Im Rahmen einer Real-World-Target-Trial-Emulation wurden in die retrospektive Kohortenstudie 276.888 Erwachsene aus dem TriNetX Network einbezogen, die im Jahr 2022 einen routinemäßigen Arztbesuch hatten und entweder innerhalb des vorausgegangenen Jahres eine Grippeimpfung erhalten hatten oder bei denen keine Grippeimpfung dokumentiert war. Beim 1:1-Propensity-Score-Matching wurden 65 Ausgangsvariablen berücksichtigt. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 2,7±0,7 Jahre.
Die annualisierte Inzidenz von Vorhofflimmern betrug 0,9 % bei geimpften Personen gegenüber 1,1 % bei nicht geimpften Personen. Die Grippeimpfung war mit einem signifikant geringeren Risiko für das Auftreten von Vorhofflimmern verbunden (Hazard Ratio 0,80; 95%-Konfidenzintervall 0,76–0,84). Geimpfte Personen hatten zudem ein geringeres Risiko für Gesamtmortalität (HR 0,85; 95%KI 0,82–0,89), Myokardinfarkt (HR 0,91; 95%KI 0,86–0,97), neu auftretende Herzinsuffizienz (HR 0,92; 95%KI 0,88–0,96) sowie kardiovaskulär bedingte Krankenhausaufenthalte (HR 0,97, 95%KI 0,95–0,99). Die Zusammenhänge waren über alters- und krankheitsspezifische Subgruppen konsistent.
Die Grippeimpfung war mit einem geringeren Risiko für neu auftretendes Vorhofflimmern und verschiedene kardiovaskuläre Endpunkte verbunden. Diese Ergebnisse sprechen laut den Forschenden für die Impfung als potenzielle Präventivstrategie gegen Vorhofflimmern und unterstreichen die Notwendigkeit randomisierter Studien, die speziell auf Vorhofflimmern-bezogene Endpunkte ausgerichtet sind.
Die Arbeitsgruppe um Laurent Fauchier aus Tours nutzt eine internationale Datenbank (TriNetX), um aus elektronischen Gesundheitsdaten (verwendet wurden elektronisch kodierte Ereignisse und Prozeduren) den Zusammenhang zwischen einer Influenza-Vakzinierung und der Inzidenz von Vorhofflimmern zu untersuchen. Die Patientinnen und Patienten der untersuchten Kohorte waren mit durchschnittlich 53 Jahren relativ jung, hatten in 95 % keine vorherige Vorhofflimmer-Diagnose. In der Untersuchung handelt es sich um ein retrospektives Register, das durch seine Größe (n=276.888 Patientinnen und Patienten) und sorgfältiges Propensity Score Matching an 65 Variablen aber eine gute Aussagekraft hat. Als Studienlimitation muss dennoch die lediglich durch die Diagnose-Codes definierten Ereignisse erwähnt werden; eine systematisches Vorhofflimmer-Screening fand nicht statt. Wie meist bei nicht-randomisierten Impfstudien besteht auch die Möglichkeit, dass die geimpfte Kohorte trotz des bestmöglichen Angleichens der Gruppen gesünder bzw. besser versorgt war, wobei das Autorenteam dies in einer Sensitivitätsanalyse adressiert und als unwahrscheinlich eingeordnet hat. Die Gruppen wurden über im Mittel 2,7 Jahre nachverfolgt; ob nach der Index-Vakzinierung in den darauffolgenden Jahren eine erneute Grippeschutzimpfung erfolgte, ist nicht bekannt.
Plausibler Zusammenhang zwischen Impfung und geringerem Vorhofflimmer-Risiko
Die vorliegende Analyse fokussiert erstmals auf den Zusammenhang einer Influenzaschutzimpfung mit der Inzidenz von Vorhofflimmern. Aufgrund der bekannten Zusammenhänge zwischen Inflammation (z. B. im Rahmen Adipositas, Hypertonie, obstruktiver Schlafapnoe) und dem Auftreten von Vorhofflimmern ist ein Zusammenhang zwischen Infektionskrankheiten, insbesondere einer Influenza-Infektion plausibel und in vorigen Kohortenstudien suggeriert. Die relative Risikoreduktion von 20 % für das Auftreten von Vorhofflimmern ist für eine Risiko-Modifizierung durch eine einmalige Impfung deutlich; interessant ist auch die 15%ige Reduktion der Gesamtsterblichkeit, die zum prospektiv gezeigten Effekt einer Influenza-Schutzimpfung bei Hochrisikopatientinnen und -patienten (nach Myokardinfarkt) passt. Allerdings fanden sich im Auftreten von Schlaganfällen/Thromboembolien und der Hospitalisierungsrate für Herzinsuffizienz keine Unterschiede. Trotz der geringen absoluten Risikoreduktion und des retrospektiven Charakters der Analyse ist diese konzeptionell wichtig, da sie die Möglichkeit der Reduktion des Vorhofflimmer-Auftretens durch Inflammations-Modifikation zeigt.
Die aktuelle Arbeit unterstützt die Influenzaimpfung als Strategie zur Risikoreduktion kardiovaskulärer Erkrankungen, hier nun auch von Vorhofflimmern. Wünschenswert wäre eine prospektive Analyse, die z. B. in Patientinnen und Patienten mit höherem Vorhofflimmer-Risiko (z. B. bei HFpEF, oder als Rezidiv-Risikosenkung nach Elektrokardioversion) erfolgen könnte. Hypothetisch könnten auch Impfungen gegen andere (respiratorische) Infektionen (z. B. RSV, Pneumokokken, COVID-19) einen schützenden Effekt vor Vorhofflimmern haben, was in einer ähnlichen Arbeit auch für die COVID-19-Impfung (Reduktion von COVID-19-Infekt – assoziiertem Vorhofflimmern) gezeigt ist.2
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