Prof. Jan Leipe, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
PD Dr. Fabian Proft, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Prof. Martin Andrassy, RKH Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal
Prof. Simon Greulich, Universitätsklinikum Tübingen
Was sind Anlass und Ziel der Publikation?
Anlass ist das deutlich erhöhte kardiovaskuläre Risiko vieler Patientinnen und Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Dieses betrifft nicht nur klassische Risikokonstellationen, sondern wird auch durch chronische Entzündung, krankheitsspezifische Manifestationen und teils durch Therapien beeinflusst. Ziel der S3-Leitlinie ist es, eine evidenz- und konsensbasierte Grundlage für die strukturierte Erfassung, Prävention und Behandlung kardiovaskulärer Komorbiditäten zu schaffen und die interdisziplinäre Versorgung zu stärken.
Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?
- Kardiovaskuläre Prävention ist bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ein zentraler Bestandteil der Versorgung und sollte regelmäßig und strukturiert erfolgen.
- Das kardiovaskuläre Gesamtrisiko sollte systematisch erfasst werden, einschließlich Blutdruck, Lipiden, Diabetesstatus, Rauchen, Gewicht/BMI, Anamnese und krankheitsspezifischer Risikokonstellationen.
- Klassische Risikofaktoren sollten konsequent nach etablierten kardiovaskulären Empfehlungen behandelt werden; zugleich ist eine gute Kontrolle der entzündlich-rheumatischen Grunderkrankung wichtig.
- Die Leitlinie richtet sich an alle beteiligten Disziplinen und soll die Zusammenarbeit zwischen Rheumatologie, Kardiologie, hausärztlicher Versorgung, Innerer Medizin und weiteren Fachgebieten erleichtern.
Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass das kardiovaskuläre Risikomanagement häufig an Schnittstellen mehrerer Versorgungsbereiche liegt. Zuständigkeiten sind im Alltag nicht immer eindeutig geregelt; hinzu kommen begrenzte Zeit, heterogene Krankheitsbilder und eine teils eingeschränkte Aussagekraft allgemeiner Risikorechner für einzelne entzündlich-rheumatische Erkrankungen. Hilfreich sind daher standardisierte Checklisten, feste Kontrollintervalle, klare Hinweise im Arztbrief, lokale Behandlungspfade und eine frühzeitige Einbindung hausärztlicher sowie kardiovaskulär spezialisierter Disziplinen.
Welche Punkte sind offengeblieben?
Für mehrere seltenere Erkrankungen ist die Evidenz zu kardiovaskulären Endpunkten noch begrenzt. Offen bleiben unter anderem die optimale Frequenz einzelner Screeningmaßnahmen, die krankheitsspezifische Anpassung von Risikoscores, der Stellenwert von Bildgebung und Biomarkern in der Routine sowie der direkte Nutzen einzelner Präventionsstrategien in definierten Subgruppen. Die Leitlinie benennt diese Lücken und kann damit auch Forschungsfragen für künftige Studien schärfen.
Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?
Der nächste Schritt ist die Implementierung der Empfehlungen in die Versorgung. Dazu gehören Fortbildungsformate, digitale Erinnerungs- und Dokumentationshilfen, Versorgungsforschung und Registerdaten. Relevant werden außerdem besser validierte Risikoprofile für einzelne entzündlich-rheumatische Erkrankungen sowie neue Daten zu kardiovaskulären Effekten antirheumatischer und kardiovaskulärer Therapien. Eine Patientenversion ist vorgesehen, um Betroffene stärker in Prävention und Risikomanagement einzubeziehen.
S3-Leitlinie: Management kardiovaskulärer Komorbiditäten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen
Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. et al.: S3-Leitlinie: Management kardiovaskulärer Komorbiditäten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen. Langfassung. Version 1.0 12.03.2026. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/060-010
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