Frau mit Rückenschmerzen

„Ich dachte, es seien Rückenschmerzen“ – warum May ihren Herzinfarkt erst übersah

Frauen zeigen bei einem Herzinfarkt häufiger unspezifische Symptome – das liest und hört man immer wieder. Und obwohl die 42-jährige May das wusste, dachte auch sie erst einmal überhaupt nicht an ein Herzproblem, als sie plötzlich starke Rückenschmerzen bekam. Über unspezifische Symptome, die Wichtigkeit der Reha und den schwierigen Umgang mit der Angst.

Von Kerstin Kropac

 

27.05.2026


Bildquelle (Bild oben): Pixel-Shot / Shutterstock.com

Woran merke ich, dass ich einen Herzinfarkt habe?

Als es losging, war May gerade auf dem Sprung zur Arbeit. „Ich hatte ganz plötzlich starke Schmerzen zwischen den Schulterblättern und dachte: Das ist aber merkwürdig. Vielleicht ein eingeklemmter Nerv …“, erinnert sie sich. Weil die Schmerzen stärker wurden, nahm die zweifache Mutter eine Ibuprofen. Doch die Tablette half überhaupt nicht. „Deshalb rief ich bei der Arbeit an, um zu sagen, dass ich etwas später komme“, erzählt sie. May hoffte, dass die Schmerzen nachlassen würden. Stattdessen wurden sie schlimmer. Bald strahlten sie in die Arme aus. Noch immer schöpfte die gelernte Krankenschwester keinen Verdacht. „Erst als ich sie im Kiefer spürte, fiel mir ein: Das haben wir doch mal gelernt!“ Dann rief sie den Krankenwagen.

Zur Person

May möchte nur mit ihrem Vornamen genannt werden. Die Krankenschwester aus Köln hat mit 42 einen Herzinfarkt erlitten.

Herzmedizin – Generic Image

Welche Risikofaktoren begünstigen bei Frauen einen Herzinfarkt?

Das Herzinfarktrisiko wird bei Frauen durch dieselben Risikofaktoren wie bei Männern erhöht: Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht. Speziell bei Frauen kommen noch die Hormonumstellungen in der Menopause dazu. Bei May lag kein einziger dieser Risikofaktoren vor. „Ich war bis dahin komplett gesund“, erzählt sie. „Ich habe immer darauf geachtet, dass ich mich gesund ernähre und viel Sport treibe. Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und auch wieder zurück. Ich habe mich nie als Risikopatientin gesehen.“ Das Ärzteteam stellte Einrisse in den Herzkranzgefäßen fest – eine sogenannte spontane Koronardissektion (SCAD). Dadurch wurde der Herzmuskel nicht mehr ausreichend durchblutet, es kam zum Herzinfarkt. Anders als bei den klassischen Herzinfarkten sind SCAD-Betroffene häufig junge, gesunde Frauen ohne die typischen Risikofaktoren. May bekam einen Stent. Zwei bis drei Stunden später fand sie sich auf der Station wieder. Irritiert. Aber auch irgendwie erleichtert, weil alles gut gegangen war. 

Was macht es mit der Psyche, wenn man an einem Herzinfarkt fast stirbt?

Sie hatte sich im Zimmer gerade umgezogen – da bekam die 42-Jährige plötzlich unvorstellbar starke Schmerzen. „Ich habe geschrien, war nass geschwitzt, ich konnte nicht mehr atmen, es war, als würde ein Elefant auf mir sitzen, ich konnte meine Arme nicht mehr bewegen“, beschreibt May diesen schlimmen Moment. „Ich wusste: Wenn mir jetzt niemand hilft, werde ich sterben.“

 

Als sie wieder zu sich kam, lag May auf der Intensivstation. Eine Pflegeperson erklärte ihr, dass der erneute Herzinfarkt zum Herzstillstand geführt hatte und sie mehrmals wiederbelebt werden musste. Es sei „ein richtiges Drama“ gewesen. „Auf einmal hatte ich meine Kinder im Kopf und ich dachte: Das wäre es jetzt fast gewesen. Und dann fing das mit den Ängsten an“, sagt sie.

"Ich wusste: Wenn mir jetzt niemand hilft, werde ich sterben.“ 

May

Was war die Ursache für den Herzinfarkt?

Was ihre Ängste verstärkte: Niemand konnte erklären, was die beiden Herzinfarkte ausgelöst hatte: Im MRT (Magnetresonanztomographie) zeigte sich keine Ursache, bei der Herzkatheteruntersuchung wurden keine Auffälligkeiten wie Engstellen durch Plaques gefunden, und auch der Lipoprotein(a)-Wert war nicht erhöht. Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ist ein spezielles Blutfett, das das Risiko für Gefäßverkalkungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen kann. „Deshalb ist es mir bis heute ein Rätsel, warum ich diese Herzinfarkte bekommen habe“, erzählt sie. „Ich hätte mir gewünscht, dass jemand sagt: Das ist der Grund, achten Sie in Zukunft darauf, dann kann das Risiko minimiert werden. Ich kann zwar weiterhin Sport treiben, mich gesund ernähren, versuchen, den Stress zu reduzieren. Aber es gibt nichts Konkretes."

Warum ist eine Rehamaßnahme nach einem Herzinfarkt so wichtig?

Einerseits wollte May nach dem Herzinfarkt so schnell wie möglich zurück nach Hause, zu ihren Kindern. Gleichzeitig hatte sie aber auch Angst davor. Sie hatte Angst vor Anstrengung, weil sie ihr Herz nicht belasten wollte. Sie hatte Angst einzuschlafen, weil sie fürchtete, nicht mehr aufzuwachen. „Und wenn ich nachts mit Herzrasen aufschreckte, habe ich sofort wieder Panik bekommen, weil ich dachte: Das ist jetzt aber auch nicht gut fürs Herz." 


Drei Wochen später startete ihre Reha – und die entpuppte sich als Gamechanger. „Wir haben in den Sportstunden ganz langsam angefangen – mit Treppen steigen“, erzählt May. „Auf dem Laufband hatten wir Elektroden auf der Brust und ein mobiles Überwachungsgerät. Der Trainer ist von einer Person zur nächsten gegangen und hat unsere Werte überprüft.“ So hat die Gruppe allmählich wieder gelernt, dem eigenen Körper zu vertrauen. Und: Dass ihre Herzen – trotz des Infarkts – weiterhin belastbar sind, dass sie etwas leisten können. „Je mehr ich geschafft habe, ohne dass ich Probleme hatte mit dem Herzen, desto mehr hat es mich aufgebaut, glücklich und stolz gemacht“, erzählt die Kölnerin.

Gender-Gap in der Reha

Obwohl die gesundheitlichen Benefits kardiologischer Rehabilitation nach einem Herzinfarkt gut belegt sind, nutzen zu wenige Anspruchsberechtigte diese Chance – insbesondere Frauen. Eine internationale Metaanalyse (2023) von 14 Studien mit über 114.000 Herzinfarkt-Betroffenen kam auf eine durchschnittliche Teilnahmequote von nur 34 Prozent, wobei Männer signifikant häufiger teilnehmen als Frauen. Auch eine US-Analyse (2020) zeigt einen deutlichen Unterschied: 28,6 Prozent der Männer und nur 18,9 Prozent der Frauen nahmen an einer kardiologischen Rehabilitation teil. Zu den wichtigsten Barrieren zählen ein höheres Lebensalter, eine höhere Belastung durch Merhfacherkrankung, aber auch soziale und strukturelle Faktoren wie ausbleibende Überweisungen, Anfahrtsprobleme, familiäre Verpflichtungen und finanzielle Belastungen. Dabei senkt die kardiologische Rehabilitation nachweislich das Sterberisiko, verhindert erneute Krankenhausaufenthalte und verbessert die Gesundheit – und damit auch die Lebensqualität insgesamt. 

Warum sind gerade Gruppenangebote in der Herz-Reha so wertvoll?

„Es war fast wie eine Art von Therapie für mich, mit Menschen zusammen zu sein, die etwas Ähnliches erlebt hatten und meine Todesangst nachempfinden konnten“, erzählt May. Einige haben nur wortlos in den Gruppen gesessen, zugehört und geweint, wenn andere ihre Erlebnisse schilderten. „Alle haben mit allen mitgefühlt und gleichzeitig immer mehr realisiert, was uns passiert war. Und wie schrecklich das ist“, erzählt May und ergänzt: „Man unterschätzt, wie viel so eine Gruppe ausmacht.“ 


Die meisten Teilnehmenden waren Männer. Aber es gab auch eine Frau in Mays Alter. Sie war gerade auf dem Rückweg vom Urlaub, als sie ihren Herzinfarkt bekam. Allerdings hielt sie ihn für einen Magen-Darm-Infekt, weil sie sich nur erbrechen musste. „Das hat mich wirklich überrascht“, sagt May. „Ich habe zwar in der Ausbildung gelernt, dass der weibliche Herzinfarkt sich anders zeigt, aber irgendwie habe ich immer gedacht, man würde ihn trotzdem erkennen.“

Wie wichtig ist Psychotherapie nach einem Herzinfarkt?

Psychotherapie ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der Reha. „Die Psychologin dort hat etwas gesagt, was total prägend für mich war“, erzählt May. „Sie meinte: `Sie sagen, Sie haben Angst zu sterben. Das zeigt doch, dass sie unbedingt leben wollen...` Das hat mich gestärkt. Und das stärkt mich bis heute.“ Es hilft der Kölnerin, ihre Angst nicht ausschließlich als etwas Schlechtes zu sehen und auch in schwierigen Momenten nach vorne zu schauen. Die Mutter zweier Kinder ist froh, dass sie gleich nach dem Herzinfarkt an einer Reha-Maßnahme teilnehmen konnte. Sie ist sicher: Sonst würde es ihr heute – fast zwei Jahre nach dem Ereignis – weniger gut gehen. 


„Natürlich gibt es manchmal Tage, an denen die Angst größer ist, und an denen ich mich intensiver mit ihr auseinandersetzen muss“, sagt May. „Dann messe ich meinen Blutdruck und bin beruhigt, wenn der gut ist. Oder ich versuche, mich abzulenken, indem ich meine Kinder anschaue, für die ich da sein und mit denen ich noch viel erleben möchte. Ich würde auch gerne irgendwann die Oma sein, die auf deren Kinder aufpasst.“ Oft gelingt es ihr dadurch, ihre Ängste hinter sich zu lassen. Manchmal holen sie die Ängste aber auch wieder ein. Das ist jeden Tag anders.

Verändert sich das Leben nach einem Herzinfarkt?

„Wenn ich mit Freunden spazieren gehe und wir unterhalten uns dabei, dann merke ich: Ich pfeife wie eine Oma und bin eben doch nicht mehr so fit wie zuvor“, erzählt May. Im Großen und Ganzen fühlt sie sich aber nicht eingeschränkt, kann weiter mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln und die Zeit mit ihren Kindern genießen. Alle sechs Monate muss sie zu ihrem Kardiologen, der sie jedes Mal beruhigt: Es sei zwar eine Narbe auf dem Herzen zu sehen, insgesamt hätte es sich aber sehr gut erholt. 

 

May hat einen Instagram-Kanal gegründet, auf dem sie sich weiterhin mit Betroffenen austauschen kann. Außerdem verzichtet sie weitestgehend auf tierische Produkte, nimmt ihre Medikamente, Blutverdünner, Blutdrucksenker und Statine, regelmäßig ein und achtet darauf, den Stress möglichst zu reduzieren und häufiger mal „Nein!“ zu sagen, wenn sie etwas nicht möchte. „Ich wünsche mir einfach ein langes, gesundes und unbeschwertes Leben“, sagt May. „Wenn man einmal fast gestorben ist, spürt man, wie sehr man dieses Leben leben möchte – und weiß gleichzeitig, dass das überhaupt nicht selbstverständlich ist.“

FAQs – Häufige Fragen zu Herzinfarkt bei Frauen

Der weibliche Herzinfarkt löst häufig keine typischen Brustbeschwerden aus, sondern eher weniger eindeutige Symptome – wie Atemnot, Übelkeit, Bauch- oder Armschmerzen, Angstzustände oder eine unerklärliche Müdigkeit. Das führt dazu, dass viele Frauen gar nicht darauf kommen, dass sie ein Herzproblem haben.

Frauen und Männer mit einem Herzinfarkt erfahren die gleiche Behandlung. Die Betroffenen bekommen verschiedene Medikamente, die den Blutfluss verbessern, das Herz entlasten und die Schmerzen nehmen sollen. 

Insgesamt geht die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt kontinuierlich zurück – aber eine Studie, die im Mai 2023 beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC) vorgestellt wurde, zeigt: Das Risiko, nach einem Herzinfarkt zu sterben, ist bei Frauen mehr als doppelt so hoch wie bei Männern. Einer der Hauptgründe ist der zeitlich verzögerte Arztbesuch. Deshalb sollten Frauen ihre Symptome ernst nehmen und im Zweifel lieber einmal zu viel den Notruf wählen! 

Laut Statistik treten Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen etwa zehn Jahre später auf als bei Männern. Das liegt unter anderem an dem gefäßschützenden Effekt der weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene). Sie senken das Cholesterin und wirken erweiternd auf die Blutgefäße. Dadurch haben Frauen vor den Wechseljahren ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nach der Menopause sinkt der Östrogenspiegel – und damit steigt das Herz-Kreislauf-Risiko.

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