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Neue Evidenz zu FFR und Angiografie

TCT Congress 2026 | AIR-STEMI/LIPSIA-STRATEGY/PIONEER IV: 3 Studien beleuchten die Bedeutung der Angiografie-basierten physiologischen Beurteilung für die koronare Revaskularisation. Prof. Simone Biscaglia (Ferrara, Italien), Dr. Nicolas Majunke (Universitätsklinikum Leipzig) und Prof. Patrick W. Serruys (Galway, Irland) stellten die Daten vor.1,2,3


Prof. Tommaso Gori (Universitätsmedizin Mainz) berichtet und kommentiert.

Von:

Prof. Tommaso Gori 

Rubrikleiter Vaskuläre Herzerkrankungen

 

04.11.2026

Bildquelle (Bild oben): Chris LaBasco / Shutterstock.com

Studiendesign und Methodik

In der randomisierten Studie AIR-STEMI mit 1.823 Personen führte zuvor der Einsatz der fraktionellen Flussreserve (FFR) gegenüber der konventionellen Angiografie zu einer deutlichen Reduktion der PCI bei Non-Culprit-Läsionen. In dieser Sekundäranalyse wurde der Einfluss des Schweregrads der Läsionen von Non-Culprit-Gefäßen untersucht. 


In der Investigator-initiierten Studie LIPSIA-STRATEGY erhielten 1.053 Personen randomisiert entweder eine Revaskularisation mit der angiografiebasierten vessel Fractional Flow Reserve (vFFR) oder mit der klassischen druckdrahtbasierten FFR. Primärer Endpunkt waren MACE (kardialer Tod, Myokardinfarkt oder ungeplante Revaskularisation) im ersten Jahr nach der Randomisierung.


Die randomisierte Studie PIONEER IV untersuchte bei 2.130 Personen die Nichtunterlegenheit der Angio-FFR-Strategie vs. Standardprozedur bei der PCI im Hinblick auf den kombinierten Endpunkt nach 12 Monaten aus Gesamtmortalität, Schlaganfall, Myokardinfarkt und Revaskularisation.

Ergebnisse

AIR-STEMI: Die Substudie zeigte eine erhebliche Diskrepanz zwischen angiografischem Stenosegrad und funktioneller hämodynamischer Bedeutung. 33,5 % der Läsionen mit 71–90 % Durchmesserstenose funktionell waren nicht signifikant.

 

LIPSIA-STRATEGY: Die vFFR erwies sich gegenüber der klassischen FFR hinsichtlich MACE nach einem Jahr als nicht unterlegen. Allerdings führte sie häufiger zur Identifikation funktionell signifikanter Läsionen (43,1 % vs. 35,9 %) und zur Revaskularisation (41,2 % vs. 35,5 %).

 

PIONEER IV: Die Nichtunterlegenheit der Angio-FFR-Strategie vs. Standardversorgung wurde in der ITT-Analyse nicht erreicht. Eine höhere Rate der primären Endpunkt-Ereignisse, hauptsächlich getrieben durch spontane NSTEMI in Nicht-Zielgefäßterritorien, war mit mangelnder Protokolladhärenz assoziiert.

Fazit und Kommentar

Der entscheidende Vorteil der Physiologie – unabhängig davon, ob drahtbasiert oder angiografisch abgeleitet – liegt darin, unnötige Stentimplantationen zu vermeiden. Bei PIONEER IV stellt sich zudem die Frage, ob Nichtunterlegenheit ausreicht: Wenn eine neue Strategie zusätzlichen Aufwand verursacht, sollte ihr klinischer Mehrwert idealerweise durch Überlegenheit belegt werden. Mangelnde Adhärenz heisst nicht automatisch, dass die Kolleginnen und Kollegen nicht das Protokoll respektiert haben, sondern eher die Grenzen der Methode im klinischen Alltag widerspiegeln.

Zur Person

Prof. Tommaso Gori

Prof. Tommaso Gori ist als DZHK-W3-Professor für vaskuläre und myokardiale Interaktionen tätig sowie als Leiter des Herzkatheterlabors in der Universitätsmedizin Mainz. Seine Forschungsgebiete umfassen die koronaren Herzerkrankungen, bildgebende Verfahren sowie die kardiovaskuläre Pharmakologie.
Prof. Tommaso Gori

Key Facts der Studie

Sekundäranalyse von AIR-STEMI: Einfluss des Schweregrads der Läsionen von Nicht-Culprit-Gefäßen.


LIPSIA-STRATEGY: Vergleich der vFFR-gesteuerten Strategie mit der druckdrahtbasierten FFR im Hinblick auf MACE (kardialer Tod, Myokardinfarkt oder ungeplante Revaskularisation) im ersten Jahr.


PIONEER IV: Angiografie-basierte FFR-Bestimmung vs. Standardversorgung im Hinblick auf den Komposit aus Gesamtmortalität, Schlaganfall, Myokardinfarkt und Revaskularisation nach einem Jahr.

AIR-STEMI: Die Substudie zeigte eine erhebliche Diskrepanz zwischen angiographischem Stenosegrad und funktioneller hämodynamischer Bedeutung. 

 

LIPSIA-STRATEGY: Die vFFR erwies sich hinsichtlich MACE nach einem Jahr als nicht unterlegen. Allerdings führte sie häufiger zur Identifikation funktionell signifikanter Läsionen (43,1 % vs. 35,9 %) und zur Revaskularisation (41,2 % vs. 35,5 %). 

 

PIONEER IV: Die Nichtunterlegenheit wurde in der ITT-Analyse nicht erreicht. 

Wenn eine neue Strategie zusätzlichen Aufwand verursacht, sollte ihr klinischer Mehrwert idealerweise durch Überlegenheit belegt werden. Der Nachweis der Unterlegenheit reicht daher nicht aus.

Referenzen

  1. Biscaglia S. Impact of Non-Culprit Lesion Severity on the Utility of Functional Coronary Angiography in Patients with STEMI and Multivessel Disease: The AIR STEMI Randomized Trial. LBCT: Session II, in Collaboration with the European Heart Journal, 02.11.2026, San Diego, TCT 2026
  2. Nicolas Majunke. Angiography-Derived FFR Versus vs. Wire-Based FFR to Guide Coronary Revascularization: The LIPSIA-STRATEGY Trial. LBCT: Session II, in Collaboration with the European Heart Journal, 02.11.2026, San Diego, TCT 2026
  3. Serruys P.W. Angiography-Derived FFR vs. Usual Care for Lesion Selection and Optimization in All-Comers PCI: Final Results of the PIONEER IV Randomized Trial. LBCT: Session III, in Collaboration with the JACC, 03.11.2026, San Diego, TCT 2026

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