Antikörper als Symbol für Immunisierung und Impfung Antikörper als Symbol für Immunisierung und Impfung

Influenza-Impfung zur Vorbeugung von Vorhofflimmern?

Influenza-Infektionen können kardiovaskuläre Ereignisse auslösen und es gibt zunehmend Evidenz, dass Grippeimpfungen nicht nur das Infektionsrisiko, sondern auch das kardiovaskuläre Risiko reduzieren. Anhand von Real-World-Daten untersuchte eine aktuelle Studie, die im European Heart Journal veröffentlicht wurde, inwieweit Grippeimpfungen mit einem geringeren Risiko für neu auftretendes Vorhofflimmern und kardiovaskuläre Ereignisse verbunden sind.

 

Prof. Stephan H. Schirmer (Kardiopraxis Schirmer Kaiserslautern) ordnet die Studienergebnisse ein.

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

Expertenkommentar:
Prof. Stephan H. Schirmer
Kardiopraxis Schirmer Kaiserslautern

 

13.08.2026

Bildquelle (Bild oben): Corona Borealis Studio / Shutterstock.com

Im Rahmen einer Real-World-Target-Trial-Emulation wurden in die retrospektive Kohortenstudie 276.888 Erwachsene aus dem TriNetX Network einbezogen, die im Jahr 2022 einen routinemäßigen Arztbesuch hatten und entweder innerhalb des vorausgegangenen Jahres eine Grippeimpfung erhalten hatten oder bei denen keine Grippeimpfung dokumentiert war. Beim 1:1-Propensity-Score-Matching wurden 65 Ausgangsvariablen berücksichtigt. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 2,7±0,7 Jahre.

Geringeres Risiko für Vorhofflimmern

Die annualisierte Inzidenz von Vorhofflimmern betrug 0,9 % bei geimpften Personen gegenüber 1,1 % bei nicht geimpften Personen. Die Grippeimpfung war mit einem signifikant geringeren Risiko für das Auftreten von Vorhofflimmern verbunden (Hazard Ratio 0,80; 95%-Konfidenzintervall 0,76–0,84). Geimpfte Personen hatten zudem ein geringeres Risiko für Gesamtmortalität (HR 0,85; 95%KI 0,82–0,89), Myokardinfarkt (HR 0,91; 95%KI 0,86–0,97), neu auftretende Herzinsuffizienz (HR 0,92; 95%KI 0,88–0,96) sowie kardiovaskulär bedingte Krankenhausaufenthalte (HR 0,97, 95%KI 0,95–0,99). Die Zusammenhänge waren über alters- und krankheitsspezifische Subgruppen konsistent.

Fazit

Die Grippeimpfung war mit einem geringeren Risiko für neu auftretendes Vorhofflimmern und verschiedene kardiovaskuläre Endpunkte verbunden. Diese Ergebnisse sprechen laut den Forschenden für die Impfung als potenzielle Präventivstrategie gegen Vorhofflimmern und unterstreichen die Notwendigkeit randomisierter Studien, die speziell auf Vorhofflimmern-bezogene Endpunkte ausgerichtet sind.

Expertenkommentar

Die Arbeitsgruppe um Laurent Fauchier aus Tours nutzt eine internationale Datenbank (TriNetX), um aus elektronischen Gesundheitsdaten (verwendet wurden elektronisch kodierte Ereignisse und Prozeduren) den Zusammenhang zwischen einer Influenza-Vakzinierung und der Inzidenz von Vorhofflimmern zu untersuchen. Die Patientinnen und Patienten der untersuchten Kohorte waren mit durchschnittlich 53 Jahren relativ jung, hatten in 95 % keine vorherige Vorhofflimmer-Diagnose. In der Untersuchung handelt es sich um ein retrospektives Register, das durch seine Größe (n=276.888 Patientinnen und Patienten) und sorgfältiges Propensity Score Matching an 65 Variablen aber eine gute Aussagekraft hat. Als Studienlimitation muss dennoch die lediglich durch die Diagnose-Codes definierten Ereignisse erwähnt werden; eine systematisches Vorhofflimmer-Screening fand nicht statt. Wie meist bei nicht-randomisierten Impfstudien besteht auch die Möglichkeit, dass die geimpfte Kohorte trotz des bestmöglichen Angleichens der Gruppen gesünder bzw. besser versorgt war, wobei das Autorenteam dies in einer Sensitivitätsanalyse adressiert und als unwahrscheinlich eingeordnet hat. Die Gruppen wurden über im Mittel 2,7 Jahre nachverfolgt; ob nach der Index-Vakzinierung in den darauffolgenden Jahren eine erneute Grippeschutzimpfung erfolgte, ist nicht bekannt.

 

Plausibler Zusammenhang zwischen Impfung und geringerem Vorhofflimmer-Risiko

 

Die vorliegende Analyse fokussiert erstmals auf den Zusammenhang einer Influenzaschutzimpfung mit der Inzidenz von Vorhofflimmern. Aufgrund der bekannten Zusammenhänge zwischen Inflammation (z. B. im Rahmen Adipositas, Hypertonie, obstruktiver Schlafapnoe) und dem Auftreten von Vorhofflimmern ist ein Zusammenhang zwischen Infektionskrankheiten, insbesondere einer Influenza-Infektion plausibel und in vorigen Kohortenstudien suggeriert. Die relative Risikoreduktion von 20 % für das Auftreten von Vorhofflimmern ist für eine Risiko-Modifizierung durch eine einmalige Impfung deutlich; interessant ist auch die 15%ige Reduktion der Gesamtsterblichkeit, die zum prospektiv gezeigten Effekt einer Influenza-Schutzimpfung bei Hochrisikopatientinnen und -patienten (nach Myokardinfarkt) passt. Allerdings fanden sich im Auftreten von Schlaganfällen/Thromboembolien und der Hospitalisierungsrate für Herzinsuffizienz keine Unterschiede. Trotz der geringen absoluten Risikoreduktion und des retrospektiven Charakters der Analyse ist diese konzeptionell wichtig, da sie die Möglichkeit der Reduktion des Vorhofflimmer-Auftretens durch Inflammations-Modifikation zeigt.


Die aktuelle Arbeit unterstützt die Influenzaimpfung als Strategie zur Risikoreduktion kardiovaskulärer Erkrankungen, hier nun auch von Vorhofflimmern. Wünschenswert wäre eine prospektive Analyse, die z. B. in Patientinnen und Patienten mit höherem Vorhofflimmer-Risiko (z. B. bei HFpEF, oder als Rezidiv-Risikosenkung nach Elektrokardioversion) erfolgen könnte. Hypothetisch könnten auch Impfungen gegen andere (respiratorische) Infektionen (z. B. RSV, Pneumokokken, COVID-19) einen schützenden Effekt vor Vorhofflimmern haben, was in einer ähnlichen Arbeit auch für die COVID-19-Impfung (Reduktion von COVID-19-Infekt – assoziiertem Vorhofflimmern) gezeigt ist.2

Zur Person

Prof. Stephan H. Schirmer

Prof. Stephan H. Schirmer hat sich nach seiner Tätigkeit als Oberarzt in der Kardiologie des Universitätsklinikums des Saarlandes seit 2018 als Internist, Kardiologe und Angiologe in Kaiserslautern niedergelassen. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen u. a. Atherosklerose, Kollateralarterienwachstum, Entzündungsvorgänge in Herz und Gefäßen sowie Lipidstoffwechselstörungen.
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Übersicht zu den aktuellen Impfempfehlungen laut STIKO und zu den kardiovaskulären Benefits:3,4

Übersicht zu den Impfempfehlungen laut STIKO und zu den kardiovaskulären Benefits (Stand: 13.08.2026)

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine jährliche Auffrischimpfung im Spätsommer/Frühherbst für Personen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf sowie für Personen mit einem erhöhten arbeitsbedingten SARS-CoV-2-Infektionsrisiko.2,4 Dazu gehören:

 

  • Personen im Alter von ≥75 Jahren
  • Bewohnende in Einrichtungen der Pflege sowie Personen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf in Einrichtungen der Eingliederungshilfe
  • Personen im Alter ≥6 Monate bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung für einen schweren COVID-19-Verlauf infolge einer Grunderkrankung (s. u.)
  • Schwangere bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge einer Grunderkrankung oder schwangerschaftsassoziierter Komplikationen (z. B. Gestationsdiabetes, Hypertonie) ab dem 2. Trimenon
  • Personal in Pflegeeinrichtungen mit direktem Kontakt zu Bewohnenden
  • Medizinisches Personal mit einem erhöhten tätigkeitsbezogenen Infektionsrisiko für SARS-CoV-2 (z. B. Medizinische Notaufnahme, Intensivstation etc.)
  • Medizinisches Personal, das Risikopatientinnen und -patienten betreut (als Risikopersonen gelten hierbei Personen mit den unten aufgeführten Grunderkrankungen)
  • Familienangehörige und enge Kontaktpersonen ab dem Alter von 6 Monaten von Personen, bei denen nach einer COVID-19-Impfung keine schützende Immunantwort zu erwarten ist

 

Zu den Grunderkrankungen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf gehören z. B.:

 

  • Chronische Erkrankungen der Atmungsorgane (z. B. COPD)
  • Chronische Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenerkrankungen
  • Diabetes mellitus und andere Stoffwechselerkrankungen
  • Adipositas (BMI ≥30)
  • ZNS-Erkrankungen (z. B. chronische neurologische Erkrankungen, Demenz oder geistige Behinderung, psychiatrische Erkrankungen oder zerebrovaskuläre Erkrankungen)
  • Syndromale Erkrankungen (z. B. Trisomie 21)
  • Angeborene oder erworbene Immundefizienz (z. B. HIV-Infektion, chronisch-entzündliche Erkrankungen unter relevanter immunsupprimierender Therapie, Z. n. Organ- oder Stammzelltransplantation, zellbasierte Therapien)
  • Maligne neoplastische Krankheiten
  • Schwangerschaftskomplikationen (z. B. Gestationsdiabetes, Hypertonie)
  • Langzeitfolgen nach COVID-19 (z. B. Long- oder Post-COVID bzw. Postakutes Infektionssyndrom)

 

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Influenza-Impfung:4

 

  • für alle Personen ab 60 Jahre
  • für alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon, bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens ab 1. Trimenon
  • für Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens (wie z. B. chronische Krankheiten der Atmungsorgane, Herz- oder Kreislauf-Krankheiten, Leber- oder Nierenkrankheiten, Diabetes oder andere Stoffwechselkrankheiten, chronische neurologische Grundkrankheiten wie z. B. Multiple Sklerose mit durch Infektionen getriggerten Schüben, angeborene oder erworbene Immundefizienz oder HIV)
  • für Bewohnende von Alters- oder Pflegeheimen
  • für Personen, die als mögliche Infektionsquelle im selben Haushalt Lebende oder von ihnen betreute Risikopersonen gefährden können
  • für Personen, die im privaten Umfeld häufigen, regelmäßigen und direkten Kontakt zu z. B. Schweinen, Geflügel sowie Wildvögeln (frei und gehalten) und Robben haben

 

Geimpft werden sollten im Rahmen eines erhöhten beruflichen Risikos außerdem:

 

  • Personen mit erhöhter Gefährdung (z. B. medizinisches Personal)
  • Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr
  • Personen, die als mögliche Infektionsquelle für von ihnen betreute Risikopersonen fungieren können
  • Personen, die arbeitsbedingt einen häufigen, regelmäßigen und direkten Kontakt zu z. B. Schweinen, Geflügel, Wildvögeln (frei und gehalten) und Robben haben und tätig sind in z.B. Nutztierhaltungen, Zoos und Tierparks, Tierheimen oder Auffangstationen, Tierarztpraxen sowie Schlachthöfen.

Key Facts der Studie

Die Studie untersuchte, ob eine Influenzaimpfung mit einem geringeren Risiko für neu auftretendes Vorhofflimmern und weitere kardiovaskuläre Ereignisse verbunden ist.

Die Influenza-Impfung war mit einem rund 20 % geringeren relativen Risiko für neu auftretendes Vorhofflimmern assoziiert (HR 0,80; 95%KI 0,76–0,84). Auch Gesamtmortalität, Myokardinfarkte, neu auftretende Herzinsuffizienz und kardiovaskulär bedingte Krankenhausaufenthalte traten bei Geimpften seltener auf.

Die Ergebnisse unterstützen die Influenza-Impfung als Strategie zur kardiovaskulären Risikoreduktion und weisen auf einen möglichen präventiven Effekt auch bei Vorhofflimmern hin. Aufgrund des retrospektiven Studiendesigns sind zur Bestätigung dieses Zusammenhangs jedoch prospektive randomisierte Studien erforderlich.

Referenzen

  1. Fauchier L et al. Influenza vaccination, incident atrial fibrillation, and cardiovascular outcomes. Eur Heart J. Published online July 11, 2026. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehag543
  2. Ko CC, Wu JY et al. The impact of COVID-19 vaccination on long-term risk of new-onset atrial fibrillation/flutter after COVID-19 infection: A retrospective cohort study. PLoS One. 2026;21(4):e0348133. Published 2026 Apr 24. doi:10.1371/journal.pone.0348133
  3. HERZMEDIZIN. Herzinfarkt und Schlaganfall durch Impfen vorbeugen. Beitrag, 20.07.2026.
  4. Robert-Koch-Institut. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission. URL (zuletzt aufgerufen am 13.08.2026): https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Staendige-Impfkommission/Empfehlungen-der-STIKO/Empfehlungen/empfehlungen-node.html

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