„Zucker oder Süßstoff – vom Regen in die Traufe?“
„Wir befinden uns derzeit in einer Adipositas-Pandemie“, sagt Dr. Marco Witkowski (Charité Berlin): Rund 19 % der Erwachsenen in Deutschland sind betroffen. Damit steigt auch das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Hypertonie, Atherosklerose, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Herzinfarkt und Schlaganfall. Als wesentlicher Treiber für Adipositas gilt ein hoher Zuckerkonsum, insbesondere durch hoch verarbeitete Lebensmittel und zuckerhaltige Softdrinks, die viele Kalorien liefern, aber kaum sättigen. Aus kardiologischer Sicht ist daher eine Senkung des Zuckerkonsums angezeigt.
Als politische Maßnahme könnte dabei eine Zuckersteuer unterstützen. Witkowski verweist auf Daten aus Mexiko: Dort konnte der Konsum zuckerhaltiger Getränke um rund 10 % reduziert werden, was nach Schätzungen mit rund 3 % weniger kardiovaskulären Ereignissen einhergeht. In Deutschland wurde, um gesündere Kaufentscheidungen zu fördern und Hersteller zu zuckerärmerer Produktion zu motivieren, der Nutri-Score angepasst: Zuckerhaltige Produkte werden stärker abgewertet, und erstmals werden auch Süßstoffe als negativ berücksichtigt.
Zucker reduzieren, aber nicht mit Süß- und Zuckerersatzstoffen
„Süßstoffe halten nicht die Versprechen, die von der Lebensmittelindustrie gemacht werden“, so Witkowski. Studien zeigten, dass auch Süßstoffe und Zuckerersatzstoffe mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse assoziiert sind. So waren erhöhte Blutspiegel von Erythritol in Kohortenstudien mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden. Experimentelle Daten deuten darauf hin, dass Erythritol die Reaktivität von Thrombozyten erhöht und damit die Thrombusbildung begünstigen könnte. Ähnliche Beobachtungen wurden auch für Xylitol gemacht. Bei beiden Substanzen handelt es sich um „natürliche“, nicht künstlich hergestellte Zuckerersatzstoffe, die zunehmend Verwendung finden.
Es sind jedoch wohlmöglich nicht alle Süß- und Zuckerersatzstoffe gleichermaßen problematisch: Beispielsweise sind bei Stevia bislang keine kardiovaskulären Risiken festzustellen. Laufende und künftige Studien könnten bei einer differenzierteren Risikobewertung helfen, um evidenzbasierte Empfehlungen für den Umgang mit Zucker und Süßstoffen zu entwickeln. Bislang seien die Substanzen „unter dem Radar gelaufen“, weil für die Zulassung nur toxikologische Studien erforderlich seien.
Empfehlung des Experten: „Den Zucker nicht ersetzen, sondern den Zucker vermeiden. Man muss weniger süß essen.“
Dr. Marco Witkowski über Zucker und Süßstoffe. (Bildquelle: DGK / Thomas Hauss)
Prof. Christina Magnussen über Smartwatches bei Hypertonie. (Bildquelle: DGK / Thomas Hauss)
Prof. Stephan Schirmer über Impfen als vierte Säule der Prävention. (Bildquelle: DGK / Thomas Hauss)
DGK-Pressesprecher Prof. Michael Böhm leitete die Pressekonferenz. (Bildquelle: DGK / Thomas Hauss)
Smartwatches bei Hypertonie: Frühwarnsystem mit klaren Grenzen
In Deutschland hat etwa jeder dritte Erwachsene Hypertonie, häufig unerkannt. Dabei gilt Hypertonie als wichtigster beeinflussbarer Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen, so Prof. Christina Magnussen (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf). Umso entscheidender sind eine frühzeitige Diagnose und konsequente Kontrolle des „stillen Killers“. Smartwatches und andere Wearables eröffnen hier neue Möglichkeiten.
Die Geräte begleiten Nutzende kontinuierlich im Alltag und können physiologische Daten über längere Zeiträume erfassen, etwa die Pulswelle mittels optischer Sensorik. Auf dieser Basis können Muster erkannt werden, die auf einen erhöhten Blutdruck hindeuten. Der Vorteil liege nicht in der Einzelmessung, sondern in der kontinuierlichen Beobachtung, so Magnussen. Damit entstehe ein neuer Ansatz der Früherkennung.
Kein Ersatz für medizinische Diagnostik
Trotz dieses Potenzials ist klarzustellen: „Smartwatches ersetzen kein Blutdruckmessgerät.“ Sie können derzeit keine standardisierte Blutdruckmessung in mmHg liefern. Auch bei neuen Geräten mit integrierter Manschette am Handgelenk bestünden trotz CE-Zertifizierung relevante Einschränkungen hinsichtlich Messgenauigkeit und korrekter Anwendung, beispielsweise der korrekten Positionierung des Arms auf Herzhöhe. Fehlmessungen oder Fehlinterpretationen könnten zudem zu falscher Sicherheit oder unnötiger Verunsicherung führen. Daher bleibe die validierte Blutdruckmessung am Oberarm und die ärztliche Einordnung der diagnostische Standard.
Doch gerade bei einer oft symptomlosen Erkrankung wie Hypertonie könnten Langzeiterhebungen, wie sie Smartwatches ermöglichen, helfen, Veränderungen frühzeitig sichtbar zu machen. „Digitale Anwendungen können so als Brücke fungieren: zwischen unbemerktem Risiko und medizinischer Abklärung.“ Gleichzeitig sei limitierend, dass Wearables aus Kostengründen nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen erreichen, sie teils ungeeignet für Hochrisikogruppen sind und häufig von ohnehin gesundheitsbewussten Personen genutzt werden.
Fazit der Expertin: Smartwatches können als niedrigschwelliges Frühwarnsystem, verborgene Risiken sichtbar machen und Menschen früher in die Versorgung bringen. Sie ersetzen aber keine medizinische Diagnostik.
Impfungen: Kardiologinnen und Kardiologen in einer Schlüsselrolle
„Impfungen sollten nicht länger ausschließlich als Maßnahme zur Vermeidung infektiöser Erkrankungen verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil der kardiovaskulären Risikoreduktion“, erläutert Prof. Stephan H. Schirmer (Kaiserslautern). Impfungen adressierten einen zentralen Trigger kardiovaskulärer Ereignisse – die systemische Inflammation.
Infektionen führen zu einer Immunaktivierung mit Zytokinfreisetzung, endothelialer Dysfunktion und prothrombotischer Gerinnungsaktivierung. Dies kann atherosklerotische Plaques destabilisieren und durch Plaqueruptur akute Ereignisse wie Myokardinfarkt oder Schlaganfall auslösen. Auch direkte Effekte wie Myokarditis bis hin zur Herzinsuffizienz sind möglich.
Deutlich erhöhte Herz-Kreislauf-Risiken bei Infektionen
Besonders gut belegt sind die Zusammenhänge für Influenza, wie Schirmer verdeutlicht: Das Risiko für einen Myokardinfarkt ist in den ersten 7 Tagen nach Infektion signifikant um das etwa 6-fache erhöht. Gleichzeitig zeigen randomisierte Studien, dass die Influenza-Impfung schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) signifikant um etwa 28 % reduzieren kann.
Auch Pneumokokken-Infektionen sind mit erhöhten kardiovaskulären Risiken assoziiert. Metaanalysen zeigen, dass eine Impfung mit einer signifikanten Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse (30 %) und der Gesamtmortalität (6 %) verbunden ist. Für COVID-19 und RSV bestätigen aktuelle Daten ebenfalls einen engen Zusammenhang mit akuten und längerfristigen kardiovaskulären Komplikationen. So zeigten sich in den ersten Tagen nach RSV-Infektion bis zu 16-fach höhere Inzidenzen von Arrhythmien, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt und Schlaganfall.
Impfberatung gehört in die kardiologische Routine
Trotz dieser Evidenz bleiben die Impfquoten bei Menschen mit STIKO-Impfempfehlung niedrig. Die Influenza-Impfquote bei über 60-Jährigen in Deutschland liegt mit 34 % (2024) deutlich unter der WHO-Empfehlung von 75 %. Auch die Impfquoten bei Pneumokokken (21 %), Herpes zoster (24 %) oder COVID-19 (13 %) sind unzureichend. „Gerade in einer Population mit einem hohen kardiovaskulären Risiko bleibt damit ein erhebliches Präventionspotenzial ungenutzt“, so Schirmer. Kardiologinnen und Kardiologen komme eine entscheidende Rolle zu, diese Lücke zu schließen, da sie Hochrisikogruppen betreuen und besonders das Herausstellen des kardiovaskulären Nutzens von Impfungen erwiesenermaßen zu höheren Impfraten führe (NUDGE-FLU-Studie).
Fazit des Experten: Impfstatus und Impfberatung sind systematisch in die kardiologische Versorgung zu integrieren – „genauso selbstverständlich wie das Blutdruck-, Lipid- oder Diabetesmanagement.“
Take-aways
- Zuckerreduktion bleibt ein zentraler Baustein für die Prävention von Adipositas und kardiovaskulären Erkrankungen.
- Süßstoffe und Zuckerersatzstoffe sind keine unkritische Alternative, da Studien potenzielle kardiovaskuläre Risiken aufzeigen. Für eine differenzierte Risikobewertung bedarf es weiterer Forschung.
- Smartwatches ermöglichen neue Ansätze der Früherkennung durch kontinuierliche Datenerfassung. Sie ersetzen aber keine standardisierte Blutdruckmessung und ärztliche Einordnung.
- Infektionen sind ein relevanter Trigger kardiovaskulärer Ereignisse durch systemische Inflammation.
- Impfungen können das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse signifikant senken und sollten stärker genutzt werden.
- Der Hinweis auf den kardiovaskulären Nutzen von Impfungen erhöht nachweislich die Impfrate und sollte aktiv in die kardiologische Beratung integriert werden.
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