In der randomisierten Studie AIR-STEMI mit 1.823 Personen führte zuvor der Einsatz der fraktionellen Flussreserve (FFR) gegenüber der konventionellen Angiografie zu einer deutlichen Reduktion der PCI bei Non-Culprit-Läsionen. In dieser Sekundäranalyse wurde der Einfluss des Schweregrads der Läsionen von Non-Culprit-Gefäßen untersucht.
In der Investigator-initiierten Studie LIPSIA-STRATEGY erhielten 1.053 Personen randomisiert entweder eine Revaskularisation mit der angiografiebasierten vessel Fractional Flow Reserve (vFFR) oder mit der klassischen druckdrahtbasierten FFR. Primärer Endpunkt waren MACE (kardialer Tod, Myokardinfarkt oder ungeplante Revaskularisation) im ersten Jahr nach der Randomisierung.
Die randomisierte Studie PIONEER IV untersuchte bei 2.130 Personen die Nichtunterlegenheit der Angio-FFR-Strategie vs. Standardprozedur bei der PCI im Hinblick auf den kombinierten Endpunkt nach 12 Monaten aus Gesamtmortalität, Schlaganfall, Myokardinfarkt und Revaskularisation.
AIR-STEMI: Die Substudie zeigte eine erhebliche Diskrepanz zwischen angiografischem Stenosegrad und funktioneller hämodynamischer Bedeutung. 33,5 % der Läsionen mit 71–90 % Durchmesserstenose funktionell waren nicht signifikant.
LIPSIA-STRATEGY: Die vFFR erwies sich gegenüber der klassischen FFR hinsichtlich MACE nach einem Jahr als nicht unterlegen. Allerdings führte sie häufiger zur Identifikation funktionell signifikanter Läsionen (43,1 % vs. 35,9 %) und zur Revaskularisation (41,2 % vs. 35,5 %).
PIONEER IV: Die Nichtunterlegenheit der Angio-FFR-Strategie vs. Standardversorgung wurde in der ITT-Analyse nicht erreicht. Eine höhere Rate der primären Endpunkt-Ereignisse, hauptsächlich getrieben durch spontane NSTEMI in Nicht-Zielgefäßterritorien, war mit mangelnder Protokolladhärenz assoziiert.
Der entscheidende Vorteil der Physiologie – unabhängig davon, ob drahtbasiert oder angiografisch abgeleitet – liegt darin, unnötige Stentimplantationen zu vermeiden. Bei PIONEER IV stellt sich zudem die Frage, ob Nichtunterlegenheit ausreicht: Wenn eine neue Strategie zusätzlichen Aufwand verursacht, sollte ihr klinischer Mehrwert idealerweise durch Überlegenheit belegt werden. Mangelnde Adhärenz heisst nicht automatisch, dass die Kolleginnen und Kollegen nicht das Protokoll respektiert haben, sondern eher die Grenzen der Methode im klinischen Alltag widerspiegeln.
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