Das Wichtigste in Kürze
- Untersuchungen zeigen: Wer seine Herzmedikamente zuverlässig einnimmt, schützt sich damit effektiv vor Schlaganfall, Herzinfarkt und Tod.
- Eine optimale Einnahme kann die Wirkung verbessern und Nebenwirkungen reduzieren – sie hängt aber häufig von den individuellen Bedürfnissen ab.
- Die wichtigste Grundregel ist, die Medikamente täglich zur gleichen Uhrzeit einzunehmen.
- Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankung sollten ihren Einnahmeplan mit der Ärztin oder dem Arzt abstimmen, also auch keine Änderungen eigenmächtig durchführen.
- Der Einnahmezeitpunkt ist selten generalisierbar, das heißt: Man sollte den Wirkstoff und die Patientin oder den Patienten ganz individuell betrachten.
Was ist bei der Einnahme von Betablockern zu beachten?
Betablocker sind die am häufigsten verschriebenen Herzmedikamente überhaupt. Da sie die Wirkung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin am Herzen blockieren, senken sie die Herzfrequenz und den Blutdruck. Um das Herz zu schonen, werden Wirkstoffe wie Bisoprolol, Metoprolol und Nebivolol daher vor allem bei Vorhofflimmern, Herzschwäche, Angina Pectoris und nach Herzinfarkten eingesetzt. „Da tagsüber die Belastung höher ist, würde sich der Morgen als bester Einnahmezeitpunkt anbieten“, sagt Prof. Dr. Kristina Lorenz, Leiterin des Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. „Da diese Medikamente aber sehr müde machen können, vor allem zu Beginn der Therapie, nehmen viele Patientinnen und Patienten sie dennoch lieber am Abend.“ Ob eine Einnahme auf nüchternen Magen oder zu den Mahlzeiten erfolgen sollte, hängt vom Wirkstoff ab. Betablocker wie Bisoprolol und Metoprolol können in der Regel unabhängig von Mahlzeiten eingenommen werden. Entscheidend ist, dass die Patientinnen und Patienten sie einnehmen und das möglichst immer zum selben Zeitpunkt. Aktuelle Studien haben gezeigt, dass der Einnahmezeitpunkt für den Schutz nicht relevant ist.
Zur Expertin
Prof. Dr. Kristina Lorenz
Prof. Dr. Kristina Lorenz ist die Leiterin des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Zudem leitet sie am Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften - ISAS die Abteilung Translationale Forschung und die Arbeitsgruppe Kardiovaskuläre Pharmakologie.
Wann ist der beste Zeitpunkt für Blutdrucksenker?
Wann der beste Zeitpunkt ist, um Blutdrucksenker wie ACE-Hemmer oder Sartane einzunehmen, ist individuell ganz unterschiedlich: Das hängt vom jeweiligen Blutdruckprofil der Betroffenen ab. Bei den meisten Menschen fällt der Blutdruck nachts ab – Fachleute bezeichnen diesen Vorgang als Dipping.
„Wenn der Blutdruck nachts aber wenig oder gar nicht abfällt, kann es vorteilhaft sein, die Einnahme auf den Abend zu legen“, sagt Prof. Lorenz. „Allerdings ist gerade bei den älteren Menschen, die nachts aufstehen müssen, weil sie vielleicht aufs Klo müssen, dadurch die Sturzgefahr erhöht. Das muss man mit den Betroffenen genau besprechen.“
Wichtig ist es auch hier, die Medikamente immer zum selben Zeitpunkt einzunehmen! Und – natürlich – dass man sie überhaupt nimmt. „Gerade bei den Blutdrucksenkern ist die Compliance, also die Mitarbeit der Patientinnen und Patienten, eher schlecht, weil die Betroffenen keine Beschwerden spüren und es ihnen zumindest zu Beginn häufig erst einmal schlechter mit den Medikamenten geht“, erklärt die Pharmakologin. Umso wichtiger ist es, auf die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten einzugehen.
Gibt es eine Empfehlung für Diuretika?
Entwässerungstabletten (Diuretika) wie Furosemid, Torasemid, Hydrochlorothiazid fördern die Harnausscheidung. Das heißt: Wenn das Herz – zum Beispiel durch eine Herzschwäche – das Blut nicht mehr effizient durch den Körper pumpen kann, kann es zu einem Flüssigkeitsrückstau in den Beinen, Knöcheln, aber auch im Bauch oder in der Lunge kommen. Mithilfe der Diuretika kann die überschüssige Flüssigkeit aus dem Körper geschwemmt werden. „Daher würde man Diuretika nicht abends geben, weil man sonst nachts auf die Toilette müsste“, sagt Prof. Lorenz. „Und das ist nicht zuträglich für die Compliance …“
Worauf muss ich achten, wenn mir Calciumkanalblocker verschrieben wurden?
Die Calciumkanalblocker – zum Beispiel Amlodipin oder Verapamil – hemmen den Einstrom von Calcium in die Muskelzellen von Gefäßen und Herz. Das führt zu einer Erweiterung der Blutgefäße (Vasodilatation) und damit zu einer Senkung des Blutdrucks, beziehungsweise zu einem „Schonmodus“ des Herzens. „Hier hat man quasi freie Auswahl, was den Einnahmezeitpunkt betrifft. Der ist also auch unabhängig von den Mahlzeiten“, sagt Prof. Lorenz. „Man sollte sie nur regelmäßig und niemals zusammen mit Grapefruit einnehmen – da muss man vorsichtig sein.“ Die Wirksamkeit der Calciumkanalblocker kann durch den Verzehr von Grapefruit erhöht werden.
Nehme ich Statine besser am Abend oder am Morgen ein?
Statine sind hochwirksame Medikamente, die den Spiegel des „schlechten“ LDL-Cholesterins im Blut senken und so vor Ablagerungen in den Gefäßen schützen. Bei den kurz wirksamen Statinen – wie zum Beispiel dem Simvastatin – empfiehlt sich die Einnahme am Abend, da in der Nacht die Cholesterinproduktion in der Leber am höchsten ist. „Es gibt aber auch Statine mit einer langen Halbwertszeit wie das Atorvastatin oder das Rosuvastatin – die können zu jeder Tageszeit eingenommen werden“, so die Pharmakologin. Aber auch für die Statine gilt: Regelmäßig einnehmen! Und: Vorsicht bei Grapefruitsaft! Er kann den Wirkstoffspiegel von einigen Statinen – unter anderem Simvastatin und Atorvastatin – gefährlich erhöhen und das Risiko für Muskelschäden (im schlimmsten Fall mit nachfolgendem Nierenversagen) steigern!
Gibt es eine Einnahmeempfehlung für Blutverdünner wie ASS?
Nach einem Herzinfarkt oder der Implantation eines Stents sollen sogenannte Thrombozytenaggregationshemmer (zum Beispiel Acetylsalicylsäure (ASS), Clopidogrel, Ticagrelor oder Prasugrel) das Zusammenkleben von Blutplättchen verhindern, um so lebensbedrohliche Verschlüsse von Stents oder Herzkranzgefäßen zu vermeiden. „Da die Gerinnungsneigung des Blutes vor allem nachts und am frühen Morgen am höchsten ist, wäre eigentlich eine abendliche Einnahme sinnvoll“, erklärt Prof. Lorenz. „Wer aber empfindlich mit dem Magen reagiert, für den ist es unter Umständen besser, sie morgens beim Frühstück zu schlucken.“ Auch hier ist es wieder eine individuelle Entscheidung der Betroffenen. Entscheidend ist, sie immer zum gleichen Zeitpunkt zu nehmen, damit die Thrombozytenbildung gleichbleibend gehemmt wird. Wichtig zu wissen: Nicht in Kombination mit Ibuprofen einnehmen! „ASS und Ibuprofen haben die gleiche Bindungsstelle. Wenn man erst Ibuprofen einnimmt, sitzt das sozusagen auf dieser Bindungsstelle – und das ASS ist quasi wirkungslos. Daher: Abstand halten!“, so die Pharmakologin.
Müssen Antikoagulanzien (Blutverdünner) zu einem bestimmten Zeitpunkt eingenommen werden?
Bei den Antikoangulanzien (zum Beispiel Apixaban, Rivaroxaban, Dabigatran) ist es vor allem entscheidend, den Wirkstoffspiegel im Blut konstant zu halten. Also: Egal, ob man sie einmal täglich oder zweimal – morgens und abends – einnimmt: Immer zur selben Zeit, da Schwankungen das Thromboserisiko erhöhen können. „Ob man die Antikoagulanzien zum Essen einnimmt, hängt vom Wirkstoff ab“, erklärt Prof. Lorenz. Rivaroxaban (Xarelto) muss zum Beispiel mit einer Mahlzeit eingenommen werden, da sonst die Aufnahme deutlich reduziert sein kann. Apixaban (Eliquis) und Edoxaban (Lixiana) können dagegen unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Dabigatran (Pradaxa) sollte nur mit Wasser, nicht zusammen mit Nahrung, eingenommen werden. Die Wirkung von Warfarin wird durch Vitamin-K-reiche Lebensmittel wie Spinat, Grünkohl oder Brokkoli abgeschwächt. Für alle gilt: Keine gleichzeitige Einnahme mit Johanniskraut und bei Warfarin besonders Vorsicht mit Grapefruitsaft!
Was gilt für Herzglykoside?
Herzglykoside können als sogenanntes „Add-on“ bei chronischer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) und Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern) verschrieben werden. Sie steigern die Schlagkraft des Herzens und verlangsamen gleichzeitig die Herzfrequenz. Bekannte Wirkstoffe sind zum Beispiel das Digoxin und das Digitoxin. „Das Tolle an diesen Medikamenten ist, dass sie keinen oder fast keinen Effekt auf dem Blutdruck haben“, sagt Prof. Lorenz. „Bei vielen Medikamenten für Herzinsuffizienz sinkt der Blutdruck so stark ab, dass die Betroffenen sich müde und erschöpft fühlen. Das machen die Herzglykoside nicht.“ Die Einnahme erfolgt in der Regel am Morgen, wichtig ist aber vor allem eine regelmäßige Einnahme.