HERZMEDIZIN: Automatische EKG-Systeme gehören inzwischen zum Klinikalltag. Welche Vorteile bringen sie?
Lockau: Der erste Schritt war, EKG-Geräte direkt mit der Krankenhausinfrastruktur zu verbinden und Patientendaten automatisch bereitzustellen. Gleichzeitig können die Rohdaten zentral gespeichert und dezentral befundet werden. Der nächste Entwicklungsschritt besteht in automatischen Vorbefundungen oder Markierungen auffälliger Daten, um Ärztinnen und Ärzte bei der Befundung zu unterstützen.
HERZMEDIZIN: Die Kardiologie gilt als besonders datenintensiv. Wo sehen Sie derzeit die größten Potenziale?
Lockau: Entscheidend ist zunächst, dass sämtliche Daten überhaupt zentral gespeichert werden. In vielen Kliniken existieren noch ältere Geräte ohne geeignete Schnittstellen. Erst wenn alle Informationen zusammengeführt werden, lassen sich unterschiedliche Untersuchungen einer Patientin oder eines Patienten sinnvoll miteinander verknüpfen oder auch Vergleiche zwischen ähnlichen Patientengruppen durchführen.
HERZMEDIZIN: Welche Herausforderungen bestehen bei der Integration dieser Daten?
Lockau: Weniger die Datenmenge ist das Problem – Speicher lässt sich planen und finanzieren. Viel wichtiger ist eine saubere Strukturierung der Daten. Nur wenn Informationen standardisiert klassifiziert werden, können sie später zuverlässig gefunden und ausgewertet werden.
HERZMEDIZIN: Wie gelingt die Vernetzung der unterschiedlichen Geräte und Hersteller?
Lockau: Viele Krankenhäuser versuchen bereits, die Zahl unterschiedlicher Hersteller möglichst gering zu halten. Gleichzeitig müssen alle Systeme standardisierte Schnittstellen unterstützen. Hier helfen internationale Normen. Ziel ist letztlich, dass sämtliche Informationen zentral in der Patientenakte zusammenlaufen.
HERZMEDIZIN: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Kardiologie?
Lockau: KI bietet großes Potenzial, etwa bei der Voranalyse oder Priorisierung medizinischer Daten. Entscheidend ist aber, dass ihr Einsatz klar geregelt wird. Die Qualität der medizinischen Bewertung müssen die Fachanwenderinnen und -anwender beurteilen. Für den Betrieb von KI gibt es zudem klare gesetzliche Anforderungen.
HERZMEDIZIN: Wo steht Deutschland heute auf dem Weg zur datengetriebenen Medizin?
Lockau: Wir haben in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht – das zeigen auch die Ergebnisse des DigitalRadar Krankenhaus (DRK). Der DRK ermöglicht eine standardisierte und umfassende Bewertung des Digitalisierungsgrads von Krankenhäusern. Die Durchführung erfolgt über eine strukturierte Onlineerhebung. Krankenhäuser bewerten ihre digitalen Fähigkeiten und Kompetenzen, ihr Nutzungsverhalten sowie erzielte Ergebnisse im Rahmen einer Selbstauskunft. Nach erfolgreicher Qualitätsprüfung werden diese Angaben analysiert, aufbereitet und die Ergebnisse krankenhausindividuell über ein Online-Dashboard bereitgestellt. Dies bietet den teilnehmenden Einrichtungen Gelegenheit, ihre digitalen Stärken und Schwächen besser kennenzulernen, sich (anonym) mit anderen teilnehmenden Einrichtungen zu vergleichen, Handlungsansätze abzuleiten und faktenbasierte Strategien für die weitere digitale Transformation und die Optimierung der Gesundheitsversorgung zu entwickeln.
Dennoch sind viele Strukturen weiterhin lokal organisiert und proprietär. Langfristig brauchen wir gemeinsame Plattformen mit standardisierten, auswertbaren Daten.
HERZMEDIZIN: Datenschutz gilt häufig als Innovationsbremse. Teilen Sie diese Einschätzung?
Lockau: Nein. Datenschutz ist aus meiner Sicht keine Hürde, sondern sorgt für Transparenz und klare Regeln im Umgang mit Gesundheitsdaten. Genau diesen Ansatz verfolgt auch der European Health Data Space mit der Nutzung anonymisierter Daten.
HERZMEDIZIN: Wenn Sie fünf Jahre vorausblicken: Welche Entwicklung wird die kardiologische Versorgung am stärksten verändern?
Lockau: Ich gehe davon aus, dass praktisch alle medizinischen Geräte – auch die kleinen Routinegeräte – vollständig vernetzt sein werden. Hinzu kommen Homecare-Daten aus dem häuslichen Umfeld und deutlich mehr automatisierte Prozesse bei der Datenauswertung.
HERZMEDIZIN: Was wünschen Sie sich von kardiologischen Fachgesellschaften und Kliniken?
Lockau: Bei der Beschaffung neuer Geräte und Software sollte die gemeinsame Datenhaltung von Anfang an mitgedacht werden. Ebenso wichtig ist der enge Austausch zwischen Medizin und IT. Die technischen Systeme werden im Hintergrund immer komplexer – für die Anwenderinnen und Anwender sollten sie gleichzeitig immer einfacher werden.
HERZMEDIZIN: Welchen Rat würden Sie Chefärztinnen und Chefärzten der Kardiologie geben, um ihre Abteilungen digital zukunftsfähig zu machen?
Lockau: Neben einer klaren Daten- und Gerätestrategie sollte man die alltäglichen Routinen in den Blick nehmen: doppelte Dokumentation, unnötige Telefonate oder handschriftliche Notizen. Ziel muss sein, Daten nur einmal zu erfassen, sie anschließend gemeinsam zu nutzen und Prozesse als Team zu optimieren – nicht einzelne Arbeitsschritte isoliert zu perfektionieren.
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