HERZMEDIZIN: Warum hat sich das Deutsche Herzzentrum der Charité für den Film „Organspende. Was fehlt.“ entschieden, und wie kam es dazu?
Falk: Am DHZC erleben wir sehr konkret, was der Mangel an Spenderorganen bedeutet. Wir behandeln Patientinnen und Patienten mit schwerster Herzinsuffizienz, mit Kunstherzsystemen und mit langer Wartezeit auf ein Spenderorgan. Für diese Menschen ist Organspende kein abstraktes Thema, sondern oft die einzige realistische Chance auf Weiterleben.
Gleichzeitig hatten wir den Eindruck, dass die Organspende nach Herz-Kreislauf-Tod in Deutschland kaum bekannt ist. Selbst viele gut informierte Menschen wissen nicht, dass DCD in zahlreichen europäischen Ländern längst möglich ist, in Deutschland aber nicht. Genau hier setzt der Film an. Er soll ein kompliziertes, aber wichtiges Thema verständlich machen und zugleich emotional begreifbar. Denn am Ende geht es nicht nur um Paragrafen und Verfahren, sondern um Menschen: um Patientinnen und Patienten auf der Warteliste, um Angehörige schwerstkranker Menschen und um Ärztinnen, Ärzte und Pflegende, die in hochsensiblen Situationen handeln müssen.
HERZMEDIZIN: Was hat Sie persönlich am meisten berührt, und was sind Ihre Erfahrungen als Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie?
Falk: Mich berührt besonders, dass der Film zeigt, wie unterschiedlich persönliche Schicksale verlaufen können, nur weil die rechtlichen Rahmenbedingungen in zwei Ländern verschieden sind. In einem Fall wäre eine Organspende von der Familie mitgetragen worden, durfte in Deutschland aber nicht stattfinden. In einem anderen Fall wurde sie durch die Behandlung in der Schweiz möglich. Diese Gegenüberstellung macht deutlich: Es geht nicht um theoretische Sonderfälle, sondern um reale Menschen und sehr konkrete Entscheidungen am Lebensende.
Aus meiner klinischen Erfahrung weiß ich, wie belastend die Wartezeit auf ein Spenderorgan sein kann. Viele Patientinnen und Patientenleben über Monate oder Jahre in einer hoch fragilen Situation. Moderne Herzunterstützungssysteme können helfen, ersetzen aber nicht in jedem Fall eine Transplantation. Und wir erleben immer wieder, dass ein geeignetes Organ nicht rechtzeitig zur Verfügung steht.
HERZMEDIZIN: Was braucht es in Deutschland bei der Aufklärung und Begleitung der Angehörigen, um Organspenden besser zu organisieren?
Falk: Zunächst braucht es eine ehrliche, verständliche und kontinuierliche Aufklärung. Viele Menschen haben eine grundsätzliche Haltung zur Organspende, aber sie haben diese Haltung nicht dokumentiert oder nicht mit ihren Angehörigen besprochen. Im Ernstfall geraten Familien dann in eine extrem belastende Situation und müssen in kürzester Zeit eine Entscheidung treffen.
Deshalb ist es so wichtig, den eigenen Willen zu dokumentieren und in der Familie darüber zu sprechen. Zugleich brauchen die Kliniken klare Strukturen: gut geschulte Transplantationsbeauftragte, erfahrene Gesprächspartner, ausreichend Zeit für Angehörigengespräche und eine enge Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation.
Bei DCD wäre Transparenz besonders wichtig. Die Entscheidung zur Beendigung der kreislauferhaltenden Therapie muss immer unabhängig von einer möglichen Organspende getroffen werden. Erst wenn diese Entscheidung aus medizinischen Gründen und entsprechend dem Willen der Patientinnen und Patienten gefallen ist, darf über eine mögliche Organspende gesprochen werden. Diese Trennung ist zentral für Vertrauen, Ethik und Rechtssicherheit.
HERZMEDIZIN: Widerspruchsregelung oder DCD: Was ist wichtiger bzw. einfacher umzusetzen?
Falk: Ich würde beide Themen nicht gegeneinander ausspielen. Deutschland braucht aus meiner Sicht beides: eine ernsthafte Debatte über die Widerspruchsregelung und zugleich eine fachlich fundierte, rechtlich saubere Öffnung für die Organspende nach Herz-Kreislauf-Tod, also DCD.
Die Widerspruchsregelung adressiert vor allem die Frage, wie der Wille zur Organspende dokumentiert und im Ernstfall zuverlässig berücksichtigt werden kann. DCD betrifft dagegen eine andere Ebene: die Frage, in welchen medizinischen Situationen eine Organspende überhaupt möglich sein darf. In Deutschland ist die Organspende bislang faktisch an den irreversiblen Hirnfunktionsausfall vor dem Herz-Kreislauf-Stillstand gebunden. Dadurch werden Situationen ausgeschlossen, in denen eine Patientin oder ein Patient eine Organspende gewollt hätte, der Hirntod aber nicht vor Beendigung der kreislauferhaltenden Therapie festgestellt werden kann.
Die Widerspruchsregelung ist politisch vermutlich leichter zu vermitteln, weil sie seit Jahren diskutiert wird. DCD ist medizinisch, ethisch und rechtlich komplexer. Aber gerade deshalb sollte diese Debatte jetzt geführt werden. Viele europäische Länder zeigen, dass DCD unter klar definierten Voraussetzungen sicher, würdevoll und geordnet umgesetzt werden kann. Auch das aktuelle Positionspapier der Deutschen Transplantationsgesellschaft ist hier aus meiner Sicht ein wichtiger Beitrag: Wir dürfen nicht nur an einer Stellschraube drehen, sondern müssen die Organspende in Deutschland insgesamt weiterentwickeln.
HERZMEDIZIN: Was sind die nächsten Schritte, um Deutschland für DCD zu öffnen?
Falk: Aus meiner Sicht braucht es zunächst eine fachübergreifende medizinische, ethische und rechtliche Bewertung. Einbezogen werden sollten unter anderem der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer, die Ständige Kommission Organtransplantation, relevante Fachgesellschaften wie DTG und DIVI, der Deutsche Ethikrat, die Deutsche Stiftung Organtransplantation sowie Patientinnen, Patienten und Angehörigenvertretungen.
Auf dieser Grundlage müsste der Gesetzgeber das Transplantationsgesetz entsprechend anpassen. Deutschland braucht hier Rechtssicherheit: für Patientinnen und Patienten und Angehörige, aber auch für Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Entnahmekrankenhäuser und Transplantationszentren.
Anschließend müssten evidenzbasierte Richtlinien und bundesweit standardisierte Protokolle entwickelt werden: zur Trennung von Therapieentscheidung und Spendeentscheidung, zur Todesfeststellung, zu Beobachtungszeiten, Zuständigkeiten, Angehörigenbegleitung, Dokumentation und Qualitätssicherung. Parallel bräuchte es Schulungen in den Entnahmekrankenhäusern, organisatorische Anpassungen und eine transparente öffentliche Information.
Wichtig ist: DCD darf nicht als schnelle technische Lösung für den Organmangel missverstanden werden. Sie kann aber eine ethisch verantwortbare Ergänzung der Organspende nach Hirntod sein – wenn sie sorgfältig geregelt, gut erklärt und praktisch verlässlich umgesetzt wird. Deutschland müsste dabei nicht bei null anfangen: Wir können uns auf die langjährigen Erfahrungen unserer europäischen Nachbarländer stützen und daraus einen eigenen, sicheren und vertrauenswürdigen Weg entwickeln.