Es handelt sich nicht um neue Leitlinien, sondern um eine Aktualisierung nach klaren Regeln der ESC: Diskutiert wurden nur Punkte, zu denen seit 2019 relevante neue Studiendaten vorlagen. Der Text ist ein Konsens zum Teil intensiver Diskussionen von ca. 20 Autoren der EAS und der ESC sowie weiteren ca. 100 Reviewern aus der ganzen Welt.
Die aktuelle Studienlage unterstreicht nach einhelliger Sicht das Prinzip der LDL-Zielwerte in Abhängigkeit vom individuellen Risiko. Die Empfehlungen wurden auf die aktuellen Risiko-Rechner angepasst. Neu und klinisch wichtig sind die Risikomodifikatoren, die zusätzlich zu dem SCORE2 / SCORE2-OP das individuelle Risiko bestimmen. Besonderen Fokus legen die Empfehlungen auf erhöhtes Lipoprotein(a), HIV und Tumor-Patientinnen und -Patienten. Wichtig: die Zielwerte selber wurden durch die neuen Studien weiter gestützt und mussten nicht modifiziert werden.
Eine „einfache“ Empfehlung aufgrund der neuen Studien war die Aufnahme der Bempedoin-Säure als dritte orale Therapie-Option zur LDL-C Senkung. Eine Abwertung erfahren die Fibrate, die nicht mehr zur Cholesterin-Senkung indiziert sind. Eine Nischen-Indikation für Fenofibrat und Bezafibrat in Einzelfällen bei Hypertriglyzeridämie bliebt bestehen, allerdings nicht zur Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse oder Pankreatits. Hochdosiertes (4 g) Icosapent-Ethyl erhält auf dem Boden der klar positiven REDUCE-IT-Studie eine IIaB-Empfehlung bei Hypertriglyceridämie und ASCVD, wird allerdings derzeit in Deutschland nicht erstattet. Für das extrem seltene aber schwerwiegende Familiäre Chylomikronämie Syndrom (FCS) steht das ApoC3 ASO Volanesorsen zur Verfüngung, welches aber vermutlich in Kürze durch die pharmakologisch überlegene siRNA Olezarsen abgelöst und dann obsolet wird.
Die neue Studienlage zum Akuten Koronarsyndrom wurde wörtlich mit folgenden Begriffen zusammengefasst: „the sooner, the lower, the better“ und „strike early and strong“. Die Umsetzung dieses klinisch wichtigen Prinzips ist die Verwendung einer LDL-senkenden Kombinationstherapie. In der Regel (IIaB) sollte bei ACS direkt mit einer Kombination aus Atorvastatin oder Rosuvastatin mit Ezetimib begonnen werden. Patientinnen und Patienten mit ACS und bestehender Lipidsenkung profitieren von deren Intensivierung.
Aus Kardiologen-Sicht tun sich viele Kolleginnen und Kollegen im Lipid-Sektor traditionell schwer mit einer stringenten Beurteilung der Datenlage zu Ernährung und Nahrungsergänzungs-Mitteln. Es lag derart viel neue neutrale (oder sogar negative) Evidenz aus diesem Bereich vor, dass – wenn auch mit einer etwas schwurbelig formulierten Empfehlung – für Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine erstmals eine klare Klasse-III-Empfehlung ausgesprochen wurde: Das bedeutet, diese Stoffe sollen zur Prävention von ASCVD nicht verwendet werden.