„Unsere vier Herzklappen – wir haben zwei in jeder Herzhälfte – funktionieren wie Rückschlagventile. Sie stellen sicher, dass unser Blut in die richtige Richtung fließt“, erklärt Prof. Dr. Tanja Rudolph, Oberärztin der Klinik für Allgemeine und Interventionelle Kardiologie und Angiologie am Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen. Schließt eine der Klappen nicht mehr richtig, spricht man von einer Insuffizienz. Kann sich eine Klappe nicht mehr ausreichend öffnen, liegt eine Stenose, eine Verengung, vor.
„In seltenen Fällen sind Klappenerkrankungen angeboren. Viel häufiger sind sie aber erworben – zum Beispiel durch Verkalkungen, Entzündungen oder Durchblutungsstörungen im höheren Lebensalter“, erklärt die Kardiologin.
Das Fatale: Treten angeschwollene Beine, Luftnot, Schwindel oder sogar Bewusstlosigkeit unter Belastung auf, ist die Erkrankung in der Regel schon weiter fortgeschritten.
„Mit einer defekten Klappe ist das Herz wie im Dauerlaufmodus und muss viel Kraft aufbringen, um den Körper ausreichend mit Blut zu versorgen“, so die Expertin. Dadurch droht eine Verdickung der Herzmuskelzellen – und langfristig die Entstehung einer Herzschwäche.
Um Folgeschäden zu verhindern, ist es wichtig, eine defekte Herzklappe möglichst frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Grundsätzlich sind zwei Verfahren möglich:
- Klappenoperation: Die defekte Klappe wird in einer Operation durch eine mechanische Klappe aus Carbon oder eine biologische Klappe aus Gewebe von Rind oder Schwein ersetzt. Der Eingriff kann minimalinvasiv, also über einen kleinen Schnitt zwischen den Rippen, durchgeführt werden.
- Katheterverfahren: Alternativ zur Operation stehen mehrere minimalinvasive Katheterverfahren zur Verfügung, mit denen zunächst zusammengefaltete biologische Klappen am Zielort platziert und entfaltet werden. Das häufigste Katheterverfahren bei Herzklappenerkrankungen ist das sogenannte TAVI-Verfahren (Transkatheter-Aortenklappenimplantation), bei dem die verengte Aortenklappe per Katheter ersetzt wird.
„Welche Behandlungsmethode sich am besten eignet, besprechen wir mit unseren Patientinnen und Patienten immer sehr intensiv“, sagt Prof. Dr. Rudolph. Um die Patientinnen und Patienten bestmöglich zu beraten, steht ihnen ein interdisziplinäres Herzteam zur Seite: eine Kardiologin oder ein Kardiologe – das sind die Fachleute für das Katheterverfahren – und eine Herzchirurgin oder ein Herzchirurg – als Fachleute für die Operation.
„Mit einer defekten Klappe ist das Herz wie im Dauerlaufmodus und muss viel Kraft aufbringen, um den Körper ausreichend mit Blut zu versorgen.“
Prof. Dr. Tanja Rudolph
Bei der chirurgischen Herzklappenoperation wird das Herz meist kurzzeitig an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Die erkrankte Klappe wird entfernt und ersetzt.
Vorteile der Operation:
- mechanische Klappen halten lebenslang (biologische 10 bis 15 Jahre)
- auch bei komplexeren anatomischen Voraussetzungen durchführbar
Nachteile der Operation:
- ein größerer chirurgischer Eingriff mit einer längeren Genesungszeit
- höheres Risiko bei älteren oder schwerkranken Patientinnen und Patienten
- bei den mechanischen Klappen ist die lebenslange Einnahme von Blutverdünnern notwendig
Schonender sind Katheterverfahren wie das TAVI-Verfahren, bei dem die neue Klappe minimalinvasiv per Katheter – meist durch die Leiste – eingesetzt wird.
Vorteile des Katheterverfahrens:
- schonenderer Eingriff, daher kürzerer Krankenhausaufenthalt mit einer schnelleren Mobilisation
- besonders geeignet für ältere oder hochrisikobehaftete Patientinnen und Patienten
- Studien zeigen, dass das Ergebnis des TAVI-Verfahrens bei vielen Patientengruppen der Operation nicht unterlegen ist und eine TAVI-Prothese ähnlich lang haltbar ist wie eine operativ eingesetzte biologische Klappe
Nachteile des Katheterverfahrens:
- Bei dem Eingriff können die umliegenden Nervenstrukturen geschädigt werden, sodass bei etwa 10 bis 15 Prozent der Patientinnen und Patienten nach TAVI-Verfahren eine Herzschrittmacherimplantation notwendig wird
- lebenslange Einnahme von ASS nach TAVI (Acetylsalicylsäure, bekannt geworden unter dem Markennamen Aspirin, mittlerweile stellen viele verschiedene Unternehmen Medikamente mit dem Wirkstoff her)
Welches Verfahren geeignet ist, hängt von vielen Faktoren ab: von der betroffenen Herzklappe, aber auch vom Alter, von Begleiterkrankungen und den anatomischen Voraussetzungen.
„Tendenziell eignet sich zum Beispiel eine mechanische Herzklappe aus Carbon eher für unter 60-Jährige, weil diese Klappe potenziell unbegrenzt lange haltbar ist“, erklärt Prof. Dr. Rudolph. „Allerdings berichten einige, dass sie das Öffnen und Schließen der Klappe hören. Manche Menschen hören fast nichts, bei anderen hat das Klacken fast Zimmerlautstärke.“ Daher entscheiden sich viele für eine chirurgische, biologische Klappe. Die macht zwar keine Geräusche, hält aber auch nicht so lang. Die Leitlinie empfiehlt sie daher vor allem Patientinnen und Patienten über 65.
„Wenn jemand 65 ist und die Klappe hält 12, vielleicht sogar 15 Jahre, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er seine Klappe überleben wird“, sagt Prof. Dr. Rudolph. „Wir haben sehr gute Daten, die uns zeigen, dass man dann – kathetergestützt – eine neue Klappe einsetzen kann.“ Das heißt: Wenn man mit 65 eine biologische, chirurgische Klappe bekommt und mit Ende 70 eine neue braucht, kann man das schonendere Katheterverfahren wählen.
„Generell eignet sich das TAVI-Verfahren vor allem für Menschen ab einem Alter von 70 Jahren oder jüngeren Patientinnen und Patienten mit einem höheren Operationsrisiko“, sagt die Kardiologin. Im Jahr 2023 wurden insgesamt 8.552 chirurgische Eingriffe an der Aortenklappe vorgenommen – fast 26.000 Menschen haben sich für das TAVI-Verfahren entschieden.
Beim Thema Herzklappenersatz ist eine umfassende Aufklärung nötig, damit Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten das für sie bestmögliche Verfahren festlegen können.