HERZMEDIZIN: Herr Prof. Hagl, der Kongress findet erstmals in Köln statt. Was macht diesen Standort für Sie besonders?
Hagl: Köln ist für uns in mehrfacher Hinsicht ein besonderer Ort. Köln ist jung, innovativ, divers und eine ausgewiesene Wissenschaftsstadt. Die Atmosphäre ist pulsierend und unterscheidet sich deutlich von klassischen Kongressstädten wie Hamburg oder München. Hinzu kommt das neue Kongresszentrum Confex, das moderne räumliche und technische Möglichkeiten bietet. Nicht zuletzt tragen die Offenheit und die Gastfreundschaft im Rheinland dazu bei, dass Köln ein idealer Ort für wissenschaftlichen Austausch und persönliche Begegnungen ist.
HERZMEDIZIN: Das Motto des diesjährigen Kongresses lautet „Hotspot in der Herzmedizin“. Welche Herausforderungen in der Herzmedizin spiegeln das Motto aus Ihrer Sicht wider?
Hagl: Ein Motto sollte meines Erachtens kurz, aussagekräftig und eingängig sein. Unser Plan war es den Kongress moderner und im Vergleich zu den letzten Jahren kompakter und jünger zu gestalten. Der Begriff „Hotspot“ steht für einen zentralen Ort des Austauschs, an dem Informationen zusammenlaufen, diskutiert und weiterentwickelt werden. Neben diesem kann ein Hotspot aber auch ein Spannungsfeld sein. Beide Aspekte wollten wir in unserem Motto abbilden. Die Herzmedizin entwickelt sich zunehmend weg von klaren Fachgrenzen zwischen Kardiologie und Herzchirurgie hin zu einer gemeinsamen, integrierten Versorgung – gemeinsam mit weiteren Disziplinen wie der Anästhesie oder der Kinderkardiologie, denn die komplexen Fragestellungen der modernen Herzmedizin lassen sich nur interdisziplinär lösen. Der Kongress soll ein Ort sein, an dem diese Schnittstellen sichtbar werden, gleichzeitig soll er als Katalysator für den medizinischen Fortschritt dienen.
HERZMEDIZIN: Wo sehen Sie derzeit die größten medizinischen und ethischen Spannungsfelder in der Herzmedizin?
Hagl: Spannungsfelder bestehen sowohl medizinisch als auch berufspolitisch. Der ökonomische Druck im Gesundheitssystem führt dazu, dass Fachdisziplinen sich teilweise zu stark voneinander abgrenzen. Es geht um Zuständigkeiten, Interventionen und letztlich um die Frage, wer als Gatekeeper den Behandlungsweg der Patientinnen oder der Patienten bestimmt. Zwar wird viel vom Herzteam gesprochen, doch wird dieses Konzept im Alltag nicht immer konsequent gelebt. Hinzu kommen ethische Fragen: Sollen wir medizinisch alles tun, was technisch möglich ist? Und wer entscheidet darüber – insbesondere bei sehr jungen oder sehr alten Patientinnen und Patienten? Diese Fragen betreffen nicht nur die Medizin, sondern die Gesellschaft insgesamt.
HERZMEDIZIN: Spiegeln sich diese Themen auch im Kongressprogramm wider?
Hagl: Ja, sehr deutlich. Neben klinisch-wissenschaftlichen Sitzungen haben wir bewusst interdisziplinäre Pro- und Kontra-Debatten gemeinsam mit den kardiologischen Kolleginnen und Kollegen eingeplant. Darüber hinaus widmen wir uns gesundheitspolitischen Themen wie Klinik- und Krankenhausreformen sowie dem Einfluss wirtschaftlicher Rahmenbedingungen auf medizinische Entscheidungen. Ein zentrales Highlight wird eine Keynote Lecture zu ethischen Fragestellungen sein. Es wird darum gehen, ob wir all das tun sollen, was wir können. Wie verhält es sich bei Neugeborenen, Kindern oder ganz alten Menschen? Kann sich die Gesellschaft heute erlauben und es sich leisten, jedem alles anzubieten? Und wer soll es am Ende des Tages richten? Das sind zentrale politische und ethische Herausforderungen in der Medizin, die über das klassische „Arztsein“ hinausgehen.
HERZMEDIZIN: Welche inhaltlichen Highlights erwarten die Teilnehmenden darüber hinaus?
Hagl: Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Wissenschaft. Die akademische Herzchirurgie steht zunehmend unter Druck, da es schwieriger wird, der Forschung neben der klinischen Tätigkeit nachzugehen. Wir möchten die Bedeutung wissenschaftlicher Arbeit wieder stärker in den Fokus rücken und gezielt den Nachwuchs motivieren, sich sowohl klinisch als auch wissenschaftlich zu engagieren.
HERZMEDIZIN: Welche Impulse setzt der Kongress speziell für den chirurgischen Nachwuchs?
Hagl: Uns war es wichtig, praxisnahe Inhalte anzubieten. Deshalb haben wir zahlreiche „How-to-do“-Sessions eingeplant, in denen erfahrene Kolleginnen und Kollegen operative Techniken anhand konkreter Fälle diskutieren. Ergänzt wird dies durch Seminare und ein Training Village, in dem junge Chirurginnen und Chirurgen selbst praktisch üben können – am Tierherz, an 3D-gedruckten Modellen oder an digitalen Simulationen. Unabhängig davon ermöglichen wir unserem Nachwuchs als sogenannte „Junior“ Chairmen Erfahrungen bei wissenschaftlichen Sitzungen zu sammeln.
HERZMEDIZIN: Neue Technologien spielen in der Herzmedizin eine große Rolle. Was bedeuten sie für die Zukunft des Fachs?
Hagl: Innovationen entstehen häufig an den Schnittstellen zwischen Disziplinen und in enger Zusammenarbeit mit der Industrie. In Europa – und insbesondere Deutschland – müssen wir darauf achten, dass wir im Bereich klinischer Innovationen und Studien nicht den Anschluss verlieren. Früher wurden neue Produkte in Europa eingeführt. Heute sind es die USA, was damit zusammenhängt, dass das Testen von neuen innovativen Geräten oder Implantaten dort schneller und einfacher umzusetzen ist. Es wird ein Highlight und zugleich ein Hotspot sein, dass wir uns im interdisziplinären Setting des Kongresses über solche neuen Technologien unterhalten. Dabei ist uns u. a. die gemeinsame Sitzung mit Vertretenden der EACTS (European Association for Cardio-Thoracic Surgery) sehr wichtig, denn wir wollen mit dem zweitgrößten Kongress in Europa nach dem EACTS-Kongress auch international sichtbar sein.
HERZMEDIZIN: Der Kongress wird in diesem Jahr mit Brasilien zum ersten Mal ein Partnerland begrüßen. Welche Bedeutung hat der internationale Austausch?
Hagl: Der internationale Austausch ist essentiell. Brasilien ist ein hochspannender Partner mit einer interessanten herzchirurgischen Historie und großer Expertise. Deshalb freuen wir uns, ausgewiesene Expertinnen und Experten als Referierende zu begrüßen, die extra für den Kongress aus Lateinamerika anreisen werden. Der Austausch ermöglicht es, voneinander zu lernen, sich weiterzuentwickeln und über den Tellerrand hinauszuschauen.