PD Dr. Magdalena Balcerek, Universität Leipzig
Welche Motivation steht hinter dem Forschungsprojekt cardio-HOPE und was soll konkret erreicht werden?
Aufgrund der Fortschritte in Diagnostik und Behandlung überleben heute immer mehr Menschen eine Krebserkrankung. Allerdings können viele Jahre nach einer Krebsbehandlung Spätfolgen auftreten, die die Morbidität sowie das Mortalitätsrisiko der Langzeitüberlebenden erhöhen. So können sowohl eine Behandlung mit der Chemotherapiegruppe der Anthrazyklinen als auch eine thorakale Bestrahlung zu sich mitunter erst spät manifestierenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Beide Therapien werden oft in Kombination bei Hodgkin-Lymphom-Patientinnen und -Patienten im Kindes- und Jugendalter eingesetzt, die somit zu einer Hochrisikogruppe für späte Kardiotoxizität gehören.
Um diese Spätfolgen früh erkennen und behandeln zu können, werden Vorsorgeuntersuchungen empfohlen, wie sie u. a. in Cancer-Survivorship-Sprechstunden angeboten werden. Ergänzend lässt sich das individuelle Risiko für Spätfolgen durch einen gesunden Lebensstil positiv beeinflussen, sodass eine entsprechende Lebensstilberatung wichtiger Bestandteil dieser spezialisierten Sprechstunden ist. Studien zeigen allerdings, dass junge Menschen nach einer Hodgkin-Lymphom-Erkrankung oft nur wenig körperlich aktiv sind, sodass das Präventionspotential im Hinblick auf kardiovaskuläre Spätfolgen nach Krebs bisher unzureichend genutzt wird. In der cardio-HOPE-Studie soll daher untersucht werden, ob individuelle Beratungsangebote, verbunden mit digitalen Erfassungsmethoden, helfen können, die körperliche Bewegung im Alltag der Hodgkin-Lymphom-Überlebenden zu steigern und kardiovaskuläre Outcomes zu verbessern.
Worin besteht die Innovation gegenüber bisherigen Ansätzen und welches Vorgehen ist geplant?
In cardio-HOPE werden in einer 3-armigen randomisierten Interventionsstudie mit 200 Teilnehmenden an den Studienstandorten Leipzig und Gießen zwei unterschiedliche Beratungsansätze mit einer digitalen, technisch unterstützten Lösung mit einer Smartwatch und App kombiniert und gegenüber einer Kontrollgruppe ohne Beratung untersucht. Die Smartwatch erfasst kontinuierlich leistungsphysiologische Parameter im Alltag, die genutzt werden sollen, um Muster zu erkennen und Risikoprofile zu erstellen.
Dieser integrierte Ansatz soll Betroffene unterstützten, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen, während gleichzeitig individuellere und besser auf den persönlichen Bedarf zugeschnittene Prävention ermöglicht wird. Damit uns das gelingt, arbeiten wir schon seit der ersten Studienidee mit Krebsüberlebenden von Survivor Deutschland e.V. eng zusammen. So sollen umsetzbare, nachhaltige Umsetzungsstrategien konzipiert werden.
Die homogene Gruppe der mit Chemo- und Strahlentherapie behandelten Hodgkin-Lymphom-Überlebenden soll außerdem ermöglichen, die Studienergebnisse zum Einsatz digitaler Techniken in der Langzeitnachsorge im Anschluss für weitere Krebsüberlebendengruppen zu nutzen, da bisherige Arbeiten in diesem Bereich, insbesondere durch heterogene Studienkohorten, kaum übertragbare Ergebnisse für diesen wichtigen Präventionsansatz liefern konnten.
Welche Herausforderungen gilt es zu überwinden?
cardio-HOPE ist ein verzahntes Forschungsprojekt, bei dem die einzelnen Arbeitsschritte eng aufeinander abgestimmt sind. Dadurch entstehen Herausforderungen an unterschiedlichen Stellen, wie in der Projektadministration und der Koordination der beteiligten Partnerinnen und Partner, aber auch dem Einhalten des Zeitplans. Ein wichtiger Meilenstein wird die erfolgreiche Rekrutierung sein. Gleichzeitig verstehen wir diese Herausforderungen als gemeinsame Aufgabe. Die cardio-HOPE-Partnerinnen und -Partner arbeiten hierfür sehr eng zusammen. Gerade diese interdisziplinäre Zusammenarbeit und das große Engagement der Projektpartnerinnen und -partner bereiten nicht nur Freude in der Studiendurchführung, sondern sind aus unserer Sicht entscheidend dafür, dass cardio-HOPE erfolgreich umgesetzt werden kann.
Wie ist das Forschungsteam zusammengesetzt und welche Expertise bringen die Beteiligten ein?
Das Universitäre Krebszentrum Leipzig übernimmt die Verbundkoordination. Der cardio-HOPE-Verbund ist interdisziplinär und multiprofessionell aufgestellt. Beteiligt sind Ärztinnen und Ärzte mit Expertise im Bereich Cancer Survivorship und Kardiologie, Expertinnen und Experten aus den Bereichen Sportwissenschaft, Studienkoordination, Versorgungsforschung, Datenmanagement, Biometrik und technische Entwicklung sowie Krebsüberlebende. Viele der Beteiligten bringen zudem Erfahrung aus nationalen und internationalen Netzwerken ein.
Ausblick: Welche langfristigen Impulse für Forschung, Versorgung und Prävention könnten von dem Projekt ausgehen?
In den letzten zwei Jahrzehnten ist es durch gezielte wissenschaftliche Arbeit immer besser gelungen, Spätfolgen nach einer Krebserkrankung zu beschreiben. Wir wissen immer mehr zu Häufigkeiten, Risikofaktoren und auch Verläufen. Es gibt aber noch große Lücken bezüglich der Evidenz zu Strategien, um diesen Spätfolgen vorzubeugen, sie früh zu erkennen oder zu behandeln. Die in cardio-HOPE entwickelten Interventionen sollen beitragen, diese Lücke in der Versorgung und dem Alltag weiter zu schließen.
Wichtig ist uns hierbei, das zunehmende Wissen zu Spätfolgen und Langzeitverläufen nach einer Krebserkrankung und -behandlung auch in die medizinische Aus- und Weiterbildung zu integrieren. Langfristig sollen dadurch neue Erkenntnisse nicht nur innerhalb der wissenschaftlichen Community, sondern auch dauerhaft in der medizinischen Versorgung verankert werden. Auch wollen wir mittels moderner Wearables bislang noch kaum erforschte Sensorparameter genauer analysieren, um vielleicht neue zukünftige Standards in der telemedizinischen Diagnostik zu erforschen.