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Proaktive Herzmedizin, EU Safe Hearts Plan und Nationales Herz-Netz

DGK-Jahrestagung 2026 | Eröffnungs-Pressekonferenz: „Herzmedizin 2026 – Gemeinsam Grenzen überwinden, Standards setzen“, so lautet das diesjährige Kongressmotto. Was das für die moderne Kardiologie konkret bedeutet, beleuchtet Tagungspräsident Prof. Stephan Willems anhand aktueller Ansätze. Wie das Nationale Herz-Netz im Kontext des EU Safe Hearts Plan den Weg zu europäischer Spitzenmedizin bereiten kann, erläutert DGK-Präsident Prof. Stefan Blankenberg. 

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

 

08.04.2026

Bildquelle (Bild oben): m:con / Ben van Skyhawk

Herzmedizin neu denken und das „kardiovaskuläre Kontinuum“ durchbrechen

„Kardiovaskuläre Erkrankungen entstehen nicht isoliert. Vielmehr entwickeln sie sich über Jahre entlang eines Kontinuums“, betonte Prof. Stephan Willems, Tagungspräsident der DGK-Jahrestagung 2026. So wird beispielsweise aus subklinischer Atherosklerose schließlich Herzinsuffizienz. Dieses Kontinuum gelte es, an mehreren Punkten gleichzeitig aufzubrechen: „durch frühzeitige Diagnostik, moderne, individualisierte Therapien und eine engmaschige Nachsorge“.


Dieses Ziel verfolgt auch der „EU Safe Hearts Plan“ mit strukturierten Präventionsstrategien und frühzeitigen Interventionen. Neue KI-basierte Diagnostik-Ansätze unterstützen den Wandel: So konnten beispielsweise KI-gestützte EKG-Analysen in einer multinationalen Studie (2025) ein 4- bis 24-fach erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz identifizieren. Dies verdeutlicht: „Risikokonstellationen lassen sich bereits frühzeitig erkennen – lange bevor klinische Symptome auftreten.“


Als Beispiel für individualisierte Therapie nannte Willems die Prävention des plötzlichen Herztods. Die klassische Orientierung an der LVEF (≤35 %) bei der ICD-Indikation könnte zunehmend durch eine multimodale Risikostratifizierung personalisiert werden, etwa durch MRT-basierte Fibroseanalysen, genetische Marker sowie differenzierte EKG-Parameter. Die PROFID-EHRA-Studie untersucht diesen Ansatz.

Frühe interdisziplinäre Therapie und intersektorale Nachsorge

Die enge Wechselwirkung von Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz zeige zudem beispielhaft: „Erkrankungen müssen zusammen gedacht werden.“ Ein „integrativer Ansatz“ statt der isolierten Behandlung einzelner Krankheitsbilder sei erforderlich. So zeigen beispielsweise Leitlinien und Studien wie EAST-AFNET, dass eine frühe Rhythmuskontrolle klinische Vorteile gegenüber späteren oder rein symptomorientierten Strategien bieten kann. Ergänzend ermöglichten KI-Analysen von 12-Kanal-EKG-Daten in Studien die frühzeitige Detektion einer linksventrikulären systolischen Dysfunktion, was einen weiteren Schritt hin zu einer proaktiven Therapie darstelle.


Dabei ende moderne Versorgung nicht mit dem Krankenhausaufenthalt, stellte Willems klar. Neue Versorgungsmodelle wie Hybrid-DRGs (2026) und „Same Day Discharge“ (SDD) zeigen, dass geeignete Patientinnen und Patienten früh sicher entlassen werden können. Telemonitoring wie bei Herzinsuffizienz ermögliche eine kontinuierliche Betreuung, reduziere Hospitalisationen und verbessere die Prognose. Voraussetzung sei eine enge Verzahnung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

Herzmedizin 2026: „Von einer reaktiven hin zu einer proaktiven Disziplin“

Als zentrale Botschaft betonte der Tagungspräsident: „Kardiovaskuläre Erkrankungen folgen zwar einem Kontinuum, aber dieses ist beeinflussbar und nicht mehr schicksalhaft: Wir können und müssen aktiv in diese Verläufe eingreifen.“ Entscheidend sei ein früher, vernetzter Ansatz aus Prävention, präziser Diagnostik, individueller Therapie und strukturierter Nachsorge, um Krankheitsverläufe nachhaltig zu verbessern.

 

Zum Videointerview mit Tagungspräsident Prof. Stephan Willems

Nationales Herz-Netz als „zentrales Puzzlestück“ für den EU Safe Hearts Plan

„62 Millionen Menschen in der EU leiden an Herz-Kreislauf-Erkrankungen; 1,7 Millionen sterben daran jedes Jahr“, verweist DGK-Präsident Prof. Stefan Blankenberg auf aktuelle Gesundheitsdaten. Der im Dezember 2025 vorgestellte „EU Safe Hearts Plan“ verfolgt das Ziel, die vorzeitige Mortalität um 25 % zu senken. Damit sei ein klarer politischer Rahmen gesetzt. Es werde jedoch entscheidend sein, wie konsequent die Umsetzung auf nationaler Ebene erfolgt.


Mehr als die Hälfte der kardiovaskulären Erkrankungslast ist auf modifizierbare Risikofaktoren wie Hypertonie und Rauchen zurückzuführen. Gleichzeitig zeigten aktuelle Studiendaten das Potenzial konsequenter Prävention – mit Zugewinnen von bis zu 15 gesunden Lebensjahren. Der EU Safe Hearts Plan setze daher insbesondere auf Prävention, Früherkennung und eine gerechte Versorgung, gestützt durch digitale und KI-basierte Ansätze.


Die EU-Initiative im Rahmen eines Nationalen Herz-Kreislauf-Plans für Deutschland umzusetzen, nehme sich die DGK als „zentrale Aufgabe“ vor, so der DGK-Präsident. Neben einem neuen Präventionsgesetz zur Stärkung der Vorsorge seien regelmäßige Screenings kontrollierbarer Risikofaktoren wie die „3Bs“ – Blutdruck, Blutfette und Blutzucker – zu Recht von Gesundheitsministerin Nina Warken zur Gesundheitsoffensive erklärt worden. Dabei könnten Apotheken niederschwellig unterstützen. Eine Erhöhung der Tabaksteuer auf mittleres europäisches Niveau und die Einführung einer Zuckersteuer, wie sie auch die FinanzKommission Gesundheit empfiehlt, könne zudem die Zahl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduzieren und die Krankenkassenbeiträge stabilisieren.

„Digitales Match“ zum EU-Plan: Das Nationale Herz-Netz

Gleichzeitig zeigten sich weiterhin strukturelle Defizite in Versorgung und Datennutzung: Prozesse verliefen zu fragmentiert, Daten würden nicht konsequent genutzt und Erkenntnisse nur unzureichend in die Versorgung zurückgeführt. „Genau hier liegt einer der zentralen Hebel zur Verbesserung“, so Blankenberg. Es brauche einen Wendepunkt und die DGK gehe mit dem Nationalen Herz-Netz (NHN) in Vorleistung.


Ziel des NHN ist es, Routinedaten aus verschiedenen Versorgungsbereichen, z. B. Kliniken und Registern, systematisch zu bündeln und auszuwerten, um Versorgungslücken zu identifizieren, Behandlungsverläufe besser nachzuvollziehen und Impulse für Forschung und Gesundheitspolitik zu geben. Mit diesem Rückfluss an Erkenntnissen aus der Versorgung zurück in die Versorgung entstehe eine Art „Learning Health System“ – ganz im Sinne der aktuellen Bestrebungen von Ministerin Warken zur Stärkung einer datenbasierten Gesundheitsversorgung.


Der Start erfolgt in Modellregionen im Ruhrgebiet, in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern sowie in Berlin. Dadurch sollen unterschiedliche Versorgungsrealitäten erfasst werden. Anschließend sei ein bundesweiter Roll-out vorgesehen, so der DGK-Präsident. Darüber hinaus soll das NHN im Einklang mit dem EU Safe Hearts Plan die Grundlage für einen künftig stärkeren Austausch von Versorgungsdaten in Europa schaffen. Als „Schlüsselstück“ könne das NHN die Puzzleteile der aktuell fragmentierten kardiovaskulären Versorgung erstmals zu einem harmonisierten, sektorenübergreifenden und validen Bild zusammensetzen und so eine gezielte Weiterentwicklung ermöglichen.

 

Zum Videointerview mit DGK-Präsident Prof. Stefan Blankenberg

Take-aways

  • Eine proaktive Herzmedizin umfasst strukturierte Prävention, frühzeitige Diagnostik, individualisierte Therapien und eine engmaschige Nachsorge.
  • KI-basierte und multimodale Ansätze verfeinern die Risikostratifizierung und ermöglichen eine frühere Identifikation von Risikopatientinnen und -patienten.
  • Ein integrativer und interdisziplinärer Ansatz ersetzt die isolierte Behandlung einzelner Krankheitsbilder und berücksichtigt deren Wechselwirkungen.
  • Ambulantisierung durch Hybrid-DRGs, Same Day Discharge und Telemonitoring verändert die Versorgungsstrukturen nachhaltig.
  • Die DGK begrüßt den EU Safe Hearts Plan und unterstützt einen Nationalen Herz-Kreislauf-Plan (neues Präventionsgesetz, „3B“-Screening, Tabak- und Zuckersteuer, strukturierte Datennutzung).
  • Das Nationale Herz-Netz soll erstmals Routinedaten systematisch erfassen, auswerten und für die Weiterentwicklung der Versorgung nutzbar machen.

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