Das China Rural Hypertension Control Project (CRHCP) ist eine große, offene, cluster-randomisierte Studie in ländlichen Regionen Chinas.*2 Insgesamt wurden 326 Dörfer und 33.995 Erwachsene mit arterieller Hypertonie im Verhältnis 1:1 einer intensivierten, durch nichtärztliche lokale Gesundheitsversorger („non-physician community healthcare providers“, NPCHP) geleiteten Blutdruckbehandlung oder der üblichen Versorgung zugelost. Die Intervention verfolgte ein Blutdruckziel von <130/80 mmHg und umfasste ein strukturiertes Schema zur Einleitung und Titration antihypertensiver Medikamente, Maßnahmen zu häuslicher Blutdruckmessung, Lebensstil und Therapieadhärenz sowie kostenlose bzw. vergünstigte Medikamente. Die aktive randomisierte Interventionsphase dauerte 4 Jahre. Anschließend folgten weitere 3 Jahre Nachbeobachtung ohne kostenlose bzw. vergünstigte Medikamente, die Betreuung durch NPCHP mit der Option Hypertonie-Spezialistinnen- und -Spezialisten zu konsultieren, blieb aber bestehen.
*In der Präsentation beim ESC-Kongress wurde nicht auf das Design der CRHCP-Studie sowie die Blutdruckdaten eingegangen, diese sind der aktuellen Publikation zu entnehmen, die aber keine Demenz-Endpunkte berichtet hat.
Das mittlere Alter betrug ~63 Jahre, ~61 % der Teilnehmenden waren Frauen. Am Ende von Jahr 4 lag der Blutdruck bei 127,6/72,6 mmHg gegenüber 147,9/81,1 mmHg, nach 7 Jahren betrug er 138,8/80,7 mmHg gegenüber 152,3/86,1 mmHg. Kognitive Untersuchungen wurden nach 4 und 7 Jahren durchgeführt. Primärer neurologischer Endpunkt der jetzt vorgestellten Analyse war eine nach NIA-AA-Kriterien adjudizierte Demenz, zudem wurde eine kognitive Beeinträchtigung ohne Demenz (CIND) erfasst. Für die Jahre 4–7 wurde zusätzlich eine Landmark-Analyse bei denjenigen Teilnehmenden durchgeführt, die nach 4 Jahren noch keine Demenz aufwiesen.
Nach 7 Jahren war bei 8,85 % der ursprünglich intensiv behandelten Patientinnen und Patienten gegenüber 10,55 % derjenigen unter Standardversorgung eine Demenz diagnostiziert worden. Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion um 15 % (adjustiertes RR 0,85; 95%KI [0,78–0,91]; p<0,001). Bereits nach 4 Jahren hatte sich ein signifikanter Vorteil gezeigt (4,59 % vs. 5,40 %; RR 0,88; 95%KI [0,79–0,98]). Der Unterschied setzte sich in der anschließenden dreijährigen Nachbeobachtung bei den bis Jahr 4 demenzfreien Patientinnen und Patienten weiter fort: 5,83 % vs. 6,97 %, entsprechend einem RR von 0,84 (95%KI [0,76–0,93]). Darüber hinaus war das Risiko für eine kognitive Beeinträchtigung ohne Demenz (CIND) von 15,2% auf 12,4% reduziert (Angaben zur Signifikanz fehlten in der Präsentation).
Die Beziehung zwischen arteriellem Blutdruck und Demenz ist komplex: Zwar ist ein sehr hoher Blutdruck mit einem erhöhten späteren Demenzrisiko assoziiert. Beobachtungsstudien bei älteren Menschen zeigten jedoch teilweise eine U-förmige Beziehung: Nicht nur sehr hohe, sondern auch „normale“ Blutdruckwerte waren mit einer erhöhten Demenzinzidenz verbunden, wobei der Scheitelpunkt der Kurve in manchen Untersuchungen bei hypertensiven Werten von ~150-170 mmHg lag.3 Daraus entstand die Sorge, eine zu starke Blutdrucksenkung könnte insbesondere bei älteren Menschen durch eine verminderte zerebrale Perfusion kognitive Nachteile haben. Bei nicht randomisierten Daten ist jedoch die Gefahr der reversen Kausalität erheblich, Blutdruckwerte könnten bereits Jahre vor der klinischen Manifestation einer Demenz aufgrund von Frailty oder einer gestörten autonomen Regulation abfallen. SPRINT-MIND, eine Substudie der randomisierten SPRINT-Studie, hatte bereits einen Anhalt dafür ergeben, dass eine intensivierte Blutdruckkontrolle doch von Vorteil sein dürfte.4 Bei einem systolischen Zielwert <120 gegenüber <140 mmHg trat eine wahrscheinliche Demenz numerisch seltener auf (HR 0,83; 95%KI [0,67–1,04]), ohne dass die statistische Signifikanz erreicht wurde. Mild Cognitive Impairment (MCI) sowie der kombinierte Endpunkt aus MCI und Demenz waren signifikant reduziert.
Vor diesem Hintergrund sind die CRHCP-Daten besonders relevant. Die auf dem ESC-Kongress präsentierte Analyse dieser sehr großen, randomisierten Studie zeigte bereits während der 4-jährigen aktiven Interventionsphase eine signifikante Reduktion der Demenz.5 In der nun 7-jährigen Nachbeobachtung wird dieser Befund nicht nur bestätigt, sondern der relative Unterschied nahm noch etwas zu. Auch bei den nach 4 Jahren noch demenzfreien Patientinnen und Patienten blieb während der folgenden 3 Jahre ein signifikanter Vorteil der ursprünglichen Interventionsgruppe nachweisbar. Allerdings sollte dies nicht ausschließlich als „Memory“-Effekt der ersten 4 Jahre interpretiert werden.
Obwohl die Studienintervention nur eingeschränkt fortgeführt wurde, blieb der systolische Blutdruck nach 7 Jahren um etwa 13,5 mmHg niedriger als in der Kontrollgruppe. Wahrscheinlich spiegeln die Demenzergebnisse daher sowohl die längerfristigen Auswirkungen der frühen intensiven Blutdrucksenkung als auch die über die Jahre 4 bis 7 fortbestehende bessere Blutdruckkontrolle wider.
Vaskuläre und neurodegenerative Veränderungen entwickeln sich über viele Jahre, bevor eine klinisch manifeste Demenz diagnostiziert werden kann. Deshalb ist es plausibel, dass sich der Nutzen einer konsequenten Blutdruckkontrolle mit längerer Beobachtungszeit noch deutlicher manifestiert. Ob sich die Kurven bei noch längerer Beobachtung tatsächlich weiter auseinanderentwickeln, muss durch weitere Follow-up-Daten gezeigt werden. Zudem ist aus den präsentierten Daten nicht abzuleiten, ob eine noch frühere konsequente Blutdruckkontrolle in jüngerem Lebensalter den präventiven Effekt weiter steigert.
Die jetzt vorliegenden Ergebnisse liefern überzeugende randomisierte Evidenz dafür, dass eine konsequente Blutdruckkontrolle nicht nur Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz verhindert, sondern auch einen relevanten Beitrag zur Primärprävention von Demenz leisten kann. Dabei unterstützen sie den von der ESC empfohlenen Zielwert <130/80 mmHg und räumen frühere Sicherheitsbedenken bezüglich kognitiver Effekte der Blutdrucksenkung aus. Da Demenz nicht heilbar ist, kommt der Prävention durch Blutdruckkontrolle eine entscheidende Bedeutung zu (dies gilt natürlich auch für kardiovaskuläre Erkrankungen). Dies kann auch ein wichtiges Argument in der Arzt-Patienten-Kommunikation zur Steigerung der Adhärenz in der Hypertoniebehandlung sein, da die Furcht vor Demenz teils ausgeprägter erscheint als die vor kardiovaskulären Endpunkten.
Mein Fazit: Wir brauchen eine konsequente Blutdruckkontrolle zur Demenzprävention – die Evidenz ist überzeugend!
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