„Wir wollten eine Frage klären, die seit Jahren diskutiert wird: Ist Nikotin selbst gefährlich, oder nur der Rauch, der es umgibt?“, sagt Prof. Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz und Lead-Autor des Reviews. „Unsere Daten lassen daran kaum noch Zweifel: Nikotin allein schädigt das Endothel und die glatte Gefäßmuskulatur über mehrere, gut charakterisierte Mechanismen. Wer Nikotin trotzdem weiter als harmloses Genussmittel vermarktet, handelt gegen die wissenschaftliche Evidenz.“ Die Übersichtsarbeit schließe eine wichtige Evidenzlücke, so Ko-Autor Prof. Andreas Daiber, Universitätsmedizin Mainz. „Ihre zentrale Botschaft, dass Nikotin selbst keine inerte oder harmlose Substanz ist, verdient breite Aufmerksamkeit von Klinikerinnen und Klinikern, Regulierungsbehörden und der Öffentlichkeit gleichermaßen.“
Die Arbeit integriert präklinische Mechanismusstudien, Endothelfunktions- und Biomarkerdaten sowie große klinische Kohorten (u. a. PATH, All of Us und die Cross Cohort Collaboration) zu Tabakzigaretten, Wasserpfeifen, E-Zigaretten, Tabakerhitzern und oralen Nikotinprodukten wie Nikotinbeuteln und Snus. Herausgekommen ist nicht nur eine Übersicht der Pathomechanismen, sondern auch eine evidenzbasierte „Hierarchie des kardiovaskulären Schadens“. Die Autoren bezeichnen Nikotin selbst als „direct vascular toxin“.
Pathophysiologische Mechanismen
Nikotin trägt unabhängig vom Trägersystem über verschiedene Mechanismen zur Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen bei, führt das Forschungsteam um Münzel aus. So aktiviert Nikotin nikotinische Acetylcholinrezeptoren im autonomen Nervensystem, im Nebennierenmark und im Gefäßendothel und führt dadurch zu einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems mit gesteigerter Katecholaminfreisetzung. Dies resultiert in einer Erhöhung von Herzfrequenz, Blutdruck, myokardialer Kontraktilität und Herzzeitvolumen sowie in einer peripheren Vasokonstriktion. Dadurch steigen der myokardiale Sauerstoffbedarf und das autonome Ungleichgewicht (s. Abb. A).
© Münzel et al. 2026, modifiziert
Abb. A: Nikotin als zentraler Treiber kardiovaskulärer Schädigung durch nikotinhaltige Produkte. Abkürzungen: eNOS – endotheliale NO-Synthase; NF-κB – Nuclear Factor κB; NO – Stickstoffmonoxid; NOX2 – NADPH-Oxidase 2; ROS – reaktive Sauerstoffspezies. (Quelle: Münzel et al. 2026, modifiziert)
Auf vaskulärer Ebene verursacht Nikotin eine Endotheldysfunktion, charakterisiert durch eine verminderte flussvermittelte Dilatation, gesteigerten oxidativen Stress und eine reduzierte Bioverfügbarkeit von Stickstoffmonoxid (NO). Hierzu trägt eine Entkopplung der endothelialen NO-Synthase (eNOS) bei, unter anderem infolge einer verminderten Expression der GTP-Cyclohydrolase 1 (GCH1) und einer reduzierten Verfügbarkeit von Tetrahydrobiopterin (BH₄). Nikotin stört darüber hinaus das Gleichgewicht endothelialer vasoaktiver Mediatoren durch eine verminderte Prostazyklin-Synthese (Prostaglandin I₂; PGI₂) und eine gesteigerte Bildung von Endothelin-1 (ET-1), wodurch Vasokonstriktion und vaskuläre Entzündung gefördert werden.
Diese Mechanismen tragen zu einer erhöhten arteriellen Gefäßsteifigkeit und hämodynamischen Belastung bei, einschließlich einer gesteigerten Pulswellengeschwindigkeit und eines erhöhten Augmentationsindex, und begünstigen damit die Entwicklung von Hypertonie und Herzinsuffizienz. Parallel aktiviert Nikotin prothrombotische und vasokonstriktorische Signalwege, darunter Thrombozytenaktivierung, Thromboxan-A₂-Signalgebung, verminderte Fibrinolyse und koronare Vasokonstriktion, wodurch das Risiko akuter ischämischer Ereignisse steigt. Proangiogene Effekte von Nikotin auf Endothelzellen fördern zudem die Neovaskularisation und Instabilität atherosklerotischer Plaques. Chronische Nikotinexposition trägt darüber hinaus zu ungünstigem kardialem Remodeling, Myokardfibrose sowie einer Beeinträchtigung der systolischen und diastolischen Funktion bei. Die Nikotinabhängigkeit verstärkt durch mesolimbische Dopaminaktivierung zusätzlich Häufigkeit und Dauer der Exposition und damit die kumulative vaskuläre Schädigung.
Auf molekularer Ebene verschiebt Nikotin das Gleichgewicht zwischen vasodilatierenden und vasokonstriktorischen Signalwegen zugunsten der Vasokonstriktion (s. Abb. B).
© Münzel et al. 2026, modifiziert
Abb. B: Direkte Effekte von Nikotin auf Endothel und glatte Gefäßmuskulatur. Abkürzungen: α₁-AR – α₁-adrenerger Rezeptor; ADMA – asymmetrisches Dimethylarginin; BH₄ – Tetrahydrobiopterin; COX –Cyclooxygenase; eNOS – endotheliale NO-Synthase; ET-1 – Endothelin-1; ETₐ – Endothelinrezeptor Typ A; ETᵦ –Endothelinrezeptor Typ B; HPA – Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse; NF-κB – Nuclear Factor κB; NO – Stickstoffmonoxid; NOX2 – NADPH-Oxidase 2; PGI₂ – Prostaglandin I₂; ROS – reaktive Sauerstoffspezies. (Münzel et al. 2026, modifiziert)
Eine reduzierte GCH1/BH₄-Verfügbarkeit, eine Hemmung beziehungsweise Entkopplung der eNOS, ein Anstieg von ADMA und eine verminderte NO-Bildung reduzieren die NO–cGMP-vermittelte Vasodilatation. Gleichzeitig steigert Nikotin die ET-1-vermittelte Aktivierung von ETₐ-/ETᵦ-Rezeptoren sowie die noradrenerge α₁-adrenerge Signalübertragung, wodurch der intrazelluläre Ca²⁺-Spiegel erhöht und die Vasokonstriktion verstärkt wird. Zusätzlich vermindert Nikotin die PGI₂-vermittelte Signalübertragung und beeinflusst ATP-sensitive K⁺- sowie spannungsabhängige Ca²⁺-Kanäle. Insgesamt entsteht dadurch eine ausgeprägte Verschiebung der vaskulären Regulation in Richtung Vasokonstriktion und endothelialer Dysfunktion. Akute Beeinträchtigungen der Gefäßfunktion sind bereits nach einzelnen Expositionen zu beobachten.
„Nikotin schaltet nicht nur die schützende Gefäßinnenhaut aus – es verengt direkt auch die Muskulatur darum herum“, so Münzel. „Zwei getrennte Angriffswege, ein Ergebnis: ein Gefäß, das sich stärker zusammenzieht, sich schlechter entspannt und leichter Gerinnsel bildet.“ Nikotin ist also kein passiver Bestandteil, der lediglich die Sucht aufrechterhält. Es ist ein aktiver Treiber der endothelialen Dysfunktion, die einen frühen Schritt in der Atherogenese darstellt.
Hierarchie des kardiovaskulären Schadens
Auf Basis von chemischen Grundlagen, Mechanismen, Tiermodellen und klinischen Ergebnissen leitet das Forschungsteam eine Schadenshierarchie für aktuell genutzte Nikotin-Trägersysteme ab:
- Verbrennungsprodukte wie Zigaretten & Wasserpfeifen: höchste vaskuläre Schädigung, robuste Evidenz für Myokardinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz
- Tabakerhitzer (Heat-not-Burn-Systeme): akuter Anstieg von arterieller Gefäßsteifigkeit und Plättchenthrombus-Bildung
- Aerosolgeräte wie E-Zigaretten: beeinträchtigte Endothelfunktion, erhöhter oxidativer Stress, hohes Suchtpotenzial
- Orale Nikotinprodukte wie Nikotinbeutel, Snus und Kautabak: geringeres, aber nicht fehlendes kardiovaskuläres Risiko; insbesondere für neuere orale Nikotinprodukte noch keine Langzeitdaten
- Abstinenz: Die einzige risikofreie Option
Verbrennungsprodukte verursachen die ausgeprägteste endotheliale Dysfunktion und tragen das höchste kardiovaskuläre Risiko, aber auch unabhängig von verbrennungsbedingten Schadstoffen und weiteren toxischen Zusatzstoffen zeigen sich messbare, reproduzierbare Gefäßschäden durch Nikotin. Das Forschungsteam stellt klar: „Weniger schädlich“ dürfe niemals mit „harmlos“ gleichgesetzt werden, und Nikotin selbst dürfe unabhängig von Verpackung oder Vermarktung niemals als sicher bezeichnet werden. „Es gibt keine sichere Dosis und keine sichere Darreichungsform von Nikotin für das Herz-Kreislauf-System“, betont Münzel. „Eine Botschaft, die verloren geht, wenn Nikotin als kaum mehr denn ein mildes Stimulans, vergleichbar mit Koffein, vermarktet wird.“ Das Forschungsteam fordert Politik und Aufsichtsbehörden auf, dieser Verharmlosungsstrategie entschlossen entgegenzutreten.
Unterstützung des EU Safe Hearts Plan
„Wir sehen unsere Arbeit als direkten Beitrag zum neuen EU Safe Hearts Plan“, so Münzel. Im Dezember 2025 stellte die Europäische Kommission den Aktionsplan vor, der u. a. eine Modernisierung der EU-Tabakgesetze vorsieht. „Die darin geforderte Überarbeitung der Tabakkontrollgesetzgebung sollte Nikotin selbst regulieren, über alle Darreichungsformen hinweg.“ Eine Regulierung solle sich nicht länger allein an der Produktkategorie „Tabak“, sondern an der pharmakologischen Wirkung von Nikotin selbst orientieren, unabhängig davon, ob es geraucht, erhitzt, verdampft oder oral aufgenommen wird. Nach Auffassung des Forschungsteams sprechen die kardiovaskuläre Toxizität von Nikotin und sein gut belegtes hohes Abhängigkeitspotenzial für einen kohärenten, an Nikotin selbst ausgerichteten Regulierungsrahmen anstelle eines Flickenteppichs produktspezifischer Einzelregelungen. Die Forscher warnen zugleich davor, diese Chance durch den Einfluss der Tabak- und Nikotinindustrie im weiteren Gesetzgebungsverfahren verwässern zu lassen.
Auf EU-Ebene fordert das Forschungsteam, die laufende Überarbeitung der Tabakproduktrichtlinie (TPD3) nicht auf eine bloße Aktualisierung zu beschränken: Nötig sei stattdessen eine eigenständige EU-Nikotinprodukteverordnung, die an der Substanz Nikotin selbst ansetzt – unabhängig von Darreichungsform und Quelle. Nur so lasse sich verhindern, dass der Gesetzgeber bei neuen Produkten wie Nikotinbeuteln stets hinterherreguliert. Auch eine novellierte Tabakproduktrichtlinie greife strukturell zu kurz, wenn neuartige tabakfreie Nikotinprodukte wie Nikotinbeutel nicht umfassend einbezogen werden. Eine einheitliche EU-Nikotinregulierung würde diese Schlupflöcher EU-weit systematisch schließen, statt sie den Mitgliedstaaten von Fall zu Fall zu überlassen.
Nikotinbeutel als neuartige, tabakfreie Nikotinprodukte, die meist zwischen Lippe und Zahnfleisch platziert werden, verdeutlichen die regulatorischen Herausforderungen durch neue Nikotinprodukte. Da Nikotinbeutel keinen Tabak enthalten, fallen sie nicht unter das Tabakerzeugnisgesetz. Die deutschen Behörden stufen sie als Lebensmittel ein. Da für Lebensmittel Nikotin nicht zugelassen ist, ist ihr Verkauf hierzulande verboten. Sie können aber beispielsweise im Internet aus dem Ausland mit wenigen Klicks und ohne wirksame Altersprüfung bestellt werden. Nach Angaben des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) hatten im Jahr 2025 bereits 5,5 Prozent der 12- bis 17-Jährigen sowie 18,9 Prozent der 18- bis 25-Jährigen Erfahrungen mit Nikotinbeuteln gemacht.
Vor dem Hintergrund sieht ein breites Bündnis aus Verbänden, Organisationen und Fachgesellschaften wie Bundesärztekammer (BÄK) und Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) „mit großer Sorge“ konkrete Bestrebungen, die Verkaufszulassung von Nikotinbeuteln in Deutschland voranzutreiben. Eine Aufhebung würde die Verfügbarkeit, Sichtbarkeit und Vermarktungsmöglichkeiten dieser Nikotinprodukte erhöhen und damit den Einstieg in den Nikotinkonsum erleichtern, insbesondere auch für Menschen, für die andere Tabak- und Nikotinprodukte bislang nicht attraktiv sind. Zugleich würde sie die Anstrengungen zur Prävention von Nikotinabhängigkeit, insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, erschweren. Nikotinbeutel werden insbesondere für junge Menschen attraktiv vermarktet, so das Bündnis. Über soziale Medien und eine jugendaffine Produktgestaltung werden sie als Lifestyleprodukte präsentiert. Fruchtige Aromen können die Hemmschwelle für den Gebrauch zusätzlich senken.
Daher der Appell des Bündnisses an die Bundesregierung: „Keine Liberalisierung von Nikotinbeuteln. Das bestehende Verbot des Inverkehrbringens muss im Interesse des Jugend- und Gesundheitsschutzes beibehalten und konsequent durchgesetzt werden.“
Take-aways
- Ein Expertenteam aus Europa und den USA hat die aktuelle Evidenz zu den kardiovaskulären Effekten nikotinhaltiger Produkte in einem umfassenden Review zusammengeführt.
- Nikotin schädigt Endothel und glatte Gefäßmuskulatur direkt. Es fördert Vasokonstriktion, oxidativen Stress, Entzündung und prothrombotische Prozesse.
- Kein nikotinhaltiges Produkt gilt als kardiovaskulär risikofrei.
- Verbrennungsprodukte wie Zigaretten und Wasserpfeifen verursachen die stärkste vaskuläre Schädigung. Orale Nikotinprodukte haben ein geringeres, aber weiterhin vorhandenes kardiovaskuläres Risiko. Für neuere Produkte fehlen Langzeitdaten.
- Die Autoren sprechen sich für eine Regulierung aus, die Nikotin unabhängig von Quelle und Darreichungsform erfasst.
- BÄK, DGK und weitere Organisationen fordern in einem aktuellen Appell an die Bundesregierung, das Verbot des Inverkehrbringens von Nikotinbeuteln in Deutschland beizubehalten.
Referenzen
- Münzel T, Kuntic M, Keaney JF Jr, et al. Nicotine-containing products and the cardiovascular system: mechanisms and global health implications. Nat Rev Cardiol. Published online August 20, 2026. doi:10.1038/s41569-026-01331-6
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