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Zeitzeugen-Interview: Prof. Hans-Jürgen Becker

Mit Zeitzeugen-Interviews möchte das Historische Archiv der DGK unter Leitung von Dr. Fokko de Haan spannende historische Entwicklungen aufzeigen und die Lebenswege bedeutender Persönlichkeiten der Kardiologie nachzeichnen. Der Blick in die Vergangenheit hilft, den heutigen Stand und zukünftige Entwicklungen in der Welt der Kardiologie besser zu verstehen.


Im Februar 2025 sprach Dr. Fokko de Haan mit Prof. Hans-Jürgen Becker.

Von:

Dr. Fokko de Haan

Historisches Archiv der DGK

 

24.06.2026

Bildquelle (Bild oben): kanetmark / Shutterstock.com

Jugend und Weg zum Medizinstudium

de Haan: Geboren wurden Sie 1935 in Bernau bei Berlin. Waren die Eltern Mediziner? Hatten Sie Geschwister?

 

Becker: Wir waren 5 Kinder. Einer meiner Brüder war Mediziner. Mein Vater war Chirurg, Gynäkologe und Geburtshelfer. Er war in namhaften, großen Kliniken ausgebildet worden, gegen Ende des Krieges aber kam er in russische Gefangenschaft und später, 1948, über das Aussiedlerlager Friedland bei Göttingen nach Westdeutschland. In Bernau führte er noch einige Jahre eine Landarztpraxis. Meine Mutter unterstützte ihn, z. B. bei Autofahrten zu Hausbesuchen, da er eine Sehschwäche hatte. Diesen Job übernahm ich dann später als älterer Jugendlicher.

 

de Haan: Mit 20 Jahren nahmen Sie das Medizinstudium auf. War es immer schon Ihr Wunsch, Arzt zu werden?

 

Becker: Bis heute ist mein Vater eigentlich mein Vorbild gewesen.

Zur Person

Prof. Hans-Jürgen Becker

Prof. Hans-Jürgen Becker (*20.03.1935 in Bernau) war von 1978 bis 2000 Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Stadtkrankenhaus Hanau. Zudem war er von 1998 bis 2010 als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung tätig, deren Ehrenvorsitzender er nun ist.

Prof. Hans-Jürgen Becker Prof. Hans-Jürgen Becker

Karrierestart in der Kardiologie in Frankfurt und spätere Klinikleitung in Hanau

de Haan: Nach dem Staatsexamen (1961) und der Approbation (1965) bekleideten Sie für 2 Jahre eine chirurgische Assistentenstelle. Wie kam es zum Wechsel in die Innere Medizin respektive Kardiologie?

 

Becker: Geprägt von der Landarzttätigkeit meines Vaters trat ich zunächst eine chirurgische Assistentenstelle in Dillenburg in Hessen an. Dies beendete ich dann aber, als mir klar wurde, dass nur eine Kliniklaufbahn mit Habilitation in der Chirurgie zukunftsfähig und attraktiv ist.

 

Ich wechselte dann zur inneren Medizin, insbesondere in die Kardiologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt zu Prof. Kaltenbach. Hier hatte ich schon mal Jahre zuvor als Praktikant gearbeitet und war bei den Ärzten (Prof. Kaltenbach war damals mein Stationsarzt) bekannt. Natürlich war dann meine internistische Ausbildung von Anfang an kardiologisch geprägt.

 

de Haan: Ihre kardiologische Ausbildung absolvierten Sie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main bei Prof. Kaltenbach. 1973 erlangten Sie den Facharzt für Kardiologie. Gab es während der Ausbildung schon persönliche Schwerpunkte?

 

Becker: Martin Kaltenbach hatte frühzeitig die invasive Kardiologie mit Koronarangiografie bei Mason Sones in Cleveland/Ohio in den USA gelernt. Daher war er erpicht darauf, dies auch in Frankfurt zu etablieren. Er schickte mich 1968 deswegen zu Paul Lichtlen nach Zürich, und es gelang uns beiden, die ersten Koronarangiografien in den Räumlichkeiten der chirurgischen Radiologen durchzuführen.

 

Natürlich war es zur damaligen Zeit wesentlich spektakulärer, eine Koronarangiografie durchzuführen als heute. Alles hat mir in der Kardiologie eigentlich Spaß gemacht: von der Kardioversion über die Koronarangiografie bis hin zur Schrittmacherversorgung. Echte persönliche Schwerpunkte hatte ich nicht.

 

de Haan: 1975 erfolgte die Habilitation. Welches Thema?

 

Becker: „Die Koronarangiografie bei verschiedenen Arten von Herzinfarkten“

 

de Haan: Von 1978 bis 2000 waren Sie Chefarzt und Direktor der Med. Klinik I am Stadtkrankenhaus in Hanau. Konnten Sie in diesen Jahren Ihre Vorstellungen (Patientenversorgung, Studentenunterricht, Assistentenausbildung) verwirklichen?

 

Becker: Diese 22 Jahre in Hanau wurden zunächst ausgefüllt mit allgemeininternistischen Problemen der Patientenversorgung. Natürlich war ich kardiologisch geprägt und wollte dies auch nach und nach einführen, was aber wegen der Missgunst der anderen Chefärzte nicht so schnell gelang.


Erst 1988 gelang es mir, einen eigenen Herzkatheter-Laborraum zu etablieren. Es war auch bald mein Bestreben, weitere internistische Schwerpunkte zu etablieren, und ich war heilfroh, als ich mit Prof. Caspari einen hochkarätigen Gastroenterologen gewinnen konnte. Insgesamt hat mir die Zeit in Hanau immer viel Spaß gemacht. Ich war gerne kardiologischer Internist.

Gründung und Leitung der Deutschen Herzstiftung

de Haan: Wie entstand die Idee zur Gründung der Deutschen Herzstiftung 1979? Verbesserung der Patienteninformation? Auch die Einführung der „Herzwoche“ wird Ihnen zugeschrieben. Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit?

 

Becker: Martin Kaltenbach hatte die Idee, dass die kardiologisch zu versorgenden Patientinnen und Patienten besser informiert sein müssten. Er hat bei seinen Patientengesprächen immer darauf Wert gelegt, und jeder Patientin oder jedem Patienten einen persönlichen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem nicht nur seine Medikamente, sondern auch sein Krankheitsbild erklärt wurden. Dann sprach er mich an, ob ich ihn dabei nicht unterstützen könnte. – So kam es zur Gründung der Deutschen Herzstiftung 1979.


Als Vorsitzende hatten wir hervorragende Personen aus Wissenschaft und Wirtschaft, die mit Unterstützung der Geschäftsführerin bzw. Geschäftsführer den Verein korrekt und mit großem Einsatz geführt haben. Trotzdem blieben größere Forschungsgelder von der Industrie aus.


Ich war dann seit 1984 im Vorstand der Deutschen Herzstiftung tätig. Frau Dr. Irene Oswalt war gelernte Journalistin bei der FAZ. Es gelang uns, sie für die Deutsche Herzstiftung zu interessieren, was sich als sehr wertvoll herausstellte. Als Pressereferentin der Deutschen Herzstiftung konnte sie Herzerkrankungen für Laien verständlich machen. Sie veröffentlichte die ersten Herzberichte.


Sie schlug vor, einen „Tag des Herzens“ regional oder auch deutschlandweit zu etablieren. Daraus entwickelte sich die Herzwoche und später der Herzmonat. Unser Bestreben (Kaltenbach, Becker, Oswalt) war immer, die Patientenwünsche ernst zu nehmen und die kardiologischen Patientinnen und Patienten besser zu informieren.

 

de Haan: Die Deutsche Herzstiftung hat durch Sie (Mitglied seit 1979, VS Vorsitzender 1998–2010) ganz wesentliche Impulse und Auftrieb erlebt (Mitgliederzahlen, weitgefächertes Portfolio, Studentenunterstützung, Preise). Hatten Sie hierfür Vorbilder?

 

Becker: Vorbilder hatte ich eigentlich nicht. Wie schon in der Frage zuvor geschildert, war mein Ziel damals und ist es bis heute geblieben, die Aufklärung für die Patientinnen und Patienten zu optimieren. Ein großes Glück für mich war, dass ich unmittelbar nach meiner Wahl zum Vorsitzenden der DHS Frau Renate Geus als Geschäftsführerin und Herrn Martin Vestweber als Stellvertreter einsetzen konnte. Wir arbeiteten sehr gut zusammen. Mit ihr zusammen gelang es, die Strukturen zu festigen und weiter auszubauen.

Wünsche für Prävention und Gesundheitspolitik

de Haan: Prävention in der Kardiologie – ein Dauerthema. Durch technische Errungenschaften und Innovationen leider immer etwas zurückgestellt. Aktuell aber weit nach vorne gerückt („Nationale Herz-Allianz“). Wo liegen die Defizite in Deutschland?

 

Becker: Wie überhaupt in der Medizin, so auch in der kardiologischen Patientenversorgung versuchen Personen ohne kardiologisches Wissen und Verständnis für die Patientinnen und Patienten in der Öffentlichkeit zu dominieren. Das müssen wir Kardiologinnen und Kardiologen so gut es geht in unserem Sinne beeinflussen und – ganz wichtig – die sogenannte „Soziale Kompetenz“ für die Patientinnen und Patienten mehr in den Vordergrund rücken.


Aufgrund der enormen Ökonomisierung in der Medizin ist dies ins Hintertreffen geraten. Gleichwohl sind viele Ansätze, z. B. auch in der gestarteten Krankenhausreform, richtig.

 

de Haan: Was wären Ihre persönlichen Vorschläge oder Wünsche für eine bessere Prävention, insbesondere beim Krankheitsbild der ischämischen Herzerkrankung?

 

Becker: Es geht immer um die Aufklärung der Betroffenen. Diese muss auf allen Ebenen intensiviert werden, d. h. schon im Kindes-/Jugendalter in den Schulen begonnen und später bei allen möglichen Anlässen fortgesetzt werden. Früher kam es häufiger vor, dass wir kardiologisch ausgebildete Ärztinnen und Ärzte zum Schulunterricht oder zu anderen Veranstaltungen eingeladen wurden. – Dies sollte wieder aufgegriffen und von uns gepflegt werden.

 

de Haan: Die zukünftige Versorgung kardiologischer Patientinnen und Patienten – sehen Sie die gesundheitspolitischen Bestrebungen auf einem guten Weg?

 

Becker: Grundsätzlich ja, aber die kardiologischen Fachverbände, die Herzstiftung und Patientenverbände müssen sich früh daran beteiligen können.

Prof. Hans-Jürgen Becker bei der Verleihung des Bundes-Verdienstordens
In Würdigung seiner außergewöhnlichen Verdienste wurde Prof. Hans-Jürgen Becker u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und dem Hessischen Verdienstorden am Bande ausgezeichnet.

Privates und Karriererückblick

de Haan: Wie sieht heute der Alltag von Hans-Jürgen Becker aus? Wie halten Sie sich körperlich und mental frisch? Hobbys?

 

Becker: Hobbys habe ich eigentlich wenig. Ich höre sehr gerne klassische Musik oder auch Barockmusik. Gerne berate ich auch weiterhin Patientinnen und Patienten, die mich anrufen oder Freundinnen und Freunde, die mich um Rat fragen. Kardiologische Themen interessieren mich weiterhin sehr. Leider fällt mir das Lesen von Fachzeitschriften aufgrund einer zunehmenden Sehschwäche immer schwerer.

 

de Haan: Sind Ihre Kinder (1 Sohn, 1 Tochter) auch Mediziner geworden? Enkelkinder?

 

Becker: Mein Sohn ist Radiologe (Habilitation an der LMU München), nun Professor an der Stanford University bei San Francisco. Meine Tochter ist als Bankangestellte und Projektmanagerin in Frankfurt tätig. Meine Enkelin ist auch Bankkauffrau und hat den Beruf der Kommunikationsdesignerin ergriffen.

 

de Haan: Nennen Sie 2 Highlights Ihres beruflichen Lebens! Was hat nicht gut geklappt?

 

Becker: Gut geklappt hat nach meinem Abbruch der chirurgischen Ausbildung die internistische und kardiologische Weiterbildung sowie die Habilitation, wobei die chirurgischen Fähigkeiten kein Nachteil waren.


Gut geklappt hat auch der Ausbau der nicht-invasiven kardiologischen Diagnostik in Hanau. So konnte bei drei Personen, die wegen eines Tumorverdachtes eingeliefert wurden, eine Endokarditis als Ursache der körperlichen Schwäche nachgewiesen werden. Ich habe es nicht bereut, diesen Beruf ergriffen zu haben.

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