Das Wichtigste in Kürze
- Ein wichtiges Ziel der Reha ist der Rauchstopp: Laut einer aktuellen Studie bringt ein Rauchstopp mit 65 Jahren im Mittel fast 2 Lebensjahre.
- Viele Menschen fühlen sich nach einem Herzereignis vollkommen aus der Bahn geworfen. Da psychische Probleme die Prognose einer Herzerkrankung verschlechtern, gibt es in der kardiologischen Reha auch psychotherapeutische Angebote.
- Bewegung wirkt wie ein Medikament bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Sport verlangsamt das Fortschreiten von Fett- und Kalkablagerungen in den Gefäßen (Atherosklerose). Zudem senkt er Blutdruck- und Cholesterinwerte und reduziert Übergewicht. Daher ist die Bewegungstherapie wichtiger Bestandteil der kardiologischen Reha.
- Auch Ernährung spielt eine entscheidende Rolle: Eine überwiegend pflanzenbasierte, vegetarische Kost kann die Blutfettwerte beeinflussen und die Prognose der Herzerkrankung verbessern.
- Ein weiteres Ziel der Reha ist es, die optimale medikamentöse Therapie für den Alltag zu finden, Nebenwirkungen zu minimieren und dadurch Langzeitprognose sowie Lebensqualität zu verbessern.
Die Klinik Roderbirken liegt am Rande von Leichlingen idyllisch inmitten eines weitläufigen Buchenwalds. Wer hier eincheckt, hat meist eine schwere Zeit hinter sich – oder steckt noch mittendrin. Bei Jürgen Magh zum Beispiel war es eine Hauptstammstenose, eine lebensgefährliche Verengung des Hauptstammes seiner linken Herzkranzarterie. „Ich war mit einem Freund beim Skifahren. Und plötzlich spürte ich eine totale Erschöpfung. Ich saß oben auf einem Schneehaufen und dachte: Ich komme mein Leben lang nicht mehr runter vom Berg, ich hatte keine Kraft mehr“, erzählt er. Kurz darauf bekam er zwei Bypässe, Überbrückungen für seine verengte Stelle im Herzgefäß. „Man hat mir ganz klar gesagt: Sonst fallen Sie irgendwann tot um.“
Andere Reha-Patientinnen und -Patienten haben eine Herzklappen-Operation oder einen Herzinfarkt hinter sich oder leiden an einer Herzschwäche. „Viele Neuankömmlinge sind erst einmal so verunsichert, dass sie nicht einmal Treppen steigen wollen, weil sie nicht wissen, ob ihr Herz das aushält“, erzählt Dr. Gampert. In der Reha lernen die Patientinnen und Patienten, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu haben, das Geschehene zu verarbeiten und vor allem: wie sie ihr Herz vor neuen Ereignissen schützen.
Zum Experten
Dr. Tobias Gampert
Dr. Tobias Gampert ist Kardiologe und Ärztlicher Direktor der Klinik Roderbirken.
Warum spielt Raucherentwöhnung in der kardiologischen Reha eine besonders wichtige Rolle?
In Rodenbirken gilt Rauchverbot. Auf dem gesamten Gelände. Schon im Begrüßungsvortrag macht Dr. Gampert klar: „Rehabilitation einer Herzkrankheit und Rauchen – das ist absurdes Theater. Das machen wir hier nicht.“ Die Patientinnen und Patienten müssen bei Aufnahme eine Erklärung unterschreiben, dass sie das Rauchverbot in der Klinik kennen und akzeptieren und bereit sind, einen Entwöhnungsversuch zu unternehmen: ärztlich, psychotherapeutisch und gegebenenfalls mittels Nikotinersatz.
„Ungefähr 100 Meter von der Klinik entfernt befindet sich ein Unterstand. Und die Lesart ist: ‚Dort gehen Sie hin und rauchen Ihre letzte Zigarette‘“, erklärt der Chefarzt. Bei einem Verstoß werden die Betroffenen disziplinarisch entlassen. Aber das kommt sehr selten vor. „Die Mehrheit der Rauchenden ist beeindruckt von unserem Konzept und sagt: ‚Das habe ich gebraucht, dass mir die Bedeutung des Rauchverzichts klargemacht wird.‘“ Die Erfolgsquote bei der Rauchentwöhnung liegt in der Klinik bei beeindruckenden 65 Prozent. Laut einer aktuellen Studie bringt ein Rauchstopp selbst mit 65 Jahren im Mittel fast zwei zusätzliche Lebensjahre!
Was bringt Psychotherapie in der kardiologischen Reha?
Viele Menschen fühlen sich nach einem Herzereignis vollkommen aus der Bahn geworfen. Ein Mann um die 60, mit drahtiger Figur und praktischem Kurzhaarschnitt sitzt vor der Klinik auf einer Bank und sagt: „Ich war immer ein humorvoller Mensch und habe viel gelacht. Das ist mir durch den Herzinfarkt wie mit einem Fingerschnipsen genommen worden.“ Er erzählt von unruhigen Nächten. Und seiner ständigen Angst, nicht mehr aufzuwachen … „Viele unserer Patientinnen und Patienten sind das erste Mal mit den Themen Krankheit und Tod konfrontiert“, erklärt der Kardiologe. „Früher haben sie ihr Herz gar nicht wahrgenommen – jetzt spüren sie jedem Herzschlag hinterher.“
Etwa jede oder jeder Fünfte erlebt nach einem Herzinfarkt eine depressive Episode. Bei einer schweren Herzpumpschwäche entwickeln sogar bis zu 80 Prozent der Erkrankten eine depressive Symptomatik. Häufig tritt auch eine Anpassungs- oder Angststörung auf. „Die Menschen brauchen Zeit, um sich an die neue Situation anzupassen“, erklärt Dr. Gampert. „Kaum einer dreht sich einfach um und denkt: ‚Okay, dann habe ich jetzt etwas mit dem Herzen.‘“ Das besondere Problem ist: Psychische Probleme beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität – sie verschlechtern auch die Prognose einer Herzerkrankung. Umso entscheidender ist daher eine professionelle und zeitnahe psychologische Betreuung – in Einzel- und Gruppentherapien.
Walking, Schwimmen, Ergometer – wieso wird in der kardiologischen Reha so viel Bewegungstherapie angeboten?
Walking, Joggen, Radfahren, Schwimmen, Krafttraining, die Treppe nehmen, wenn man in sein Zimmer in der siebten Etage möchte – oder einfach mal Tischtennisspielen mit den anderen Patientinnen und Patienten. In Roderbirken ist man ständig in Bewegung. „Bewegung wirkt wie ein Medikament bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt Dr. Gampert. Sport verlangsamt das Fortschreiten von Fett- und Kalkablagerungen in den Gefäßen (Atherosklerose). Zudem senkt er Blutdruck und Cholesterinwerte und reduziert das Übergewicht. Dafür muss man – laut dem Kardiologen – keinen Marathon laufen. Stattdessen sollte man sich eine Bewegungsart aussuchen, die einem gefällt.
„Heute setzen wir sogar Patienten mit fortgeschrittener Herzpumpschwäche auf das Ergometer, denen man früher gesagt hat, sie sollen sich körperlich schonen“, erzählt der Kardiologe. „Doch mittlerweile wissen wir, dass eigentlich alle vom Aufbau der Skelettmuskulatur bei moderatem Ausdauer Training profitieren.“ Im geschützten Rahmen der Klinik lernen die Patientinnen und Patienten wieder, sich zu belasten. „Das trauen sich nahezu alle, weil sie wissen: Sollte ich Probleme kriegen, kümmert sich jemand um mich“, so der Arzt.
Was lernen Betroffene in der kardiologischen Reha über Ernährung?
Grundsätzlich sollte eine herzgesunde Ernährung ausgewogen und abwechslungsreich sein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, weniger als 5 g Salz am Tag zu sich zu nehmen. Außerdem möglichst wenig Zucker und keine „Transfettsäuren“, die zum Beispiel in Pommes frites, Keksen oder Kartoffelchips stecken. „Trotzdem betonen wir immer: Die Patientinnen und Patienten dürfen das meiste, was sie bisher gegessen haben, weiterhin essen – nur eben nicht in der gleichen Frequenz“, erklärt der Kardiologe.
Das heißt: Auch in Roderbirken stehen mal Currywurst mit Kartoffelecken auf dem Speiseplan. Oder ein Holzfällersteak mit Wedges. „Aber das sollte man dann nicht dreimal in der Woche essen“, so der Experte. „Was wir den Leuten mitgeben wollen, ist: Der Königsweg ist eine überwiegend pflanzenbasierte vegetarische Kost – und ab und zu darf es auch mal Fleisch und Milchprodukte wie zum Beispiel Käse geben. Schon damit kann man die Blutfettwerte massiv beeinflussen und auch die Prognose der Erkrankung deutlich verbessern.“
Wird in der kardiologischen Reha auch manchmal die Medikation verändert?
„Der große Vorteil der Reha ist, dass sie hier viel mehr Zeit haben als beispielsweise mein Hausarzt“, sagt ein groß gewachsener Mann, als er gerade vor dem Behandlungszimmer wartet. Aber es ist nicht nur das Mehr an Zeit. In der ambulanten Behandlung sehen die Ärztinnen und Ärzte ihre Patientinnen und Patienten häufig nur alle paar Monate. „Bei uns bleiben die Menschen in der Regel drei bis vier Wochen. Dadurch können wir die Medikation oder manchmal auch nur die Dosis verändern – und dann ein paar Tage später schauen, ob es dem Menschen damit besser geht“, erklärt Dr. Gampert.
Studien zeigen, dass die gezielte medikamentöse Behandlung des individuellen Risikos effektiv vor Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche-Verschlechterung oder Herz-Kreislauf-Tod schützt. Daher ist die Optimierung der medikamentösen Therapie ein wichtiger Bestandteil der kardiologischen Reha.
Wie sinnvoll ist eine Reha nach einem Herzinfarkt, einer Herz-OP oder wegen einer Herzschwäche?
Die Studienlage ist eindeutig: Eine kardiologische Reha verbessert nicht nur die Lebensqualität der Teilnehmenden, sie wirkt oftmals auch lebensverlängernd. Bei der Herzpumpschwäche kann sie die Wahrscheinlichkeit erneuter Krankenhausaufnahmen reduzieren. „Ich bin so dankbar, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein und nun noch viele schöne Jahre vor mir zu haben – diese Chance möchte ich auch nutzen“, sagt Jürgen Magh. Die Reha hilft ihm, mögliche Risikofaktoren zu erkennen – und zu reduzieren. Und zwar nicht nur in der Zeit des Reha-Aufenthalts, sondern langfristig.
„Eine Reha ist kein Wellnessurlaub, nach dem man wieder in den Alltag zurückkehrt und alles macht wie vorher“, erklärt Dr. Gampert. „Unser Ziel ist, dass die Leute das Gelernte in den nächsten Jahren fortsetzen. Sonst macht eine Reha keinen Sinn.“ Der Klinikleiter und sein Team verabschieden ihre Patientinnen und Patienten deshalb mit einem wohlwollenden „Lebe wohl!“: „Weil wir sie hier am liebsten nicht wiedersehen wollen. Das ist das übergeordnete Ziel.“
„Eine Reha ist kein Wellnessurlaub, nach dem man wieder in den Alltag zurückkehrt und alles macht wie vorher.“
Dr. Tobias Gampert
FAQ: Häufige Fragen zu Kardiologische Reha
Beim medizinischen Heilverfahren geht es vor allem darum, schweren kardiologischen Ereignissen oder der Verschlechterung chronischer Krankheiten vorzubeugen. Daher eignet sich eine solche Maßnahme zum Beispiel für Patientinnen oder Patienten mit einer chronischen Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen oder einer chronischen koronaren Herzkrankheit.
Eine kardiologische Rehabilitationsmaßnahme sollte als sogenannte Anschlussheilbehandlung unmittelbar nach einem Krankenhausaufenthalt, spätestens innerhalb von 14 Tagen nach einer stationären Behandlung beginnen – zum Beispiel nach einem Herzinfarkt, einer Bypass-Operation, einer Herzklappenoperation oder anderen kardio- oder gefäßchirurgischen Eingriffen. Auch nach einer Lungenarterienembolie macht eine Anschlussheilbehandlung Sinn.
Hier sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen: Wie schwer war das Ereignis oder der Eingriff? Wie gut wurde es überstanden? Und was hat der Mensch vorher gemacht? Wer zum Beispiel in einem körperlich anstrengenden Beruf arbeitet, wird womöglich noch einige Zeit arbeitsunfähig bleiben. Betroffene, die einem Job im Büro nachgehen, können oftmals kurz nach der Reha wieder arbeiten. Das Ziel ist, dass die Patientin oder der Patient zügig wieder beschwerdefrei das alltägliche Leben meistern kann.
In ambulanten Herzsportgruppen kommen Patientinnen und Patienten mit chronischen Herz-Kreislauf-Krankheiten mindestens einmal pro Woche zusammen, um gemeinsam Sport zu treiben und so ihre körperliche Belastbarkeit zu trainieren. Sie werden dabei von ausgebildeten Fachleuten angeleitet und immer von einem Arzt oder einer Ärztin betreut. Deutschlandweit gibt es mehr als 6000 Herzgruppen.