Nach Angaben der Kommission leben derzeit rund 62 Millionen Menschen in der EU mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, und jährlich sterben etwa 1,7 Millionen Menschen daran. Damit stellen kardiovaskuläre Erkrankungen weiterhin die häufigste Todesursache in der EU dar. Ein Großteil der Erkrankungen gilt als potenziell vermeidbar.
Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung im Kindes- und Jugendalter: Jedes 3. Kind in der EU ist übergewichtig oder adipös und weist damit ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung kardiovaskulärer Erkrankungen im späteren Leben auf. Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind erheblich: Jährlich gehen laut Kommission rund 1,3 Millionen Erwerbsjahre verloren, und die volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich auf etwa 282 Milliarden Euro. Ohne wirksame Gegenmaßnahmen wird bis zum Jahr 2050 ein Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 90 % erwartet.
Der EU Safe Hearts Plan basiert auf den 3 zentralen Handlungsfeldern Prävention, Früherkennung und Versorgung. Bis zum Jahr 2035 soll dadurch eine Reduktion der vorzeitigen Mortalität durch kardiovaskuläre Erkrankungen um 25 % erreicht werden.
Stärkung der Prävention
Im Mittelpunkt steht ein lebenslanger, personalisierter und zunehmend digital unterstützter Präventionsansatz. Mit der Initiative „EU cares for your heart“ soll ein langfristiger Rahmen geschaffen werden, der die Mitgliedstaaten beim Aufbau und bei der Weiterentwicklung nationaler Strategien zur kardiovaskulären Prävention unterstützt.
Für das Jahr 2026 ist eine Modernisierung der EU-Tabakgesetzgebung vorgesehen, mit dem Ziel, den Anteil rauchender Erwachsener in der EU bis 2040 auf <5 % zu senken. Die Europäische Kommission will zudem Verbraucherinnen und Verbraucher stärker befähigen, gesündere Ernährungsentscheidungen zu treffen, indem sie u. a. transparente Informationen über den Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln bereitstellt und die Neuformulierung ultrahochverarbeiteter Lebensmittel mit hohem Fett-, Zucker- und Salzgehalt mit geeigneten Instrumenten einschließlich finanzieller Maßnahmen fördert. Impfungen gegen Atemwegsinfektionen, darunter Influenza und COVID-19, sollen ausdrücklich als präventive Maßnahme zur Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse, insbesondere bei Risikogruppen, weiter gestärkt und Impfquoten systematisch erfasst werden.
Förderung der Früherkennung
Ein zentrales Element des EU Cardiovascular Health Plan ist die Harmonisierung der kardiovaskulären Früherkennung auf europäischer Ebene. Die Kommission plant die Einführung eines EU-weit abgestimmten Protokolls für regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen, das unter anderem Blutdruck-, Lipid- und Blutzuckermessungen sowie das Screening auf genetische Risikofaktoren wie die familiäre Hypercholesterinämie umfasst.
Bis 2035 sollen dabei folgende Zielwerte erreicht werden:
- Blutdruckmessung mindestens einmal jährlich bei ≥75 % der 25–64-Jährigen und ≥90 % der ≥65-Jährigen.
- Cholesterinmessung mindestens einmal jährlich bei ≥65 % der 25–64-Jährigen und ≥80 % der ≥65-Jährigen.
- Blutzuckermessung mindestens einmal jährlich bei ≥65 % der 25–64-Jährigen und ≥80 % der ≥65-Jährigen.
Verbesserung der Versorgung
Auch die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen soll europaweit weiterentwickelt werden. Vorgesehen ist eine Empfehlung des Rates zur personalisierten Behandlung und Überwachung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit EU-weiten Leitlinien, um stärker individualisierte Therapie- und Monitoringkonzepte zu fördern. Gleichzeitig sollen der Zugang zu innovativen Medizinprodukten und Arzneimitteln verbessert und digitale, integrierte Versorgungspfade systematisch ausgebaut werden.
Zur Unterstützung aller 3 Säulen sind übergreifende Maßnahmen vorgesehen, darunter:
- Etablierung eines EU-weiten Innovations- und KI-Inkubator-Ansatzes zur Beschleunigung digitaler und KI-gestützter Anwendungen in Prävention, Diagnostik und Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen
- Aufbau eines EU-weiten Dashboards zur systematischen Erfassung und Analyse von Ungleichheiten in der kardiovaskulären Versorgung
- Entwicklung einer Forschungs- und Innovations-Roadmap mit besonderem Fokus auf Frauen und vulnerable Bevölkerungsgruppen sowie auf Wechselwirkungen zwischen kardiovaskulären, metabolischen und renalen Erkrankungen
- Weiterentwicklung und Nutzung des European Health Data Space (EHDS) als Grundstein für datenbasierte Innovationen sowie evidenzbasierte Politik und Versorgung, einschließlich des Ausbaus nationaler Register mit EU-weiter Harmonisierung
Bislang hat die Europäische Union laut Kommission rund 2,3 Milliarden Euro in die kardiovaskuläre Forschung und angrenzende Forschungsbereiche investiert. Im Rahmen des EU Cardiovascular Health Plan sind zusätzlich mehr als 200 Millionen Euro für weitere Forschungs- und Innovationsprojekte vorgesehen, darunter rund 40 Millionen Euro zur Verbesserung des Verständnisses geschlechtsspezifischer Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Der Safe Hearts Plan ist kein verbindlicher Rechtsakt, sondern versteht sich als strategischer Orientierungsrahmen für die Mitgliedstaaten. Die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung der Maßnahmen liegt in nationaler Verantwortung. Die Europäische Kommission strebt jedoch eine enge Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten an, insbesondere bei der Einführung von Früherkennungs- und Screeningprogrammen, bei der Koordinierung präventiver Maßnahmen sowie beim Ausbau harmonisierter Versorgungs- und Forschungsstrukturen.
Und sie kann es doch: die Europäische Union. Prävention, Früherkennung und Versorgung – endlich rücken diese drei zentralen Säulen der kardiovaskulären Medizin gemeinsam in den Fokus: der Krankheit zuvorkommen (praevenire), sie früh erkennen und zu versorgen, wenn möglich zu heilen (curare).
Die EU-Kommission benennt dazu zugleich vier wesentlichen Ansätze, wie dies idealerweise gelingen kann: 1. digitale, idealerweise KI-gestützte Methoden, die das Erreichen der großen drei Ziele unterstützen, 2. ein Dashboard, das das potentielle Gefälle innerhalb der EU – insbesondere in der Therapie kardiovaskulären Erkrankungen – sichtbar macht, 3. die Förderung von Forschung und Innovation sowie die Prüfung der Auswirkungen kardiovaskulärer Erkrankungen auf „Herz und Niere“, und vor allem 4. die Weiterentwicklung des European Health Data Space mit Fokus auf kardiovaskuläre Erkrankungen. Expressis verbis sollen übergreifende nationale Register gestärkt und auf europäischer Ebene zusammengeführt, also harmonisiert werden.
Was bedeutet das für uns? Zuallererst: diese Chance nicht ungenutzt lassen. Selten war der politische Rückenwind so klar, die kardiovaskuläre Medizin in toto, von der Verhinderung bis zur effizienten Versorgung konsequent in den Fokus zu rücken.
Werden wir an einem Beispiel konkret: Rund 50 % aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen lassen sich verhindern; eine konsequente Kontrolle der Risikofaktoren führt zu einem gesunden längeren Leben. Bluthochdruck ist der „silent killer number 1“. Mit Lebensstilinterventionen und Medikation lässt sich der Blutdruck bei gutem Management (nahezu) immer kontrollieren. Normotension verhindert das Auftreten von Herzerkrankungen, Nephropathien und Schlaganfälle. Buy one, get three! Also: Liebe Frau Warken, lieber Herr Hecken, machen Sie das zu Ihrem Projekt. Neben den existierenden „Vorsorgeuntersuchungen“, die oft wenig sichtbar sind und eher selten wahrgenommen werden, ließen sich niedrigschwellige Programme deutlich wirksamer platzieren – beispielsweise als Pilot in einer Region mit großer Strahlkraft (Berlin böte sich an). Ziel wäre, die Stadtbevölkerung – über alle sozialen Schichten hinweg – sowie Politikerinnen und Politiker systematisch in Richtung Normotension zu bringen. Berlin würde ruhiger. Das wäre ein Gewinn.
Warum nicht pragmatisch denken: Jeder Behördengang endet mit einer Blutdruckmessung; zehntausende Besucherinnen und Besucher gehen vor dem Hertha-Spiel durch die Einlass- und Blutdruckkontrolle; der Bundestag misst – kollektiv von links bis rechts – die vaskuläre Tension. Auch die Industrie könnte ihren Beitrag leisten und zum Welthypertonietag validierte Messgeräte breit verfügbar machen. Ich will sagen: ein „Weiter so“ reicht nicht – und vieles ist möglich.
Natürlich müssen Früherkennungsmethoden auch angemessen vergütet werden. Hier ist der G-BA in der Pflicht. Wir stehen für Beratung gern zur Verfügung. Und bitte nicht als Reflex „alle ins Koronar-CT“ – weder in der GKV noch bei Privatversicherten. Aber warum nicht perspektivisch auch einen Herzultraschall als Baustein ins Angebot aufnehmen?
Ein European Health Data Space, die Verknüpfung nationaler Register: Das wäre tatsächlich ein großer Schritt. Derzeit intervenieren und operieren wir auf hohem Niveau, aber oft nach dem Motto: „Denn sie wissen nicht, was es gebracht hat“. Wir benötigen eine systematische Erfassung von Indikation, Behandlung und Outcome: nicht nur basierend auf Partikularinteressen, sondern gesamthaft; in ganz Deutschland – als Vorreiter für Europa. Das ist umsetzbar, und es beginnt. Details folgen auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie 2026, zu der ich Sie herzlich einlade. Es wird spannend.
Die Europäische Union kann eine Wohltat sein, wenn demokratische Länder an einem Strang ziehen. Mit dem EU SAFE Hearts Plan zeigt sie ihr bestes Gesicht. Nutzen wir diese Chance – darauf können Sie sich verlassen.