Das Wichtigste in Kürze
- Herzkranzarterien bestehen aus mehreren Wandschichten. Bei einer SCAD kommt es entweder zu einem kleinen Einriss der inneren Gefäßwand oder zu einer spontanen Blutung innerhalb der Gefäßwand. Dadurch gelangt Blut zwischen die Wandschichten der Arterie. Diese Blutansammlung drückt das Gefäß dann von innen zusammen, wodurch der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird.
- SCAD verursacht ein Viertel aller Herzinfarkte bei jüngeren Menschen. Frauen sind mit 85 bis 90 Prozent besonders häufig betroffen.
- Viele SCAD-Patientinnen und -Patienten haben keine klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren: Sie rauchen nicht, treiben Sport, ernähren sich gesund und haben weder Diabetes noch Übergewicht.
- Viele Patientinnen und Patienten erholen sich nach SCAD körperlich gut, die Gefäßverletzung heilt häufig vollständig ab. Allerdings entwickeln viele nach dem Ereignis Ängste oder Unsicherheit – insbesondere, weil sie vorher als gesund galten.
Was genau ist eine spontane Koronararteriendissektion (SCAD)?
SCAD steht für „Spontaneous Coronary Artery Dissection“, übersetzt: spontane Dissektion einer Herzkranzarterie. Was bedeutet das? Herzkranzarterien bestehen aus mehreren Wandschichten. Bei einer SCAD kommt es entweder zu einem kleinen Einriss der inneren Gefäßwand oder zu einer spontanen Blutung innerhalb der Gefäßwand. Dadurch gelangt Blut zwischen die Wandschichten der Arterie – es bildet sich eine Art Bluterguss, das sogenannte intramurale Hämatom. Diese Blutansammlung drückt das Gefäß dann von innen zusammen, wodurch der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Im schlimmsten Fall wird das Gefäß komplett verschlossen – dann entsteht ein Herzinfarkt.
„Die Erkrankung ist auch deswegen so relevant, da sie ein Viertel aller Herzinfarkte bei jüngeren Menschen verursacht“, erklärt Prof. Christina Magnussen, stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Kardiologie des Universitären Herz- und Gefäßzentrums am UKE Hamburg. Frauen sind mit 85 bis 90 Prozent besonders häufig betroffen. Insgesamt ist SCAD für etwa 4 Prozent aller akuten Herzinfarkte (bei beiden Geschlechtern) verantwortlich.
Zur Person
Prof. Christina Magnussen
Prof. Christina Magnussen ist stellv. Klinikdirektorin und Leiterin der Interventionellen Koronartherapie am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg.
Warum wird SCAD in der klinischen Praxis häufig zu spät erkannt?
„Frauen haben häufiger unspezifische Symptome wie Luftnot, Übelkeit, Erschöpfung, Rücken-, Kiefer- oder Oberbauchschmerzen“, erklärt die Kardiologin. „Diese werden nicht direkt dem 'klassischen' Herzinfarkt zugeschrieben.“ Dazu kommt: Viele SCAD-Patientinnen und -Patienten haben keine klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren: Sie rauchen nicht, treiben Sport, ernähren sich gesund und haben weder Diabetes noch Bluthochdruck oder Übergewicht. „Viele denken bei einer beispielsweise 35-jährigen Frau ohne kardiovaskuläre Risikofaktoren dann nicht an einen Herzinfarkt“, so Prof. Magnussen.
„Zudem ist die SCAD nicht immer leicht zu diagnostizieren und wird mitunter auch falsch gedeutet – selbst wenn eine Koronarangiographie erfolgt, bei dem die das Herz versorgenden Gefäße mithilfe von Kontrastmittel detailliert im Röntgenbild dargestellt werden.“
Wie wird die SCAD behandelt?
Für das Management der Spontanen Koronararteriendissektion (SCAD) existieren bislang keine spezifischen Leitlinienempfehlungen. Diagnostik und Therapie orientieren sich daher vor allem an den Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) zum 'klassischen' Herzinfarkt.
Ist die Patientin oder der Patient hämodynamisch stabil – das heißt: Das Herz-Kreislauf-System des Patienten funktionieren, Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffversorgung sind ausreichend und bleiben über einen gewissen Zeitraum konstant. Und wird zudem der Herzmuskel weiterhin ausreichend durchblutet – dann lautet die Empfehlung, abzuwarten. Häufig heilt die Gefäßverletzung von selbst. Ansonsten können – wie bei der herkömmlichen Herzinfarkt-Therapie – je nach Situation Stents nötig werden. „Vieles wissen wir bis heute nicht sicher, da die SCAD bislang nicht gut erforscht ist“, sagt Prof. Magnussen.
„Daher müssen wir jedes Mal individuell abwägen: Haben wir den Mut zum zuversichtlichen Abwarten, ob sich die Gefäßinnenhaut wieder an die Gefäßwand anlegt? Brauchen wir eine Gefäßstütze? In der Regel nicht! Eine Bypassoperation? Ebenfalls eher nicht! Konservative Therapie? Häufig ja. Blutverdünnung? Da ist manchmal wahrscheinlich weniger mehr.“
Wie ist die Prognose für Betroffene nach SCAD?
Viele Patientinnen und Patienten erholen sich nach SCAD körperlich gut, die Gefäßverletzung heilt häufig vollständig ab. Trotzdem bleibt SCAD ein einschneidendes Erlebnis. Viele entwickeln nach dem Ereignis Ängste oder Unsicherheit – insbesondere, weil sie vorher als gesund galten. Manche trauen sich zunächst keinen Sport mehr zu und leben ständig in der Angst vor einem erneuten Ereignis.
„Deshalb spielt die kardiologische Rehabilitation eine wichtige Rolle“, so die Kardiologin. „Dort lernen Betroffene unter medizinischer Begleitung, wieder Vertrauen in ihren Körper zu entwickeln.“
Brauchen wir ein grundsätzlich anderes Verständnis von Herzinfarktrisiken bei Frauen?
„Wir brauchen dringend ein anderes Verständnis von Herzinfarkten bei Frauen“, sagt die Kardiologin. „Wir müssen neben Blutdruck, Blutfetten, Diabetes, Rauchen und Übergewicht viel stärker die frauenspezifischen hormonellen, entzündlichen, die Blutgefäße betreffenden und stressassoziierten Faktoren berücksichtigen. Ebenso mögliche Trigger wie emotionale oder physische Stressoren, die Zeit der Schwangerschaft und nach der Geburt oder Bindegewebserkrankungen.“
Trotzdem dürfen wir nicht vergessen: Die typischen Herz-Kreislauf-Risikofaktoren sind weiterhin die Hauptursache für die Mehrzahl aller Herzinfarkte – sie können lediglich nicht alle Mechanismen erklären, insbesondere nicht bei SCAD.
"Die Erkrankung ist auch deswegen so relevant, da sie ein Viertel aller Herzinfarkte bei jüngeren Menschen verursacht.“
Prof. Christina Magnussen
Welche frauenspezifischen Risikofaktoren, werden noch immer unterschätzt?
Mittlerweile gilt es in der Forschung als gut belegt: Die den Blutdruck betreffenden (hypertensiven) Schwangerschaftserkrankungen wie Präeklampsie („Schwangerschaftsvergiftung“) oder HELPP-Syndrom sowie Gestationsdiabetes, Frühgeburt oder wiederholte Fehlgeburten können wichtige Hinweise auf ein später erhöhtes kardiovaskuläres Risiko geben. „Auch frühe Menopause, polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS), Autoimmunerkrankungen, Endometriose sowie hormonelle Umstellungsphasen werden zu selten systematisch berücksichtigt“, sagt Prof. Magnussen. Ihrer Meinung nach wäre es wichtig, auch diese Faktoren stärker in die Anamnese, Prävention und Langzeitbetreuung einzubeziehen, um Frauen besser betreuen zu können.
Warum ist die globale Zusammenarbeit gerade in der geschlechtersensiblen Herzmedizin so entscheidend?
„Gerade für eine Studie, die ein SCAD-Kollektiv untersucht, ist eine globale Zusammenarbeit entscheidend“, erklärt die Forscherin. „SCAD wird zwar immer häufiger diagnostiziert, da wir mehr darüber sprechen und das Bewusstsein für diese Erkrankung steigt – trotzdem ist sie eine eher seltene Ursache für einen Herzinfarkt. Und für verlässliche Endaussagen benötigten wir eine hohe Fallzahl von Betroffenen.“
Umso mehr erhofft sie sich von der aktuell laufenden, internationalen SCAD-ALIGN-Studie, die von ihrer Klinik geführt wird: „Wenn wir uns zusammen mit anderen Ländern auf ein gemeinsames Studienprotokoll einigen, nationale Eitelkeiten zurückstellen und die medizinische Lösung in den Vordergrund rücken, kann das therapeutische Rätsel in wenigen Jahren gelöst werden.“
Was müsste sich verändern, damit Frauen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen früher erkannt und gezielter behandelt werden?
„Wir brauchen mehr geschlechtsspezifische Daten in Studien“, fordert Prof. Magnussen. „Nicht nur mehr eingeschlossene Frauen, sondern auch eine konsequente Auswertung nach Geschlecht und frauenspezifischen Risikofaktoren.“ Außerdem würde sich die Kardiologin wünschen, dass die Leitlinien Schwangerschaftskomplikationen, Menopause, und Autoimmunerkrankungen stärker in Risikobewertung und Diagnostik integrieren würden. „Es braucht in der klinischen Praxis mehr Bewusstsein und ein strukturiertes Abfragen dieser Faktoren und eine niedrigere Schwelle für kardiologische Diagnostik bei Frauen mit möglichen Herzbeschwerden. So könnte aus 'Frauen mitdenken' eine wirkliche präzise und wirksame Prävention und Therapie für Frauen entstehen.“
FAQs – Häufige Fragen zu spontaner Koronararteriendissektion bei Frauen
Viele glauben, dass ein Herzinfarkt vor allem Brustschmerzen verursacht. Doch gerade der weibliche Herzinfarkt zeigt häufig weniger eindeutige Symptome: Oft treten zum Beispiel Atemnot, Übelkeit, Rücken-, Bauch- oder Armschmerzen, Angstzustände oder eine unerklärliche Müdigkeit auf. Das führt dazu, dass viele Frauen gar nicht darauf kommen, dass sie ein Herzproblem haben – so erhalten sie viel zu spät die dringend benötigte ärztliche Hilfe.
Auch wenn Frauen mit einem Herzinfarkt erfolgreich behandelt werden, haben sie ein deutlich höheres Sterberisiko als Männer. In den ersten 30 Tagen ist es fast dreimal, innerhalb von fünf Jahren etwa doppelt so hoch. Bislang hat man noch nicht genau verstanden, woran das liegt. Eine Vermutung: Frauen nehmen tendenziell später ärztliche Hilfe in Anspruch und werden dadurch später versorgt.
Die Präeklampsie ist eine Erkrankung, die in der Schwangerschaft auftritt und zu plötzlichem Bluthochdruck und Organschäden führen kann. Sie löst häufig Früh-, Fehl- oder Totgeburten aus. Zwar klingen die Symptome in der Regel nach der Schwangerschaft wieder ab, allerdings drohen langfristig Herz-Kreislauf-Probleme: Frauen mit einer Präeklampsie während der Schwangerschaft entwickeln deutlich früher Herz-Kreislauf-Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Cholesterinwerte – im Schnitt acht Jahre früher als Frauen mit unauffälligen Schwangerschaften. Eigentlich gehören diese Frauen nach ihrer Schwangerschaft in die kardiologische Nachsorge, aber das passiert noch viel zu selten.
Die weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene) gelten allgemein als guter Herzschutz, da sie entzündungshemmend und erweiternd auf die Blutgefäße wirken. So schützen die Hormone zum Beispiel davor, dass sich atherosklerotische Ablagerungen (Plaques) in den Gefäßen bilden – ein effektiver Schutz vor Bluthochdruck und der koronaren Herzkrankheit. In den Wechseljahren nimmt die Steifigkeit der Hauptschlagader, der Aorta, zu. Gleichzeitig lässt in allen Gefäßen die Endothelfunktion nach. Das Endothel ist die aktive Innenschicht der Blutgefäße. Es produziert unter anderem Stickstoffmonoxid, das Gefäße geschmeidig hält und verhindert, dass sich Ablagerungen bilden. Wenn das Endothel weniger Stickstoffmonoxid abgibt, erhöht sich das Risiko für Bluthochdruck und die koronare Herzkrankheit.
Da das weibliche Herz etwas kleiner ist als ein Männerherz, muss es häufiger schlagen, um den Körper ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Außerdem hat die aktuelle Forschung gezeigt, dass Frauenherzen in ihren Kammern aus mehr Muskel- und weniger Bindegewebszellen bestehen. Dazu kommen hormonelle und auch soziokulturelle Einflüsse: Frauen und Männer reagieren unterschiedlich auf ihre Umwelt, ihre Lebensstile unterscheiden sich und beide Geschlechter gehen unterschiedlich mit Beschwerden um. Um genau zu wissen, was Männer- und Frauenherzen brauchen, um gesund zu bleiben oder gesund zu werden, ist noch sehr viel Forschung nötig.