Dr. Fabian Voß, Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD)
Prof. Amin Polzin, Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD)
Welche Motivation steht hinter dem Forschungsprojekt MOTIVATE und was soll konkret erreicht werden?
Krebstherapien haben sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt. Dadurch überleben heute deutlich mehr Patientinnen und Patienten ihre Erkrankung. Gleichzeitig ist es aber so, dass die Therapien „herz-aggressiver“ geworden sind. Unser Ziel ist es daher, die Betroffenen möglichst sicher durch diese hochwirksamen, aber potenziell herzschädigenden Behandlungen zu begleiten. Dafür benötigen wir eine möglichst frühe Erkennung von kardialen Problemen, damit wir rechtzeitig eingreifen können und Krebstherapien nicht aufgrund von Herzkomplikationen unterbrochen oder sogar abgebrochen werden müssen. Das ist der Hintergrund, warum dieser Verbund unbedingt notwendig ist.
Worin besteht die Innovation gegenüber bisherigen Ansätzen und welches Vorgehen ist geplant?
Das Projekt vereint drei innovative Ansätze:
- Erstens beziehen wir die Patientinnen und Patienten aktiv in die Vorsorge ein. Dazu arbeiten wir eng mit Patientenvertreterinnen und -vertretern aus onkologischen und kardiologischen Selbsthilfegruppen zusammen. Mithilfe einer Virtual-Reality-basierten Patientenaufklärung möchten wir die Betroffenen befähigen, ihre Vorsorge aktiv mitzugestalten.
- Zweitens erfassen wir mithilfe von Wearables kontinuierlich Vitaldaten wie Herzfrequenz, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung. Wir hoffen, aus diesen Daten frühzeitig erkennen zu können, welche Patientinnen und Patienten ein erhöhtes Risiko für Kardiotoxizität haben.
- Drittens erhalten die Studienteilnehmenden eine besonders umfassende kardiologische Diagnostik. Hierzu gehören innovative MRT-Sequenzen, die weit über die in der Routineversorgung üblichen Untersuchungen hinausgehen. Dadurch möchten wir neue Zusammenhänge zwischen Krebstherapien und Herzgesundheit erkennen und langfristig individuellere Behandlungsstrategien entwickeln.
Insgesamt ist es angedacht, 160 Patientinnen und Patienten in die Studie aufzunehmen und umfassend zu untersuchen. Mit belastbaren Ergebnissen wird nach Abschluss der Studie Anfang 2029 gerechnet. Erste Daten werden bereits zuvor auf nationalen und internationalen Kongressen vorgestellt werden.
Welche Herausforderungen gilt es zu überwinden?
Die größte Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Ansätze in einem Studienprotokoll zu vereinen und gleichzeitig die Belastung für die Patientinnen und Patienten so gering wie möglich zu halten. Wir versuchen, die Untersuchungen so zu bündeln, dass möglichst wenige zusätzliche Termine notwendig sind.
Darüber hinaus arbeiten zahlreiche Fachdisziplinen eng zusammen: Onkologie, Hämatologie, Kardiologie, Psychosomatik, Versorgungsforschung sowie IT- und Datenwissenschaften. Diese Zusammenarbeit zu koordinieren und gleichzeitig den Aufwand für die Betroffenen gering zu halten, ist eine anspruchsvolle Aufgabe.
Wie ist das Forschungsteam zusammengesetzt und welche Expertise bringen die Beteiligten ein?
Beteiligt sind unter anderem die Universitätsfrauenklinik, die Hämatologie, die Kardiologie, die Versorgungsforschung sowie Informatik- und IT-Expertinnen und -Experten. Hinzu kommen ein Industriepartner für die Entwicklung der digitalen Anwendungen sowie die Kardiologie des Universitätsklinikums Aachen. Die Zusammenarbeit erfolgt in einem sehr engen Austausch mit regelmäßigen Treffen und Arbeitsgruppen.
Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist außerdem der Austausch mit den anderen vier kardio-onkologischen Verbünden. Bereits beim gemeinsamen Auftakttreffen in Berlin im Mai 2026 wurde eine enge Vernetzung aufgebaut. Inzwischen tauschen wir uns regelmäßig aus und prüfen, wie Daten gemeinsam genutzt werden können, um noch aussagekräftigere wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.
Darüber hinaus können wir Erfahrungen einbringen, die auf internationaler Ebene gesammelt werden, dort ist die kardiologische und onkologische Forschung sehr gut vernetzt. Wir stehen in engem Austausch mit verschiedenen europäischen Partnern, zum Beispiel mit Kolleginnen und Kollegen aus Madrid, mit denen wir unter der Leitung von Prof. Borja Ibáñez auf dem EU-geförderten RESILIENCE-Projekt zusammenarbeiten.
Ausblick: Welche langfristigen Impulse für Forschung, Versorgung und Prävention könnten von dem Projekt ausgehen?
Wir wollen ein besseres Verständnis dafür gewinnen, wie Krebstherapien das Herz beeinflussen und wie Risiken frühzeitig erkannt werden können. Gleichzeitig hoffen wir, neue Wege der Patientenaufklärung zu etablieren und Betroffene stärker in ihre eigene Vorsorge einzubeziehen. Langfristig könnte dies zu einer individuelleren und effizienteren Versorgung führen und sowohl die Belastung für das Gesundheitssystem als auch für die Betroffenen reduzieren.
In Bezug auf eine langfristig optimierte Versorgung durch Innovation, kann man sagen, dass die bisherigen Erfahrungen mit VR-Anwendungen sehr positiv sind. Die Patientinnen und Patienten nehmen das Angebot sehr gut an, weil sie sich in einer ruhigen und fokussierten Umgebung intensiv mit ihrer Erkrankung und den Möglichkeiten der Vorsorge auseinandersetzen können. Auch unser Patientenbeirat hat uns ausdrücklich darin bestärkt, diesen Ansatz weiterzuverfolgen.