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Akutes Koronarsyndrom neu gedacht: Warum unauffällige Vortests keine Entwarnung geben

ICEM 2026 | In der kardiovaskulären Akut- und Notfallmedizin gilt die leitliniengerechte Abklärung von Thoraxschmerzen als tägliche Routine. Doch verleiten unauffällige Vorbefunde sowie ein negativer Belastungstest oder eine „unauffällige“ Koronarangiographie oft zu einer trügerischen Sicherheit. In einem aktuellen Kongressvortrag1 beleuchtete der renommierte Notfallmediziner und Kardiologe Prof. Amal Mattu (University of Maryland), basierend auf einem wegweisenden Review im European Heart Journal2, warum das akute Koronarsyndrom (ACS) etablierte pathophysiologische Paradigmen bricht und warum die klinische Anamnese stets über die Vortestergebnisse gestellt werden sollte.

Von:

Dr. med. univ. Saskia Stegmüller

SLK-Kliniken Heilbronn

 

19.06.2024

Bildquelle (Bild oben): hxdbzxy / Shutterstock.com

Das Paradoxon des negativen Belastungstests

Häufig wird angenommen, dass ein kürzlich durchgeführter negativer Belastungstest ein ACS weitestgehend ausschließt. Daten von Nerenberg et al.3 und Walker et al.4 zeigen jedoch ein anderes Bild: Bei Patientinnen und Patienten, die sich mit akutem Thoraxschmerz in der Notaufnahme vorstellen, verändert ein negativer Belastungstest, selbst wenn er weniger als einen Monat zurückliegt, weder das reale Risiko für eine zugrundeliegende koronare Herzkrankheit (KHK) noch die Rate unerwünschter kardialer Ereignisse (MACE). Prof. Mattu präsentierte diesbezüglich einen Fall eines fitten Marathonläufers, der trotz regelmäßigen Trainings und unauffälliger Ergometrie mit akutem Myokardinfarkt vorstellig wurde.

 

Der Schlüssel zu diesem Phänomen liegt im koronaren Remodeling. Die klassischen Determinanten der Plaquestabilität sind die Dicke der fibrösen Kappe, die Größe des Lipidkerns und das Vorhandensein von Makrophagen. Während stabile Plaques oft zu einer luminalen Stenose führen (die im Belastungstest Ischämien auslöst), weisen vulnerable, instabile Plaques häufig einen großen Lipidkern bei dünner fibröser Kappe auf, engen das Lumen aber zunächst kaum ein.

 

Durch das sogenannte „Outward Remodeling“ wachsen Plaques exzentrisch in die Gefäßwand hinein, was zu einer Ausbuchtung nach außen führt, während das Lumen geschont wird. Das Gefäßlumen bleibt angiographisch scheinbar intakt, weshalb Belastungstests fehlerhaft negativ ausfallen können. Eine unauffällige Koronarangiographie oder eine koronare CT-Angiographie gewähren laut aktuellen Daten maximal eine zweijährige Sicherheit, dies gilt ausdrücklich nur bei absolutem Fehlen atherosklerotischer Veränderungen, nicht bei „nicht-signifikanten“ Stenosen oder luminalen Irregularitäten5. Eine nicht-signifikante Läsion darf daher niemals mit einem normalen Befund gleichgesetzt werden.

 

Ein weiterer kritischer Aspekt betrifft nicht-thrombotische ACS-Genesen, die zunehmend in den Fokus rücken und oft Patientinnen und Patienten ohne klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren betreffen, insbesondere jüngere Frauen.

Spontane Koronararteriendissektion (SCAD)

Sie präsentiert sich klinisch und elektrokardiographisch identisch mit einem thrombotischen ACS, weshalb keine klinischen oder laborchemischen Parameter eine sichere Unterscheidung in der Notaufnahme erlauben. SCAD betrifft laut Prof. Mattu zu 90 % Frauen und macht bis zu einem Drittel aller ACS-Fälle bei Frauen unter 50 Jahren aus. Diagnostischer Goldstandard bleibt die Angiographie, wobei aufgrund des Risikos einer iatrogenen Schadensprogression Vorsicht geboten ist. Therapeutisch stehen das Absetzen der Antikoagulation sowie eine thrombozytenaggregationshemmende Therapie und Betablocker im Vordergrund.

Plaque-Erosion

Diese Form ist ebenfalls für bis zu einem Drittel der STEMI-Fälle bei jungen Frauen verantwortlich. Betroffene weisen oft ein normales Lipidprofil auf, zeigen jedoch eine starke Assoziation mit Nikotinkonsum. Erosionen treten typischerweise an Prädilektionsstellen mit hoher Scherspannung (z. B. Bifurkationen) auf.

Fazit für die Praxis

Prof. Mattu berichtete eindrücklich, dass sich das moderne ACS nicht an alte Lehrbuchregeln hält. Weder ein unauffälliger Belastungstest noch intensive sportliche Aktivität bieten einen absoluten Schutz vor einem akuten Koronarsyndrom. Für Kardiologen und Notfallmediziner gilt daher: Die klinische Symptomatik und eine präzise Anamnese sind die wichtigsten Aspekte zur Diagnose. 


Bei dringendem Verdacht müssen serielle EKG-Kontrollen und Troponin-Bestimmungen unabhängig von unauffälligen Vorbefunden konsequent durchgeführt werden.

Zur Person

Dr. med. univ. Saskia Stegmüller

Dr. med. univ. Saskia Stegmüller absolviert nach ihrem Studium in Innsbruck seit 2022 die Facharztweiterbildung Innere Medizin an den SLK-Kliniken in Heilbronn. Hierbei legt sie ihren innerklinischen Schwerpunkt vor allem auf die kardiovaskuläre Notfall- und Intensivmedizin. Nebenbei ist sie Notärztin und engagiert sich in der Aus- und Weiterbildung des ärztlichen und nicht-ärztlichen Rettungsdienstpersonals.
Dr. Saskia Stegmüller

Referenzen

  1. Prof. Amal Mattu, 25th International Conference on Emergency Medicine, Hamburg, : Emergency Cardiology Literature Update: The articles you´ve got to know
  2. Kraler S, Mueller C, Libby P, Bhatt DL. Acute coronary syndromes: mechanisms, challenges, and new opportunities. Eur Heart J. 2025;46(29):2866-2889. doi:10.1093/eurheartj/ehaf289
  3. Nerenberg RH, Shofer FS, Robey JL, Brown AM, Hollander JE. Impact of a negative prior stress test on emergency physician disposition decision in ED patients with chest pain syndromes. Am J Emerg Med. 2007;25(1):39-44.
  4. Walker J, Galuska M, Vega D. Coronary disease in emergency department chest pain patients with recent negative stress testing. West J Emerg Med. 2010;11(4):384-388.
  5. Gulati M, Levy PD, Mukherjee D, et al. 2021 AHA/ACC/ASE/CHEST/SAEM/SCCT/SCMR Guideline for the Evaluation and Diagnosis of Chest Pain: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Joint Committee on Clinical Practice Guidelines. Circulation. 2021;144(22):e368-e454. doi:10.1161/CIR.0000000000001029

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