Das Wichtigste in Kürze
- Ein hoher Zuckerkonsum erhöht langfristig das Risiko für Übergewicht, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und Gefäßverkalkung. Deshalb greifen viele Menschen mit Herzerkrankungen bewusst zu Produkten mit Süßstoffen oder sogenannten Zuckeralkoholen wie Erythrit, Xylit oder Sorbit.
- Zuckerersatzstoffe haben häufig wenig oder keine Kalorien und lassen auch den Blutzucker weniger stark ansteigen. Dennoch sind sie keine harmlose Zuckeralternative, sondern bergen womöglich gesundheitliche Risiken.
- Mehr als 3.300 Herz-Kreislauf-Patientinnen und -Patienten wurden über einen Zeitraum von drei Jahren beobachtet. Das Ergebnis: Bei Menschen mit einer hohen Xylit-Konzentration im Blut kam es deutlich häufiger zu Schlaganfällen und sogenannten „kardialen Ereignissen“ wie Herzinfarkt oder Tod.
- Zuckeralkohole führen dazu, dass Blutplättchen stärker verklumpen. Dadurch könnten sich leichter Blutgerinnsel bilden, die zu einem Verschluss der Herzkranzgefäße und damit zu einem Herzinfarkt führen können.
Warum sind Zuckerersatzstoffe gerade bei Menschen mit Herzerkrankungen beliebt?
Ein hoher Zuckerkonsum erhöht langfristig das Risiko für Übergewicht, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und Gefäßverkalkung. Deshalb greifen viele Menschen mit Herzerkrankungen bewusst zu Produkten mit Süßstoffen oder sogenannten Zuckeralkoholen wie Erythrit, Xylit oder Sorbit. Die haben häufig wenig oder keine Kalorien und lassen auch den Blutzucker weniger stark ansteigen. „Viele Zuckerersatzstoffe sind keine harmlose Zuckeralternative, sondern bergen gesundheitliche Risiken. Das zeigen nicht nur unsere, sondern auch andere Studien“, sagt Dr. Marco Witkowski vom Deutschen Herzzentrum der Charité. „Vielen Menschen ist das aber gar nicht bewusst. Da muss ein Umdenken stattfinden.“
Zum Experten
Dr. med. Marco Witkowski
Dr. med. Marco Witkowski ist als Oberarzt am Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) tätig.
Können Zuckerersatzstoffe ein Risiko für die Herz-Kreislauf-Gesundheit sein?
Dr. Witkowski und sein Team haben Blutproben von mehr als 3.300 Herz-Kreislauf-Patientinnen und -Patienten analysiert. Diese Menschen wurden über einen Zeitraum von drei Jahren beobachtet. Das Ergebnis: Mit einer hohen Xylit-Konzentration im Blut kam es deutlich häufiger zu Schlaganfällen und sogenannten „kardialen Ereignissen“ wie Herzinfarkt oder Tod. „Natürlich wollten wir wissen: Waren diese Werte nur zufällig erhöht, weil die Menschen sich beispielsweise ungesünder ernährt haben? Oder könnten die Zuckeralkohole an den Herz-Kreislauf-Ereignissen beteiligt sein?“, erzählt der Forscher. Deshalb haben er und sein Team weitere Experimente durchgeführt. „Zum Beispiel haben wir menschliche Blutplättchen isoliert und Zuckeralkohol dazugegeben – und zwar in so niedrigen Konzentrationen, wie wir sie auch im Blut der Patientinnen und Patienten gefunden haben. Damit konnten wir zeigen: Je mehr Zuckeralkohol die Plättchen bekommen, desto stärker verklumpen sie.“ Dieselbe Reaktion konnte auch für das Erythrit belegt werden.
Ist das Herzinfarktrisiko erhöht, wenn Zuckerersatzstoffe die Blutplättchen beeinflussen?
Die Reaktion der Blutplättchen auf den Zuckeralkohol kann die Entstehung von Herzinfarkten begünstigen: Dadurch könnten sich leichter Blutgerinnsel bilden, die zu einem Verschluss der Herzkranzgefäße führen. „Daher sind diese Daten für Menschen mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko als Warnsignal zu verstehen“, erklärt der Mediziner. „Nehmen wir eine Atherosklerose, also eine Gefäßverkalkung, als Beispiel: Da entstehen immer wieder kleine Mikroerosionen. Kommt dann noch ein weiterer Risikofaktor dazu, kann der sozusagen das Fass zum Überlaufen bringen.“
„Viele Zuckerersatzstoffe sind keine harmlose Zuckeralternative, sondern bergen gesundheitliche Risiken.“
Dr. Marco Witkowski
Xylit und Erythrit gelten als natürliche Süßungsmittel – warum können sie überhaupt gefährlich werden?
Xylit wurde früher aus der Rinde finnischer Birken gewonnen, daher der umgangssprachliche Name „Birkenzucker“. Erythrit kommt in der Natur in geringen Mengen in Käse sowie reifen Früchten, zum Beispiel Weintrauben oder Melonen vor. „Doch die im Handel erhältlichen Produkte sind keine naturbelassenen Lebensmittel mehr – sie werden industriell hergestellt“, klärt Dr. Witkowski auf. „Zudem sind die Aufnahmemengen, beispielsweise über verarbeitete Speisen, sehr viel höher, als wenn man die Zuckeralkohole natürlich über reifes Obst zu sich nimmt. Und das ist dann eben nicht gesund.“ Der Laie erkennt eine hohe Konzentration zum Beispiel an dem Satz: „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken.“ Laut der EU-Zusatzstoff-Verordnung müssen Hersteller diesen Hinweis ab einem Anteil von mehr als 10 Prozent Zuckeralkoholen im Gesamtprodukt abdrucken.
Süßstoffe und Zuckeralkohole – wo liegt der Unterschied?
Süßstoffe können künstlich oder natürlich sein. Zu ihnen zählen zum Beispiel Aspartam oder Stevia. Sie haben eine starke Süßkraft – sie sind oft 30- bis 500-mal süßer als Zucker! Trotzdem sind sie nahezu kalorienfrei und werden in winzigen Mengen verwendet.
Zuckeralkohole werden auch Polyole genannt. Zu ihnen gehören zum Beispiel Xylit, Erythrit und Sorbit. Sie sind meist etwas weniger süß als Zucker. Xylitol und Sorbit enthalten Kalorien. Erythritol gilt als kalorienfrei. Sie lassen sich wie normaler Haushaltszucker dosieren.
Warum werden Zuckeraustauschstoffe nicht verboten?
„Die Zulassung basiert vor allem auf toxikologischen Sicherheitsdaten. Da wird dann zum Beispiel an Mäusen getestet, welche Effekte bestimmte Stoffe verursachen“, erklärt Dr. Witkowski. So wurde beim Zuckeralkohol zum Beispiel beobachtet, dass er in hohen Mengen Durchfall verursacht. Er wurde aber nicht in Hinblick auf seine kardiovaskuläre Sicherheit getestet. „Und die Effekte – wie Herzinfarkt und Schlaganfall – treten eben nicht nach Tagen auf. Das muss man in Beobachtungsstudien über mehrere Jahre betrachten. Das ist natürlich ein Problem, weil gerade Süßstoffe für Menschen mit kardiovaskulären Risikofaktoren sehr attraktiv sind“, so der Experte, der derzeit noch an weiteren Forschungsprojekten zu Süßungsmitteln arbeitet.
Ist Haushaltszucker gesünder als Zuckerersatzstoffe?
Auch klassischer Haushaltszucker ist keineswegs harmlos. Auch ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum erhöht nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Aber anders als bei den Zuckerersatzstoffen ist das kein kurzfristiger, sondern eher ein langfristiger Effekt. Haushaltszucker stört langfristig die Glucosetoleranz, das führt zu einer Insulinresistenz und letztendlich zu Diabetes – und der Diabetes ist wiederum ein relevanter Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, erklärt Dr. Witkowski.
Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) empfiehlt, die Aufnahme von sogenanntem „freiem Zucker“ auf maximal 10 Prozent der täglichen Kalorienaufnahme zu beschränken.
Worauf sollten Menschen mit Herz-Kreislauf-Risiken bei der Ernährung achten?
„Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass so viele Speisen Zuckerersatzstoffe beinhalten“, sagt der Forscher. „Das habe ich erst festgestellt, als ich mich damit befasst habe.“ Dr. Witkowski empfiehlt bewusster darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn beispielsweise Proteinriegel oder Getränke damit werben, kalorienarm und zuckerfrei zu sein. „Viele Menschen glauben, sie würden sich gesund ernähren, wenn sie zum Beispiel scheinbar ausgewogene oder zuckerreduzierte Fertigprodukte kaufen. Aber viele hochverarbeitete Lebensmittel enthalten zahlreiche Zusatzstoffe, die eben nicht gesund sind“, so der Experte. „Was ich gelernt habe und auch versuche – so gut es geht – umzusetzen: Wenn man die Speisen selbst zubereitet, weiß man, was man im Kochtopf hat.“
FAQ – Häufige Fragen zu Zuckerersatzstoffen und Ernährung
Xylit, auch Birkenzucker genannt, ist ein Zuckeralkohol, der als Zuckeraustauschstoff zum Beispiel in Backwaren, Süßigkeiten und Kaugummis verwendet wird. Es hat eine ähnliche Süße wie Haushaltszucker (Saccharose), enthält jedoch knapp 40 Prozent weniger Kalorien. Xylit kommt auch in Früchten und Gemüse vor und kann in geringen Mengen vom menschlichen Körper produziert werden – weshalb es gern als „natürlicher Süßstoff“ angepriesen wird. Tatsächlich wird es in aufwendigen chemischen Verfahren in großen Massen industriell hergestellt.
Der Zuckeraustauschstoff ähnelt in seiner chemischen Zusammensetzung Xylit. Er wird oft kalorienfreien Getränken oder Proteinprodukten zugesetzt. Genauso wie Xylit soll Erythrit ebenfalls das Thrombose- und Infarktrisiko erhöhen. Das hatte Dr. Witkowski bereits 2023 in einer im „Nature Medicine“-Magazin veröffentlichten Studie gezeigt, für die er von der Deutschen Herzstiftung ausgezeichnet worden ist.
Fettleibigkeit kann zu Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Atherosklerose oder auch arterieller Hypertonie führen. Damit steigt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Tod. 19 % der erwachsenen Menschen in Deutschland sind adipös. Als einer der Hauptfaktoren für Fettleibigkeit ist Zucker identifiziert.
Der hohe Blutzucker verändert die Zellen des Körpers. Er kann langfristig die Blutgefäße schädigen und zu einer Erkrankung des Herzmuskels führen. Doch nicht nur der Diabetes allein ist eine Gefahr. Der hohe Blutzucker geht häufig einher mit Übergewicht und anderen Risikofaktoren, wie hohem Blutdruck und einem gestörten Fettstoffwechsel. Das heißt: Der Diabetes ist nicht der alleinige Verursacher, aber er treibt das Risiko massiv nach oben.