolph, Tagungspräsidentin AGIK Live. Ein Grund liegt in der Symptomatik. Zwar ist bei beiden Geschlechtern Brustschmerz das Hauptsymptom, allerdings zeige sich bei Frauen häufiger ein „Blumenstrauß“ an weiteren Beschwerden wie Übelkeit oder Rückenschmerzen. Dies kann zu einer verzögerten Hospitalisierung führen. Zudem erhalten Frauen seltener eine leitlinienorientierte Revaskularisation und werden in der Sekundärprävention seltener optimal medikamentös behandelt. Die Gründe dafür sind bisher nicht ausreichend geklärt, was auch an fehlenden Registern liegt.
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Auch in der Pathophysiologie zeigen sich Unterschiede. So kommt es bei Frauen häufiger zur Plaque-Erosion statt Plaque-Ruptur. Die Rate an akuter Herzinsuffizienz und kardiogenem Schock ist höher und es kommt häufiger zu periprozeduralen Komplikationen wie Blutungen und Spasmen. Eine besondere Rolle spielt zudem der Myokardinfarkt ohne obstruktive Koronararterien (MINOCA), der bei Frauen etwa 3-mal häufiger auftritt. Ursachen können unter anderem eine spontane Koronardissektion oder Störungen der Mikrozirkulation sein. Die klassische Koronarangiografie reicht hier zur Diagnostik nicht aus. Stattdessen braucht es einen multimodalen Ansatz beispielsweise mit intravaskulärer Bildgebung, Mikrozirkulationsmessung, Echokardiographie oder MRT, was in der klinischen Routine noch nicht gänzlich implementiert ist.
Außerdem müsse man bei der Prävention stärker geschlechtsspezifisch denken. Neben klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Hyperlipidämie und Rauchen, die bei gleicher Ausprägung für Frauen ein höheres Risiko bergen, spielen auch nicht-traditionelle Risikofaktoren wie Depression, Autoimmunerkrankungen oder kardioonkologische Belastungen, etwa bei der Brustkrebsbehandlung, bei Frauen eine größere Rolle. Dazu kommen gänzlich frauenspezifische Risikofaktoren, die längerfristig mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden sind, wie das Einsetzen der Menstruationsblutung vor dem 12. Lebensjahr, das polyzystische Ovarialsyndrom, orale Kontrazeptiva wie die Pille, Präeklampsie, Frühgeburt, fötales Minderwachstum oder eine vorzeitige Menopause (deutlich vor dem 51. Lebensjahr).
Insgesamt brauche es sowohl auf Patienten- als auch auf ärztlicher Seite eine größere Awareness zu dem Thema, so Rudolph. Zudem seien geschlechtsspezifische Studien zu fördern, um Wissenslücken zu schließen. Zum Abschluss wechselte die Tagungspräsidentin noch die Perspektive und machte auf den geringen Frauenanteil in der interventionellen Kardiologie aufmerksam: „Die Wahrscheinlichkeit im Herzkatheterlabor von einer Frau behandelt zu werden, liegt bei etwa 1:10.“ Spanien und Italien seien mit rund 20 % Frauenanteil Vorreiter. Gemäß Umfragen stellen besonders die Strahlenbelastung, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Genderstereotypen und fehlende Vorbilder Hürden für Frauen dar. Angesichts von rund 80 % Frauenanteil im Medizinstudium sei es wichtig, die Karriereperspektiven im interventionellen Bereich attraktiver zu gestalten.
KI und Robotik im kardiologischen Alltag
Künstliche Intelligenz und Robotik halten zunehmend Einzug in die Kardiologie. Chatbots, KI-gestützte EKG-Auswertung und Robotersysteme im Herzkatheterlabor führte Prof. Renate Schnabel, Tagungspräsidentin Kardiologie Aktuell, als Beispiele an. Sogenannte Co-Pilots können etwa Befunde und Leitlinien zusammenführen und bei diagnostischen oder therapeutischen Entscheidungen unterstützen. Entscheidend sei jedoch eine transparente und nachvollziehbare Datengrundlage. Der „ESC Chat“, ein auf einem Large Language Model basierendes System, greift beispielsweise ausschließlich auf Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) zu und liefert gezielte Antworten aus den umfangreichen Leitliniendokumenten: „Halluzinationen außerhalb werden rausgelassen.“
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Auch die KI-gestützte EKG-Analyse hat bereits den Weg in die Versorgung gefunden. Algorithmen können aus einem 12-Kanal-EKG zum Beispiel Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern oder eine eingeschränkte kardiale Pumpfunktion ableiten und entsprechende Warnhinweise erzeugen. Die Mayo Clinic ist hier ein Vorreiter. In Verbindung mit Bildgebung, EKG- und weiteren Patientendaten kann man virtuelle Simulationen nutzen, um Interventionen wie Ablationen individuell zu planen. Dabei schreitet die Entwicklung hin zum virtuellen Zwilling voran.
Robotische Systeme werden bereits für Koronarinterventionen und herzchirurgische Eingriffe eingesetzt. Von autonom arbeitenden KI-Robotern ist die Medizin allerdings noch weit entfernt: Bei heutigen Systemen bleiben die Entscheidungsfindung und Steuerung beim Menschen. Die Ärztin oder der Arzt interpretiert Befunde, plant den Eingriff und steuert über eine Konsole den Roboterarm. Künftig könnte jedoch die Kombination von Robotik und KI in vielen Bereichen tiefgreifender und zunehmend eigenständiger unterstützen, etwa bei Eingriffen, im kontinuierlichen Patientenmonitoring, bei der Bildgebung, in der Rehabilitation und bei Routinetätigkeiten wie der Medikamentenausgabe. Potenzial sieht Schnabel zudem in der Prävention. Wearables erfassen bereits kontinuierlich Vitalparameter und können Veränderungen frühzeitig anzeigen. „Der Einsatz nimmt rapide zu“, so die Tagungspräsidentin mit Verweis auf den Smartwatch-Markt: Der weltweite Umsatz hat sich seit 2016 mehr als verdoppelt. Selbstlernende Systeme können auf dieser Datenbasis helfen, individualisierte Empfehlungen zu geben.
Mit den neuen Möglichkeiten wachsen aber auch die Anforderungen an Sicherheit und klinische Validierung. Gerade bei hochpräzisen Interventionen müssen Fehler zuverlässig ausgeschlossen werden. Hinzu kommen Fragen zu Ethik, Verantwortlichkeit, menschlicher Interaktion und regulatorischen Vorgaben. Schnabel sieht KI daher vorerst vor allem als „Team-Mate“: als Unterstützung in hochspezialisierter Medizin, in kontrollierten Settings und unter Aufsicht klinischer Expertinnen und Experten.
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