Stilisierter Körper mit Herz, Leber und Niere

Neue US-Leitlinie zum CKM-Syndrom: Einordnung aus europäischer Perspektive

Mit der kürzlich publizierten US-Leitlinie zum Cardiovascular-Kidney-Metabolic-(CKM)-Syndrom liegt erstmals ein US-amerikanisches Leitliniendokument vor, das Adipositas, Typ-2-Diabetes, chronische Nierenerkrankung und kardiovaskuläre Erkrankung in einem gemeinsamen konzeptionellen Rahmen zusammenführt1. Ziel der Leitlinie ist es, die klinisch häufige Überschneidung dieser Erkrankungsbereiche systematisch abzubilden und daraus Konsequenzen für Risikoabschätzung, Prävention und Versorgung abzuleiten.

Von:

Dr. Berkan Kurt

Universitätsklinikum RWTH Aachen

 

Prof. Nikolaus Marx

Universitätsklinikum RWTH Aachen


Prof. Dennis Wolf

Universitätsklinikum Freiburg

 

06.07.2026

Bildquelle (Bild oben): CI Photos / Shutterstock.com (bearbeitet)

Die Leitlinie formuliert ein gemeinsames Verständnis pathophysiologisch eng verknüpfter Krankheitsbilder und greift damit eine für den klinischen Alltag relevante Konstellation auf: Viele Patientinnen und Patienten entwickeln Adipositas, Diabetes, chronische Nierenerkrankung und kardiovaskuläre Erkrankung nicht isoliert, sondern entlang eines gemeinsamen Risikospektrums mit wechselseitiger Verstärkung. Das CKM-Syndrom wird in der US-Leitlinie konkret als Stufenkonzept innerhalb dieses kardiorenalen und metabolischen Risikospektrums definiert. Stadium 0 umfasst Personen ohne CKM-Risikofaktoren, Stadium 1 Personen mit Übergewicht und Prädiabetes, Stadium 2 Personen mit manifesten metabolischen Risikofaktoren, einer chronischen Nierenerkrankung oder beidem. Stadium 3 beschreibt eine subklinische kardiovaskuläre Erkrankung oder ein entsprechendes Risikoäquivalent, während Stadium 4 die klinisch manifeste kardiovaskuläre Erkrankung in Überlappung mit CKM-Risikofaktoren erfasst.


Die zugrunde liegende klinische Konstellation ist aus europäischer Sicht jedoch nicht neu. Bereits die ESC-Leitlinie zur kardiovaskulären Prävention von 2021 sowie die ESC-Leitlinie zu kardiovaskulären Erkrankungen bei Diabetes von 2023 berücksichtigen die enge Verknüpfung metabolischer Risikofaktoren, chronischer Nierenerkrankung und kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität.2,3 Der Beitrag der neuen US-Leitlinie liegt daher vor allem in der systematischen Bündelung dieser Risikobereiche unter einem gemeinsamen Leitbegriff.

CKM-Syndrom und Stadienmodell: Was ist neu?

Für die klinische Praxis könnte das Stufenkonzept im klinischen Alltag relevant sein, da es typische Konstellationen der Multimorbidität besser erfasst als eine krankheitsbezogene Betrachtung einzelner Organmanifestationen. Therapeutisch setzt die Leitlinie stadienabhängig unterschiedliche Schwerpunkte: In frühen CKM-Stadien steht die Prävention der Progression im Vordergrund. Für Stadium 0 und 1 werden insbesondere Lebensstilmodifikation, strukturierte Gewichtsreduktion sowie die Behandlung von Übergewicht bzw. Adipositas betont. Dazu zählen neben Ernährungs- und Bewegungsinterventionen auch der gezielte Einsatz einer Pharmakotherapie sowie, bei geeigneter Indikation, metabolisch-bariatrische Verfahren. Ziel ist es, die Progression von Übergewicht und Prädiabetes zu metabolischen Risikofaktoren, CKD und später zu klinisch manifester kardiovaskulärer Erkrankung frühzeitig zu unterbrechen.


In den CKM-Stadien 2 und 3 liegt der therapeutische Fokus auf der konsequenten Behandlung manifester metabolischer und renaler Risikofaktoren sowie auf einer risikoadaptierten Intensivierung der Prävention. Hierzu gehören die leitliniengerechte Therapie des Typ-2-Diabetes, der arteriellen Hypertonie und der chronischen Nierenerkrankung, einschließlich RAAS-Inhibition und SGLT2-Inhibitoren, bei persistierender Albuminurie gegebenenfalls ergänzt durch nicht-steroidale Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten oder GLP-1-basierte Therapien.

 

Im Stadium 4 wird dies in die Behandlung von manifester ASCVD oder Herzinsuffizienz integriert. Die Leitlinie betont ausdrücklich, dass die Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen durch die strukturierte Mitbehandlung von Adipositas, Diabetes und CKD ergänzt werden soll, um sowohl kardiovaskuläre Ereignisse als auch den Verlust der Nierenfunktion zu reduzieren.

Tabelle: Stadien des CKM-Syndroms nach US-Leitlinie
Tabelle: Stadien des CKM-Syndroms nach US-Leitlinie

Übereinstimmungen mit europäischen Leitlinien

Inhaltlich bestehen erhebliche Überschneidungen mit den bestehenden ESC-Empfehlungen. Dies betrifft zunächst die allgemeinen präventiven Strategien. Lebensstilinterventionen, Gewichtsreduktion, Blutdrucksenkung, lipidsenkende Therapie, Rauchstopp sowie die strukturierte Erfassung metabolischer und renaler Komorbiditäten bilden in den US-amerikanischen wie auch in den europäischen Leitlinien die Grundlage der Risikoreduktion. Ebenfalls im Vordergrund steht das Screening auf begleitende Komorbiditäten bei einer etablierten Erkrankung. Auch im Bereich der medikamentösen Therapie zeigen sich Parallelen. Der Stellenwert von SGLT2-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptoragonisten, die konsequente Behandlung der arteriellen Hypertonie, die Senkung des LDL-Cholesterins sowie die Berücksichtigung der chronischen Nierenerkrankung sind in den europäischen Leitlinien bereits fest verankert. Die neue US-Leitlinie ordnet diese Inhalte stärker in einen gemeinsamen kardiorenalen und metabolischen Zusammenhang ein, ohne dass sich daraus neue therapeutische Grundprinzipien ergeben.


Konkret wird dies in der US-Leitlinie auch an der Auswahl der diagnostischen Parameter sichtbar. Adipositas wird nicht nur über den BMI, sondern auch über den Taillenumfang erfasst. Für die chronische Nierenerkrankung werden eGFR und UACR als zentrale Parameter hervorgehoben. Ergänzend wird auch das Screening auf MASLD in das CKM-Konzept einbezogen. Damit wird die Erfassung kardiorenaler und metabolischer Komorbiditäten stärker standardisiert. Therapeutisch betont die Leitlinie neben Lebensstilinterventionen und Gewichtsreduktion insbesondere SGLT2-Inhibitoren, Inkretin-basierte Therapien und bei CKD mit persistierender Albuminurie nichtsteroidale Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten. Auch bei Herzinsuffizienz wird die Behandlung stärker im Zusammenhang mit Adipositas, Diabetes und CKD dargestellt – speziell greift die Leitlinie zudem die wachsende Evidenz für GLP-1-Analoga bei Adipositas-assoziierter HFpEF auf. Inhaltlich sind viele dieser Empfehlungen bereits aus europäischen Leitlinien bekannt. Neu ist vor allem, dass sie in der US-Leitlinie konsequent in einem gemeinsamen CKM-Pfad zusammengeführt werden.


Vor diesem Hintergrund ist das Dokument aus europäischer Sicht vor allem als Reorganisation bekannter Inhalte zu verstehen. Die wesentlichen präventiven und therapeutischen Konzepte sind auch in den ESC-Leitlinien enthalten, allerdings nicht unter einer einheitlichen CKM-Nomenklatur zusammengeführt.

Unterschiede in der Risikostratifikation

Ein relevanter Unterschied zur europäischen Leitlinienlandschaft liegt in der Struktur der Risikostratifikation. Die US-Leitlinie verweist auf das PREVENT-Modell als Instrument zur Risikobewertung. Im europäischen Kontext bleiben hingegen SCORE2, SCORE2-OP und SCORE2-Diabetes die maßgeblichen Modelle. Darüber hinaus ist die Leitlinie in einem spezifisch US-amerikanischen Versorgungskontext entstanden. Dies betrifft nicht nur Fragen der Prävention und Risikoabschätzung, sondern auch Versorgungspfade, Zuständigkeiten sowie die Implementierung interdisziplinärer Modelle. Eine direkte Übernahme einzelner Empfehlungen ist deshalb nur eingeschränkt sinnvoll. Für die europäische Einordnung ist vielmehr entscheidend, welche konzeptionellen Elemente mit den hiesigen Leitlinien und Strukturen kompatibel sind.

Tabelle: Einordnung der US-Leitlinie aus europäischer Perspektive
Tabelle: Einordnung der US-Leitlinie aus europäischer Perspektive

Interdisziplinäre Versorgung

Ein klinisch bedeutsamer Aspekt der Leitlinie ist die konsequente Betonung der interdisziplinären Versorgung. Kardiovaskuläre, renale und metabolische Erkrankungen werden nicht als separate Handlungsfelder dargestellt, sondern als eng miteinander verknüpfte Bereiche, die eine koordinierte Betreuung erfordern. Diese Perspektive ist auch für die europäische Praxis von hoher Relevanz, da gerade bei multimorbiden Hochrisikopatientinnen und -patienten die sektoren- und fachübergreifende Abstimmung ein wesentlicher limitierender Faktor der Versorgung bleibt. Auch in Europa gewinnt diese Perspektive an Bedeutung, da die praktische Integration evidenzbasierter Empfehlungen bei komplexen Risikokonstellationen weiterhin eine zentrale Herausforderung bleibt. Insofern ist das CKM-Konstrukt vor allem als strukturierendes Konzept für die gemeinsame Betrachtung organübergreifender Erkrankungen von Interesse.

Einordnung für die klinische Praxis in Deutschland

Für die deutsche Praxis bestätigt die neue US-Leitlinie die Notwendigkeit einer integrativen Risikoabschätzung bei Patientinnen und Patienten mit Adipositas, Typ-2-Diabetes und chronischer Nierenerkrankung. Die praktische Relevanz liegt daher weniger in einzelnen neuen Handlungsempfehlungen als in der strukturierten Zusammenführung bekannter Risikofaktoren. Für die Anwendung im europäischen Kontext bleibt jedoch maßgeblich, dass die Bewertung und die Therapieentscheidung weiterhin auf Grundlage der hier etablierten Leitlinien, Risikomodelle und Versorgungspfade erfolgen.

Fazit

Die erste US-Leitlinie zum CKM-Syndrom beschreibt eine klinisch relevante Schnittstelle kardiovaskulärer, renaler und metabolischer Erkrankungen in einem gemeinsamen konzeptionellen Konstrukt. Inhaltlich bestehen zahlreiche Übereinstimmungen mit den ESC-Leitlinien zur kardiovaskulären Prävention und zu kardiovaskulären Erkrankungen bei Diabetes. Abzuwarten bleibt, ob die für 2026 und 2027 angekündigten ESC-Guidelines zu kardiovaskulären Erkrankungen bei Individuen mit CKD oder Adipositas und die europäische Perspektive künftig noch weiter bündeln werden. Aus europäischer Perspektive liefert die Leitlinie damit vor allem einen relevanten Impuls, kardiorenale und metabolische Risikokonstellationen noch konsequenter zu integrieren und interdisziplinär zu betrachten.

Zur Person

Dr. Berkan Kurt

Dr. Berkan Kurt ist Clinician Scientist an der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin des Universitätsklinikums RWTH Aachen. Wissenschaftlich arbeitet er in der Arbeitsgruppe von Prof. Kahles mit dem Fokus auf Inflammation in der Klinik als Treiber kardiometabolischer Erkrankungen.
Dr. Berkan Kurt

Zur Person

Prof. Nikolaus Marx

Prof. Nikolaus Marx ist als Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Aachen tätig. Seine fachlichen Zusatzqualifikationen erwarb er in den Bereichen Interventionelle Kardiologie, Herzinsuffizienz sowie Kardiovaskuläre Intensiv- und Notfallmedizin.
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Zur Person

Prof. Dennis Wolf

Prof. Dennis Wolf ist stellvertretender Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitäts-Herzzentrum Freiburg – Bad Krozingen des Universitätsklinikums Freiburg. Zu seinen Schwerpunkten zählen die Interventionelle Kardiologie und kardiometabolische Erkrankungen.
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Take-aways

  • Die neue US-Leitlinie fasst Adipositas, Typ-2-Diabetes, chronische Nierenerkrankung und kardiovaskuläre Erkrankung erstmals im Rahmen des CKM-Konzepts in einem gemeinsamen Leitlinienrahmen zusammen.
  • Inhaltlich bestehen zahlreiche Überschneidungen mit den ESC-Leitlinien zur kardiovaskulären Prävention und zu kardiovaskulären Erkrankungen bei Diabetes.
  • Neu ist vor allem die systematische Bündelung dieser überlappenden Risikobereiche in einem stadienbasierten Konzept entlang eines kardiorenalen und metabolischen Risikospektrums.
  • Therapeutisch betont die Leitlinie je nach CKM-Stadium insbesondere Lebensstilintervention, Gewichtsreduktion, leitliniengerechte Behandlung von Diabetes, Hypertonie und CKD sowie die strukturierte Mitbehandlung kardiovaskulärer Erkrankungen.
  • Ein wesentlicher Unterschied zur europäischen Perspektive besteht in der Risikostratifikation, da die US-Leitlinie auf PREVENT verweist, während in Europa SCORE2, SCORE2-OP und SCORE2-Diabetes maßgeblich bleiben.
  • Für die klinische Praxis in Deutschland liefert die Leitlinie damit vor allem einen relevanten konzeptionellen Impuls für die integrierte und interdisziplinäre Versorgung kardiorenaler und metabolischer Risikokonstellationen.

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Referenzen

  1. Ndumele CE et al. 2026 AHA/ACC/ADA/ASN Guideline for the Prevention, Detection, Evaluation, and Management of Cardiovascular-Kidney-Metabolic Syndrome: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Joint Committee on Clinical Practice Guidelines. Circulation.0(0).

  2. Visseren FLJ et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J. 2021;42(34):3227-337.

  3. Marx N et al. 2023 ESC Guidelines for the management of cardiovascular disease in patients with diabetes. Eur Heart J. 2023;44(39):4043-140.

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