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Keine Überlegenheit der PVI vs. Sham zur kurzfristigen Verbesserung der Lebensqualität bei VHF

ESC Congress 2026 | PVI-SHAM-AF: Die randomisierte Studie, an der 9 Zentren aus Deutschland teilnahmen, untersuchte, ob die PVI gegenüber der Schein-Intervention (Sham) zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität über 6 Monate führt. Studienleiter Prof. Rolf Wachter (Universitätsklinikum Leipzig) stellt die Daten in der Session Hot Line 8 vor, die zeitgleich publiziert wurden.1,2


Dr. Lucas Lauder und Prof. Christian Sticherling (beide Universitätsspital Basel) kommentiert.

Von:

Dr. Heidi Schörken

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

Expertenkommentar

Dr. Lucas Lauder & Prof. Christian Sticherling

Universitätsspital Basel

 

 

01.09.2026

Bildquelle (Bild oben): Sergii Figurnyi / Shutterstock.com

Studiendesign und Methodik

In der doppelblinden Studie PVI-SHAM-AF wurden Personen mit symptomatischem paroxysmalem oder persistierendem Vorhofflimmern (VHF) im Verhältnis 2:1 randomisiert einer Pulmonalvenenisolation (PVI) oder einer invasiven Scheinprozedur (Sham) zugeteilt. In der Sham-Gruppe erfolgte die Scheinprozedur unter tiefer Analgosedierung mit Einlage zweier venöser Schleusen, mindestens 60-minütiger Verweildauer im Elektrophysiologie-Labor und elektrischer Kardioversion bei bestehendem VHF, mit dem Unterschied zur PVI-Gruppe, dass weder eine transseptale Punktion noch ein Vorschieben des Ablationskatheters erfolgte. 


Primärer Endpunkt war die Änderung des Gesamtscores des Atrial Fibrillation Effect on Quality-of-Life Questionnaire (AFEQT) von Baseline bis Monat 6. Der AFEQT-Score reicht von 0 bis 100, wobei 0 einer vollständigen Beeinträchtigung und 100 keiner Beeinträchtigung entspricht; er umfasst 4 Domänen (Symptome, Alltagsaktivitäten, Behandlungssorge und Behandlungszufriedenheit), wobei der Gesamtscore die ersten 3 Domänen, nicht jedoch die Behandlungszufriedenheit, einschließt. Sekundäre Endpunkte umfassten die VHF-Last (7-Tage-Holter-EKG nach 6 Monaten) sowie die Inzidenz von VHF-Rezidiven nach 6 Monaten.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 262 Personen in die Studie eingeschlossen (medianes Alter 67 Jahre; 51 % Frauen), davon wurden 173 Personen in die PVI- und 89 Personen in die Sham-Gruppe randomisiert. Etwa die Hälfte der Personen hatten paroxysmales (49 %), die andere Hälfte persistierendes VHF (51 %). Die PVI erfolgte mehrheitlich mittels Radiofrequenzablation (61 %, gegenüber 35 % Kryoballon und 5 % Pulsed-Field-Ablation). 36 % der Personen in der Sham-Gruppe unterzogen sich zudem einer Elektrokardioversion. Das mediane Follow-up betrug 184 Tage.


Nach 6 Monaten verbesserte sich der AFEQT-Score in beiden Gruppen, ohne signifikanten Unterschied zwischen den Armen: In der PVI-Gruppe stieg er von 61,3 auf 81,1, in der Sham-Gruppe von 59,2 auf 74,9 (p=0,36). In der Subgruppenanalyse des primären Endpunkts zeigte sich eine ausgeprägtere Verbesserung des AFEQT-Scores in der PVI- gegenüber der Sham-Gruppe bei Personen mit erhöhten NT-proBNP-Werten (>300 ng/l; p=0,005). 


Der Anteil an Personen ohne VHF-Rezidiv (weder klinisch detektiert noch im 7-Tage-Holter dokumentiert) war nach 6 Monaten in der PVI-Gruppe um 20 Prozentpunkte höher als in der Sham-Gruppe (73 % vs. 52 %); zusätzlich lag die im 7-Tage-Holter erfasste VHF-Last in der PVI-Gruppe um mehr als 10 Prozentpunkte niedriger (11,6 % vs. 23,6 %).


Es traten 2 nicht behandlungsassoziierte Todesfälle auf (jeweils 1 Fall mit Hirnblutungen in der PVI-Gruppe und Hirntumor in der Sham-Gruppe) sowie 5 Gefäßzugangskomplikationen (3 in der PVI-, 2 in der Sham-Gruppe). Schwerwiegende behandlungsassoziierte unerwünschte Ereignisse traten bei 6 Personen in der PVI- und 4 Personen in der Sham-Gruppe auf.


Als wesentliche Limitationen sind zu nennen: Nur 22 % der eingeladenen Personen willigten in die Studienteilnahme ein, was einen Selektionsbias zur Folge haben könnte. Im Vergleich zu den anderen beiden sham-kontrollierten PVI-Studien (SHAM-PVI und PFA-SHAM) lag der AFEQT-Score bei Studieneinschluss deutlich höher. Das Follow-up von 6 Monaten könnte zu kurz sein, um Verbesserungen der Lebensqualität abschließend zu beurteilen; und mangels kontinuierlichen EKG-Monitorings (z. B. mittels implantierbarem Ereignisrekorder) könnte die Inzidenz von VHF-Rezidiven unterschätzt worden sein. Schließlich erhielten Personen mit VHF während der Scheinprozedur eine Elektrokardioversion und 50 % von ihnen waren nach 6 Monaten noch im Sinusrhythmus, sodass die Verbesserung der Lebensqualität keinen reinen Placeboeffekt darstellt.

Fazit

Für den primären Endpunkt, die Verbesserung der Lebensqualität nach 6 Monaten, zeigte sich keine Überlegenheit der PVI gegenüber der Scheinprozedur einschließlich Elektrokardioversion. Allerdings ergaben sich Vorteile der PVI gegenüber Sham hinsichtlich der Freiheit von VHF-Rezidiven und der VHF-Last nach 6 Monaten. Die 12-Monatsdaten stehen noch aus.

Expertenkommentar

PVI-SHAM-AF ist nach SHAM-PVI3 und PFA-SHAM4 erst die dritte, mit 262 randomisierten Patientinnen und Patienten aber die bislang größte sham-kontrollierte Ablationsstudie bei VHF. Als angemessener Placebo-Komparator für invasive Verfahren gilt dabei eine invasive Scheinprozedur, die die aktive Behandlung möglichst genau nachbildet.5 Sham-kontrollierte Studien sind innerhalb der Kardiologie nach wie vor selten, ihre Zahl hat jedoch in den letzten 10 Jahren deutlich zugenommen, nicht zuletzt, weil sie von Zulassungsbehörden wie der US-amerikanischen FDA zunehmend gefordert werden.5 Den Autorinnen und Autoren gebührt Anerkennung für die Durchführung dieser Studie: Die Rekrutierung für eine sham-kontrollierte Studie ist grundsätzlich anspruchsvoll, in diesem Setting jedoch umso mehr, da die PVI bereits fest in der klinischen Routineversorgung etabliert ist. Die Relevanz sham-kontrollierter PVI-Studien ergibt sich zudem aus der Versorgungsrealität: Die Zahl der Katheterablationen in Deutschland ist laut Deutschem Herzbericht zuletzt auf fast 125.000 Prozeduren im Jahr 2025 angestiegen, wovon VHF-Ablationen etwas mehr als die Hälfte ausmachen.6


In der Studie verbesserte sich der AFEQT-Gesamtscore nach 6 Monaten in beiden Gruppen deutlich, ohne signifikanten Unterschied zwischen den Armen. Im Vergleich zu SHAM-PVI (Baseline-AFEQT 52) und PFA-SHAM (Baseline-AFEQT 45) wies PVI-SHAM-AF einen höheren Ausgangswert auf (60 Punkte). Die krankheitsbezogene Beeinträchtigung der Lebensqualität war bei den Teilnehmenden somit im Mittel geringer. Dies entspricht zwar dem Niveau anderer offen geführter PVI-Studien wie CABANA oder EARLY-AF, jedoch war, anders als etwa bei PFA-SHAM, ein niedriger AFEQT-Score kein Einschlusskriterium; möglicherweise trug dies zum insgesamt geringeren Verbesserungsspielraum in der PVI-Gruppe und damit zum fehlenden Gruppenunterschied bei.7 Mögliche Ursachen dafür wären ein Selektionsbias sowie die klinische Verfügbarkeit der PVI: Nur 22 % der eingeladenen Personen nahmen an der Studie teil, möglicherweise vor allem jene mit geringerer Beschwerdelast.


Auffällig ist zugleich der ausgeprägte Anstieg des AFEQT-Scores in der Sham-Gruppe selbst: 15,7 Punkte gegenüber 7,0 in SHAM-PVI und 11,3 in PFA-SHAM. Die Verbesserung in der Sham-Gruppe könnte sich durch den aktiven klinischen Behandlungspfad erklären, inklusive stationärer Aufnahme, tiefer Sedierung, Gefäßzugang, Elektrokardioversion bei bestehendem VHF und strukturierter Nachsorge: 36 % der Sham-Gruppe erhielten eine elektrische Kardioversion, 9 % der Personen mit persistierendem VHF waren bereits im Sinusrhythmus, und rund die Hälfte blieb über 6 Monate rezidivfrei. Die Studie vergleicht damit weniger PVI gegen „nichts“ als vielmehr 2 Strategien der Rhythmuskontrolle: Ablation versus Kardioversion plus intensiviertes Betreuungsprogramm. Patientenberichtete (subjektive) Endpunkte sind generell anfälliger für nicht-spezifische Therapieeffekte, darunter Placeboeffekt, Hawthorne-Effekt, Regression zur Mitte und optimierte Begleittherapie, als objektive Endpunkte.


PVI-SHAM-AF liefert damit kein Argument gegen die Katheterablation als Verfahren zur Rhythmuskontrolle, wohl aber einen wichtigen Hinweis darauf, dass ein Teil des kurzfristigen Symptom- und Lebensqualitätsgewinns nach Ablation auf unspezifische Effekte einer intensiv betreuten, invasiven Behandlungsepisode zurückgehen könnte – nicht allein auf die PVI selbst. Für die Aufklärung und Indikationsstellung, insbesondere wenn kurzfristige Symptomverbesserung das primäre Therapieziel ist, ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer differenzierten Erwartungssteuerung: Rhythmuskontrolle und Lebensqualität sind unterschiedliche, und wie PVI-SHAM-AF zeigt, nicht zwangsläufig deckungsgleiche Zielgrößen.

Zur Person

Dr. Lucas Lauder

Dr. Lucas Lauder ist Oberarzt an der Klinik für Kardiologie des Universitätsspitals Basel. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind die Präventionsmedizin und die Behandlung der Herzinsuffizienz. Seine Forschungsinteressen umfassen u. a. kardiorenale Interaktionen und Adhärenz zur medikamentösen Therapie. Er ist Ko-Autor der ESC-Leitlinien zur arteriellen Hypertonie (2024) und stellv. Sprecher der Arbeitsgruppe AG 43 (Arterielle Hypertonie) der DGK.

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Zur Person

Prof. Christian Sticherling

Prof. Christian Sticherling ist stellvertretender Chefarzt und Leiter der Elektrophysiologie an der Klinik für Kardiologie des Universitätsspitals Basel. Seine Tätigkeitsfelder umfassen die interventionelle Elektrophysiologie und die Device-Therapie. Die wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der Risikostratifizierung des plötzlichen Herztodes sowie der Diagnostik und Therapie des Vorhofflimmerns. Er ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie.

Prof. Christian Sticherling

Key Facts der Studie

PVI-SHAM-AF untersuchte, ob die PVI gegenüber der Schein-Intervention (Sham) zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität über 6 Monate führt.

Für den primären Endpunkt, die Verbesserung der Lebensqualität nach 6 Monaten, zeigte sich keine Überlegenheit der PVI gegenüber der Scheinprozedur einschließlich Elektrokardioversion. Allerdings ergaben sich Vorteile der PVI gegenüber Sham hinsichtlich der Freiheit von VHF-Rezidiven und der VHF-Last nach 6 Monaten.

PVI-SHAM-AF liefert damit kein Argument gegen die Katheterablation als Verfahren zur Rhythmuskontrolle, wohl aber einen wichtigen Hinweis darauf, dass ein Teil des kurzfristigen Symptom- und Lebensqualitätsgewinns nach Ablation auf unspezifische Effekte einer intensiv betreuten, invasiven Behandlungsepisode zurückgehen könnte – nicht allein auf die PVI selbst.

Referenzen

  1. Wachter R. Pulmonary Vein Isolation versus SHAM in AF. Hot Line 8; 30.08. München, ESC 2026.
  2. Wachter R et al. Catheter ablation for symptomatic atrial fibrillation (PVI-SHAM-AF): a randomised, double-blind, sham-controlled, multicentre trial. Lancet. 2026 Aug 30:S0140-6736(26)01558-8. doi: 10.1016/S0140-6736(26)01558-8.
  3. Dulai R, Sulke N, Freemantle N, Lambiase PD, Farwell D, Srinivasan NT, Tan S, Patel N, Graham A, Veasey RA. Pulmonary vein isolation vs sham intervention in symptomatic atrial fibrillation: the SHAM-PVI randomized clinical trial. JAMA. 2024 Oct 8;332(14):1165-73. doi: 10.1001/jama.2024.17921.
  4. Osmancik P, Neuzil P, Hozmanova J, et al. Pulsed field ablation versus sham to treat atrial fibrillation: the PFA-SHAM randomized clinical trial. Circulation. 2026;153:1984-98. doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.126.079484.
  5. Lauder L, da Costa BR, Ewen S, Scholz SS, Wijns W, Lüscher TF, Serruys PW, Edelman ER, Capodanno D, Böhm M, Jüni P, Mahfoud F. Randomized trials of invasive cardiovascular interventions that include a placebo control: a systematic review and meta-analysis. Eur Heart J. 2020 Jul 14;41(27):2556-69. doi: 10.1093/eurheartj/ehaa495.
  6. Rudolph V, Blankenberg S, Doenst T, et al. Der Deutsche Herzbericht – Update 2025. Kardiologie. 2025;19:469-74. doi: 10.1007/s12181-025-00783-3.
  7. Laufs U, Böhm M, Mahfoud F, Wachter R. PVI-SHAM-AF: what does this trial tell us about catheter ablation and symptoms in patients with atrial fibrillation? Clin Res Cardiol. 2026. doi: 10.1007/s00392-026-03016-z.

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