Ärztinnen haben im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen ein um 43 % höheres Risiko, die klinische Arbeit zu verlassen (Hazard Ratio 1,43). Dieser Unterschied bestand unabhängig von Alter, Fachrichtung oder einer Tätigkeit im ländlichen beziehungsweise städtischen Raum. Zudem scheiden sie deutlich früher aus: Während Ärztinnen ihre klinische Tätigkeit im Median bereits mit 49 Jahren beenden, liegt das Ausscheiden bei Ärzten im Durchschnitt erst bei 64 Jahren. Besonders ausgeprägt ist das erhöhte Austrittsrisiko in den Fachgebieten Psychiatrie, Allgemeinmedizin sowie Gynäkologie und Geburtshilfe.
Die Autorinnen und Autoren führen die höhere Abwanderung von Ärztinnen nicht auf individuelle Faktoren zurück, sondern im Wesentlichen auf strukturelle Unterschiede im Arbeitsalltag. Frühere Studien zeigen, dass Ärztinnen:
- mehr Zeit pro Patientin und Patient investieren,
- deutlich mehr Zeit mit elektronischer Dokumentation verbringen,
- häufig niedrigere Einkommen erzielen,
- häufiger Diskriminierung und sexueller Belästigung ausgesetzt sind,
- größere Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleben und
- insgesamt höhere Burnout-Raten aufweisen.
Dabei ist bemerkenswert, dass zahlreiche Studien ebenfalls zeigen konnten, dass Patientinnen und Patienten von Ärztinnen häufig eine mindestens gleichwertige, teilweise sogar bessere Versorgungsqualität und bessere Behandlungsergebnisse erhalten.
Angesichts des bereits bestehenden Ärztemangels sind diese Ergebnisse von hoher gesundheitspolitischer Relevanz. Da der Anteil von Frauen im Medizinstudium und in der Ärzteschaft kontinuierlich steigt, könnte sich der Fachkräftemangel weiter verschärfen, wenn die Ursachen für den frühzeitigen Ausstieg nicht adressiert werden.
Die Autorinnen und Autoren der Studie fordern daher gezielte Maßnahmen, darunter:
- bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie,
- flexible Arbeitszeitmodelle,
- faire Vergütungssysteme, die den tatsächlichen Zeitaufwand in der Patientenversorgung berücksichtigen,
- konsequente Maßnahmen gegen Diskriminierung und Belästigung sowie
- eine Arbeitskultur, die Ärztinnen langfristig im Beruf hält.
Die Studie macht deutlich, dass der Verlust von Ärztinnen aus der klinischen Versorgung kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist. Gesundheitssysteme stehen vor der Aufgabe, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass insbesondere Ärztinnen langfristig im Beruf bleiben können. Davon profitieren nicht nur die Beschäftigten selbst, sondern auch die Qualität der Patientenversorgung und die Stabilität der medizinischen Versorgung insgesamt.
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