Das Wichtigste in Kürze
- Untersuchungen zeigen, dass etwa jeder zweite chronisch nierenkranke Mensch zugleich an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leidet.
- Ist das Herz geschwächt, sodass es das Blut nur noch mit verminderter Kraft durch den Kreislauf pumpt, erhalten die Nieren nicht mehr genügend Sauerstoff und Nährstoffe.
- Geschwächte Nieren lassen die Blutgefäße schneller verkalken und fördern dadurch die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkt.
- Eine Nierenerkrankung verändert die Blutplättchen und die Blutgerinnung. Dadurch haben Menschen mit einer Nierenerkrankung eine höhere Neigung, Gerinnsel zu entwickeln. Und wenn diese Neigung dann auf eine Engstelle trifft, erhöht sich das Risiko für einen Herzinfarkt.
- Um das Herz und die Nieren zu schützen, ist es wichtig, Risikofaktoren gut einzustellen: Bluthochdruck, die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus, Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen. Und mit dem Rauchen aufzuhören.
- Es ist wichtig, die Nierenerkrankung frühzeitig zu identifizieren und mit guten Therapiestrategien das Risiko einer Herz-Keislauf-Erkrankung reduzieren
Welche Herz-Kreislauf-Erkrankungen können chronisch geschwächte Nieren begünstigen?
„Wenn eine Nierenerkrankung festgestellt wird, ist die größte Sorge der Betroffenen meist: `Ich will nicht an die Dialyse, an die Blutwäsche`“, berichtet Prof. Marx, Direktor für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin der Universitätsklinik Aachen. „Dabei ist die viel größere Gefahr, dass Herzinfarkte, Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen auftreten.“ Viele Betroffene unterschätzen dieses Risiko. „Dabei zeigen Untersuchungen, dass etwa jeder zweite chronisch nierenkranke Mensch zugleich an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leidet“, sagt der Experte.
Zum Experten
Prof. Dr. Nikolaus Marx
Prof. Dr. Nikolaus Marx ist Direktor für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin der Universitätsklinik Aachen. Dort besteht eine interdisziplinäres Herz-Niere-Zentrum, in dem herz- und nierenkranke Patienten gemeinsam von Kardiologen und Nephrologen betreut werden.
Warum belasten geschwächte Nieren das Herz?
Geschwächte Nieren lassen die Blutgefäße schneller verkalken und fördern dadurch auch bei gesunden Herzen die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkt. Das hat verschiedene Ursachen. „Genau sind die Mechanismen noch nicht erforscht. Aber wir wissen zum Beispiel: Bei der Nierenschwäche (Niereninsuffizienz) scheidet der Körper bestimmte schädliche Stoffe nicht mehr ausreichend aus“, erklärt Prof. Marx. „Dann zirkulieren unter anderem Kalzium und Phosphat im Blut und beeinflussen die Funktion der Gefäße, des Herzens und der Blutzellen.“ Diese Stoffe lagern sich in den Gefäßen an und führen zu einer Verkalkung (Atherosklerose). „Und die wiederum erhöht das Herzinfarktrisiko – wobei dieses Risiko durch die Nierenerkrankung ohnehin schon erhöht ist“, so der Experte.
„Wenn eine Nierenerkrankung festgestellt wird, ist die größte Sorge meist: Ich will nicht an die Dialyse, an die Blutwäsche. Dabei ist die viel größere Gefahr, dass Herzinfarkte, Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen auftreten.“
Prof. Dr. Nikolaus Marx
Weshalb ist bei einer Nierenerkrankung das Herzinfarktrisiko erhöht?
Beim Herzinfarkt kommt es zu einem lebensbedrohlichen Verschluss einer oder mehrerer Koronararterien: Dann verstopft ein Blutgerinnsel ein Gefäß, das zuvor schon durch Ablagerungen verengt war. In der Folge wird der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt. „Eine Nierenerkrankung verändert die Blutplättchen und die Blutgerinnung. Dadurch haben Menschen mit einer Nierenerkrankung eine höhere Neigung, Gerinnsel zu entwickeln. Und wenn diese Neigung dann auf eine Engstelle trifft, erhöht sich das Risiko für einen Herzinfarkt.“ Viele Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen mit chronischer Niereninsuffizienz nicht an der Nierenerkrankung, sondern an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung sterben. Umso wichtiger ist es, die Nierenerkrankung früh zu erkennen, gut zu behandeln und gleichzeitig die Risikofaktoren zu reduzieren.
Welche Risikofaktoren sollte man bei einer Nierenerkrankung reduzieren?
Viele Faktoren schädigen gleichzeitig die Gefäße von Herz und Niere: Dazu gehören das Rauchen, Bluthochdruck, die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus, Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen. „Werden diese Risikofaktoren konsequent behandelt, lassen sich die Schäden an Herz und Nieren vermeiden – oder zumindest reduzieren“, sagt Prof. Marx.
Warum schädigen erhöhte Cholesterinwerte sowohl die Niere als auch das Herz?
Cholesterin ist eine fettähnliche Verbindung, die im Körper verschiedene lebenswichtige Aufgaben übernimmt: Sie regt zum Beispiel die Bildung von Gallensäure an und wird für den Aufbau von Hormonen und Zellmembranen gebraucht. Der Körper bildet das Cholesterin zum größten Teil selbst, ein Teil wird aber auch über die Nahrung aufgenommen. Grob unterscheidet man zwei Arten: das gute (HDL) und das schlechte (LDL) Cholesterin.
Das sogenannte schlechte Cholesterin transportiert die Fette dorthin, wo sie gebraucht werden. Das Problem: Haben wir zu viel davon im Körper, lagert es sich in den Gefäßen ab. Das gute Cholesterin, das HDL, kann dagegen abgelagertes LDL-Cholesterin aus den Gefäßen entfernen. „Hat aber jemand eine fortgeschrittenen Nierenerkrankung, sind die Eiweiße in diesen Molekülen so verändert, dass sie nicht mehr schützen, sondern schädigen“, erklärt Prof. Marx. „Dann sorgen sie in der Gefäßwand für Entzündungen, die eine Atherosklerose begünstigen.“
Warum ist die Zuckerkrankheit Diabetes ein Risikofaktor für Herz und Niere?
Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte verursachen ebenfalls Entzündungen in den Gefäßinnenwänden (Endothel), die schließlich zu Atherosklerose (Verkalkung) und Verengungen führen – und das sowohl im Herzen als auch in den Nieren. „Dadurch droht langfristig eine Schädigung beider Organe“, erklärt Prof. Marx. „Das heißt: Es ist wichtig, den Blutzucker medikamentös gut einzustellen, um die Herz- und Nierengesundheit zu schützen.“
Warum kann ein Bluthochdruck den Nieren schaden?
Bluthochdruck ist – neben Diabetes mellitus – eine der häufigsten Ursachen für eine chronische Nierenschwäche. Dann führt der hohe Druck in den Gefäßen zu einer Verdickung und Versteifung der kleinen Arterien in der Niere. Dadurch wird sie nicht mehr ausreichend durchblutet – Gewebe stirbt ab. In der Folge droht ein gefährlicher Teufelskreis: Die geschädigten Nieren können den Blutdruck nicht mehr gut regulieren, sodass er (weiter) ansteigt. Bluthochdruck kann daher sowohl die Ursache als auch die Folge einer chronischen Nierenschwäche (Niereninsuffizienz) sein. „Umso wichtiger ist es, den Blutdruck gut einzustellen“, sagt Prof. Marx. „Das Problem ist allerdings: Weil sowohl der Bluthochdruck als auch die Nierenschwäche keine Schmerzen und erst sehr spät andere Beschwerden verursacht, werden beide Erkrankungen häufig erst sehr spät erkannt.“
Warum kann eine geschwächte Niere den Blutdruck nicht gut regulieren?
Grundsätzlich ist es so, dass die Nieren das Blutvolumen, den Blutdruck und den Elektrolythaushalt, also die Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung von Mineralstoffen wie Natrium und Kalium, kontrollieren.
Führt ein chronisch hoher Blutdruck zu Gefäßschäden und einer verringerten Nierendurchblutung, können die Nieren das sogenannte Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) aktivieren. Das führt zu einer Verengung der Blutgefäße und zu einem Rückhalt von Natrium und Wasser, um so den Blutdruck und die Nierendurchblutung zu erhöhen. Dasselbe passiert auch bei einem geschwächten Herz, wenn nicht genug Blut in den Nieren ankommt. „Kurzfristig stabilisiert das den Kreislauf, langfristig erhöht es jedoch die Belastung der Nieren und des Herzens und kann beispielsweise eine bestehende Herzschwäche (Herzinsuffizienz) verschlechtern“, erklärt Prof. Marx.
Was bedeutet der Zusammenhang zwischen Nieren- und Herzgesundheit für die Behandlung?
„In der Kardiologie haben wir die Bedeutung der Nierenerkrankung für die Herzgesundheit lange unterschätzt“, sagt Prof. Marx. „Inzwischen wissen wir: Es ist wichtig, die Nierenerkrankung frühzeitig zu identifizieren und mit guten Therapiestrategien das Risiko einer Herz-Keislauf-Erkrankung reduzieren.“ Viele moderne Behandlungskonzepte berücksichtigen beide Organe gleichzeitig. So schützen beispielsweise ACE-Hemmer, gefäßerweiternde Medikamente, die zur Behandlung von Bluthochdruck (Hypertonie) und chronischer Herzinsuffizienz eingesetzt werden, Herz und Niere. SGLT2-Inhibitoren, die für die Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt wurden, aber auch positive Effekte bei Herzinsuffizienz zeigen, haben sowohl eine kardiale als auch renale Schutzwirkung. Und entwässernde Medikamente, sogenannte Diuretika, müssen sorgfältig dosiert werden, um die Nierenfunktion nicht zu verschlechtern. Eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kardiologie und Nephrologie ist daher entscheidend.
FAQ: Häufige Fragen zur Nieren- und Herzgesundheit
Bezeichnet das gleichzeitige Auftreten einer Nieren- und einer Herzerkrankung. Bei dem kardiorenalen Syndrom muss eine sich gegenseitig bedingenden Verschlechterung von Herz- und Nierenfunktion unterbunden werden, um fortschreitendes Herz- und Nierenversagen zu vermeiden. Da die Funktionsverbesserung des einen Organs auch zur Verbesserung des anderen führt, erfordert die Behandlung des kardiorenalen Syndroms die fachübergreifende (interdisziplinäre) Zusammenarbeit von Kardiologie und Nephrologie. Es ist ein Teufelskreis aus gegenseitiger Schädigung, der oft bei Herzinsuffizienz auftritt.
Fast jeder zweite Mensch mit Herzinsuffizienz leidet gleichzeitig an einer chronischen Nierenerkrankheit. Bei einer chronischen Herzinsuffizienz – auch Herz(muskel)schwäche genannt – ist das Herz nicht mehr in der Lage, genügend Blut durch den Körper und die Organe zu pumpen. „Auch die Nieren werden dann nicht mehr ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt“, erklärt Prof. Jan Galle, Direktor der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid. „Das kann dazu führen, dass ein eigentlich gesundes Organ in seiner Funktion beeinträchtigt wird." Die Folge kann ein akutes Nierenversagen oder eine chronische Nierenkrankheit (CKD) sein.
Symptome können vermehrte Urinausscheidung, erhöhter Blutdruck, Wassereinlagerungen oder roter Urin sein. Zu Beginn gibt es jedoch meistens aber nur geringe oder gar keine Anzeichen für eine Nierenerkrankung. Deutliche Symptome wie Übelkeit, Atemnot und ein unregelmäßiger Herzschlag treten oft erst im Endstadium (Nierenversagen) auf.
Eine chronische Nierenkrankheit entwickelt sich jedoch über Monate hinweg und ist in den meisten Fällen nicht vollständig heilbar. Durch eine medikamentöse Behandlung besteht die Chance auf Besserung. Zusätzlich kann die Umstellung auf eine salzarme Ernährung die Therapie der chronischen Nierenkrankheit unterstützen. In schweren Fällen ist eine Dialyse, eine Nierenersatztherapie, nötig, um den Körper von Giftstoffen zu befreien.