HERZMEDIZIN: Waldbrände und der damit verbundene Rauch werden in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit Lungenerkrankungen in Verbindung gebracht. Warum ist Waldbrandrauch auch für das Herz-Kreislauf-System relevant?
Münzel: Kurzfristig sieht man tatsächlich zuerst die Lunge: mehr Asthma-Anfälle, mehr COPD-Verschlechterungen, mehr Notaufnahmebesuche wegen Atemproblemen. Das ist auch das, was am längsten erforscht ist. Aber die Lunge ist nur die Eintrittspforte. Feine Partikel gelangen von dort ins Blut und lösen systemische Entzündung, oxidativen Stress und eine Fehlfunktion der Gefäßinnenwand aus. Das trifft das ganze Herz-Kreislauf-System. Diesen Mechanismus hatten wir mit internationalen Kolleginnen und Kollegen in einem JACC-Übersichtsartikel ausführlich beschrieben,2 und eine vor Kurzem veröffentlichte Studie mit 65 Millionen älteren Personen in den USA zeigt, dass bei wiederholter, über Jahre kumulierter Rauchbelastung das Risiko für Herzinsuffizienz um mehr als 20 % steigt.3 Auch das Schlaganfallrisiko steigt kontinuierlich weiter an. Über den gesamten Zeitraum betrachtet ist die Krankheitslast am Herz-Kreislauf-System oft sogar größer als an der Lunge. Das ist für die Kardiologie ein klarer Auftrag, das Thema stärker zu besetzen.
HERZMEDIZIN: Wie viele Todesfälle werden weltweit auf den Rauch von Waldbränden zurückgeführt und wie hoch ist der Anteil kardiovaskulärer Todesfälle?
Münzel: Hier muss man ehrlich sagen: Die Schätzungen schwanken erheblich, je nachdem, welche Methode man verwendet. Die bisher größte und methodisch umfassendste Arbeit dazu ist Ende 2024 im Lancet erschienen. Xu et al. kommen auf 1,53 Millionen Todesfälle pro Jahr weltweit durch Luftverschmutzung aus Landschaftsbränden, davon allein 450.000 kardiovaskuläre und 220.000 respiratorische Todesfälle.4 Über 90 % dieser Todesfälle entfallen auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, fast 40 % allein auf Subsahara-Afrika, und die kardiovaskuläre Sterblichkeit steigt global um durchschnittlich 1,67 % pro Jahr weiter an. Eine weitere, methodisch konservativere Arbeit aus diesem Jahr, die nur die akute, kurzfristige Rauchbelastung erfasst, kommt auf etwa 99.000 Todesfälle pro Jahr weltweit.5 Der aktuelle Lancet-Countdown-Bericht wiederum beziffert die Zahl auf über 100.000 Todesfälle pro Jahr, mit einem Rekordwert von rund 154.000 Todesfällen im Jahr 2024.6
Die Bandbreite ist also groß, aber die Schätzungen zeigen: Für die Kardiologie ist das längst keine Randnotiz mehr, sondern eine große, wachsende Krankheitslast weltweit. Extreme Feinstaub-Ereignisse durch Waldbrandrauch haben sich weltweit seit den 1990er-Jahren verdreifacht, und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung war zwischen 2010 und 2018 bereits wiederkehrend betroffen.5
Zur Person
Prof. Thomas Münzel
Prof. Thomas Münzel ist Seniorprofessor am Zentrum für Kardiologie an der Universitätsmedizin Mainz. Zu seinen Schwerpunkten gehören u. a. die Mechanismen und prognostische Bedeutung der endothelialen Dysfunktion. Seit vielen Jahren befasst er sich mit umweltbedingten kardiovaskulären Risikofaktoren. Zudem initiierte er die Gutenberg-Gesundheitsstudie und das Centrum für Thrombose und Hämostase (CTH) in Mainz.
HERZMEDIZIN: Wie kommen die großen Unterschiede in den Schätzungen zustande?
Münzel: Weil die Studien unterschiedliche Dinge messen. Manche erfassen nur die akute Sterblichkeit an den Tagen mit hoher Rauchbelastung, andere rechnen auch die langfristige, kumulative Krankheitslast durch chronische Exposition mit ein, also genau die Herz-Kreislauf-Effekte, über die wir eingangs gesprochen haben. Je nachdem welchen Zeithorizont und welche Krankheitsbilder man einschließt, kommt man auf sehr unterschiedliche Zahlen. Das ändert aber nichts am Grundbefund: Waldbrandrauch ist längst kein regionales Problem einzelner Länder mehr, sondern eine globale Gesundheitsbelastung, die weiter zunimmt.
Waldbrandrauch wirkt auch fernab der Brandgebiete
HERZMEDIZIN: Wie weit kann Waldbrandrauch ziehen? Ist er auch für Menschen ein Risiko, die weit entfernt von Brandgebieten leben?
Münzel: Die Konzentration nimmt mit der Entfernung ab, aber selbst 100 Kilometer vom Brandherd entfernt sind Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Effekte noch messbar. Und der Rauch selbst reist über Tausende Kilometer. Beispielsweise hat kanadischer Waldbrandrauch 2023 New York erreicht7 und 2025 sogar Griechenland und Nordwesteuropa.8 Eine aktuelle US-Studie zeigt sogar: Auch Regionen, die nur leicht vom Rauch betroffen sind, tragen ein reales kardiovaskuläres Risiko, nicht nur die unmittelbare Umgebung der Brände.3 Das ist auch für unsere Praxen relevant, weit über die eigentlichen Brandregionen hinaus.
HERZMEDIZIN: Inzwischen wird auch von einer chronischen Hintergrundbelastung gesprochen. Was genau ist damit gemeint?
Münzel: Das ist eigentlich die wichtigste neue Erkenntnis der aktuellen Forschung. Es geht nicht nur um die extremen Tage, an denen der Himmel orange wird. Auch eine relativ moderate, aber dauerhafte Rauchbelastung – wie sie inzwischen fast jede US-Region jeden Sommer trifft – erhöht das kardiovaskuläre Risiko messbar. Das heißt: Wer Jahr für Jahr auch nur ein bisschen Rauch von entfernten Bränden abbekommt, baut über die Zeit ein kumulatives Risiko auf, das lange unterschätzt wurde, und das für die Risikostratifizierung in der Praxis relevant sein sollte.
Feinstaub aus Waldbränden belastet Herz und Gefäße
HERZMEDIZIN: Waldbrandrauch ist ein komplexes Gemisch. Welche Bestandteile sind für das Herz-Kreislauf-System besonders problematisch?
Münzel: Ganz klar Feinstaub, PM2,5. Das sind Feinstaub-Partikel mit einem Durchmesser von 2,5 Mikrometern oder kleiner. Sie machen etwa 90 % der gesamten Partikelmasse im Waldbrandrauch aus und gelten als der Hauptschadstoff. Noch bedenklicher sind die ultrafeinen Partikel, kleiner als 0,1 Mikrometer: Sie können über den Riechnerv direkt ins Gehirn gelangen und dort akute Blutdruckanstiege auslösen, und die kleinsten Partikel schaffen es sogar bis in den Blutkreislauf, also genau dorthin, wo es für uns als Kardiologinnen und Kardiologen relevant wird.
Man darf aber nicht vergessen, dass Waldbrandrauch darüber hinaus auch aus gasförmigen Schadstoffen besteht, allen voran Kohlenmonoxid, sowie aus gefährlichen Luftschadstoffen, den sogenannten Hazardous Air Pollutants (HAPs), zu denen etwa polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAKs, gehören. Diese Stoffe wirken teils über andere Mechanismen als die Partikel selbst, etwa über Kohlenmonoxid-bedingte Hypoxie oder die krebserzeugende und gefäßschädigende Wirkung der PAKs, und verstärken damit das kardiovaskuläre Gesamtrisiko des Rauchgemischs zusätzlich.
HERZMEDIZIN: Auch beim Grillen, am Lagerfeuer oder durch einen Kamin entsteht Rauch. Ist diese Belastung mit Waldbrandrauch vergleichbar?
Münzel: Chemisch ist das ein ähnlicher Cocktail – Feinstaub, PAKs, Kohlenmonoxid, denn es wird auch Biomasse verbrannt. Der entscheidende Unterschied ist die Dosis, also Konzentration mal Dauer. Wer kurz in der Rauchwolke beim Anzünden steht, atmet für diese paar Minuten tatsächlich sehr hohe Feinstaubwerte ein, vergleichbar mit dichtem Waldbrandrauch aus der Nähe. Aber es bleibt bei Minuten statt Tagen oder Wochen. Für einen gesunden Menschen ist ein gelegentliches Grillfest kein nennenswertes Risiko. Anders sieht es aus, wenn das zur Gewohnheit wird. Häufiges offenes Kaminfeuer als Hauptwärmequelle etwa ist mit einer beschleunigten Arteriosklerose assoziiert. Das ist durchaus ein Beratungsthema für die Praxis.
Risikogruppen vor Waldbrandrauch schützen
HERZMEDIZIN: Welche Patientengruppen sind besonders gefährdet und welche zusätzliche Rolle spielt das Rauchen?
Münzel: Raucherinnen und Raucher haben es doppelt schwer. Ihr Endothel, also die Gefäßinnenhaut, ist durch das Rauchen ohnehin schon vorgeschädigt, die Lunge hat weniger Reserve, es besteht bereits chronischer oxidativer Stress. Zusätzlicher Feinstaub aus Waldbrandrauch kommt da nicht additiv, sondern eher verstärkend obendrauf. Es gibt keinen Gewöhnungseffekt, der schützt, im Gegenteil. Darüber hinaus würde ich grundsätzlich bei Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen wie Asthma und COPD, bei Kindern unter 18, Schwangeren, älteren Erwachsenen, Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status, die oft weniger Zugang zu Klimaanlagen und Gesundheitsversorgung haben, und bei Menschen, die im Freien arbeiten, besonders genau hinschauen.
HERZMEDIZIN: Was lässt sich Patientinnen und Patienten konkret raten, wenn die Luft durch Waldbrandrauch belastet ist?
Münzel: Im Akutfall gibt es durchaus wirksame Maßnahmen. Am wichtigsten: Fenster und Türen geschlossen halten, sich in Innenräumen aufhalten und dort mit HEPA-Filtern die Luft reinigen. Körperliche Anstrengung im Freien einschränken und den Luftqualitätsindex täglich prüfen. Wer zu einer Risikogruppe gehört und in einer lang andauernden Waldbrand-Saison lebt, sollte eine vorübergehende Umsiedlung erwägen. Nach einer Evakuierung sollte man vor der Rückkehr die Luftqualität kontrollieren, denn die Schadstoffe bleiben oft noch tagelang in der Luft. Und im Freien hilft eine gut sitzende FFP2- oder FFP3-Maske (entsprechend der US-amerikanischen N95- bzw. KN95-Standards). Bei Symptomen wie Herzklopfen, Atemnot oder Brustenge sollte frühzeitig ärztliche Hilfe gesucht werden, besonders bei Vorerkrankungen. Das sind alles Punkte, die wir auch bei unseren Patientinnen und Patienten in der Sprechstunde aktiv ansprechen sollten, nicht erst, wenn sie selbst danach fragen.
Take-aways
- Waldbrandrauch belastet nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz-Kreislauf-System.
- Feinstaub kann Entzündungsreaktionen, oxidativen Stress und Störungen der Gefäßfunktion auslösen.
- Auch eine wiederholte moderate Rauchbelastung kann mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden sein.
- Waldbrandrauch kann über große Entfernungen ziehen und auch fernab der Brandgebiete die Luftqualität beeinträchtigen.
- Besonders gefährdet sind u. a. Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen, ältere Menschen, Schwangere und Kinder.
- Bei hoher Rauchbelastung sollten Fenster und Türen geschlossen bleiben sowie Aufenthalte und körperliche Anstrengung im Freien vermieden werden. Im Freien können Filtermasken (FFP2/FFP3) helfen.
- Bei Symptomen wie Herzklopfen, Atemnot oder Brustenge sollte frühzeitig ärztliche Hilfe aufgesucht werden.
Referenzen
- Deutscher Wetterdienst (DWD). Waldbrand-Gefahrenindex WBI. URL (zuletzt aufgerufen am 06.08.2026): https://www.wettergefahren.de/warnungen/indizes/waldbrand.html
- Miller MR, Landrigan PJ, Arora M, Newby DE, Münzel T, Kovacic JC. Environmentally-not-so-friendly: pollution, heat and cardiovascular disease Part 1: Global warming, air pollution and wildfires. J Am Coll Cardiol. 2024;83(23):2291–2307. doi: 10.1016/j.jacc.2024.03.424. PMID: 38839204.
- Zhang S, Wang Y, Wei J, Benmarhnia T, Liu Y, Krumholz HM, Lu Y, Chen K. Impact of Long-Term Cumulative Exposure to Wildfire Smoke PM2.5 on Cardiovascular Hospital Admissions Among Older Adults in the United States: A Population-Based Cohort Study. J Am Coll Cardiol. Online veröffentlicht 18. Februar 2026. doi: 10.1016/j.jacc.2025.12.079.
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- Romanello M, Walawender M, Hsu SC, et al. The 2025 report of the Lancet Countdown on health and climate change: climate change action offers a lifeline. Lancet. 2025;406(10521):2804–2857. doi: 10.1016/S0140-6736(25)01919-1.
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- Copernicus Atmosphere Monitoring Service (CAMS). CAMS tracks smoke from intense Canadian wildfires reaching Europe. Copernicus, 3. Juni 2025. URL (zuletzt aufgerufen am 06.08.2026): https://atmosphere.copernicus.eu/cams-tracks-smoke-intense-canadian-wildfires-reaching-europe
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