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Antikoagulation nach intrakranieller Blutung – das Dilemma bleibt bestehen

ESC Congress 2026 | ENRICH-AF: In der randomisierten Studie wurde untersucht, ob Personen mit VHF nach einer Hirnblutung von der Antikoagulation mit Edoxaban profitieren. Prof. Ashkan Shoamanesh (Hamilton, Kanada) stellte die richtungsweisenden Studiendaten in der Session Hot Line 2 vor.1


Prof. Rolf Wachter (Universitätsklinikum Leipzig) fasst die Studie zusammen und kommentiert.

Von:

Prof. Rolf Wachter

Rubrikleiter Herz & Hirn

 

 

07.09.2026

Bildquelle (Bild oben): Sergii Figurnyi / Shutterstock.com

Hintergrund und Studiendesign

Bisheriger Stand der Forschung: Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern, die eine Indikation zur oralen Antikoagulation haben, aber eine intrakranielle Blutung erleiden, sind ein klinisches Dilemma: Ein Verzicht auf eine Antikoagulation führt zu mehr ischämischen Schlaganfällen, ein Wiederbeginn der Therapie häufig zu erneuten intrakraniellen Blutungen. Das hatte zuletzt die PRESTIGE-AF-Studie mit 319 Personen mit VHF und Z. n. interzerebraler Blutung gezeigt.2


Die ENRICH-AF-Studie untersuchte jetzt diese Fragestellung erneut, allerdings mit breiteren Einschlusskriterien: es konnten auch intraventrikuläre und nicht-traumatische subdurale Hämatome eingeschlossen werden. Die Studie war mit einer Fallzahl von 948 Patientinnen und Patienten auch deutlich größer als die bisherigen Studien.

 

ENRICH-AF sollte zeigen, dass Edoxaban den primären Endpunkt (ischämischer oder hämorrhagischer Schlaganfall und systemische Embolie) im Vergleich zu keiner Antikoagulation senkt. Es handelte sich um eine randomisierte kontrollierte Studie an 174 Studienzentren in 20 Ländern. Die Patientinnen und Patienten wurden randomisiert auf Edoxaban in einer Dosis von 60 mg (reduzierte Dosis von 30 mg bei entsprechenden Kriterien) oder keine Antikoagulation (eine Thrombozytenaggregation war erlaubt, wenn die Behandlerinnen und Behandler das für sinnvoll hielten).

 

Eine Zwischenanalyse des Data Safety Monitoring Boards zeigte eine inakzeptabel hohe Blutungsrate unter Edoxaban bei Personen mit lobären intrakraniellen Blutungen und Personen mit Amyloidangiopathie. Diese Patientinnen und Patienten wurden daher ab 2023 nicht mehr in die Studie eingeschlossen. 

Ergebnisse

Das mittlere Alter der Patientinnen und Patienten war 77 Jahre und 39 % waren weiblich. Während eines mittleren Follow-ups von 28 Monaten trat der primäre Endpunkt (Schlaganfall oder systemische Embolie) bei 11,8 % der Personen mit Edoxaban und bei 12,8 % der Personen ohne Antikoagulation auf (HR 0,88; 95%KI [0,61-1,26], p=0,48). Ischämische Schlaganfälle und Myokardinfarkte waren unter Edoxaban signifikant seltener, aber das Risiko für einen hämorrhagischen Schlaganfall war dreifach erhöht. Der primäre Sicherheitsendpunkt (schwere Blutungen nach der ISTH-Definition) trat bei 11,6% der Personen mit Edoxaban vs. 5,2 % der Personen ohne Antikoagulation auf (HR 2,23; 95%KI [1,39-3,59] p<0,001).

 

Eine post-hoc-Analyse zeigte, dass unter der niedrigen Dosis von 30 mg Edoxaban deutlich weniger Blutungen auftraten. Ob diese Dosis für Patientinnen und Patienten nach intrazerebraler Blutung eine Alternative sein könnte, müssen weitere Analysen zeigen.

Fazit und Kommentar

Vorhofflimmer-Patientinnen und -Patienten sollten nach einer intrazerebralen Blutung kein Edoxaban (60 mg) erhalten, da das Blutungsrisiko zu hoch ist. Die Therapie dieser Patientinnen und Patienten bleibt weiter eine Einzelfall-Abwägung zwischen dem Risiko für den ischämischen Schlaganfall und einer erneuten Blutung.


Diese Studie reiht sich in einige vorherige ein, die klar zeigen, dass eine Antikoagulation in üblicher DOAK-Dosis bei Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern nach intrakraniellen Blutungen mit einer signifikant erhöhten Rate schwerer Blutungen vergesellschaftet ist. Als Alternative stehen die Implantation eines LAA-Okkluders oder die Gabe eines DOAKs in reduzierter Dosis zur Verfügung.

 

Die Implantation eines LAA-Okkluders wird beispielsweise in der CLEARANCE-Studie (NCT04298723) unter Leitung des Universitätsklinikums Jena untersucht. Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern und stattgehabter intrazerebraler Blutung sollten präferentiell in diese Studie eingeschlossen werden, um zukünftig Evidenz-basierte Therapieoptionen anbieten zu können. 

Zur Person

Prof. Rolf Wachter

Prof. Rolf Wachter ist stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig. Seine klinische Tätigkeit umfasst die gesamte Kardiologie mit Schwerpunkten in der interventionellen Kardiologie und der Herzinsuffizienz. Zusätzlich nimmt er diverse Funktionen in wissenschaftlichen Fachgesellschaften wahr.
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Key Facts der Studie

Die randomisierte Studie untersuchte das Nutzen-Risiko-Profil der Antikoagulation mit Edoxaban (30 mg oder 60 mg tgl.) zum Schutz vor erneuten Schlaganfällen über 12 Monate.

Ischämische Schlaganfälle und Myokardinfarkte waren unter Edoxaban signifikant seltener, aber das Risiko für einen hämorrhagischen Schlaganfall war dreifach und das Risiko für schwere Blutungen zweifach erhöht. 

Nach einer intrazerebralen Blutung sollten Patientinnen und Patienten mit VHF kein Edoxaban 60 mg erhalten, da das Blutungsrisiko zu hoch ist. Die Therapie dieser Patientinnen und Patienten bleibt weiter eine Einzelfall-Abwägung zwischen dem Risiko für den ischämischen Schlaganfall und einer erneuten Blutung.

Referenzen

  1. Shoamanesh A. Edoxaban in intracranial hemorrhage survivors with atrial fibrillation. Hot Line 2, 29.08.2026, München, ESC 2026
  2. Veltkamp R et al. Direct oral anticoagulants versus no anticoagulation for the prevention of stroke in survivors of intracerebral haemorrhage with atrial fibrillation (PRESTIGE-AF): a multicentre, open-label, randomised, phase 3 trial. Lancet. 2025 Mar 15;405(10482):927-936. doi: 10.1016/S0140-6736(25)00333-2. Epub 2025 Feb 26. Erratum in: Lancet. 2025 Mar 15;405(10482):896. doi: 10.1016/S0140-6736(25)00466-0. Erratum in: Lancet. 2025 Jun 21;405(10496):2204. doi: 10.1016/S0140-6736(25)01252-8. PMID: 40023176.

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