Das Wichtigste in Kürze
- Semaglutid zählt zu den sogenannten GLP-1-Agonisten (Glucagon-like Peptide-1-Agonisten). Der Wirkstoff ahmt das Hormon GLP-1 nach, sorgt für ein schnelleres Sättigungsgefühl und zügelt den Appetit.
- In der SELECT-Studie hatten Menschen mit Übergewicht und Herzkrankheit ohne Diabetes deutlich seltener schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse.
- Der Herzschutz entsteht vermutlich nicht nur durch Gewichtsverlust, sondern auch durch Effekte auf Blutdruck, Blutfette und Entzündungen.
- Bei Typ-2-Diabetes und hohem Herz-Risiko sind GLP-1-Therapien schon jetzt eine feste Option.
- Orales Semaglutid (Tablette) könnte bald eine Alternative für Menschen sein, die nicht spritzen möchten.
Warum Übergewicht das Herz belastet
Starkes Übergewicht (Adipositas) ist nicht nur ein „Mehr an Gewicht“. Der Körper muss dauerhaft mehr leisten: Das Herz pumpt mehr Blut, der Blutdruck steigt leichter, und chronische Entzündungen im Fettgewebe fördern Arteriosklerose. Das zusammen erhöht das Risiko für Herzinfarkt, Herzschwäche und Schlaganfall deutlich.
Viele Betroffene merken die Folgen erst spät – etwa, wenn die Belastbarkeit nachlässt oder der Blutdruck dauerhaft zu hoch ist. Umso wichtiger sind wirksame Strategien, um Gewicht und Herz-Risiko gemeinsam anzugehen. Genau hier setzt Semaglutid an – ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff, der Gewicht reduziert und in Studien auch das Herz schützt.
Semaglutid: Vom Diabetesmedikament zum Herzschutz
Semaglutid wurde ursprünglich für Menschen mit Typ-2-Diabetes entwickelt. Es ahmt das Hormon GLP-1 nach. Dadurch stellt sich schneller ein Sättigungsgefühl ein, und die Essmenge sinkt. Viele verlieren so spürbar an Gewicht.
In den letzten Jahren der Forschung wurde es besonders spannend: GLP-1-Medikamente wie Semaglutid senken nicht nur den Blutzucker, sondern reduzieren auch Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Marx, Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Aachen, fasst zusammen: „GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid bringen bei Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankung einen klaren Vorteil für die Prognose.“ Heißt: Es geht nicht nur um die Waage – sondern um messbare Verbesserungen für die Herzgesundheit.
Zum Experten
Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Marx
Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Marx ist Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Aachen
SELECT-Studie: 20 Prozent weniger schwere Herz-Ereignisse
Die SELECT-Studie hat Menschen untersucht, die
• deutlich übergewichtig waren (BMI ≥27),
• bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten, zum Beispiel koronare Herzkrankheit nach Herzinfarkt,
• keinen Diabetes hatten.
Ergebnis: Unter Semaglutid traten Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlicher Herztod rund 20 Prozent seltener auf als unter Placebo. Das ist ein Meilenstein, weil erstmals ein Medikament zur Gewichtsreduktion so klar schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse verringert.
Wirkt Semaglutid nur durchs Abnehmen?
Univ.-Prof. Marx betont, dass mehr dahintersteckt: „Es scheint Effekte zu geben, die jenseits der Gewichtsabnahme liegen.“ Er nennt als Beispiele, dass unter Semaglutid der Blutdruck oft sinkt, das „schlechte“ LDL-Cholesterin zurückgeht und Entzündungsprozesse im Körper gebremst werden können.
Für wen kommt die Abnehmspritze infrage?
Besonders klar ist der Nutzen bei Typ-2-Diabetes mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko. Das betont auch Univ.-Prof. Marx: „Wir wissen inzwischen, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes und hohem Herz-Kreislauf-Risiko profitieren.“ Außerdem zeigen die bisherigen Ergebnisse und die Erfahrung aus der Praxis klare Vorteile für Übergewichtige mit koronarer Herzkrankheit (KHK) oder mit Herzinsuffizienz bei erhaltener Pumpfunktion (HFpEF).
„Bei Übergewicht ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung und ohne Diabetes fehlt bislang der sichere Nachweis, dass Semaglutid Herzinfarkte oder Schlaganfälle in dieser Situation zuverlässig verhindern kann“, weiß der Kardiologe und ergänzt: „Darum steht hier meist zunächst eine konsequente Änderung des Lebensstils mit Bewegung und Ernährung im Fokus, ebenso die Behandlung einzelner Risikofaktoren wie hoher Blutdruck oder erhöhte Cholesterinwerte – bevor eine Therapie mit Semaglutid in Betracht kommt.“
Nebenwirkungen und Langzeitwirkung der Abnehmspritze
Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt. Univ.-Prof. Marx nennt vor allem Übelkeit und Erbrechen. Darüber hinaus können auftreten:
- Durchfall
- Bauchschmerzen
- Verstopfung
- Hautreaktionen an der Einstichstelle
- Erhöhte Werte der Verdauungsenzyme Amylase und Lipase
- Gallensteine
- Müdigkeit (Fatigue)
- Schwindel
- Veränderungen des Geschmacks
„Wichtig ist, mit einer niedrigen Dosis zu starten und sehr langsam zu steigern“, rät der Kardiologe. Und noch etwas ist zentral: Bewegung. „Ausdauer- und Krafttraining sind deshalb so wichtig, da es auch zu einer Abnahme der Muskelmasse kommen kann“, erklärt Univ.-Prof. Marx.
Viele Betroffene möchten außerdem wissen, ob die Pfunde nach dem Absetzen zurückkommen. Der Mediziner sagt, dass es meist eine Langzeittherapie sei und „nach Absetzen wieder ein deutlicher Gewichtsanstieg“ droht.
Semaglutid als Tablette – was Studien zeigen
Für Menschen, die nicht spritzen möchten, kommt Bewegung in die Therapie. Univ.-Prof. Marx verweist auf die SOUL-Studie: „Semaglutid als Tablette kann das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Komplikationen senken – also zum Beispiel für Herzinfarkt oder Schlaganfall.“ Das gilt bisher für Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes und Herz- oder Nierenerkrankung. „Sofern die Tablette in Deutschland zugelassen würde, wäre sie eine weitere Therapieoption für Menschen, die keine Injektionen durchführen möchten“, sagt der Kardiologe.
Fazit
Semaglutid verändert gerade die Behandlung von Übergewicht – und ist für viele Herzpatientinnen und -patienten mehr als eine Therapie zum Abnehmen. Wer Übergewicht und eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, kann sein Risiko für schwere Herz-Ereignisse deutlich senken. Gleichzeitig bleibt klar: Medikamente wirken am besten zusammen mit Bewegung und einem passenden Ernährungsstil.
FAQ – Häufige Fragen zu Semaglutid und Herzgesundheit
Ja, es gibt gute Hinweise darauf, dass Semaglutid das Herz tatsächlich schützt. In der großen SELECT-Studie hatten Menschen mit Übergewicht und bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung unter Semaglutid weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle als ohne das Medikament. Der Nutzen hängt vermutlich nicht nur vom Gewichtsverlust ab: Semaglutid verbessert oft auch Blutdruck und Blutfette (wie LDL-Cholesterin) und dämpft Entzündungsprozesse im Körper.
Ja, das ist möglich bei deutlichem Übergewicht oder Adipositas und gleichzeitiger Herz-Kreislauf-Erkrankung, zum Beispiel eine koronare Herzkrankheit nach Herzinfarkt. Genau für diese Gruppe konnte in Studien gezeigt werden, dass Semaglutid nicht nur beim Abnehmen hilft, sondern auch das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse senken kann.
Am stärksten profitieren Menschen mit Typ-2-Diabetes, die zusätzlich ein hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen haben – hier ist der herzschützende Effekt gut belegt. Auch Menschen mit Übergewicht und bereits bestehender koronarer Herzkrankheit (KHK) oder einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) mit erhaltener Pumpfunktion (HFpEF) können besonders gewinnen, weil sich sowohl Risikofaktoren als auch Beschwerden verbessern können.
Häufig sind Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Völlegefühl oder gelegentlich Erbrechen – vor allem zu Beginn der Behandlung oder bei Dosissteigerungen. In vielen Fällen werden diese Symptome deutlich milder, wenn man mit einer niedrigen Dosis startet und langsam steigert; dabei hilft es auch, kleinere Mahlzeiten zu essen und gut zu trinken.
Semaglutid ist in der Regel als eine Langzeittherapie gedacht, die den Appetit langfristig regulieren und das Gewicht stabilisieren kann. Wenn das Medikament abgesetzt wird, nehmen die meisten Menschen wieder zu – deshalb sollte man gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt planen, wie die Therapie dauerhaft eingebettet wird, inklusive Ernährung und Bewegung.
Sprechen Sie mit Ihrer Kardiologin oder Ihrem Kardiologen, ob eine Therapie mit Semaglutid für Sie infrage kommt – und wie sie zu Ihrer Herz- und Stoffwechselsituation passt.