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Quick Dive: Shared Decision Making

In unserer Reihe "Quick Dive" stellen die Autorinnen und Autoren von Publikationen medizinischer Fachgesellschaften prägnant die wichtigsten Hintergründe und Inhalte der jeweiligen Veröffentlichung vor. Dieses Mal wird eingetaucht in:

Entscheidungsfindung und Entscheidungsunterstützung in der Herzmedizin

Konsensuspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), der Deutschen Gesellschaft für Thorax‑, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), des Bundes Niedergelassener Kardiologen (BNK), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (DGPK), der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGPflege), der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGPalliativ) sowie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)

 

28.07.2026 | Verfasst von:  Mark Weber-Krüger · Moritz Blum · Bernd Alt-Epping · Marc Dittrich · Franz Goss · Tanja Henking · Hashim Abdul-Khaliq · Ingrid Kindermann · Dorit Knappe · Volker Köllner · Gerald Neitzke · Christian Perings · Harald Rittger · Jürgen in der Schmitten · Daniel Schwittek · Henrikje Stanze · Klaus K. Witte · Jochen Dutzmann

Von:

Melissa Wilke

DGK-Redaktion

 

07.08.2026

Bildquelle (Bild oben): vovan / Shutterstock.com

5 Fragen an den Letztautor

Priv.-Doz. Dr. Jochen Dutzmann, Universitätsklinikum Halle (Saale)

Was sind Anlass und Ziel der Publikation?

 

Ausgangspunkt war unser vorausgegangenes Konsensuspapier zur Therapiezielklärung bei chronischer Herzinsuffizienz. Dabei wurde deutlich, dass viele wichtige Entscheidungen nicht erst dann getroffen werden sollten, wenn eine akute Krise eingetreten ist.

Wer freitagabends mit einer dekompensierten Herzinsuffizienz in der Notaufnahme vorgestellt wird, soll nicht erstmals über Reanimation, ICD, LVAD, Intensivtherapie oder Therapiebegrenzung nachdenken müssen. Zu diesem Zeitpunkt sind Patienten häufig schwer belastet, dyspnoeisch, verunsichert und auf rasche Entscheidungen angewiesen.

 

Das Konsensuspapier beschäftigt sich deshalb mit der Frage, wie Patientinnen und Patienten frühzeitig befähigt werden können, medizinische Informationen, persönliche Werte und individuelle Lebensziele zusammenzuführen. Ziel ist eine Entscheidungsfindung, die über die formale Unterschrift unter einen Aufklärungsbogen hinausgeht und Patienten in die Lage versetzt, auch in Krisensituationen informierte und ihren Präferenzen entsprechende Entscheidungen zu treffen.

 

Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?

 

  1. Gute Entscheidungen beginnen lange vor der Unterschrift.
    Viele kardiologische Entscheidungen werden in akuten Situationen getroffen. Damit Patienten in diesen Situationen tatsächlich selbstbestimmt entscheiden können, müssen Therapieziele, Werte und Präferenzen bereits vorher besprochen worden sein.
  2. Aufklärung allein reicht nicht aus.
    Eine wirksame Einwilligung setzt voraus, dass Patienten die Bedeutung einer Entscheidung für ihr eigenes Leben verstehen und bewerten können. Dazu braucht es mehr als die Vermittlung medizinischer Fakten.
  3. Präferenzen können sich verändern.
    Patienten erleben ihre Erkrankung unterschiedlich und bewerten Nutzen und Belastungen einer Therapie im Krankheitsverlauf häufig neu. Entscheidungsfindung ist deshalb kein einmaliges Ereignis, sondern ein fortlaufender Prozess.
  4. Shared Decision Making ist praktikabel.
    Die verfügbare Evidenz zeigt, dass strukturierte Entscheidungsunterstützung die Gesprächsdauer nicht relevant verlängert, Wissen verbessert und Entscheidungskonflikte reduziert. Es geht nicht um zusätzliche Bürokratie, sondern um bessere Gespräche.
  5. Shared Decision Making ist Teamarbeit.
    Neben Ärztinnen und Ärzten können insbesondere Heart Failure Nurses, Advanced Practice Nurses und andere Berufsgruppen wesentlich dazu beitragen, Entscheidungsprozesse vorzubereiten und zu begleiten.

     

Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?

 

Die größte Herausforderung ist vermutlich nicht mangelnde Akzeptanz, sondern der richtige Zeitpunkt.

In der Herzmedizin werden Entscheidungen häufig dann erforderlich, wenn Patienten besonders krank, belastet oder verunsichert sind. Gerade dann bleibt oft wenig Zeit, um Werte, Präferenzen und Therapieziele erstmals ausführlich zu besprechen.

 

Die Lösung besteht deshalb nicht primär in längeren Gesprächen, sondern in früheren Gesprächen. Shared Decision Making sollte als kontinuierlicher Prozess entlang des Krankheitsverlaufs verstanden werden. Decision Aids, strukturierte Gespräche und interprofessionelle Begleitung können helfen, Patienten bereits in stabilen Krankheitsphasen auf spätere Entscheidungen vorzubereiten.

 

Welche Punkte sind offengeblieben?

 

Die Frage ist heute nicht mehr, ob Patienten beteiligt werden sollten, sondern wie dies bestmöglich gelingt. Während international für zahlreiche kardiologische Entscheidungssituationen hochwertige Decision Aids verfügbar sind, existieren im deutschsprachigen Raum bislang nur wenige vergleichbare Angebote. Eine zentrale Herausforderung wird daher sein, evidenzbasierte Entscheidungshilfen nach internationalen Qualitätsstandards zu entwickeln und in die klinische Versorgung zu integrieren. Ziel ist nicht mehr Dokumentation, sondern eine bessere Befähigung von Patienten zu informierten Entscheidungen.

 

Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?

 

Die Zukunft von Shared Decision Making liegt aus unserer Sicht weniger in zusätzlichen Formularen oder Aufklärungsbögen als in einer frühzeitigen und kontinuierlichen Entscheidungsbegleitung. Patienten sollten wichtige Therapieentscheidungen nicht erstmals in einer akuten Krisensituation treffen müssen, sondern bereits zuvor Gelegenheit gehabt haben, sich mit ihren Zielen, Werten und Präferenzen auseinanderzusetzen.


Dazu werden strukturierte Decision Aids, digitale Werkzeuge und interprofessionelle Versorgungskonzepte voraussichtlich eine zunehmende Rolle spielen. Die eigentliche Herausforderung besteht dabei nicht darin, Patienten mehr Informationen zu geben, sondern sie dabei zu unterstützen, diese Informationen mit ihren persönlichen Lebenszielen in Einklang zu bringen. Genau darin sehen wir einen zentralen Entwicklungsschritt moderner patientenzentrierter Herzmedizin.

Weiter zur vorgestellten Publikation:

Entscheidungsfindung und Entscheidungsunterstützung in der Herzmedizin

Weber-Krüger, M., Blum, M., Alt-Epping, B. et al.

Entscheidungsfindung und Entscheidungsunterstützung in der Herzmedizin. Kardiologie (2026).

https://doi.org/10.1007/s12181-026-00824-5

 

Zur Person

PD Dr. Jochen Dutzmann

Nach oberärztlicher Tätigkeit in der internistischen Intensivmedizin und interventionellen Kardiologie an der Universitätsmedizin Halle ist PD Dr. Jochen Dutzmann heute niedergelassen tätig und engagiert sich in der Projektgruppe Ethik der DGK. Seine Schwerpunkte sind Shared Decision-Making, Palliative Care und ethische Entscheidungsprozesse in der Kardiologie.
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Kurzinfo: Die Formate der DGK-Publikationen

Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Stütze im klinischen Alltag, um ihre Patientinnen und Patienten nach neuestem Stand der Wissenschaft bestmöglich zu behandeln. Dabei dienen die Leitlinien als verlässliche Handlungsempfehlungen in spezifischen Situationen.

Pocket-Leitlinien sind Leitlinien in kompakter, praxisorientierter Form. Bei Übersetzungen von Pocket-Leitlinien der ESC werden alle Empfehlungsklassen und Evidenzgrade der Langfassung übernommen.

Master Pocket-Leitlinien stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Leitlinienempfehlungen in Form von grafischen Diagnose- und Therapiealgorithmen dar. Als Quelle der Empfehlungen dienen dabei vorwiegend die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstellten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) sowie deren deutsche Übersetzung durch die DGK.

Kommentare beinhalten Hinweise, wie sich die neuen von den alten Leitlinien unterscheiden, Hinweise auf wesentliche Neuerungen, die seit dem Erscheinen der ESC-Leitlinien bekannt geworden sind, Diskussion kontroverser Empfehlungen in den ESC-Leitlinien sowie Möglichkeiten und Grenzen der Leitlinienumsetzung im Bereich des deutschen Gesundheitswesens.

Ein Positionspapier behandelt eine Fragestellung von großem allgemeinen Interesse, für die keine aktuelle Leitlinie vorliegt.

Bei einem Konsensuspapier handelt es sich um ein von mehreren Fachgesellschaften getragenes Statement.

Diese Veröffentlichungen enthalten Empfehlungen einer DGK-Arbeitsgruppe zu einer speziellen Frage von großem Interesse.

Stellungnahmen der DGK beziehen sich auf gesundheitspolitische Fragestellungen und erfolgen durch den Vorstand, gemeinsam mit Kommissionen und Projektgruppen. Sofern möglich und sinnvoll, werden auch Fachgesellschaft-übergreifende Stellungnahmen ausgearbeitet.

Ein Manual ist eine praktisch orientierte Expertenempfehlung für wesentliche kardiovaskuläre Prozeduren.

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