„Wir müssen endlich weg von einer alleinigen Reparatur-Medizin (…) hin zu mehr Prävention und Früherkennung“

Auf der 89. Jahrestagung im April 2023 übernahm Prof. Holger Thiele das Amt des DGK-Präsidenten von Prof. Stephan Baldus. Wir haben ihn im Interview gebeten, seine Eindrücke aus der ersten Hälfte seiner Amtszeit mit uns zu teilen. Wie blickt er auf das Jahr zurück, welche Herausforderungen bringt das Amt mit sich, und was sind seine Pläne für die zweite Hälfte seiner Präsidentschaftszeit?

Von:

Tobias Kruse

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

28.03.2024

 

Bildquelle (Bild oben): Sebastian Kaulitzki / Shutterstock.com

Professor Thiele, Sie sind nun seit einem Jahr amtierender Präsident der DGK. Haben Sie sich gut in Ihre neue Rolle eingefunden?

 

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass es eine große Ehre für mich ist, die DGK als Präsident nach außen zu repräsentieren. Wir haben ja glücklicherweise ein Präsidiumsmodell, in dem man verschiedene Instanzen durchläuft: Zwei Jahre als Incoming-President, zwei Jahre als amtierender Präsident und dann abschließend zwei Jahre als Past President. Das ist besonders hilfreich, denn es bereitet einen gut auf die Aufgaben vor und bietet auch Konstanz und Zuverlässigkeit bei der Vorstandsarbeit.

 

Was bereitet Ihnen an dem Amt besonders viel Freude?

 

Das Arbeiten mit den Menschen und, dass wir etwas für die Patientinnen und Patienten bewegen – auch wenn es mir aufgrund meines Naturells oft nicht schnell genug geht (lacht).

 

Gibt es auch etwas, das Sie an dem Amt unterschätzt haben?

 

Das ist eine gute Frage. Vermutlich habe ich unterschätzt, wie schwierig es manchmal ist, die aus meiner Sicht objektiven Aspekte einfach umsetzen zu können. Das liegt vor allem daran, dass das Arbeiten an Interessensausgleichen sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Das, zusammen mit den herausfordernden Kernthemen des letzten Jahres, haben dann doch dazu geführt, dass man manchmal den Eindruck hat, zwei bis drei Jobs gleichzeitig zu haben. Man führt ja nebenher noch eine große Klinik und betreibt Wissenschaft und Lehre an einer Universitätsklinik. Insgesamt habe ich mir das Ausmaß der Arbeit nicht ganz so zeitintensiv vorgestellt.

Zur Person

Prof. Holger Thiele

Univ.-Prof. Dr. med. Holger Thiele ist sowohl Internist und Kardiologe als auch Angiologe. Zusätzlich hat er die Zusatzbezeichnung Internistische Intensivmedizin, fachgebundene MRT, Notfall- und Rettungsmedizin. Er ist Universitätsklinikdirektor für Kardiologie am Herzzentrum Leipzig – eine der größten universitären Kardiologien in Deutschland – und berufener Professor der Universität Leipzig. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

Prof. Holger Thiele
Bildquelle: Herzmedizin.de

Sie haben herausfordernde Kernthemen erwähnt. Könnten Sie darauf näher eingehen?

 

Mein Eindruck ist, dass wir im letzten Jahr einige Aufgaben zu moderieren hatten. Da ist zum einen der G-BA Beschluss zur kardialen Computertomographie bei Verdacht auf eine chronische KHK, den wir aus Sicht der DGK noch in eine gute Richtung lenken konnten. Die weitere Ausgestaltung des Beschlusses wird aber noch viel Arbeit erfordern. Zum anderen nimmt die Nationale Herz-Allianz (NHA) immer mehr Gestalt an. Das bedeutet aber auch, dass die Kommunikation mit den anderen Partnern innerhalb der NHA sowie dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) und weiteren Vertretern in der Politik doch recht zeitintensiv ist. Das Gute daran ist, dass wir geschlossen noch besser auf den Stellenwert von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Todesursache Nummer eins in Deutschland aufmerksam machen können. So können wir dabei helfen, den Fokus der Herz-Kreislauf- Medizin immer mehr in die richtigen Bahnen zu lenken. Dazu hat auch der erfolgreiche Launch von Herzmedizin.de beigetragen. In kürzester Zeit konnten das Herausgeber und Redaktions-Team eine große Reichweite und qualitativ sehr gute kardiovaskuläre Berichterstattung aufbauen, sodass wir auch hier die Sichtbarkeit der Herz-Kreislauf-Medizin deutlich erhöhen konnten.

 

Die NHA hat mit den neuen Präventionsplänen des Bundesgesundheitsministers einen ersten großen Erfolg erzielt. Welchen Forderungen der NHA ist das BMG damit konkret nachgekommen?

 

Es gibt ja die Initiative des BMGs zur Verbesserung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein Impulspapier des BMGs mit den vier Säulen, die man in der Prävention umsetzen möchte:

  1. Verbesserung der Früherkennung von Risikofaktoren und Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen
  2. Verbesserung der Früherkennung von Risikofaktoren und Vorbeugung als auch Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Erwachsenen
  3. Stärkung von Disease-Management-Programmen
  4. Reduzierung des Nikotinkonsums

Es ist sicher ein Erfolg, dass die Herz-Kreislauf-Gesundheit auf der Agenda des Gesundheitsministeriums deutlich weiter nach oben gerückt ist. Die Punkte des Impulspapiers, wenn sie denn konkret umgesetzt werden, sind ein riesiger Schritt vorwärts für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland. Wir müssen endlich weg von einer alleinigen Reparatur-Medizin – wo wir in Deutschland sicherlich gute Arbeit leisten – hin zu mehr Prävention und Früherkennung. Das hat uns ja die BiB-Gesundheitsstudie mit hierzulande doch leider schlechter Lebenserwartung im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern deutlich vor Augen geführt. Die DGK ist hier stark in die Umsetzung konkreter Gesetzesvorhaben eingebunden. Aber diese dauern leider ihre Zeit und wir hoffen, dass sie bald umgesetzt werden können. Das größere Ziel der DGK ist aber eine übergeordnete, von der Politik getragene, nationale Herz-Kreislauf-Strategie.

 

„Es ist sicher ein Erfolg, dass die Herz-Kreislauf-Gesundheit auf der Agenda des Gesundheitsministeriums deutlich weiter nach oben gerückt ist.“

Prof. Holger Thiele über die Erfolge der Nationalen Herz-Allianz

 

Für Ihre Präsidentschaft haben Sie angekündigt, noch weitere, verschiedene Themen in den Fokus zu nehmen, darunter die Verbesserung der schlechten Datenqualität, bzw. die Schaffung von nationalen Registern in Deutschland zu operativen oder interventionellen Eingriffen. Gibt es hierzu auch schon Updates?

 

Ja, die gibt es, sie sind allerdings noch nicht so vorzeigbar, wie unsere Fortschritte bei der kardialen CT oder der NHA. Wir arbeiten aber weiter kontinuierlich daran. Hinsichtlich des Themas Datenqualität und Patientenregister ist anzumerken, dass wir den Deutschen Herzbericht im September 2023 zusammen mit der Deutschen Herzstiftung vorgestellt haben und wissen, dass wir eine noch bessere Datenqualität benötigen. Hier gibt es von Seiten der Politik ja wichtige Gesetzesvorhaben, die bereits umgesetzt sind bzw. kurz vor der Umsetzung stehen. Konkret zu nennen sind das Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens (Digital-Gesetz, Digi-G) und das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG). Auch hier hat sich die DGK inhaltlich eingebracht. Wir müssen sehen, wie sich diese Änderungen im Alltag auswirken werden. Beispielsweise wird es in diesem Zusammenhang ja hinsichtlich der Behandlungsdaten aus den elektronischen Patientenakten (ePA) ein Opt-Out-Verfahren geben. Das heißt, dass die Daten der Forschung zugänglich gemacht werden, es sei denn, die Patientinnen und Patienten widersprechen aktiv. Wir sind uns aber noch nicht sicher, ob uns das schon in die optimale Situation versetzen wird, die uns in den skandinavischen Ländern seit Jahren vorgelebt wird. Aber auch wir als DGK sind in der Planung, neue Strukturen für die Datennutzung in der kardiovaskulären Medizin aufzubauen. Das ist allerdings ein größeres Projekt und wir stecken noch in den Vorbereitungen. Wenn es konkreter wird, stellen wir es sicherlich bald vor.

 

Weitere Punkte auf Ihrer Agenda sind die Stärkung der Aktivitäten der eCardiology und das Voranbringen neuer Technologien, wie der künstlichen Intelligenz. Nicht zuletzt ist Ihnen auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig.

 

Richtig. Für die eCardiology haben wir eine eigene Task Force, die ja auch auf den Kongressen eine gute Sichtbarkeit hat. Hier wird es aber in der nächsten Zeit notwendig sein, die Aktivitäten noch stärker zu bündeln und sich auch um Strategien zu kümmern, wie man gegen die großen Konzerne eigene Ideen umsetzen kann. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt weiterhin eine Herausforderung im Gesamtkontext des deutschen Gesundheitssystems dar. Die DGK hat hierfür eine Projektgruppe, die sehr aktiv konkrete Vorschläge erarbeitet und in die Vorstandsarbeit einbringt. Ein Beispiel ist hier das Konsensuspapier zu „Schwangerschaft und Mutterschutz in der Kardiologie und in der Kinder- und Jugendkardiologie“, das die DGK zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK) und der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) erarbeitet hat. Besonders das Thema Strahlenexposition sorgt immer wieder für Fragen und Unsicherheiten. Daher wurde in dem Papier auch hierauf ein besonderes Augenmerk gelegt.

 

Welche Projekte stehen als Nächstes an?

 

Die nächsten Projekte sind die Umsetzung der konkreten NHA-Projekte VRONI im Norden, das BNP-Screening-Projekt zur Früherkennung von asymptomatischer Herzinsuffizienz, und die Adressierung der Forschungsverstärkung in der Herz-Kreislauf-Medizin. Letzteres beinhaltet auch das beharrliche Adressieren der Dysbalance zwischen der Förderung von Krebsforschung und der Herz-Kreislauf-Forschung. Nach wie vor ist die Herz-Kreislauf-Forschung im direkten Vergleich deutlich unterfinanziert. Wenn wir den Herausforderungen des demografischen Wandels und der immer älter werdenden Gesellschaft begegnen wollen, muss sich dies in Deutschland dringend ändern. Die DGK ist zusammen mit den anderen NHA-Partnern hier weiterhin stark involviert.

 

Welche Hürden gibt es noch zu nehmen?

 

Es gibt noch einige Hürden, da wir hierzulande eine gewisse Bürokratielastigkeit haben. Das bedeutet leider, dass die Umsetzung konkreter Projekte teilweise deutlich verlangsamt wird. Umso wichtiger ist es, dass wir das große Ganze nicht aus den Augen verlieren und noch mehr an unseren Zielen festhalten: Die Verbesserung der Patientenversorgung und die weitere Intensivierung der Herz-Kreislaufforschung in Deutschland.

 

 


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