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Quick Dive: Kardiopulmonale Reanimation

In unserer Reihe "Quick Dive" stellen die Autorinnen und Autoren von Publikationen medizinischer Fachgesellschaften prägnant die wichtigsten Hintergründe und Inhalte der jeweiligen Veröffentlichung vor. Dieses Mal wird eingetaucht in die:

Pocket-Leitlinie Kardiopulmonale Reanimation (Version 2026)

In Übereinstimmung mit den Leitlinien des German und European Resuscitation Council 

27.05.2026 | Verfasst von:  Wolfgang Schöls · Ibrahim Akin · Johann Bauersachs · Jana Boer · Angelika Costard-Jäckle · Norbert Frey · Volker Köllner · Holger Thiele · Dietlind Zohlnhöfer-Momm · Raffi Bekeredjian

Von:

Melissa Wilke

DGK-Redaktion

 

03.07.2026

Bildquelle (Bild oben): vovan / Shutterstock.com

5 Fragen an den Erstautor

Prof. Dr. Wolfgang Schöls, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung

Was sind Anlass und Ziel der Publikation?

 

Im Oktober 2025 hat das European Resuscitation Council (ERC) zum achten Mal in Folge die aktualisierten Leitlinien zur Reanimation für Europa herausgegeben. Solche Aktualisierungen erfolgen üblicherweise alle 5 Jahre und werden sowohl vom Deutschen Rat für Wiederbelebung (GRC) als auch von der Bundesärztekammer für Deutschland übernommen.

 

Der GRC stellt neben einer ungekürzten deutschen Übersetzung auch eine Kurzfassung der Leitlinien zur Verfügung. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie wird die Pocket-Leitlinie „Kardiopulmonale Reanimation“ erstellt, die sich als fachspezifisches Extrakt relevanter Aspekte der aktualisierten ERC-Leitlinien aus kardiologischer Sicht versteht.

 

Insbesondere für mutmaßlich kardiovaskulär bedingte Reanimations-Situationen sollen klare, prägnante Handlungsanweisungen ohne wesentlichen Interpretationsspielraum gegeben werden, dies unter Berücksichtigung der Besonderheiten und Spezifika im deutschsprachigen Raum. Die Pocket-Leitlinie gibt kardiologisch Tätigen die Möglichkeit, sich hinsichtlich fachspezifischer Aspekte der kardiopulmonalen Reanimation kurz und fokussiert auf den neuesten Stand zu bringen.

 

Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?

 

  1. Kaum grundsätzliche Neuerungen, eher Modifizierungen, Präzisierungen und Ergänzungen bestehender Handlungsanweisungen.
  2. Geringfügige, aber bedeutende Änderung bei den Basismaßnahmen der Wiederbelebung: Bei Vorfinden einer bewusstlosen Person ohne Reaktion auf Ansprache sofort 112 anrufen, erst dann Überprüfung der Atmung, entweder während des Wartens auf Verbindung oder ggf. anschließend unter Anleitung des Leitstellen-Disponenten.
  3. Zur Herzdruckmassage muss der Brustkorb nicht zwingend freigemacht werden, bei Auffinde-Situationen auf weicher Unterlage höheren Kompressionsdruck anwenden, keine Umlagerungsmanöver.
  4. Bei persistierendem Kammerflimmern nach dem dritten Schock Wechsel der Elektrodenposition von antero-lateral nach antero-posterior erwägen.
  5. Mechanische Thoraxkompressions-Systeme sind eher Ausnahmefällen vorbehalten, z. B. bei längeren Transporten oder während einer Koronarangiographie.
  6. Insbesondere im Herzkatheterlabor an die Möglichkeit der invasiven Blutdruckmessung und der kontrollierten Beatmung unter laufender Reanimation denken.
  7. In der Postreanimationsphase akute Koronarangiographie bei nachgewiesener ST-Hebung oder bei hoher Wahrscheinlichkeit für ein ursächliches koronares Ereignis, z.B. bei hämodynamischer oder elektrischer Instabilität.
  8. Nach prä- oder intrahopsitalem Kreislaufstillstand lediglich Fiebervermeidung für mindestens 72 Stunden, die gezielte Hypothermie wird nicht mehr empfohlen.

 

Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?

 

Empfehlungen, die sich an medizinisches Fachpersonal richten (erweiterte Reanimationsmaßnahmen, Postreanimationsbehandlung) und die auf einem hohen Evidenzgrad beruhen sind meist leicht umzusetzen. Allerdings sind prospektive randomisierte Studien in der Reanimationswissenschaft mit großen Schwierigkeiten behaftet und deshalb nur ausnahmsweise verfügbar. Empfehlungen beruhen oft auf Expertenmeinung oder auf Beobachtungsstudien und sind nicht immer auf den Einzelfall anwendbar. Hier ist nur auf den stetigen Erkenntniszuwachs zu hoffen, insbesondere durch den Einsatz neuer Methoden.

 

Im Gesamtkonzept der Wiederbelebung liegt das größte Potential in der Prähospitalphase, und hier sind in erster Linie medizinische Laien gefragt. Die Laien-Reanimationsquote in Deutschland ist zwar auf 55% angestiegen, liegt aber noch immer deutlich hinter der in den skandinavischen Ländern. Auch im Hinblick auf die Telefon-Reanimation, also die telefonische Anleitung von Ersthelfern durch Leitstellen-Disponenten, bestehen noch erhebliche Defizite. Lösungsansätze bieten z. B. der verpflichtende Reanimationsunterricht in Schulen, der Ausbau der Telefon-Reanimation und die Weiterentwicklung und Homogenisierung smartphone-basierter Ersthelfer-Apps.

 

Welche Punkte sind offengeblieben?

 

Aus den vorgenannten Gründen sind viele Detailfragen in der Reanimationswissenschaft offen oder zumindest strittig. Auch bleibt die Übertragbarkeit von Studienergebnissen auf den Einzelfall problematisch.

 

Optimierungsbedarf besteht bei der Erhöhung der Laienreanimationsquote, der Stellenwert des automatischen externen Defibrillators (AED) in Laienhänden ist weiterhin umstritten. Wie kann die Rolle des Leitstellen-Disponenten gestärkt werden, und wie kann eine flächendeckende, einheitliche Etablierung von Ersthelfer-Apps erreicht werden?

 

Ist die kontrollierte Hypothermie wirklich ineffektiv und welchen Stellenwert wird die extracorporale kardiopulmonale Reanimation (eCPR) künftig einnehmen? Wie lässt sich die neurologische Prognose besser abschätzen und welche Kriterien erlauben eine belastbare Entscheidung zum Abbruch von Reanimationsbemühungen? Dies sind beispielhaft nur einige der drängenden Fragen, deren baldmöglichste Klärung wünschenswert wäre. 

 

Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?


Im Hinblick auf die Laienreanimation hat die Einführung eines verpflichtenden Reanimationsunterrichts ab der 7. Schulklasse an Fahrt aufgenommen, bis zu einer bundesweiten Umsetzung ist es aber noch ein weiter Weg.

 

Die Notwendigkeit einer weiteren Professionalisierung von Rettungsdienst-Leitstellen in Sachen Telefon-Reanimation ist erkannt und wird bearbeitet, Entsprechendes gilt für smartphone-basierte Ersthelfer-Apps. Eine zunehmende Dichte von AED-Standorten und die Bereitstellung mobiler AEDs z. B. mit Hilfe von „Rettungsdrohnen“ eröffnet neue Möglichkeiten. Der Einsatz moderner, insbesondere KI-gestützter Technologien in allen genannten Bereichen lässt auf zügige Fortschritte hoffen.

 

Offene Fragen in der Postreanimations-Behandlung müssen in erster Linie durch klinische Studien geklärt werden, die kontinuierlich konzipiert und umgesetzt werden. Insofern bleibt mit großer Spannung abzuwarten, welche Neuerungen die Reanimations-Leitlinien 2030 bieten werden. 

Weiter zur vorgestellten Publikation:

Pocket-Leitlinie Kardiopulmonale Reanimation Version 2026.

Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz-und Kreislaufforschung e.V. (2026) Pocket-Leitlinien.

Börm Bruckmeier Verlag GmbH, Grünwald

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Schöls

Prof. Dr. Wolfgang Schöls war von 2004 bis 2025 Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Elektrophysiologie am Herzzentrum Duisburg. Darüber hinaus ist er Mitglied des Lenkungsausschusses des Nationalen Aktionsbündnisses für Wiederbelebung sowie stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung.

Professor Wolfgang Schöls

Kurzinfo: Die Formate der DGK-Publikationen

Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Stütze im klinischen Alltag, um ihre Patientinnen und Patienten nach neuestem Stand der Wissenschaft bestmöglich zu behandeln. Dabei dienen die Leitlinien als verlässliche Handlungsempfehlungen in spezifischen Situationen.

Pocket-Leitlinien sind Leitlinien in kompakter, praxisorientierter Form. Bei Übersetzungen von Pocket-Leitlinien der ESC werden alle Empfehlungsklassen und Evidenzgrade der Langfassung übernommen.

Master Pocket-Leitlinien stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Leitlinienempfehlungen in Form von grafischen Diagnose- und Therapiealgorithmen dar. Als Quelle der Empfehlungen dienen dabei vorwiegend die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstellten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) sowie deren deutsche Übersetzung durch die DGK.

CardioCards behandeln im Wesentlichen Themen der Diagnostik und Akuttherapie für den ambulanten Bereich. Hier werden die essenziellen Informationen von Leitlinien komprimiert und übersichtlich zusammengefasst.

Kommentare beinhalten Hinweise, wie sich die neuen von den alten Leitlinien unterscheiden, Hinweise auf wesentliche Neuerungen, die seit dem Erscheinen der ESC-Leitlinien bekannt geworden sind, Diskussion kontroverser Empfehlungen in den ESC-Leitlinien sowie Möglichkeiten und Grenzen der Leitlinienumsetzung im Bereich des deutschen Gesundheitswesens.

Ein Positionspapier behandelt eine Fragestellung von großem allgemeinen Interesse, für die keine aktuelle Leitlinie vorliegt.

Bei einem Konsensuspapier handelt es sich um ein von mehreren Fachgesellschaften getragenes Statement.

Diese Veröffentlichungen enthalten Empfehlungen einer DGK-Arbeitsgruppe zu einer speziellen Frage von großem Interesse.

Stellungnahmen der DGK beziehen sich auf gesundheitspolitische Fragestellungen und erfolgen durch den Vorstand, gemeinsam mit Kommissionen und Projektgruppen. Sofern möglich und sinnvoll, werden auch Fachgesellschaft-übergreifende Stellungnahmen ausgearbeitet.

Ein Manual ist eine praktisch orientierte Expertenempfehlung für wesentliche kardiovaskuläre Prozeduren.

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