Was sind Anlass und Ziel der Publikation?
Ausgangspunkt war unser vorausgegangenes Konsensuspapier zur Therapiezielklärung bei chronischer Herzinsuffizienz. Dabei wurde deutlich, dass viele wichtige Entscheidungen nicht erst dann getroffen werden sollten, wenn eine akute Krise eingetreten ist.
Wer freitagabends mit einer dekompensierten Herzinsuffizienz in der Notaufnahme vorgestellt wird, soll nicht erstmals über Reanimation, ICD, LVAD, Intensivtherapie oder Therapiebegrenzung nachdenken müssen. Zu diesem Zeitpunkt sind Patienten häufig schwer belastet, dyspnoeisch, verunsichert und auf rasche Entscheidungen angewiesen.
Das Konsensuspapier beschäftigt sich deshalb mit der Frage, wie Patientinnen und Patienten frühzeitig befähigt werden können, medizinische Informationen, persönliche Werte und individuelle Lebensziele zusammenzuführen. Ziel ist eine Entscheidungsfindung, die über die formale Unterschrift unter einen Aufklärungsbogen hinausgeht und Patienten in die Lage versetzt, auch in Krisensituationen informierte und ihren Präferenzen entsprechende Entscheidungen zu treffen.
Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?
- Gute Entscheidungen beginnen lange vor der Unterschrift.
Viele kardiologische Entscheidungen werden in akuten Situationen getroffen. Damit Patienten in diesen Situationen tatsächlich selbstbestimmt entscheiden können, müssen Therapieziele, Werte und Präferenzen bereits vorher besprochen worden sein.
- Aufklärung allein reicht nicht aus.
Eine wirksame Einwilligung setzt voraus, dass Patienten die Bedeutung einer Entscheidung für ihr eigenes Leben verstehen und bewerten können. Dazu braucht es mehr als die Vermittlung medizinischer Fakten.
- Präferenzen können sich verändern.
Patienten erleben ihre Erkrankung unterschiedlich und bewerten Nutzen und Belastungen einer Therapie im Krankheitsverlauf häufig neu. Entscheidungsfindung ist deshalb kein einmaliges Ereignis, sondern ein fortlaufender Prozess.
- Shared Decision Making ist praktikabel.
Die verfügbare Evidenz zeigt, dass strukturierte Entscheidungsunterstützung die Gesprächsdauer nicht relevant verlängert, Wissen verbessert und Entscheidungskonflikte reduziert. Es geht nicht um zusätzliche Bürokratie, sondern um bessere Gespräche.
- Shared Decision Making ist Teamarbeit.
Neben Ärztinnen und Ärzten können insbesondere Heart Failure Nurses, Advanced Practice Nurses und andere Berufsgruppen wesentlich dazu beitragen, Entscheidungsprozesse vorzubereiten und zu begleiten.
Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?
Die größte Herausforderung ist vermutlich nicht mangelnde Akzeptanz, sondern der richtige Zeitpunkt.
In der Herzmedizin werden Entscheidungen häufig dann erforderlich, wenn Patienten besonders krank, belastet oder verunsichert sind. Gerade dann bleibt oft wenig Zeit, um Werte, Präferenzen und Therapieziele erstmals ausführlich zu besprechen.
Die Lösung besteht deshalb nicht primär in längeren Gesprächen, sondern in früheren Gesprächen. Shared Decision Making sollte als kontinuierlicher Prozess entlang des Krankheitsverlaufs verstanden werden. Decision Aids, strukturierte Gespräche und interprofessionelle Begleitung können helfen, Patienten bereits in stabilen Krankheitsphasen auf spätere Entscheidungen vorzubereiten.
Welche Punkte sind offengeblieben?
Die Frage ist heute nicht mehr, ob Patienten beteiligt werden sollten, sondern wie dies bestmöglich gelingt. Während international für zahlreiche kardiologische Entscheidungssituationen hochwertige Decision Aids verfügbar sind, existieren im deutschsprachigen Raum bislang nur wenige vergleichbare Angebote. Eine zentrale Herausforderung wird daher sein, evidenzbasierte Entscheidungshilfen nach internationalen Qualitätsstandards zu entwickeln und in die klinische Versorgung zu integrieren. Ziel ist nicht mehr Dokumentation, sondern eine bessere Befähigung von Patienten zu informierten Entscheidungen.
Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?
Die Zukunft von Shared Decision Making liegt aus unserer Sicht weniger in zusätzlichen Formularen oder Aufklärungsbögen als in einer frühzeitigen und kontinuierlichen Entscheidungsbegleitung. Patienten sollten wichtige Therapieentscheidungen nicht erstmals in einer akuten Krisensituation treffen müssen, sondern bereits zuvor Gelegenheit gehabt haben, sich mit ihren Zielen, Werten und Präferenzen auseinanderzusetzen.
Dazu werden strukturierte Decision Aids, digitale Werkzeuge und interprofessionelle Versorgungskonzepte voraussichtlich eine zunehmende Rolle spielen. Die eigentliche Herausforderung besteht dabei nicht darin, Patienten mehr Informationen zu geben, sondern sie dabei zu unterstützen, diese Informationen mit ihren persönlichen Lebenszielen in Einklang zu bringen. Genau darin sehen wir einen zentralen Entwicklungsschritt moderner patientenzentrierter Herzmedizin.
Entscheidungsfindung und Entscheidungsunterstützung in der Herzmedizin
Weber-Krüger, M., Blum, M., Alt-Epping, B. et al.
Entscheidungsfindung und Entscheidungsunterstützung in der Herzmedizin. Kardiologie (2026).
https://doi.org/10.1007/s12181-026-00824-5