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EP-Fall 19: Rezidivierende ICD-Schocks bei spontanem Typ-1-EKG – ein komplexer Brugada-Fall

In diesem Beitrag erläutern die Autor:innen den Fall eines 40-jährigen Patienten mit Brugada-Syndrom und rezidivierenden, trotz antiarrhythmischer Therapie persistierenden ventrikulären Arrhythmien, bei dem eine epikardiale Katheterablation durchgeführt wurde.

Von:

 

Dr. Zoe Vogel

Roman Michalski

Prof. Dr. Arian Sultan

Prof. Dr. Arash Arya

 

Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin, Asklepios Klinik St. Georg, Hamburg

 

Universitätsklinik und Poliklinik für Innere Medizin III, Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin, Universitätsmedizin Halle,

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle (Saale)

 

Medizinische Fakultät Universität zu Köln, Köln

 

29.06.2026

Bildquelle (Bild oben): A to Z – stock.adobe.com

Fallvorstellung

Ein 40-jähriger Patient mit Brugada-Syndrom wurde aufgrund rezidivierender ICD-Schockabgaben bei Kammerflimmern trotz antiarrhythmischer Therapie an die Universitätsklinik Halle überwiesen. Die ursprüngliche antiarrhythmische Therapie mit Quinidin wurde wegen einer toxischen Hepatopathie beendet. Nach Umstellung auf Cilostazol kam es zu einer deutlichen Zunahme ventrikulärer Arrhythmien mit multiplen adäquaten ICD-Therapien.


Die Diagnose eines Brugada-Syndroms war bereits im jungen Erwachsenenalter nach überlebtem plötzlichem Herztod bei spontanem Typ-1-EKG (Abbildung 1) kurioserweise durch Prof. Brugada selbst gestellt worden. Aufgrund der persistierenden ventrikulären Arrhythmien trotz antiarrhythmischer Therapie wurde auf Grund der Substratlokalisation des Brugada-Syndroms die Indikation zur epikardialen Katheterablation gestellt.

Abbildung 1 Spontanes Brugada Typ 1 EKG, ST-Veränderung mit rotem Pfeil markiert, früh einfallende monomorphe VES mit blauem Pfeil markiert
Abbildung 1 Spontanes Brugada Typ 1 EKG, ST-Veränderung mit rotem Pfeil markiert, früh einfallende monomorphe VES mit blauem Pfeil markiert

Ablationsstrategie und Vorgehen

Die Ablation erfolgte in Analgosedierung mit Anlage femoraler Zugänge sowie fluoroskopischer trockener epikardialer Perikardpunktion (Abbildung 2). 

Fluoroskopische Darstellung einer trockenen Perikardpunktion.
Abbildung 2: Fluoroskopische Darstellung einer trockenen Perikardpunktion. A) Darstellung in anterior-posterior (AP) mit perikardialer Drahtlage. B) Darstellung einer perikardialen Drahtlage in left anterior oblique (LAO).

Entsprechend der beschriebenen substratbasierten Ablationsstrategie (1) wurde ein hochauflösendes epikardiales elektroanatomisches Mapping des rechtsventrikulären Ausflusstrakts (RVOT) sowie des rechten Ventrikels mittels Optrell-Katheter durchgeführt (Abbildung 3 und 4A). 

Darstellung der intrakardialen Signale mittels Optrell-Katheter sowie EKG-Ableitungen
Abbildung 3: Darstellung der intrakardialen Signale mittels Optrell-Katheter sowie EKG Ableitungen I, II, V1 und V6. A)Fraktionierte Potentiale (FPs) markiert mit rotem Pfeil. B) Late Potentials (LPs) markiert mit blauem Pfeil
Epikardiale multipolare hochauflösende Substratmaps. A) Ansicht in right anterior oblique (RAO) des rechten Ventrikels (RV) und rechtsventrikulären Ausflusstrakts (RVOT) vor der Ablation.
Abbildung 4: Epikardiale multipolare hochauflösende Substratmaps. A) Ansicht in right anterior oblique (RAO) des rechten Ventrikels (RV) und rechtsventrikulären Ausflusstrakts (RVOT) vor der Ablation. Mit blauen Pfeilen ist der automatisch annotierte Bereich der Spätpotentiale (LPs) markiert. B) Nach der Ablation und unter Provokation mittels Ajmalin werden im Remap keine Spätpotentiale mehr annotiert.

Hierbei zeigten sich insbesondere im Bereich des epikardialen RVOT ausgedehnte pathologische fraktionierte Potentiale (FP) und späte epikardiale Potentiale als Ausdruck des arrhythmogenen Substrats (Abbildung 3). Mittels irrigiertem Kontaktkraft-Ablationskatheter (STSF) erfolgte die großflächige Ablation (Abbildung 5) sämtlicher pathologischer Areale bis zur vollständigen Elimination der auffälligen Signale.

Abbildung 5: Hochauflösendes epikardiales Substratmap nach der Ablation in zwei Ebenen
Abbildung 5: Hochauflösendes epikardiales Substratmap nach der Ablation in zwei Ebenen

Anschließend wurde unter Ajmalin-Provokation ein erneutes epikardiales Map erstellt. Dabei konnten im Bereich der zuvor markierten Regionen keine residualen FPs oder LPs mehr nachgewiesen werden (Abbildung 4B). Auch im konventionellen 12-Kanal-EKG zeigte sich eine „Normalisierung“ des EKGs (Abbildung 6). Eine programmierte ventrikuläre Stimulation wurde nicht durchgeführt.

 
In Abbildung 6 ist der deutliche Unterschied des 12-Kanal-EKGs vor Ablation mit spontanem Typ-1-Brugada-Muster im Vergleich zum postinterventionellen Befund unter Ajmalin-Provokation dargestellt. 

Abbildung 6: 12-Kanal-EKG A) Vor der Ablation mit Markierung des spontanen Typ 1 EKGs (roter Pfeil) und B) Nach der Ablation unter Ajmalinprovokation mit blauem Pfeil kein Typ 1 EKG mehr sichtbar in V1
Abbildung 6: 12-Kanal-EKG A) Vor der Ablation mit Markierung des spontanen Typ 1 EKGs (roter Pfeil) und B) Nach der Ablation unter Ajmalinprovokation mit blauem Pfeil kein Typ 1 EKG mehr sichtbar in V1

Dieser Case beschreibt den seltenen Fall der Dislokation eines ILR in die Pleura. Sollte ein ILR in loco typico präkordial nicht abfragbar sein, ist an diese Komplikation zu denken. Vermieden wird diese Komplikation durch streng subkutane Injektion des Devices.

Diskussion

Das Brugada-Syndrom ist eine seltene hereditäre Ionenkanalerkrankung mit einer geschätzten Prävalenz von etwa 0,5–7‰, abhängig von der untersuchten Population, wobei insbesondere in asiatischen Populationen höhere Prävalenzen beschrieben wurden (2). Es ist mit malignen ventrikulären Arrhythmien und einem erhöhten Risiko für den plötzlichen Herztod assoziiert. Klassischerweise wird das Syndrom mit einer Funktionsstörung des kardialen Natriumkanals NaV1.5 in Verbindung gebracht. Pathogene Varianten im SCN5A-Gen, welches die α-Untereinheit des kardialen Natriumkanals kodiert, lassen sich jedoch nur bei einem Teil der Betroffenen nachweisen (3).


Das heutige Verständnis des Brugada-Syndroms geht zunehmend über das Konzept einer isolierten Kanalopathie hinaus. Insbesondere im Bereich des rechtsventrikulären Ausflusstrakts konnten fibrotische Veränderungen, epikardiale Leitungsverzögerungen sowie pathologische fraktionierte und späte Potentiale als Ausdruck eines arrhythmogenen Substrats beschrieben werden. Auf Grundlage dieses Substratkonzepts etablierten Pappone et al. eine substratbasierte epikardiale Ablationsstrategie mit Identifikation und Elimination pathologischer epikardialer Potentiale insbesondere im Bereich des epikardialen RVOT (1).


Aktuelle Arbeiten weisen zudem auf eine mögliche immunvermittelte Beteiligung hin. Tarantino et al. konnten 2024 Anti-NaV1.5-Autoantikörper bei Patient:innen mit Brugada-Syndrom nachweisen, unabhängig vom SCN5A-Mutationsstatus. Darüber hinaus führten diese Autoantikörper experimentell zu einer Reduktion des Natriumstroms sowie zur Induktion Brugada-typischer EKG-Veränderungen im Tiermodell (4). Das Konzept sogenannter „autoimmune cardiac channelopathies“ wurde zuletzt auch in einer aktuellen Übersichtsarbeit aufgegriffen (5).


In unserem Fall erfolgte die Ablation entsprechend der von Pappone et al. beschriebenen Strategie mittels hochauflösendem epikardialem elektroanatomischem Mapping vor und nach Ajmalin-Provokation. Pathologische Elektrogramme wurden anhand verlängerter, fraktionierter oder verzögerter Potentiale identifiziert und in dreidimensionalen elektroanatomischen Maps dargestellt. Analog zur diagnostischen Dosierung erfolgte nach Ablation eine Ajmalin-Provokation mit anschließendem Remapping zur Demaskierung residueller pathologischer Elektrogramme und Beurteilung des Ablationserfolgs. Dieses Vorgehen wird in bisherigen Studien als ergänzender Bestandteil substratbasierter Ablationsstrategien beschrieben (1,6).


Die kürzlich publizierte randomisierte Studie von Pappone et al. zeigte bei Hochrisiko-Patient:innen mit Brugada-Syndrom unter epikardialer Substratablation eine deutliche Reduktion rezidivierender Kammerflimmer-Episoden (VF) im Vergleich zur alleinigen ICD-Therapie. Nach etwa vier Jahren waren 96 % der abladierten Patient:innen frei von VF-Rezidiven gegenüber 50 % in der Kontrollgruppe. Zudem führte die Ablation zur Elimination des arrhythmogenen epikardialen Substrats, zur Normalisierung des Brugada-EKG-Musters sowie zu einer Verbesserung der Lebensqualität (7).


Die aktuellen ESC-Leitlinien sehen die Katheterablation bei Patient:innen mit Brugada-Syndrom und rezidivierenden adäquaten ICD-Therapien trotz antiarrhythmischer Therapie als Klasse-IIa-Empfehlung vor (3). Der vorliegende Fall unterstreicht die Bedeutung der epikardialen Substratablation als effektive Therapieoption insbesondere bei Hochrisiko-Patient:innen mit limitierten medikamentösen Therapieoptionen.

Referenzen

(1) Pappone C, Brugada J, Vicedomini G, Ciconte G, Manguso F, Saviano M, et al. Electrical Substrate Elimination in 135 Consecutive Patients With Brugada Syndrome. Circ Arrhythm Electrophysiol. 2017;10(5):e005053. doi:10.1161/CIRCEP.117.005053.


(2) Gaita F. Brugada syndrome: identification of subjects at risk and therapy. Eur Heart J Suppl. 2024;26(Suppl 1):i69–i73. doi:10.1093/eurheartjsupp/suae021.


(3) Zeppenfeld K, Tfelt-Hansen J, de Riva M, et al. 2022 ESC Guidelines for the management of patients with ventricular arrhythmias and the prevention of sudden cardiac death. Eur Heart J. 2022;43:3997–4126. doi:10.1093/eurheartj/ehac262.


(4) Tarantino A, Ciconte G, Melgari D, Frosio A, Ghiroldi A, Piccoli M, et al. NaV1.5 autoantibodies in Brugada syndrome: pathogenetic implications. Eur Heart J. 2024;45:4336–4348. doi:10.1093/eurheartj/ehae480.


(5) Lazzerini PE, Boutjdir M. Autoimmune cardiac channelopathies and heart rhythm disorders: A contemporary review. Heart Rhythm. 2025;22:1541–1561. doi:10.1016/j.hrthm.2025.03.1879.


(6) Behr ER, Winkel BG, Ensam B, Alfie A, Arbelo E, Berry C, et al. The diagnostic role of pharmacological provocation testing in cardiac electrophysiology: a clinical consensus statement of the European Heart Rhythm Association and the European Association of Percutaneous Cardiovascular Interventions (EAPCI) of the ESC, the ESC Working Group on Cardiovascular Pharmacotherapy, the Association of European Paediatric and Congenital Cardiology (AEPC), the Paediatric & Congenital Electrophysiology Society (PACES), the Heart Rhythm Society (HRS), the Asia Pacific Heart Rhythm Society (APHRS), and the Latin American Heart Rhythm Society (LAHRS). Europace. 2025;27(4):euaf067. doi:10.1093/europace/euaf067.


(7) Pappone C, Ciconte G, Vicedomini G, Micaglio E, Boccellino A, Negro G, et al. Epicardial ablation in high-risk Brugada syndrome to prevent ventricular fibrillation: results from a randomized clinical trial. Europace. 2025;27:euaf097. doi:10.1093/europace/euaf097.

Zur Autorin

Dr. Zoe Vogel

Dr. Zoe Vogel ist Ärztin in Weiterbildung am Asklepios Krankenhaus St. Georg in Hamburg mit einem Schwerpunkt in Elektrophysiologie in der Abteilung von Prof. Arian Sultan. Zuvor arbeitete sie mit Prof. Arash Arya am Universitätsklinikum Halle. 

Dr. Zoe Vogel

Zum Autor

Roman Michalski

Roman Michalski ist am Universitätsklinikum Halle in der Elektrophysiologie unter der Leitung von Prof. Arya tätig. 

Roman Michalski

Zur Autorin

Prof. Dr. Arian Sultan

Prof. Dr. med. Arian Sultan, FEHRA, ist Leiterin der Elektrophysiologie am Herzzentrum St. Georg sowie stellvertretende Sprecherin der AGEP. 

Prof. Dr. Arian Sultan

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Prof. Dr. Arash Arya

Prof. Dr. med. Arash Arya ist ein führender Elektrophysiologe und Leiter der Abteilung für Elektrophysiologie am Universitätsklinikum Halle (Saale). Mit seiner umfassenden klinischen und wissenschaftlichen Expertise im Bereich der Behandlung komplexer Herzrhythmusstörungen und der Katheterablation treibt er Innovationen in der Herzrhythmusmedizin voran und leitet zahlreiche Forschungsinitiativen.

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