Die Global Burden of Disease (GBD) Study 2023 geht von weltweit 17,5 Millionen verlorenen gesunden Lebensjahren infolge hoher Temperaturen aus.2 Europa trifft dies besonders, da es sich von allen Kontinenten am schnellsten erwärmt. Im Sommer 2022 kam es zu mehr als 60.000 hitzebedingten Todesfällen.3 Eine große Registerstudie aus Schweden beobachtete eine erhöhte Mortalität bei Herzinsuffizienz-Patientinnen und -Patienten während Kälte- und Hitze-Perioden in den Jahren 2006–2021, wobei Hitzeeffekte tendenziell zunahmen.
Inwieweit Hitze- und Kältewellen in gemäßigten Breiten insgesamt mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergehen und wie Luftverschmutzung die Zusammenhänge beeinflusst, untersuchte nun eine aktuelle Studie aus Polen, die auf dem Kongress ESC Preventive Cardiology 2026 vorgestellt wurde. Dafür wurden Daten der EP-PARTICLES-Kohorte, die über 8 Millionen Einwohnende von 655 ostpolnischen Landkreisen umfasst, für die Jahre 2011–2020 georäumlich analysiert. Der Nationale Gesundheitsfonds stellte Informationen zu Krankenhausaufenthalten und Todesfällen bereit. Temperaturextreme wurden anhand des „Excess Heat/Cold Factor“ auf Landkreisebene indexiert. Der primäre Endpunkt „schwerwiegende kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Ereignisse“ (MACCE) umfasste kardiovaskuläre Todesfälle, Myokardinfarkte mit ST-Strecken-Hebung (STEMI) und ischämische Schlaganfälle.
Im Untersuchungszeitraum wurden 831.246 Todesfälle erfasst, darunter 377.373 kardiovaskuläre Todesfälle. Es traten 573.538 MACCE-Ereignisse auf (Medianalter 79 [68–86] Jahre; 47,2 % Frauen).
Sowohl Hitze- als auch Kältewellen waren mit einem signifikanten Anstieg der Ereignisse verbunden (p<0,001), jedoch mit unterschiedlichen zeitlichen Mustern: Bei Hitzewellen zeigten sich unmittelbar Veränderungen. Am Tag der Hitzewelle stieg die MACCE-Rate um 7,5 % und die Zahl der kardiovaskulären Todesfälle um 9,5 %. Bei Kältewellen zeigten sich verzögerte und länger anhaltende Veränderungen: Das MACCE-Risiko stieg über mehrere Tage nach der Kältewelle von 4,0 % auf 5,9 % an, das Risiko für kardiovaskuläre Todesfälle von 4,7 % auf 6,9 %.
Der Zusammenhang zwischen Hitzewellen und dem MACCE-Risiko war bei Personen unter 65 Jahren stärker ausgeprägt als bei älteren Menschen (RIRR 1,026; p=0,003). Dies zeigte sich auch für Kältewellen (RRR 1,065; p<0,001).
Luftschadstoffe verstärkten signifikant die Auswirkungen extremer Temperaturen: Ozon (O3) und Benzo[a]pyren waren sowohl bei Hitze- als auch bei Kältewellen mit einem stärkeren Anstieg des MACCE-Risikos assoziiert. Bei Kältewellen wurde zudem ein verstärkender Effekt von Feinstaub (PM2,5) beobachtet.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die Probleme des Klimawandels nun auch auf nördlichere Regionen Europas ausweiten, und belegen die erheblichen kombinierten Risiken von Temperaturextremen und Luftverschmutzung für die Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagte Referent Prof. Lukasz Kuzma von der Medizinischen Universität Białystok, Polen.4 Die nachteiligen Effekte waren bei Erwachsenen unter 65 Jahren ausgeprägter. Die Erkenntnisse unterstreichen insgesamt die Notwendigkeit koordinierter Präventionsstrategien. Kuzma kündigte zudem an, dass sein Team das Exposom umfassender untersuchen will, einschließlich Licht- und Lärmbelastung, um die gesundheitlichen Folgen besser zu verstehen und die Risikovorhersage sowie Präventionsstrategien weiter zu verbessern.
Diese Studie ist aus meiner Sicht ein wichtiges Warnsignal für die europäische Herz-Kreislauf-Medizin. Ihr besonderer Wert liegt nicht nur in der großen Fallzahl, sondern darin, dass sie zeigt, dass Temperaturextreme auch in gemäßigten Regionen Europas bereits ein messbarer kardiovaskulärer Risikofaktor sind. Was lange vor allem als Problem Südeuropas wahrgenommen wurde, verschiebt sich zunehmend nach Mittel-, Ost- und Nordeuropa. Polen steht damit beispielhaft für eine Entwicklung, die wir in vielen europäischen Ländern sehen werden: Der Klimawandel erreicht die kardiologische Routineversorgung.
Besonders bemerkenswert ist der Befund, dass die Effekte bei Menschen unter 65 Jahren ausgeprägter waren. Das widerspricht der einfachen Vorstellung, dass extreme Temperaturen vor allem Hochbetagte betreffen. Natürlich bleiben ältere Menschen sowie multimorbide Patientinnen und Patienten besonders vulnerabel. Aber die Studie zeigt: Auch jüngere Erwachsene sind keineswegs geschützt. Berufliche Exposition im Freien, körperliche Aktivität bei Hitze, geringere Risikowahrnehmung, soziale Belastungen oder unerkannte Vorerkrankungen könnten dazu beitragen, dass diese Gruppe stärker betroffen ist als erwartet.
Klinisch besonders relevant ist das unterschiedliche Risikoprofil bei Hitze und Kälte. Hitze wirkt rasch und kann den Kreislauf unmittelbar belasten. Kälte entfaltet ihre Wirkung eher verzögert, kann aber über mehrere Tage nachwirken. Für die Versorgung bedeutet das: Prävention darf nicht erst beginnen, wenn die Notaufnahmen voll sind. Risikopatientinnen und -patienten müssen vor, während und nach Extremwetterereignissen gezielt betreut werden.
Besonders gefährdet sind vulnerable Menschen, insbesondere Patientinnen und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Diabetes, chronischer Nierenerkrankung oder nach einem Schlaganfall. Bei Hitze steigen Flüssigkeitsverlust, Kreislaufbelastung sowie das Risiko für Blutdruckentgleisungen, Nierenfunktionsstörungen, Elektrolytverschiebungen und Rhythmusstörungen. Gerade ältere Menschen trinken häufig zu wenig; unter Diuretika oder mehreren Blutdruckmedikamenten kann dies rasch klinisch relevant werden. Medikamente sollten deshalb nicht eigenständig abgesetzt, sondern bei Hochrisikopatientinnen und -patienten während Extremwetterlagen häufiger ärztlich überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.
Ein zentraler Punkt der Studie ist zudem die Verstärkung durch Luftschadstoffe. Genau hier wird das Exposom-Konzept entscheidend: Menschen sind nicht isoliert Hitze oder Kälte ausgesetzt, sondern einer Mischung aus Temperaturstress, Luftverschmutzung, Lärm, Lichtbelastung, sozialer Vulnerabilität, Vorerkrankungen und Medikation. Diese Faktoren können sich gegenseitig verstärken.
Die Konsequenz ist klar: Hitze- und Kälteaktionspläne müssen kardiovaskuläre Hochrisikogruppen ausdrücklich einschließen, und dabei nicht nur Hochbetagte, sondern auch jüngere gefährdete Erwachsene berücksichtigen. Klimaschutz, saubere Luft, bessere Stadtplanung und Exposom-orientierte Medizin gehören heute untrennbar zur Herz-Kreislauf-Prävention.
Zur Übersichtsseite Prävention