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Youngs für Youngs: Single-Cell Sequencing in der kardiovaskulären Forschung

Wichtige Verfahren im praktischen Überblick: In der Format-Reihe „Youngs für Youngs” präsentieren Youngs Untersuchungs-, Behandlungs- und Forschungsmethoden aus verschiedenen Fachgebieten. Erfahrene Kolleginnen oder Kollegen ergänzen in Expertenkommentaren weitere hilfreiche Hinweise zu Planung und Durchführung.

 

Dieses Mal befasst sich Dr. Laura Sommerfeld (Pephexia Therapeutics, Kopenhagen) mit Single-Cell Sequencing. Der Experte Prof. Norbert Hübner (Max Delbrück Center Berlin) gibt zusätzliche Tipps.

Von:

Dr. Laura Sommerfeld

Pephexia Therapeutics, Kopenhagen

 

Expertenkommentar:

Prof. Norbert Hübner

Max Delbrück Center Berlin

 

26.08.2026

Bildquelle (Bild oben): LightField Studios / Shutterstock.com

Was ist Single-Cell Sequencing?

Single-Cell Sequencing hat die biomedizinische Forschung in den letzten 15 Jahren grundlegend geprägt. Wer aktuelle kardiovaskuläre Literatur liest, kommt an ihr nicht vorbei. 


Klassische Transkriptomik (Bulk RNA-Seq) misst den Durchschnitt aller Zellen in einer Gewebeprobe. Dabei geht die zelluläre Heterogenität verloren. Single-Cell Sequencing löst dieses Problem, indem jede Zelle einzeln analysiert wird. Die Methode umfasst folgende Schritte:

 

  1. Gewebedissoziation zu einer Einzelzellsuspension (enzymatisch/mechanisch)
  2. Isolierung einzelner Zellen per Mikrofluidik (Droplet-Systeme) oder FACS
  3. Reverse Transkription der mRNA jeder Zelle in cDNA mit zellspezifischem Barcode
  4. Sequenzierung und Bioinformatik – Clusteranalyse, Visualisierung (z. B. UMAP)


Das Ergebnis ist eine „molekulare Landkarte“ des Gewebes: Welche Zelltypen sind vorhanden, wie ist der Aktivierungszustand und was verändert sich im Krankheitszustand? (Abbildung 1)

Workflow Single-Cell Sequencing (scRNAseq)
Abbildung 1: Schematischer Workflow der Single-Cell Sequencing-Methode, von der endomyokardialen Biopsie bis zur UMAP-Visualisierung. Jeder Punkt im UMAP repräsentiert eine Zelle; räumliche Nähe entspricht ähnlichem Genexpressionsprofil.

Was ist ein UMAP – und wie liest man ihn?

UMAP (Uniform Manifold Approximation and Projection) ist eine Methode zur Dimensionsreduktion: Aus den Tausenden von Genen, die pro Zelle gemessen werden, berechnet der Algorithmus eine zweidimensionale Darstellung, in der Zellen mit ähnlichem Genexpressionsprofil räumlich nah beieinanderliegen. Cluster repräsentieren Zellpopulationen mit ähnlicher molekularer Identität.


Bei der Interpretation der UMAP-Visualisierung gilt es jedoch zu beachten: Die Abstände zwischen Clustern sind nicht direkt biologisch interpretierbar. Sie spiegeln das mathematische Einbettungsverfahren wider, nicht den tatsächlichen biologischen Abstand. Noch wichtiger: Die Cluster hängen stark von nutzerdefinierten Parametern ab, allen voran der Auflösung (Resolution) der Clusteranalyse. Ein zu hoch gewählter Wert zerlegt biologisch homogene Populationen in artifizielle Subcluster; ein zu niedriger Wert verschmilzt distinkte Zelltypen zu einem einzigen Cluster. Die biologische Sinnhaftigkeit der Cluster muss daher immer durch unabhängige Methoden, etwa Markergen-Validierung oder Durchflusszytometrie, bestätigt werden. UMAP-Plots sind ein mächtiges exploratives Werkzeug, aber kein objektiver Beweis für die Existenz einer Zellpopulation.

Single-Cell Sequencing in der kardiovaskulären Forschung

Im Folgenden werden Beispiele aus aktuellen Publikationen vorgestellt:


Zellatlas des gesunden Herzens: Litviňuková et al. charakterisierten sechs anatomische Regionen des adulten menschlichen Herzens und identifizierten zelluläre Heterogenität unter Kardiomyozyten, Perizyten und Fibroblasten.1 Parallel dazu identifizierten Tucker et al. neun Hauptzelltypen und mehr als 20 Subtypen im menschlichen Herzen.2


DCM und HCM: Chaffin et al. führten snRNA-seq an Herzen mit dilatativer und hypertropher Kardiomyopathie sowie gesunden Kontrollen durch.3 Obwohl sich DCM und HCM klinisch und morphologisch stark unterschieden, konvergierten ihre Transkriptionsprofile auf Gewebe- und Zelltypebene erheblich. Zudem fanden die Autorinnen und Autoren eine einzigartige Population aktivierter Fibroblasten, die in kardiomyopathischen Herzen vorhanden, in gesunden Herzen aber nahezu absent war (Abbildung 2).

Single-Cell Sequencing: Schematisches Beispiel – Gesundes Herz vs. DCM
Abbildung 2: Schematischer, vereinfachter Vergleich der zellulären Komposition im gesunden Myokard (links) und bei dilatativer Kardiomyopathie (DCM, rechts), basierend auf Chaffin et al., Nature 2022. In DCM findet sich eine neue Population aktivierter Fibroblasten (orange-rot), die im gesunden Herzen nahezu absent ist.

HFpEF: Hahn et al. analysierten snRNA-seq aus septalen Biopsien von HFpEF-Patientinnen und -Patienten sowie Kontrollen und identifizierten 14 Zelltypen mit den stärksten transkriptionellen Veränderungen in Fibroblasten und Kardiomyozyten.4


Herztransplantation: Amancherla et al. setzten snRNA-seq an endomyokardialen Biopsien ein und identifizierten spezifische molekulare Signaturen bei schwerer kardialer Allograft-Vaskulopathie – ein Beispiel für den klinischen Einsatz der Methode an Biopsiematerial.5

Klinische Relevanz und Einsatz in Studien

Für klinisch tätige Kardiologinnen und Kardiologen ist folgendes relevant: Single-Cell Sequencing kann prinzipiell bei jeder Art von humanem Gewebe eingesetzt werden, das eine ausreichende Zellzahl liefert. In der Kardiologie bedeutet das vor allem:

 

  • Myokardbiopsien (endomyokardial, z. B. bei Myokarditis, dilatativer Kardiomyopathie, Abstoßungsreaktionen nach Transplantation)
  • Perioperativ gewonnenes Gewebe (z. B. bei Bypass-Operationen oder Klappenersatz)
  • Periphere Blutproben für Immunzellprofilierung


Wichtig: Das Gewebe muss zügig (idealerweise innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden) prozessiert oder in speziellen Puffern stabilisiert werden. Bei der Planung klinischer Studien mit scRNA-seq-Komponente sollte die Probenlogistik frühzeitig mit dem Labor abgestimmt werden.

Öffentliche Datensätze: auch ohne Bioinformatik-Kenntnisse nutzbar

Ein toller Einstiegspunkt: Für die kardiovaskuläre Forschung existieren bereits mehrere öffentlich zugängliche scRNA-seq-Datensätze, die über nutzerfreundliche Web-Portale ohne Programmierkenntnisse exploriert werden können – ohne eine einzige Zeile Code schreiben zu müssen. Zum Beispiel:

 

  • Heart Cell Atlas: Browser-basierter Zugang zum Datensatz von Litviňuková et al. mit >700.000 Zellen aus acht Herzregionen inkl. Erregungsleitungssystem
  • Broad Institute Single Cell Portal: Generalistisches Portal des Broad Institute (MIT/Harvard) mit dynamischer Visualisierung und Exploration ohne Programmierkenntnisse. Alle am Broad Institute generierten Datensätze (Tucker et al. oder Hahn et al.), können hier exploriert werden.

Fazit

Single-Cell Sequencing ist keine Methode nur für reine Grundlagenlabore – sie ist ein leistungsstarkes Werkzeug, das zunehmend Einzug in klinisch-translationale Studien hält. Wer als junge Kardiologin oder als junger Kardiologe bzw. Grundlagenwissenschaftlerin oder -wissenschaftler die Sprache dieser Technologie versteht, kann aktuelle Literatur kritisch einordnen, Kollaborationen sinnvoll gestalten und eigene Forschungsfragen präziser stellen. Der Einstieg lohnt sich.

 

Vor meiner ersten scRNA-seq-Analyse hätte ich mir gewünscht, zu wissen, dass … die Bioinformatik mindestens genauso zeitintensiv ist wie die Laborarbeit. Wer die Methode sinnvoll einsetzen will, sollte frühzeitig Kollaborationen mit bioinformatisch erfahrenen Gruppen oder Core Facilities aufbauen.


Nach meinen ersten scRNA-seq-Projekten weiß ich, dass … die Methode gerade für klinisch denkende Forschende enormes Potential hat. Die Möglichkeit, in einer einzigen Biopsie gleichzeitig Kardiomyozyten, Fibroblasten, Immunzellen und Endothelzellen molekular zu charakterisieren, eröffnet Einblicke, die mit klassischen Methoden schlicht nicht möglich wären.

Expertenkommentar

Single-Cell Sequencing eröffnet gerade in der kardiovaskulären Forschung faszinierende Möglichkeiten, weil sich Zellpopulationen und Zellzustände mit einer bislang nicht erreichbaren Auflösung untersuchen lassen. Besonders spannend ist dabei, dass sich krankheitsassoziierte Veränderungen nicht nur einzelnen Zelltypen zuordnen, sondern auch neue oder aktivierte Zellpopulationen identifizieren lassen, z. B. aktivierte Fibroblasten bei Kardiomyopathien.


Gleichzeitig sollte man sich von den visuell eindrucksvollen UMAP-Darstellungen nicht zu vorschnellen biologischen Schlussfolgerungen verleiten lassen. Cluster sind zunächst das Ergebnis einer bioinformatischen Analyse und hängen unter anderem von den gewählten Parametern ab. Eine sorgfältige Validierung durch unabhängige Methoden bleibt deshalb essenziell.


Für klinisch orientierte Forschende ist außerdem wichtig, bereits vor Beginn eines Projekts die Analytik und bioinformatische Auswertung mitzudenken. Gerade bei humanen Myokardbiopsien können Probenqualität, Prozessierungszeit und Gewebeaufbereitung entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis haben. Die enge Zusammenarbeit mit erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in diesen Bereichen ist daher kein nachgelagerter Schritt, sondern sollte von Beginn an Teil der Studienplanung sein.


Die eigentliche Stärke der Methode liegt darin, neue Hypothesen zu generieren und komplexe Krankheitsmechanismen auf zellulärer Ebene sichtbar zu machen. Entscheidend wird in Zukunft sein, diese Erkenntnisse mit räumlicher Information (3D), funktionellen Experimenten und klinischen Daten zu verknüpfen. Dann wird aus einer hochauflösenden molekularen Landkarte ein wirklich translational relevantes Verständnis von Herzerkrankungen.

Zur Person

Dr. Laura Sommerfeld

Dr. Laura Sommerfeld ist Grundlagenwissenschaftlerin im Bereich der molekularen und translationalen kardiologischen Forschung. Während ihres Postdoc am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg erhielt sie bei einem Forschungsaufenthalt im Labor von Prof. Ellinor am Broad Institute of MIT and Harvard die Möglichkeit, Einblicke in die Single-Cell Sequenzierung zu gewinnen. Seit 2026 ist sie in Kopenhagen tätig. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf den molekularen Mechanismen kardialer Erkrankungen.

Dr. Laura Sommerfeld

Zur Person

Prof. Norbert Hübner

Prof. Norbert Hübner leitet am Max Delbrück Center in Berlin die Forschungsgruppe Genetik und Genomik von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sein besonderer wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf der genetischen und molekularen Erforschung kardiovaskulärer Erkrankungen sowie der Kartierung der zellulären Architektur des menschlichen Herzens mithilfe neuester genomischer und systembiologischer Methoden.

Prof. Norbert Hübner

Referenzen

  1. Litviňuková M et al. Cells of the adult human heart. Nature. 2020;588(7838):466-472. doi: 10.1038/s41586-020-2797-4. Epub 2020 Sep 24.
  2. Tucker NR et al. Transcriptional and Cellular Diversity of the Human Heart. Circulation. 2020 Aug 4;142(5):466-482. doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.119.045401.
  3. Chaffin M et al. Single-nucleus profiling of human dilated and hypertrophic cardiomyopathy. Nature. 2022;608(7921):174-180. doi: 10.1038/s41586-022-04817-8.
  4. Hahn VS et al. Single Cell Analysis of Human Heart Failure With Preserved Ejection Fraction. Circ Res. 2026. doi: 10.1161/CIRCRESAHA.125.327433.
  5. Amancherla K et al. Single-Nuclear RNA Sequencing of Endomyocardial Biopsies Identifies Persistence of Donor-Recipient Chimerism With Distinct Signatures in Severe Cardiac Allograft Vasculopathy. Circ Heart Fail. 2023;16(1):e010119. doi: 10.1161/CIRCHEARTFAILURE.122.010119. 

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