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ORBITA-CTO: Symptomreduktion durch CTO-PCI

Die interventionelle Behandlung chronischer Koronarverschlüsse (CTO) bewegt die interventionelle Kardiologie seit Jahren: technisch komplex, ressourcenintensiv und hinsichtlich ihrer klinischen Wirksamkeit lange umstritten. Dabei rückte die Frage nach der technischen Machbarkeit in spezialisierten Zentren bei Erfolgsraten von >90 % zunehmend in den Hintergrund. Ob die CTO-PCI Patientinnen und Patienten jedoch tatsächlich hilft – und nicht lediglich einem Placebo-Effekt unterliegt –, blieb wissenschaftlich unbeantwortet. Mit der ORBITA-CTO-Studie liegt erstmals eine Sham-kontrollierte, randomisierte Antwort vor, die eindeutig ausfällt.


Dr. Mohamed Ayoub (Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen), Prof. Kambis Mashayekhi (MEDICILIN Herzzentrum Lahr) und Prof. Tanja Rudolph (Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen) kommentieren aus interventionell-kardiologischer Sicht.

Von:

Dr. Mohamed Ayoub

Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen

 

Prof. Kambis Mashayekhi

MEDICLIN Herzzentrum Lahr

 

Prof. Tanja Rudolph

Rubrikleiterin Strukturelle Herzerkrankungen

 

03.06.2026

Bildquelle (Bild oben): Explode / Shutterstock.com

Bisheriger Stand der Forschung

Bisher gab es unter anderem zwei große randomisierte Studien, die den symptomatischen Nutzen der CTO-PCI untersuchten. Die EURO-CTO-Studie schloss knapp 400 Patientinnen und Patienten ein und zeigte eine signifikante Verbesserung der Angina und der Lebensqualität durch CTO-PCI gegenüber der medikamentösen Therapie (OMT). Die Studie war allerdings nicht für harte klinische Endpunkte wie Mortalität oder Myokardinfarkt gepowert. Kontrovers waren die Daten der randomisierten DECISION-CTO-Studie mit über 800 Personen, die keinen symptomatischen Benefit einer zusätzlichen CTO-PCI zeigten. Ursächlich hierfür waren die hohen Cross-over-Raten von ~20 % (von medikamentös zur PCI) sowie die Interventionen an begleitenden Nicht-CTO-Gefäßen, die eine eindeutige Auswertung des symptomatischen Effekts erschwerten.

 

Eine neuere gepoolte Post-hoc-Analyse basierend auf den Rohdaten beider randomisierten Studien bei Personen mit singulärer CTO ohne begleitende signifikante Stenosen ergab nun ein klares Bild und wurde zuletzt in JACC publiziert. Es zeigte sich ein eindeutiger symptomatischer Benefit der CTO-PCI gegenüber einer alleinigen medikamentösen Therapie.

Die aktuelle ORBITA-CTO-Studie

Nachdem die erste ORBITA-Studie nach nur 6-wöchigem Follow-up keinen symptomatischen Benefit einer PCI bei hämodynamisch relevanten, nicht verschlossenen Stenosen gezeigt hatte, wurde rasch der Vorwurf eines Placeboeffekts laut. Tatsächlich lag der entscheidende methodische Unterschied jedoch in der medikamentösen Vorbehandlung: ORBITA-1 optimierte die antianginöse Therapie bereits vor der Randomisierung — die Medikamente hatten den Großteil der Symptome bereits abgebaut, sodass PCI kaum einen messbaren Zusatznutzen erzielen konnte. Die nachfolgende ORBITA-2-Studie korrigierte diesen Ansatz, indem sie Antianginosa bewusst entzog, um den isolierten Effekt der Revaskularisation zu quantifizieren — mit einem klaren positiven Ergebnis (OR 2,85; p[Benefit]=99,9 %).


Kritiker der CTO-PCI hatten in der Vergangenheit ebenfalls wiederholt die Frage nach einem Placebo-Effekt gestellt — und dies nicht ohne Grund, denn bei einem technisch aufwändigen Eingriff mit bekannt hohem psychologischen Erwartungseffekt ist eine Sham-Kontrolle methodisch zwingend. Genau dieser Fragestellung widmete sich nun die ORBITA-CTO-Studie, die im März 2026 auf dem ACC-Kongress präsentiert wurde. Als weltweit erste placebokontrollierte, randomisierte Studie zur CTO-PCI untersuchte sie, ob eine CTO-PCI die Symptome tatsächlich über einen Placebo-Effekt hinaus verbessert. Eingeschlossen wurden symptomatische Patientinnen und Patienten mit nachgewiesener Ischämie und Myokardvitalität im CTO-Versorgungsgebiet. Alle Teilnehmenden hatten vor der Randomisierung eine optimierte antianginöse Medikation erhalten und wurden anschließend 1:1 randomisiert: entweder zu einer CTO-PCI oder zu einem Schein-Eingriff (sham) unter identischen Bedingungen, einschließlich Sedierung und Schleusenanlage.

Methodik und Studiendesign

Zwischen 2021 und 2025 wurden insgesamt 50 Patientinnen und Patienten unter tiefer Sedierung und vollständiger Verblindung (einschließlich akustischer Isolation im Katheterlabor) 1:1 randomisiert zu einer CTO-PCI oder einem Schein-Eingriff (sham).


Der primäre Endpunkt war ein zusammengesetzter Angina-Symptom-Score, der tägliche Beschwerden (erfasst per Smartphone-App), den Medikamentenbedarf sowie klinische Ereignisse umfasste. Sekundäre Endpunkte umfassten die Lebensqualität, die CCS-Klasse, den Seattle-Angina-Fragebogen (SAQ) sowie die Qualität der Verblindung.

Ergebnisse

Im Vergleich zur Placebo-Gruppe führte die CTO-PCI zu einer sofortigen und anhaltenden Verbesserung des Angina-Symptom-Scores (OR 4,38; 95%KI [1,57; 12,69]). Ursächlich hierfür war vor allem eine deutliche Reduktion der Angina-Episoden (OR 4,38; 95%KI [1,55; 11,78]).


Auch im Seattle-Angina-Fragebogen zeigten sich Verbesserungen bei der Anginafrequenz, den körperlichen Einschränkungen, der Lebensqualität und dem Gesamtscore. Darüber hinaus verbesserte sich die CCS-Klasse der Patientinnen und Patienten. Die Verblindung von Teilnehmenden, Studienpersonal und Untersuchenden konnte während der gesamten Studie erfolgreich aufrechterhalten werden.


Nach sechs Monaten zeigte sich unter CTO-PCI eine signifikante und anhaltende Reduktion der Angina pectoris im Vergleich zur Placebo-Gruppe. Patientinnen und Patienten berichteten über weniger Angina-Episoden, mehr beschwerdefreie Tage sowie eine verbesserte Lebensqualität und körperliche Belastbarkeit.

Auch im Seattle-Angina-Fragebogen zeigten sich Verbesserungen bei der Anginafrequenz, den körperlichen Einschränkungen, der Lebensqualität und dem Gesamtscore. Darüber hinaus verbesserte sich die CCS-Klasse der Teilnehmenden. Die Verblindung von Patientinnen und Patienten, Studienpersonal und Untersuchenden konnte während der gesamten Studie erfolgreich aufrechterhalten werden.


Nach sechs Monaten zeigte sich unter CTO-PCI eine signifikante und anhaltende Reduktion der Angina pectoris im Vergleich zur Placebo-Gruppe. Patientinnen und Patienten berichteten über weniger Angina-Episoden, mehr beschwerdefreie Tage sowie eine verbesserte Lebensqualität und körperliche Belastbarkeit.

Bedeutung für den klinischen Alltag

Die Studie liefert damit erstmals robuste Daten dafür, dass der symptomatische Nutzen der CTO-PCI nicht auf einem Placeboeffekt beruht. Die Ergebnisse unterstützen den Einsatz der CTO-PCI bei Patientinnen und Patienten mit relevanter Symptomatik und eingeschränkter Lebensqualität.


Somit liefern aktuell zwei randomisierte Studien und eine gepoolte Analyse aus den beiden größten randomisierten Studien klare wissenschaftliche Evidenz dafür, dass es bei einer CTO-PCI mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu einer symptomatischen Verbesserung kommen wird (Tabelle 1).

Übersicht randomisierte Studien zum Thema CTO-PCI vs. OMT
Tabelle 1: Übersicht aller randomisierten Studien zum Thema CT- PCI vs. OMT

Limitationen und Einordnung

Eine kleine, präselektierte Population, die in hochspezialisierten Zentren behandelt wird, ist nicht gleichbedeutend mit der Versorgungsrealität. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob CTO-PCI wirkt – sondern bei wem sie wirkt und welches Zentrum sie durchführt. Diese Differenzierung bleibt auch nach ORBITA-CTO eine große klinische Herausforderung.

Fazit

ORBITA-CTO liefert das, worauf die interventionelle Kardiologie gewartet hat: den methodisch saubersten Beweis dafür, dass CTO-PCI Symptome bei sorgfältig selektierten Patientinnen und Patienten wirksam und nachhaltig lindert – weit über einen Placeboeffekt hinaus. Ob ein Einfluss auf harte klinische Endpunkte besteht, ist aus bisherigen Daten nicht klar. 


Die Frage ist nicht mehr, ob die CTO-PCI wirkt, sondern für wen sie indiziert ist. Hier bleibt die interdisziplinäre Selektion im Heart Team, gestützt auf Ischämienachweis, Vitalitätsdiagnostik und Zentrumserfahrung, der entscheidende klinische Schritt.

Zur Person

Dr. Mohamed Ayoub

Dr. Mohamed Ayoub ist Oberarzt für Interventionelle Kardiologie an der Klinik für Allgemeine und Interventionelle Kardiologie/Angiologie am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen. Er leitet das dortige CTO- und CHIP-Programm.
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Zur Person

Prof. Kambis Mashayekhi

Prof. Kambis Mashayekhi ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie am MEDICILIN Herzzentrum Lahr. Seine Behandlungsschwerpunkte liegen u. a. auf chronischen Koronarverschlüssen und High-Risk-PCI.

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Zur Person

Prof. Tanja Rudolph

Prof. Tanja Rudolph ist als Oberärztin und Leiterin der Interventionellen Kardiologie in der Klinik für Allgemeine und Interventionelle Kardiologie/Angiologie des Herz- und Diabeteszentrums NRW, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum, in Bad Oeynhausen tätig. Ihre fachlichen Zusatzqualifikationen (DGK) erwarb sie in den Bereichen der Interventionellen Kardiologie und Herzinsuffizienz.
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Key Facts der Studie

Die Studie untersuchte erstmals, ob eine PCI bei isoliertem chronischem Koronarverschluss (CTO-PCI) Angina-Beschwerden tatsächlich über einen Placeboeffekt hinaus verbessert.

Die Studie liefert erstmals robuste Evidenz dafür, dass der symptomatische Nutzen der CTO-PCI nicht auf einem Placeboeffekt beruht. Ob ein Einfluss auf harte klinische Endpunkte besteht, ist aus bisherigen Daten nicht klar.

Die Frage ist nicht mehr, ob die CTO-PCI wirkt, sondern für wen sie indiziert ist. Hier bleibt die interdisziplinäre Selektion im Heart Team, gestützt auf Ischämienachweis, Vitalitätsdiagnostik und Zentrumserfahrung, der entscheidende klinische Schritt.

Referenzen

  1. Khan S, Sajjad U, Fawaz S et al.; ORBITA-CTO Investigators. Randomized, Placebo-Controlled Trial of Chronic Total Occlusion Percutaneous Coronary Intervention in Stable Angina: The ORBITA-CTO Trial. J Am Coll Cardiol. 2026 Mar 29:S0735-1097(26)05745-1. doi: 10.1016/j.jacc.2026.03.027. Epub ahead of print.
  2. Werner GS, Martin-Yuste V, Hildick-Smith D et al.; EUROCTO trial investigators. A randomized multicentre trial to compare revascularization with optimal medical therapy for the treatment of chronic total coronary occlusions. Eur Heart J. 2018 Jul 7;39(26):2484-2493. doi: 10.1093/eurheartj/ehy220.
  3. Lee SW, Lee PH, Ahn JM et al. Randomized Trial Evaluating Percutaneous Coronary Intervention for the Treatment of Chronic Total Occlusion. Circulation. 2019 Apr 2;139(14):1674-1683. doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.118.031313.
  4. Werner GS, Kim JH, Hildick-Smith D et al.; EUROCTO and DECISION-CTO Trial Investigators. Quality of Life After Percutaneous Coronary Intervention or Medical Therapy for Chronic Total Coronary Occlusions: EUROCTO and DECISION-CTO Meta-Analysis. J Am Coll Cardiol. 2026 Apr 8:S0735-1097(26)05598-1. doi: 10.1016/j.jacc.2026.02.5099. Epub ahead of print.

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