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Der genetische Risikofaktor Lp(a): Warum ein junger Kardiologe einen Herzinfarkt erlitt

Es passierte beim Marathon. Sein kleiner Sohn sah sofort, dass es ihm schlecht ging. Auch seine Frau schlug ihm vor, ihn lieber mit dem Auto mitzunehmen. Doch Dr. Ingo Voigt, zu dem Zeitpunkt 39 Jahre alt, Kardiologe, Intensivmediziner und passionierter Läufer, wollte unbedingt sein Ziel erreichen – und lief weiter. Erst später stellte er fest: Sein plötzlicher Leistungsabfall beim Marathon war ein Herzinfarkt. 

Von Kerstin Kropac

 

29.09.2026


Bildquelle (Bild oben): iStock/Pavel1964

Das Wichtigste in Kürze

  • Viele Menschen glauben, beim Herzinfarkt würden immer plötzliche, starke Schmerzen im Brustbereich auftreten. Tatsächlich reicht das Spektrum aber vom sogenannten Vernichtungsschmerz bis zu einem eher diffusen Druck- oder Engegefühl.

  • Einige haben auch gar keine Beschwerden im Brustbereich, sondern eher im Rücken, Kiefer oder Arm – oder Symptome wie Atemnot, Müdigkeit, Schwäche oder Übelkeit.

  • Gerade bei Patientinnen und Patienten, die sehr jung einen Herzinfarkt erleiden, lassen sich häufig erhöhte Lp(a)-Werte nachweisen.

  • Erhöhte Lp(a)-Werte vergrößern das Risiko für Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) – und damit auch für Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Gefäßerkrankungen.

  • Bislang sind leider noch keine Medikamente verfügbar, um die Lp(a)-Werte gezielt zu senken. Umso wichtiger ist es, weitere Risikofaktoren zu vermeiden. Dazu gehören vor allem Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte und Rauchen.

  • Die gute Nachricht: Derzeit sind neue Therapien in der Prüfung, die den Lp(a)-Wert um 80 bis 95 Prozent senken können und in den Studien eine gute Verträglichkeit zeigen.

Haben Herzinfarkte immer dieselben Symptome?

Viele Menschen glauben, beim Herzinfarkt würden immer plötzliche, starke Schmerzen im Brustbereich auftreten. Tatsächlich reicht das Spektrum vom sogenannten Vernichtungsschmerz bis zu einem eher diffusen Druck- oder Engegefühl. Einige haben auch gar keine Beschwerden im Brustbereich, sondern eher im Rücken, Kiefer oder Arm – oder Symptome wie Atemnot, Müdigkeit, Schwäche oder Übelkeit.

 

Auch bei Dr. Ingo Voigt, der als Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin am Elisabeth-Krankenhaus Essen selbst jeden Tag Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt betreut, waren die Symptome unspezifisch: „Ich hatte beim Marathon gerade Kilometer 21 erreicht, als meine Leistung plötzlich abfiel. Das Laufen fiel mir zunehmend schwer und ich hatte muskuläre Schmerzen – auch im Brustkorb“, erzählt der Kardiologe. 

Zum Experten

Dr. Ingo Voigt

Dr. Ingo Voigt ist Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin am Elisabeth-Krankenhaus Essen.

Portraitbild Dr. Ingo Voigt Portraitbild Dr. Ingo Voigt

Warum wird ein Herzinfarkt von den Betroffenen manchmal nicht erkannt?

Dr. Voigt schob seine Beschwerden dem intensiven Training und der großen Arbeitsbelastung im Klinikalltag zu – und dem unter Marathonläufern gefürchteten „Mann mit dem Hammer“, einem plötzlichen Einbruch der körperlichen Leistungsfähigkeit durch weitgehend erschöpfte Kohlenhydratreserven. „Allerdings trat dieser vermeintliche Leistungseinbruch ungewöhnlich früh im Verlauf des Marathonrennens auf“, erinnert er sich. An einen Herzinfarkt dachte er nicht. 

 

Bei Kilometer 30 traf er – wie vereinbart – seine Familie. Zu diesem Zeitpunkt lag er bereits deutlich hinter seiner angestrebten Zielzeit. Sein damals zehnjähriger Sohn sagte: „Du siehst aber schlecht aus.“ Dennoch überwog der Gedanke: „Was man beginnt, sollte man zu Ende bringen, gerade wenn man seinen Kindern ein Vorbild sein möchte.“ Eine Bestzeit war zwar längst außer Reichweite. Aufgeben wollte der Läufer trotzdem nicht. 

 

Erst Tage nach dem Marathon, als das „Runners-High“ langsam verblasste, dämmerte es Dr. Voigt: „Wenn mir jemand in der Notaufnahme von solchen Beschwerden erzählt hätte, hätte ich ihn sofort auf einen Herzinfarkt untersucht.“

Wie wird ein Herzinfarkt diagnostiziert?

Die schnellste und wichtigste Untersuchung bei einem solchen Herzinfarkt-Verdacht ist das Elektrokardiogramm (EKG). Es kann quasi überall – also sowohl vom Notarzt als auch in einer hausärztlichen Praxis – erstellt und die elektrischen Herzströme analysiert werden. Das ermöglicht nicht nur eine schnelle Diagnosestellung, sondern hilft auch, die genaue Art des Herzinfarkts zu bestimmen.

 

Zudem wird in der Regel ein Bluttest auf Troponin durchgeführt. Denn sobald die Muskelzellen des Herzens – zum Beispiel durch einen Herzinfarkt – nicht mehr ausreichend durchblutet werden, sterben sie ab. Dann wird aus den Zellen Troponin freigesetzt und gelangt ins Blut. Dieser Wert erreicht etwa 24 Stunden nach dem Ereignis ein Maximum und sinkt dann innerhalb von etwa 14 Tagen zurück auf den Normalwert. Aber auch im MRT (Magnetresonanztomographie) sind akute Schäden, Durchblutungsstörungen sowie zurückgebliebenes Narbengewebe im Herzmuskel gut zu erkennen. Die Untersuchung ist allerdings etwas aufwändiger als ein EKG und kommt im Notfall meist nicht zum Einsatz. 

Kann ein Herzinfarkt auch Tage später noch festgestellt werden?

Dr. Voigt ging es nach dem Marathon zwar besser – aber weil er ohnehin mit einem Kollegen aus der Bildgebung zu tun hatte, bat er ihn: „Ich bräuchte bitte mal ein MRT!“ Auf dem Bild hat der Kardiologe das Resultat seines Herzinfarkts dann selbst gesehen: eine sogenannte Wandbewegungsstörung. Dann bewegt sich ein bestimmter Abschnitt des Herzmuskels beim Zusammenziehen (Kontraktion) nicht mehr richtig oder zu schwach. Außerdem sah er eine Narbe. „Irgendwie hatte ich für mich überhaupt nicht damit gerechnet, wirklich einen Herzinfarkt erlitten zu haben“, erzählt er.

 

Die anschließende Herzkatheteruntersuchung ergab eine sogenannte ‚komplexe 95%-Verengung im Bereich des Vorderwandgefäßes‘. Seine interventionellen Kolleginnen und Kollegen im Elisabeth-Krankenhaus behandelt ihn sofort erfolgreich mit zwei Stents.

„Wenn mir jemand in der Notaufnahme von solchen Beschwerden erzählt hätte, hätte ich ihn sofort auf einen Herzinfarkt untersucht.“ 

Dr. Ingo Voigt

Warum ist Lp(a) ein Risikofaktor für Herzinfarkte – gerade bei jungen Menschen?

Die meisten Menschen stellen sich nach einem Herzinfarkt die Frage: „Warum hat es mich erwischt?“ Gerade bei Patientinnen und Patienten, die sehr jung einen Herzinfarkt erleiden, lassen sich häufig erhöhte Lp(a)-Werte nachweisen. Das Lipoprotein (a) hilft beim Fetttransport im Blut. Erhöhte Werte vergrößern das Risiko für Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) – und damit auch für Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Gefäßerkrankungen.

 

Auch Dr. Voigt stellte bei einer Blutuntersuchung fest, dass sein Lp(a)-Wert erhöht ist. „Bis dahin war mir überhaupt nicht bewusst, dass ich ein Risikopatient bin“, sagt er. „Ich hatte während meines Studiums zwar viel geraucht – doch das war lange her. Allerdings dauert es auch viele Jahre, bis dieses Risiko wieder minimiert ist. Wäre mir bewusst gewesen, dass ich damit zwei Risikofaktoren für einen Herzinfarkt habe, wäre ich wahrscheinlich schneller hellhörig geworden …“ 

Wie kann man erhöhte Lp(a)-Werte behandeln?

Bislang sind leider noch keine Medikamente verfügbar, um die Lp(a)-Werte gezielt zu senken. „Umso wichtiger ist es, dass wir uns um die Risikofaktoren kümmern, die wir beeinflussen können: Dazu gehören eine gute Diabetes- und Blutdruck-Einstellung, das Reduzieren von Übergewicht und erhöhten Cholesterinwerten und ein konsequenter-Rauchstopp“, erklärt Dr. Voigt. „Es ist wichtig, dass wir uns die Zeit nehmen, das den Patientinnen und Patienten genau zu erklären. Und auch, dass ihnen eine Anschlussheilbehandlung, also eine Reha, zusteht, in der sie ihr Wissen noch einmal vertiefen können.“

Behandlungsaussichten und Vorsorge

Derzeit sind erstmalig Wirkstoffe in der Prüfung, die das Lp(a) gezielt senken könnten. Zur Prävention empfehlen Kardiologinnen und Kardiologen eine standardisierte Messung bei allen Erwachsenen mindestens ein Mal im Leben und ein Kaskadenscreening in betroffenen Familien. 

Wie verändert sich das Leben nach einem Herzinfarkt?

Dr. Voigt nimmt seit seinem Herzinfarkt eine Kombination von verschiedenen Cholesterinsenkern, um die LDL-Cholesterinwerte unter 55mg/dl zu halten. Außerdem lässt er sich regelmäßig durchchecken. Zusätzlich ließ er in einer sportmedizinischen Untersuchung seine körperliche Belastbarkeit einschätzen. Dadurch gewann er das Vertrauen zurück, weiterhin seiner Laufleidenschaft nachgehen und sogar wieder beim Marathon starten zu können.

 

„Heute fühle ich mich nicht eingeschränkt, aber ich lebe schon anders“, erzählt der Kardiologe. „Zum Beispiel habe ich mehr Verständnis für Menschen, die ihren Herzinfarkt erst einmal nicht bemerken – das habe ich ja auch nicht. Außerdem gehe ich seit dem Ereignis freundlicher und entspannter durchs Leben, bin dankbar für viele Dinge, die für andere selbstverständlich sind. Und ich stecke meine Energie möglichst nur noch in Projekte, die für mich einen echten Nutzen haben – oder für andere.“ 

Warum sollte jeder Mensch zumindest die Basismaßnahmen der Wiederbelebung kennen?

Dr. Voigt setzt sich seit Jahren für das Thema Wiederbelebung ein. Aus gutem Grund: „Ich sehe bei meiner Arbeit in der Klinik immer wieder Menschen, die versterben oder bleibende Schäden davontragen, weil keiner in ihrem Umfeld mit Basismaßnahmen der Wiederbelebung begonnen hat“, sagt er. Laut dem Jahresbericht des Deutschen Reanimationsregisters erlitten im vergangenen Jahr in Deutschland etwa 350 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses – pro Tag!

 

Bei etwa 65.000 Personen leitete der Rettungsdienst Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Die meisten fanden in der Wohnung oder im Haus der Betroffenen statt. „Die meisten dieser Ereignisse passieren zu Hause. Das betrifft also überwiegend Leute, die um uns herum sind, also: Vater, Bruder, Mutter, Schwester, Onkel, Tante, Oma oder Opa. Man kann sich vorstellen, welche Vorwürfe man sich später macht, wenn man ihnen nicht helfen konnte …“

Sollte jeder Mensch einmal in seinem Leben den Lp(a)-Wert bestimmen lassen?

Für Dr. Voigt und viele seiner Kolleginnen und Kollegen aus der Kardiologie ist die Antwort eindeutig: Sie empfehlen zur Prävention mindestens einmal im Leben eine standardisierte Messung bei allen Erwachsenen. „Die einmalige Lp(a)-Bestimmung macht bei geschätzt 20 Prozent Betroffenen in der Gesamtbevölkerung vermutlich mehr Sinn als viele unspezifische Gesundheitscheckups. Deshalb würde ich sie befürworten“, sagt er. Zumal bei den meisten Menschen eine einmalige Messung ausreicht, da sich der Wert im Laufe des Lebens – laut der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage – kaum relevant verändert.

 

Außerdem rät der Kardiologe, auch bei Kindern eine entsprechende Untersuchung durchführen zu lassen, wenn die Eltern erhöhte Lp(a)-Werte haben. „Dann kann man sich frühzeitig darum kümmern, weitere Risikofaktoren zu reduzieren – wie Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes, hohe Cholesterinwerte oder Rauchen. Das gilt für Ärztinnen und Ärzte, aber auch für die Patientinnen und Patienten selbst.“

FAQs – Häufige Fragen zu Herzinfarkt bei jungen Menschen

Eine aktuelle Studie zeigt: Wer im Alter von 50 Jahren keinen der fünf klassischen Risikofaktoren – Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte, Diabetes, Rauchen und Übergewicht – aufweist, lebt im Durchschnitt zehn Jahre länger als eine Person, bei der alle fünf Risikofaktoren vorliegen. Und man lebt nicht nur länger, sondern bleibt auch länger vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen verschont. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. 

Blutdruck-, Cholesterin- und Zuckerwerte, aber auch Blutwerte zur Nierenfunktion können Auskunft über das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung geben. Deshalb empfiehlt die Leitlinie zum Beispiel, spätestens ab 18, den Blutdruck regelmäßig zu messen. Der große Vorteil: Werden Risikofaktoren frühzeitig erkannt, lässt sich die Gefahr fürs Herz deutlich reduzieren!

Der Cholesterinspiegel hat eine wichtige Bedeutung für die Herzgesundheit: Ein erhöhtes LDL-Cholesterin ist ein wesentlicher kausaler Risikofaktor für Atherosklerose, umgangssprachlich: Gefäßverkallung. Diese kann einen Arterienverschluss begünstigen und so Herzinfarkte oder Schlaganfälle auslösen.

Der Cholesterinspiegel wird vor allem durch die genetische Programmierung des Stoffwechsels beeinflusst – weniger durch Lebensstilfaktoren wie Ernährung oder Bewegung. Daher ist eine zentrale und gut belegte Therapie, das Cholesterin zu senken, die Einnahme von Medikamenten wie beispielsweise Statinen. Je frühzeitiger man handelt, desto besser können die Gefäße gesund erhalten werden. 

Zu viel sitzen und zu wenig Bewegung gehören neben einem zu hohen Cholesterinspiegel und Übergewicht zu den größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dagegen kann regelmäßige körperliche Aktivität das kardiovaskuläre Risiko senken und mehrere Risikofaktoren verbessern. Die WHO empfiehlt, mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität in der Woche für Erwachsene, um Krankheiten vorzubeugen.

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