in verschiedene Richtungen zeigender Wegweiser in verschiedene Richtungen zeigender Wegweiser

Karrierekompass Kardiologie: Mythos Habilitation – zwischen Forschung, Lehre und Karriereplanung

Die Reihe Karrierekompass Kardiologie gibt eine Orientierungshilfe bei der Karriereplanung in der Kardiologie für junge Kardiolog:innen und kardiologieinteressierte Studierende. In diesem Interview spricht Dr. Lukas Ley mit PD Dr. Laura Rottner über Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, Bedeutung sowie Pflichten und Chancen einer Habilitation.

Von:

Dr. Lukas Ley

Berlin

 

PD Dr. Laura Rottner

Frankfurt am Main

 

19.08.2026

Bildquelle (Bild oben): Brian A. Jackson / Shutterstock.com

Grundlagen einer Habilitation

Ley: Herzlichen willkommen, Laura. Im heutigen Interview möchte ich mit dir über das spannende Thema der Habilitation sprechen und was man als Mitglied der Young DGK bzw. als Ärzt:in in Weiterbildung oder Medizinstudierende:r darüber wissen sollte. Klären wir zu Beginn doch erst einmal: Was versteht man unter einer Habilitation?

 

Rottner: Vielen Dank für die Einladung – ich freue mich sehr auf das Interview. Die Habilitation ist im Grunde der klassische Weg in Deutschland, die eigene wissenschaftliche Selbstständigkeit nachzuweisen. Sie bescheinigt, dass man ein Fach in Forschung und Lehre eigenständig vertreten kann. Neben einer umfangreichen wissenschaftlichen Leistung – meist in Form einer Habilitationsschrift oder kumulativer Publikationen – gehört auch die Lehrtätigkeit dazu. Kurz gesagt: Man zeigt, dass man nicht nur gute Forschung macht, sondern diese auch weitergeben kann.

 

Ley: Es gibt auch die Begriffe „Venia legendi“ oder „Lehrbefugnis“. In welchem Zusammenhang stehen diese Begriffe mit der Habilitation?

 

Rottner: Die sogenannte „Venia legendi“ ist gewissermaßen das „Ziel“ der Habilitation. Mit erfolgreichem Abschluss erhält man diese Lehrbefugnis für ein bestimmtes Fachgebiet. Sie erlaubt eigenständig Lehrveranstaltungen anzubieten und Prüfungen abzunehmen. Die Habilitation ist also der Weg – und die „Venia legendi“ das Ergebnis.

 

Ley: Die Habilitation ist in Deutschland der höchste akademische Grad und steht damit auch über der Promotion. Welchen Grad bzw. Titel darf man nach erfolgreicher Habilitation führen?

 

Rottner: Nach der Habilitation erhält man keinen neuen „Doktortitel“ im engeren Sinne, sondern zunächst die Lehrbefugnis. Häufig wird man dann zur Privatdozentin oder zum Privatdozenten ernannt, kurz: PD. Das ist der gebräuchlichste Titel im Alltag. Die Bezeichnung „Dr. med. habil.“ wird formal manchmal geführt, ist aber deutlich weniger üblich als „Privatdozent:in“.

Voraussetzungen und Rahmenbedingungen

Ley: Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um sich zu habilitieren? Welche Leistungen müssen erbracht werden?

 

Rottner: Die Grundlage ist natürlich die Promotion. In der Medizin kommt in der Regel noch die Facharztqualifikation hinzu oder eine weit fortgeschrittene Facharztausbildung. Zentral sind dann wissenschaftliche Publikationen – häufig mehrere Erst- oder Letztautorenschaften – sowie eine Habilitationsschrift, oft kumulativ. Ebenso wichtig ist die kontinuierliche Lehre: Vorlesungen, Seminare und die Betreuung von Doktorarbeiten. Viele Fakultäten verlangen zudem didaktische Fortbildungen. Es ist also ein Gesamtpaket aus Forschung, Lehre und klinischer Erfahrung.

 

Ley: Welche Rolle spielen dabei Leiter:innen der eigenen Arbeitsgruppe bzw. Mentor:innen?

 

Rottner: Eine ganz entscheidende. Gute Mentor:innen können Türen öffnen, gezielt fördern und helfen, realistische Ziele zu setzen. Sie geben Feedback zu Publikationen, unterstützen bei der strategischen Planung und stehen auch in schwierigen Phasen zur Seite. Ich würde sagen: Die richtige Umgebung und Unterstützung sind fast genauso wichtig wie die eigene Motivation.

 

Ley: Spielen Fachgesellschaften wie die DGK bzw. die Young DGK eine Rolle bei der Habilitation?

 

Rottner: Absolut. Fachgesellschaften bieten nicht nur Fortbildungen, sondern auch Netzwerke, Mentoring-Programme und Möglichkeiten, eigene Forschung zu präsentieren. Gerade die Young DGK ist eine großartige Plattform, um früh Kontakte zu knüpfen, Kooperationspartner:innen zu finden und sich wissenschaftlich sichtbar zu machen.

 

Ley: Wie viel Aufwand bringt eine Habilitation mit sich? Und was bedeutet das für die klinische Tätigkeit und Freizeit?

 

Rottner: Man sollte ehrlich sein: Es ist ein erheblicher Aufwand und oft ein Marathon. Die Herausforderung besteht darin, Forschung, Klinik und Privatleben in Einklang zu bringen. Das bedeutet Phasen mit hoher Belastung, aber auch viel persönliche Entwicklung. Wichtig ist, sich realistische Zeitfenster zu setzen und sich bewusst Auszeiten zu nehmen – sonst wird es auf Dauer schwierig.

Stellenwert, Vorteile und Pflichten

Ley: Welchen Stellenwert hat die Habilitation und welche Vorteile bringt sie mit sich?

 

Rottner: In der akademischen Medizin ist die Habilitation nach wie vor ein wichtiger Meilenstein. Sie eröffnet Karrierewege in der Universitätsmedizin, etwa in Richtung Professur. Darüber hinaus stärkt sie die eigene wissenschaftliche Unabhängigkeit und Sichtbarkeit – auch international.

 

Ley: Gibt es auch Pflichten, die damit einhergehen?

 

Rottner: Ja, mit der Lehrbefugnis geht auch die Verpflichtung zur regelmäßigen Lehre einher. Zudem wird erwartet, dass man weiterhin wissenschaftlich aktiv bleibt und sich in die akademische Selbstverwaltung einbringt. Es ist also nicht nur eine Auszeichnung, sondern auch eine Verantwortung.

 

Ley: Was kommt nach der Habilitation?

 

Rottner: Typische nächste Schritte sind die außerplanmäßige Professur, kurz apl. Professur, oder – mit entsprechender Berufung – eine W2- oder W3-Professur. In der Klinik kann dies auch mit Leitungsfunktionen einhergehen. Die Habilitation ist also eher ein Türöffner als ein Endpunkt.

Dos und Don’ts sowie Tipps

Ley: Wer sollte über eine Habilitation nachdenken – und wann?

 

Rottner: Alle, die Freude an Wissenschaft und Lehre haben und sich eine akademische Laufbahn vorstellen können. Der richtige Zeitpunkt ist individuell, aber man sollte früh beginnen, sich mit Forschung zu beschäftigen – idealerweise schon während der Facharztausbildung strukturiert planen.

 

Ley: Hast du besondere Tipps für Frauen?

 

Rottner: Ich würde Frauen unbedingt ermutigen, diesen Weg zu gehen. Wichtig ist, aktiv Netzwerke aufzubauen, Mentorinnen zu suchen und die eigenen Leistungen sichtbar zu machen. Und: sich nicht von strukturellen Hürden entmutigen zu lassen – Veränderungen passieren auch durch diejenigen, die vorangehen.

 

Ley: Laura, was sind deine drei Dos und Don’ts für die Habilitation?

 

Rottner: 

 

Dos:

Frühzeitig planen und klare Ziele setzen.
Ein gutes Mentoring-Netzwerk aufbauen.
Kontinuität in Forschung und Lehre bewahren.


Don’ts:

Alles allein machen wollen – Teamarbeit ist entscheidend.
Sich zu sehr verzetteln – Fokus ist wichtig.
Die eigene Work-Life-Balance komplett vernachlässigen.
 

Ley: Vielen Dank für deine Zeit und die wertvollen Einblicke und Tipps.

 

Rottner: Sehr gerne – es hat mich gefreut. Ich hoffe, ich konnte ein wenig Orientierung geben und vielleicht auch den einen oder die andere motivieren, diesen spannenden Weg zu gehen.

Zur Person

Dr. Lukas Ley

Dr. med. Lukas Ley arbeitet als Arzt in Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie am Deutschen Herzzentrum der Charité am Campus Benjamin Franklin. Im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim hat er sich intensiv mit der pulmonalen Hypertonie beschäftigt. Er hat ein besonderes Interesse an der interventionellen Kardiologie und strukturellen Herzerkrankungen, insbesondere Herzklappenerkrankungen.

Dr. Lukas Ley

Zur Person

PD Dr. Laura Rottner

PD Dr. med. Laura Rottner ist geschäftsführende Oberärztin der Rhythmologie und Leiterin der Interventionellen Elektrophysiologie am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Frankfurt.

PD Dr. Laura Rottner
Gruppe junger Ärzte
© Robert Kneschke / Adobe Stock

Mentoring-Programm der DGK

Du benötigst den direkten Austausch zu Karriere-Fragen? Profitiere von den Erfahrungen erfolgreicher Kardiologinnen und Kardiologen aus Wissenschaft, Klinik und Praxis! Das Mentoring-Programm der DGK richtet sich dabei ganz nach Deiner individuellen Karriereplanung.

 

Weitere Beiträge der Rubrik "Karrierekompass Kardiologie"

Ein Artikel von Yasmin Steigerwald (Hamburg) und Dr. Sebastian Weyand (Aalen)

Ein Artikel von Alexander Krutz (Berlin) und PD Dr. Anne Freund (Leipzig).

In diesem Interview spricht Lukas Müller mit Prof. Dennis Wolf darüber, wie sich Grundlagenforschung und klinische Tätigkeit verbinden lassen.

Zur Übersichtsseite Karrierekompass Kardiologie