Sportfans verbinden bei aller Leidenschaft oft auch eine gewisse Anspannung mit der Begleitung ihrer Teams im Stadion oder vor dem heimischen Fernseher. Da Stress als Risikofaktor für viele Herzerkrankungen gilt, lohnt sich ein Blick darauf, wie sich Live-Sport auf das Herz von Fans auswirkt.
Stadionbesuche lassen Herzfrequenz und Stresslevel steigen
Eine Studie der Universität Bielefeld untersuchte gezielt die Herzfrequenz und das Stresslevel von Fußballfans. Dafür wurden über einen Zeitraum von zwölf Wochen die Vitaldaten von 229 Anhängerinnen und Anhängern des DSC Arminia Bielefeld per Smartwatch ausgewertet. Außerdem wurden die Orte, an denen die Spiele verfolgt wurden, analysiert: im Stadion, beim Public Viewing oder zuhause vor dem Fernseher.
Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede: Fans im Stadion kamen im Durchschnitt auf 94 Herzschläge pro Minute. Wer das Spiel zuhause im Fernsehen verfolgte, erreichte durchschnittlich 79 Schläge pro Minute, beim Public Viewing waren es etwa 74. Die Forschenden vermuten, dass die unmittelbare Nähe zum Spielgeschehen im Stadion die Belastung für das Herz verstärkt. Faktoren wie die intensive Atmosphäre, die Spannung und die Emotionen anderer Fans könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.
Spieltage sorgen bereits morgens für erhöhten Stress
Die Daten zeigen außerdem, dass Spieltage für viele Fans mit erhöhtem Stress einhergehen. Schon an einem normalen Samstag, an dem Arminia Bielefeld spielte, lagen die gemessenen Stresswerte über denen gewöhnlicher Wochentage. Besonders stark fiel der Effekt beim DFB-Pokalfinale 2025 aus, an dem die Bielefelder Mannschaft teilnahm. An diesem Tag lagen die durchschnittlichen Stresswerte der teilnehmenden Fans rund 42 Prozent über dem Normalniveau. Selbst um 6 Uhr morgens lagen die Werte am Finaltag schon über dem Normalbereich, was darauf hindeutet, dass die Anspannung schon Stunden vor dem Spiel steigt.
Alkoholkonsum als weiterer stresstreibender Faktor
Die Studie deutet außerdem darauf hin, dass Alkohol das Herz zusätzlich belastet. Etwa die Hälfte der Teilnehmenden trank während des Spiels Alkohol, bei den Fans im Stadion waren es sogar 65 Prozent. Dadurch stieg die Herzfrequenz im Durchschnitt um 5,3 Prozent an. Besonders aufregende oder emotionale Momente wie Tore führten dagegen zu einer Steigerung von bis zu 11,7 Prozent. Nach Einschätzung der Forschenden kann die Kombination aus Spannung, Stadionatmosphäre und Alkohol das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belasten. „Die Bielefelder Studie zeigt, dass Fußballspiele bei Fans zu einer deutlichen Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems führen. Besonders im Stadion steigen Herzfrequenz und Stressniveau messbar an“, bilanziert Prof. Dr. KR Julian Chun vom Cardioangiologischen Centrum Bethanien in Frankfurt am Main.
„Diese Ergebnisse passen sehr gut zu früheren Daten aus der Herzmedizin“, erläutert der Kardiologe. Bereits während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zeigte eine große Studie aus München, veröffentlicht im New England Journal of Medicine 2008, dass die Zahl akuter Herz-Kreislauf-Ereignisse an Spieltagen der deutschen Nationalmannschaft etwa um das Dreifache anstieg. Besonders betroffen waren Herzinfarkte und symptomatische Herzrhythmusstörungen.
Zum Experten
Prof. Dr. KR Julian Chun
Prof. Dr. KR Julian Chun ist Facharzt für Innere Medizin und Schwerpunkt Kardiologie am Cardioangiologischen Centrum Bethanien in Frankfurt.
Weitere Langzeitstudie gestartet
Eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem untersucht die Fragestellung, wie sich das Fußballerlebnis langfristig auf das Herz auswirkt. Im Mittelpunkt steht die Herzaktivität von Stadionbesucherinnen und -besuchern. Fans des FC Energie Cottbus wurden bei Heimspielen mit einem Langzeit-EKG ausgestattet, das ihre Herzaktivität kontinuierlich misst. Zusätzlich erhielten die Teilnehmenden Zugang zu einer Gesundheits-App. Mithilfe der Daten wollen die Forschenden prüfen, ob sich nach 6, 12 und 24 Monaten Veränderungen im Verhalten oder gesundheitliche Folgen zeigen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Herzrhythmusstörungen sowie auf den Auswirkungen emotionaler Belastung auf Herzfrequenz und Blutdruck. Prof. Chun findet die neue Langzeitstudie aus Cottbus hochinteressant: „Sie untersucht erstmals, ob sich solche emotionalen Belastungen auch langfristig auf Herzrhythmus und Herzgesundheit auswirken“, erläutert der Experte den Nutzen der Forschung.
Fußballstadien bieten engmaschige Notfallversorgung
Obwohl Notfallsituationen in Stadien oft schnell in den Fokus rücken, da viele Fanszenen ihre Unterstützung vorübergehend einstellen, lässt sich statistisch keine Zunahme von Notarzteinsätzen feststellen. So müssen beispielsweise im Stuttgarter Bundesliga-Stadion pro Spiel derzeit je etwa 10 bis 12 Personen medizinisch versorgt werden. Davon benötigen nur 3 bis 5 Personen anschließend eine weitere Behandlung im Krankenhaus. Reanimationen sind dabei sehr selten. Häufigere Gründe für Einsätze sind lange Treppenwege oder extreme Temperaturen, während Alkoholvergiftungen vergleichsweise selten vorkommen. Sollte dennoch ein medizinischer Notfall vorkommen, bieten Stadien engmaschige Versorgungsstrukturen mit einer schnellen Verfügbarkeit von Sanitäterinnen und Sanitätern.
Tipps für den herzgesunden Stadionbesuch
Unser Experte gibt folgende Empfehlungen – insbesondere für Personen mit bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen:
- Alkohol nur in Maßen konsumieren
- Ausreichend nicht-alkoholische Getränkte zu sich nehmen
- Vormedikation nicht vergessen
- Stress durch rechtzeitige Anreise vermeiden
- Extreme emotionale Belastungen möglichst durch Pausen oder kurze Bewegung unterbrechen
- Bei Brustschmerzen, Luftnot oder Herzrasen sofort medizinische Hilfe suchen
- Defibrillatoren und Sanitätsstationen im Stadion kennen
FAQ – Häufige Fragen zu Stadionbesuchen und Herzgesundheit
Der Experte Prof. Dr. KR Julian Chun vom Cardioangiologischen Centrum Bethanien in Frankfurt am Main beantwortet weitere häufige Fragen (FAQ) zum Thema:
Für gesunde Menschen stellen Stadionbesuche normalerweise kein relevantes Risiko dar. Anders sieht es bei Menschen mit bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus. Studienergebnisse zeigen, dass insbesondere Personen mit bestehender koronarer Herzkrankheit oder Herzrhythmusstörungen ein deutlich erhöhtes Risiko für akute Ereignisse während besonders emotionaler Spiele hatten. Die Kombination aus emotionalem Stress, Alkoholkonsum, Schlafmangel und körperlicher Belastung kann dabei als Auslöser wirken.
Nein. Ein Stadionbesuch sollte grundsätzlich auch für Herzpatienten möglich sein. Wichtig ist jedoch, dass die Erkrankung gut eingestellt ist. Patientinnen und Patienten mit bekannter koronarer Herzkrankheit, Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen sollten ihre Medikamente konsequent einnehmen und Warnsymptome ernst nehmen. Gerade für Betroffene mit Vorhofflimmern kann eine starke emotionale Belastung gelegentlich Episoden auslösen.
Emotionen bringen das Herz zum Rasen, manchmal aber auch aus dem Takt. Genau deshalb lautet die Botschaft des #PulseDay: „Kenne deinen Puls“ oder „#FEELTHEPULSE“; Vorhofflimmern und andere relevante Herzrhythmusstörungen betreffen im Laufe des Lebens etwa jeden dritten Menschen. Häufig bleiben sie lange unbemerkt mit potenziell schwerwiegenden Folgen. Vorhofflimmern zählt zu den wichtigsten vermeidbaren Ursachen für Schlaganfälle und kann langfristig zur Entwicklung einer Herzschwäche beitragen. Eine einfache Pulskontrolle kann helfen, Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig medizinisch abklären zu lassen.
Fußballstadien und Fanmeilen sind daher nicht nur Orte großer Emotionen, sondern auch ideale Plattformen, um das Bewusstsein für Herzrhythmusstörungen zu stärken und Menschen für die Bedeutung eines regelmäßigen Pulsschecks zu sensibilisieren. Der #PulseDay möchte genau dazu beitragen: Herzrhythmusstörungen früher erkennen, bevor Komplikationen entstehen.
Weitere informative Artikel dazu finden Sie auf unserer Übersichtsseite Blutdruck.