Was sind Anlass und Ziel der Publikation?
Der vorliegende DGK-Kommentar zum ESC Clinical Consensus Statement „Vaccination as a new form of cardiovascular prevention“ adressiert ein klinisch und präventionsmedizinisch zunehmend relevantes Thema, nämlich die Rolle von Impfungen zur Prävention infektionsassoziierter kardiovaskulärer Komplikationen. Ausgangspunkt ist die wachsende wissenschaftliche Evidenz aus epidemiologischen, mechanistischen und klinischen Studien, dass akute respiratorische Infektionen, insbesondere Influenza, SARS-CoV-2, Pneumokokkenpneumonie und Infektionen durch das respiratorische Synzytial-Virus (RSV) nicht allein als infektiologische Ereignisse zu verstehen sind, sondern bei kardiovaskulär vulnerablen Patientinnen und Patienten akute Dekompensationen und kardiovaskuläre Ereignisse auslösen bzw. verstärken können. Besonders gut belegt ist dieser Zusammenhang für die Influenza-Infektion. In der populationsbasierten Analyse von Kwong et al. war das Risiko für einen akuten Myokardinfarkt in der ersten Woche nach laborbestätigter Influenza- Infektion mehr als sechsfach erhöht. Mechanistisch werden diese Zusammenhänge durch mehrere, miteinander verknüpfte pathophysiologische Prozesse vermittelt: systemische Inflammation und Zytokinaktivierung, Gerinnungsaktivierung mit Endothel- und Mikrozirkulationsstörung, prothrombotische Veränderungen, Plaqueinstabilisierung, myokardiale Entzündung sowie hämodynamische Belastung.
Ziel des DGK-Kommentars ist es, die Kernaussagen des ESC-Konsensuspapiers aus Perspektive der deutschen kardiologischen Gesellschaft in die Versorgungsstruktur einzuordnen und ihre Bedeutung für klinische Praxis, Präventionsstrategien und Leitlinienimplementierung herauszustellen. Impfungen werden dabei nicht als Maßnahmen zur Reduktion infektiologischer Morbidität und Mortalität betrachtet, sondern als ergänzender, evidenzbasierter Baustein der kardiovaskulären Primär- und Sekundärprävention bei definierten Risikogruppen. Diese Perspektive ist insbesondere für Patientinnen und Patienten mit chronischem Koronarsyndrom, koronarer Herzkrankheit, Zustand nach Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, höherem Lebensalter, Immunsuppression, angeborenen Herzfehlern, nach Herztransplantation sowie für weitere vulnerable Kollektive von klinischer Relevanz.
Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?
Die stärkste Evidenz für einen kardiovaskulären Nutzen besteht derzeit für die Influenza-Impfung. Randomisierte Studien und Metaanalysen legen nahe, dass die Influenza-Impfung bei kardiovaskulären Risikopatientinnen und -patienten kardiovaskuläre Ereignisse, Mortalität oder krankheitsbedingte Hospitalisierungen reduzieren kann. In der IAMI-Studie führte die Influenza-Impfung nach Myokardinfarkt oder bei Hochrisikopatienten mit koronarer Herzkrankheit zu einer signifikanten Reduktion des kombinierten Endpunkts aus Gesamtmortalität, Reinfarkt und Stentthrombose. Die IVVE-Studie zeigte bei Herzinsuffizienzpatienten keinen signifikanten Vorteil über den gesamten Beobachtungszeitraum, jedoch saisonale Effekte mit einer Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse und Hospitalisierungen während der Influenza-Saison. Die INVESTED-Studie konnte demgegenüber keinen klinischen Vorteil einer Hochdosis- gegenüber einer Standarddosis-Influenzaimpfung bei Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko nachweisen. Diese heterogene Evidenz unterstreicht, dass der protektive Effekt der Influenza-Impfung plausibel und klinisch relevant ist, die optimale Impfstrategie jedoch weiterhin differenziert untersucht werden muss.
Für weitere Impfstoffe, darunter Pneumokokken-, SARS-CoV-2-, RSV- und Herpes-Zoster-Impfstoffe, nimmt die kardiovaskuläre Relevanz zu, wobei Evidenzgrad, Endpunkte und untersuchte Populationen deutlich variieren. Für RSV-Impfstrategien bei älteren Erwachsenen liegen inzwischen große randomisierte Studien vor, die primär eine Reduktion respiratorischer Hospitalisierungen zeigen. Ob und in welchem Ausmaß daraus eine belastbare Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse resultiert, bleibt weiter zu präzisieren. Für Pneumokokken- und SARS-CoV-2-Impfungen ist der präventive Nutzen vor allem im Kontext schwerer Infektionen und ihrer kardiopulmonalen Folgekomplikationen relevant; die direkte Evidenz für harte kardiovaskuläre Endpunkte ist jedoch je nach Population und Studiendesign heterogen. Für Herpes-Zoster-Impfstoffe besteht eine klare infektiologische und geriatrisch-präventive Relevanz, während die unmittelbare kardiovaskuläre Endpunktevidenz noch begrenzt ist. Vor diesem Hintergrund berücksichtigt das ESC-Konsensuspapier auch bestehende Empfehlungen der ESC sowie der ACC/AHA, die Impfungen gegen Influenza und weitere relevante Infektionserreger bei Patientinnen und Patienten mit chronischer koronarer Herzerkrankung und Herzinsuffizienz als Bestandteil präventiver Versorgung unterstützen.
Ein zentraler Punkt des DGK-Kommentars ist die differenzierte Bewertung von Nutzen und Sicherheit von Impfstoffen. Schwere unerwünschte Impfreaktionen sind insgesamt selten, müssen jedoch im Rahmen einer evidenzbasierten und transparenten Patientenaufklärung berücksichtigt werden. Hierzu zählen insbesondere Myokarditis und Perikarditis nach SARS-CoV-2-Impfung, die vor allem bei jüngeren Männern beschrieben wurden, Anaphylaxie, seltene neurologische Komplikationen sowie die vakzininduzierte immunthrombotische Thrombozytopenie, die insbesondere im Kontext adenoviraler Vektorimpfstoffe relevant war. Insgesamt jahrzehntelang etablierte Proteinimpfstoffe besser verträglich zu sein als moderne mRNA Impfstoffe, diese Beobachtung muss jedoch weiter untersucht werden. Entscheidend ist eine ausgewogene Risikokommunikation. Bei vielen kardiovaskulär vulnerablen Patientengruppen ist das Risiko schwerer kardiovaskulärer Komplikationen nach Infektion höher einzuschätzen als das Risiko seltener, aber schwerer impfassoziierter Nebenwirkungen. Das Konsensuspapier der ESC liefert hierzu klinisch relevante Hinweise zu Diagnostik, Management, Nachsorge und individueller Risikoabwägung.
Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?
Für die deutsche Versorgungspraxis ist besonders bedeutsam, dass Impfentscheidungen nicht losgelöst von nationalen Empfehlungen getroffen werden. Vielmehr müssen die jeweils aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO, RKI - Bekanntmachungen der STIKO - Impfkalender 2026) systematisch mit Alter, Komorbiditäten, kardiovaskulärem Risikoprofil, Immunstatus, Schwangerschaft, beruflicher Exposition, Impf- und Infektionsanamnese sowie Zulassung und Verfügbarkeit einzelner Impfstoffe abgeglichen werden. Impfprävention wird damit zu einer risikoadaptierten klinischen Aufgabe, die kardiologische, hausärztliche, infektiologische und public-health-orientierte Aspekte miteinander verbindet. Der DGK-Kommentar verfolgt daher zwei komplementäre Ziele. Erstens soll die verfügbare Evidenz so eingeordnet werden, dass Impfprävention als klinisch relevante Säule moderner kardiovaskulärer Prävention wahrgenommen und in der Versorgung konsequenter berücksichtigt wird. Zweitens sollen die Limitationen der aktuellen Datenlage und der daraus resultierende Forschungsbedarf klar benannt werden. Erforderlich sind methodisch robuste randomisierte Studien, differenzierte Sicherheitsanalysen, mechanistische Untersuchungen und Implementierungsstudien, die klären, wie Impfquoten bei kardiovaskulären Hochrisikopatientinnen und -patienten nachhaltig gesteigert werden können. Krankenhausbasierte Impfangebote, elektronische Erinnerungssysteme, strukturierte Patientenaufklärung sowie die Integration von Impfstatus und Impfempfehlungen in kardiologische Behandlungspfade könnten hierbei eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig fasst der DGK-Kommentar die wesentlichen Evidenzlücken zusammen.
Welche Punkte sind offengeblieben?
Offen sind insbesondere die optimale Impfstrategie für spezifische kardiovaskuläre Risikogruppen, der beste Impfzeitpunkt, saisonal, ganzjährig, während einer Hospitalisation oder unmittelbar nach einem akuten kardiovaskulären Ereignis, sowie die Rolle von Booster-, Kombinations- und Sequenzierungsstrategien. Ebenfalls nicht abschließend geklärt sind mögliche Unterschiede zwischen Impfstoffplattformen hinsichtlich kardiovaskulärer Endpunkte. Die zugrundeliegenden protektiven Mechanismen bedürfen weiterer Untersuchung. Neben der Vermeidung akuter Infektionen könnten immunmodulatorische Effekte, Veränderungen inflammatorischer Signalwege, trained immunity, Endothelprotektion, reduzierte Plaqueinflammation und Plaquestabilisierung zur kardiovaskulären Protektion beitragen.
Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?
Insgesamt unterstreicht das ESC-Konsensuspapier, dass Impfprävention künftig nicht als randständige Zusatzmaßnahme, sondern als evidenzbasierter, interdisziplinärer und leitlinienbasierter Bestandteil kardiovaskulärer Versorgung verstanden werden sollte. Neben etablierten präventiven Strategien wie Blutdruck-, Lipid- und Glukosekontrolle kann ein adäquater Impfschutz wesentlich dazu beitragen, infektionsassoziierte kardiovaskuläre Ereignisse zu reduzieren und die Prognose vulnerabler Patientengruppen zu verbessern. Damit verschiebt sich Impfprävention von einer opportunistischen Zusatzmaßnahme hin zu einem strukturierten Bestandteil kardiologischer Präventionsmedizin.