Familiensituation und Jugend
de Haan: Geboren wurden Sie 1936 in Dessau, Sachsen-Anhalt. Später besuchten Sie in Hamburg-Altona die Schule, die Sie 1956 mit dem Abitur abschlossen. Wie kam es zu diesem „Ortswechsel“?
Oelert: Der Grund hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Mein Vater war in Dessau Dezernent bei der Deutschen Reichsbahn. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wurde er nach Hamburg versetzt, wo er erneut Dezernent bei der Bahn, nun der Bundesbahn, wurde. Ich besuchte dort die Schule und machte das Abitur am Christianeum.
de Haan: Stammen Sie aus einer Medizinerfamilie?
Oelert: Wenn Sie damit meinen, ob ich aus einer „Mediziner-Dynastie“ stamme, kann ich nur klar mit „nein“ antworten. Zwar war einer meiner Urgroßväter ein niedergelassener Arzt, das hat mich aber nicht geprägt oder beeinflusst. Mein Vater war Ingenieur, meine Mutter studierte Lehrerin, die ihren Beruf jedoch, wie es damals üblich war, mit der Eheschließung aufgab. Meine Eltern haben mich nicht zu einer bestimmten Studienfachwahl gedrängt. Meine Mutter aber hat mich geprägt, was meine sonstigen Interessen angeht. Als Deutschlehrerin liebte sie besonders Goethe und Rilke. Das wurden auch meine „Götter“. Meine Reden und Ansprachen habe ich fast immer mit einem Goethe-Zitat beschlossen, es wurde eine Art „Markenzeichen“.
de Haan: Hatten Sie Geschwister?
Oelert: Ich bin das zweite von sechs Kindern. Meine beiden Schwestern verstarben leider schon in jungen Jahren. Meine drei Brüder aber haben alle zumindest das achtzigste Lebensjahr erreicht. Zwei von ihnen sind in den letzten Jahren verstorben. Wir sind in ganz unterschiedlichen Berufen, als Jurist, Physiker, Pfarrer und ich als Mediziner, unseren Weg gegangen.
de Haan: Wie erlebte die Familie Oelert die Nachkriegsjahre?
Oelert: Wir Kinder lebten in familiär geordneten Verhältnissen, ohne großen Reichtum, aber in einer anregenden und förderlichen Umgebung.
Zur Person
Prof. Hellmut Oelert
Prof. Hellmut Oelert (*03.05.1936 in Dessau) war von 1984 bis 2004 ärztlicher Gründungsdirektor der Klinik und Poliklinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zudem engagierte er sich bei der Deutschen Herzstiftung sowie der Kinderherzstiftung und war Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Stiftung für Herzforschung.
Studienzeit und Berufseinstieg
de Haan: Nach dem Abitur nahmen Sie das Medizinstudium in Hamburg auf. Wieso entschieden Sie sich dafür? Gab es auch andere Ideen?
Oelert: Ursprünglich wollte ich Pilot werden, aber als Brillenträger war das nicht möglich. Medizin war – ob Sie es glauben oder nicht – eher eine Verlegenheitslösung. Ich fing in Hamburg an, durfte aber, wie alle meine Geschwister, zwei Semester woanders studieren. Während meiner
Auslandssemester in Innsbruck widmete ich mich allerdings mehr dem Bergsteigen als dem Studium.
de Haan: Schon während des Studiums interessierten Sie sich besonders für kranke Kinder – insbesondere Kinder mit Herzkrankheiten. Wie kam es dazu? War das prägend für Ihre spätere Tätigkeit?
Oelert: Als Werkstudent war ich am Kinderklinikum Altona zur Pflege von Säuglingen eingeteilt, was mir große Freude machte und mein besonderes Interesse an dieser Altersstufe weckte. Speziell für Herzchirurgie begeisterte mich ein Artikel in der Zeitschrift „Stern“, der von innovativen Verfahren in den USA berichtete. So sind es manchmal Zufälle, die einen in eine bestimmte Richtung lenken. Aber diese Zufälle müssen eben auf einen irgendwie „vorbereiteten Boden“ treffen. Bei mir wurde eine lebenslange Passion daraus.
de Haan: Nach dem Staatsexamen (1962), der Erlangung der Approbation (1964) und der Medizinalassistentenzeit (bis 1966) bewarben Sie sich um eine Assistentenstelle bei Prof. Zenker, dem Herzchirurgen in München.
Oelert: Nach dem Staatsexamen bewarb ich mich zunächst bei Prof. Zuckschwerdt in Hamburg-Eppendorf und bei Prof. Derra in Düsseldorf, die aber keine freien Stellen hatten. Ich setzte meine Suche fort und bewarb mich bei Prof. Zenker in München, der jedoch zur Bedingung machte, dass ich zwei Jahre Grundlagenmedizin voranstellte. Es wurden daraus drei Jahre Beschäftigung mit Nieren-Physiologie bei Prof. Ullrich in Berlin, der mich danach gern an seinem Lehrstuhl behalten hätte. Aber ich blieb meinem Wunsch, Herzchirurg zu werden, treu. Prof. Zenker löste sein Versprechen ein, sodass ich als Assistent in seiner Klinik eingestellt wurde. Von ihm lernte ich nicht zuletzt die Lehre, also z. B. Vorlesungen zu halten, und Gespräche am Krankenbett zu führen.
Weiterer Werdegang und Zusammenarbeit mit Prof. Hans Georg Borst
de Haan: 1968 wechselten Sie dann mit Prof. Hans Georg Borst an die neugegründete Medizinische Hochschule Hannover. Inwiefern war er prägend für Ihren weiteren beruflichen Weg?
Oelert: Prof. Borst, der mir auch ein guter Freund wurde, war mir vor allem ein Vorbild hinsichtlich Mitarbeiterentwicklung, z. B. durch Etablierung des Department-Systems, das ich später auch in Mainz übernahm, weil es den Assistentinnen und Assistenten viele Entfaltungsmöglichkeiten bot. Mein ganzes Umfeld in Hannover war sehr anregend. So lernte ich von dem Oberarzt Dusan Dragojevic, einem begnadeten Operateur, die handwerkliche Seite meines Berufs. Ein anderer Oberarzt, Prof. Rudolf Pichlmayr, war eine in jeder Hinsicht hervorragende Persönlichkeit und ein Könner seines Fachs. Heute würde man sagen: „Wir waren ein tolles Team“ – in einer Zeit, die vom Aufbruch geprägt war.
de Haan: Anfang der Siebzigerjahre arbeiteten Sie auf Wunsch und mit Unterstützung Ihres Chefs Prof. Borst am Great Ormond Street Hospital in London – eine der weltbesten Kliniken. War das für Ihre berufliche Entwicklung nicht nur hilfreich, sondern notwendig und würden Sie so etwas angehenden Herzchirurginnen und -chirurgen auch heute empfehlen?
Oelert: Es gab damals nur wenige, die es wagten, Babys am Herzen zu operieren, denn deren OP-Sterblichkeit lag bei über 80 %. Zu den wenigen gehörten Mr. Waterston und Mr. Stark am Great Ormond Street Hospital in London, denen ich nicht nur über die Schulter schauen durfte, sondern die mir sogar Herzoperationen an Kindern übertrugen. Das war für mich die endgültige, entscheidende Weichenstellung. Ich bin überzeugt, dass ein Aufenthalt an einem Spitzeninstitut im Ausland angehenden Chirurginnen oder Chirurgen nur förderlich sein kann, weshalb ich dies auch vielen meiner Assistenten ermöglichte.
Aufbau der Herzchirurgie in Mainz
de Haan: 1985 wurden Sie zum Chef der aufzubauenden Herzchirurgie in Mainz gewählt, wo Sie fast 20 Jahre tätig waren (bis 2004). An der MHH hatten Sie ganz erfolgreich die Kinder-Herzchirurgie aufgebaut und in freundschaftlicher Kooperation mit der Kinderkardiologie (Prof. Carlo Kallfelz) geleitet (nachzulesen im Jubiläumsband „50 Jahre Kinderkardiologie"). Konnten Sie das in Mainz auch verwirklichen? War es anstrengend tüchtige Mitarbeitende zu finden? Wie kamen Sie mit den benachbarten Fakultäten (Kardiologie, Kinderkardiologie) aus?
Oelert: In der Tat war die Kooperation mit Prof. Kallfelz ein absoluter Glücksfall. Wir harmonierten beruflich und waren vertrauensvolle, enge Freunde bis zu seinem plötzlichen Tod. Die gute Zusammenarbeit mit der Kinderkardiologie konnte ich in Mainz fortführen und noch steigern. Meinem Wunsch nach Kooperation mit anderen Fakultäten wurde immer problemlos entsprochen. Ich war außerdem der erste in Deutschland, der eine Dependance für Herzchirurgie, nämlich am St. Josefs-Hospital in Wiesbaden, gründete – eine Zusammenarbeit, die bis heute existiert.
Zwei meiner Mitarbeitenden brachte ich aus Hannover mit, Stein Iversen und Walther Schmiedt. Die anderen Mitarbeitenden konnte ich in Mainz aus dem wissenschaftlichen Nachwuchs rekrutieren. Es gab genug Begabungen, man musste sie nur erkennen. Motivierend war für alle, dass die OP-Kindersterblichkeit durch die neuen operativen Verfahren auf mehr als die Hälfte gesenkt werden konnte. Mir war auch immer wichtig, dass junge Mitarbeitende neuartige Eingriffe selbst durchführen und ihre Ergebnisse unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen konnten.
de Haan: Waren Sie auch im Ausland tätig?
Oelert: Ja, aufgrund der Kooperation der Universität Mainz auf kardiologischer Ebene wurde ich gefragt, ob ich nicht auch im Ausland meine Expertise weitergeben könnte. Das führte dazu, dass ich mehrfach, auch für längere Zeit, in Alexandria (Virginia, USA) sowie in St. Petersburg und Nowosibirsk weilte und die Ärztinnen und Ärzte dort anlernte, selbst Operationen am Herzen durchzuführen.
Zukunftsperspektiven und Engagement bei der Herzstiftung
de Haan: Werden die beruflichen Aussichten für Herzchirurginnen und -chirurgen – durch die immer stärker werdende interventionellen Kardiologie – grundsätzlich schlechter? Oder rückt „Teamwork“ stärker denn je in den Vordergrund? Meine Meinung: Es wird mehr große Zentren geben – der Konzentrationsprozess auf dem EMAH-Sektor ist noch nicht abgeschlossen und nötig für Aus- und Weiterbildung sowie Forschung und Wissenschaft.
Oelert: Ich stimme Ihrer Meinung zu.
de Haan: Würden Sie heute jungen Kolleginnen und Kollegen raten, in die Herzchirurgie zur Ausbildung zu gehen? Welche Voraussetzungen sollten erfüllt sein?
Oelert: Ja, ich würde dazu raten, denn es werden in einem Herzzentrum immer Chirurgen bzw. Chirurginnen gebraucht. Herzchirurgie ist ein spannendes, erfüllendes Fach. Als Voraussetzung sollte eine hohe Leidenschaft für den Beruf gegeben sein. Er ist sehr verantwortungsvoll, dabei mental und körperlich anstrengend und äußerst zeitintensiv.
de Haan: Nach Ende Ihrer beruflichen Laufbahn und Wechsel in den Ruhestand engagierten Sie sich außerordentlich in der Deutschen Herzstiftung. Mit Ihrem Namen verbunden ist die Kinderherzstiftung und Sie waren lange Zeit Sprecher des wissenschaftlichen Beirates der Deutschen Stiftung für Herzforschung. Ist das immer Ihr Wunsch gewesen?
Oelert: Der Eintritt in den Ruhestand war zunächst keine so große Zäsur, weil ich noch eine Weile im Ausland tätig war. Darüber hinaus wurden mir die von Ihnen genannten Tätigkeiten angeboten, die ich nicht von mir aus angestrebt hatte. Ich habe sie aber mit großer Freude jahrelang ausgeübt.
Persönliches und Karriere-Highlights
de Haan: Wie sieht heute der Alltag von Prof. Oelert aus?
Oelert: Ich lebe weiterhin in Mainz. Das ermöglicht mir, meine hiesigen freundschaftlichen Kontakte weiter zu pflegen. Liebe, fürsorgliche Menschen umgeben mich. Meine Kinder haben mich zum stolzen Großvater von vier Enkelkindern gemacht. Die letzten neun Jahre waren jedoch von schweren Krankheiten, Unfällen und zahlreichen Operationen gekennzeichnet. Das alles hat Spuren hinterlassen, sodass ich heute nur noch sehr eingeschränkt am Leben teilnehmen kann. Aber ich unternehme täglich einen Spaziergang, höre gern klassische Musik und spiele Schach gegen den Computer. Bei großen Fußball-Events fiebere ich am Fernseher mit.
de Haan: Wie war es früher mit Sport und Hobbys?
Oelert: In meiner Jugend war ich passionierter Schachspieler, und ich habe nach dem Abitur ausgedehnte Rucksack-Reisen in die antike Welt, nach Griechenland und Italien, unternommen. Meine große Leidenschaft aber waren die Bergtouren mit meinem Bruder Walter. Wir haben alle Viertausender der Alpen bestiegen, ausgenommen das Matterhorn. Als ich meinen beruflichen Weg eingeschlagen und eine Familie gegründet hatte, war keine Zeit mehr für Sport und Hobbys. Eine Tante von mir sagte immer: „Du bist wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt.“ So war es. Im Ruhestand kam ich aber wieder mehr dazu, Gegenwartsliteratur zu lesen, was mich bereichert, insbesondere wenn philosophische Themen tangiert werden.
de Haan: Nennen Sie die wichtigsten Ereignisse in Ihrem Leben als Herzchirurg!
Oelert: Zum einen – ganz am Anfang – die Reanimation eines Kindes in England, das durch meine Hartnäckigkeit bei der Operation gerettet werden konnte. Zum zweiten eine aufsehenerregend lange Serie von erfolgreichen Operationen bei Herzfehlern mit Transposition der großen Arterie am Ende meiner Zeit in Hannover. Zum dritten der Aufbau der Herzchirurgie in Mainz und deren Ausbau zu einem hochangesehenen Zentrum.