Quick Dive: Stellungnahme zu Psychokardiologie

 

In unserer Reihe "Quick Dive" stellen die Autorinnen und Autoren von DGK-Publikationen prägnant die wichtigsten Hintergründe und Inhalte der jeweiligen Veröffentlichung vor. Dieses Mal wird eingetaucht in:

 

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zur Notwendigkeit und Finanzierung stationärer psychokardiologischer Behandlung

19.04.2024 | Verfasst von: Albus C., Dannberg G., Fritzsche K., Gunold H., Herrmann-Lingen C., Kindermann I., Köllner V., Kuhn B., Ladwig K.-H., Leithäuser B., Meesmann M., Thiele H. , Waller C.

 

Prof. Holger Thiele ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Die anderen Autorinnen und Autoren bilden den Nukleus der AG 30 „Psychosoziale Kardiologie“ der DGK bzw. waren früher im Nukleus der AG 30.


Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

07.05.2024

 

Bildquelle (Bild oben): vovan / Shutterstock.com

5 Fragen an den Mitautor

Prof. Malte Meesmann, Past-Sprecher der AG 30 "Psychosoziale Kardiologie"

 

Was sind Anlass und Ziel der Publikation?

 

Anlass der Stellungnahme ist die sich abzeichnende Schließung der psychokardiologischen Station der Universitätsmedizin Göttingen, die unter der Leitung von Herrn Prof. Herrmann-Lingen steht. Diese Station hat in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa, eine Leuchtturmfunktion in der stationären psychokardiologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit schweren Herzerkrankungen und einer psychischen Erkrankung (z. B. Depression, Stress- oder Angsterkrankung).

 

Was ist die zentrale Forderung in der Publikation?

 

Die AG 30 und deren Nucleus spricht sich dafür aus, die psychosozialen Aspekte von kardiovaskulären Erkrankungen besser und umfassender therapeutisch anzugehen. Die stationäre psychokardiologische Versorgung dieser schwerkranken Patientinnen und Patienten lediglich durch Konsil- bzw. Liaisondienste abzubilden, ist angesichts kurzer Liegezeiten mit in diesem Rahmen begrenzten psychokardiologischen Handlungsoptionen nicht ausreichend.


Was sind die wichtigsten Take-Home Messages?

 

  1. Angesichts der evidenzbasierten Bedeutung psychosozialer Faktoren für die Entstehung und den Verlauf von kardiovaskulären Erkrankungen kommt einer psychokardiologischen Mitbehandlung zunehmende Bedeutung zu.
  2. Diese Mitbehandlung kann zunächst im hausärztlichen, internistischen und kardiologischen Setting ambulant im Rahmen der psychosomatischen und psychokardiologischen Grundversorgung erfolgen. In diesem Rahmen kann dann die Indikation zu einer psychokardiologischen Reha-Maßnahme oder aber auch einer spezifischen Psychotherapie gestellt werden.
  3. Bei schwerstkranken Patientinnen und Patienten (z. B. elektrischer Sturm bei einem ICD-Patienten oder der Versorgung einer Patientin mit schwerster Herzinsuffizienz, ggf. auch der Versorgung mit einem linksventrikulären Assist-Device) kann eine stationäre psychokardiologische Therapie unmittelbar erforderlich werden, die durch ambulante Psychotherapeuten und -therapeutinnen oder entsprechende Reha-Einrichtungen nicht geleistet werden kann. Dem stimmen führende Vertretende der DGPPR (Deutsche Gesellschaft für Klinische Psychotherapie, Prävention und Psychosomatische Rehabilitation) sowie der DGPR (Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen) zu.  

 

Was sind Herausforderungen bei der Umsetzung und mögliche Lösungen?

 

Wie in der Stellungnahme ausgeführt, ist die Vergütung einer stationären psychokardiologischen Behandlung zurzeit nicht ausreichend geregelt. Der Nucleus der AG 30 „Psychosoziale Kardiologie“, für den ich hier spreche, ist deswegen dem Präsidenten der DGK, Herrn Prof. Thiele, für die Unterstützung dieser Stellungnahme durch seinen Mitautorenschaft sehr dankbar, da das Vergütungsproblem auch einen Einsatz auf politischer Ebene erfordert.

 

Ausblick: Welche Entwicklungen zum Thema zeichnen sich ab?

 

Vor dem Hintergrund der zunehmenden gesellschaftlichen Belastung durch psychische und psychosomatische Erkrankungen mit ihrer erwiesenen kardiovaskulären prognostischen Relevanz und dem demographischen Wandel mit zunehmend älteren und komplex erkrankten Patientinnen und Patienten gehen wir von einem sich deutlich steigernden psychokardiologischem Behandlungsbedarf auf allen Ebenen aus. Dies gilt unseres Erachtens auch für die präventiven Aspekte der Psychokardiologie. So wurde in einer Studie aus England vom letzten Jahr an über 600.000 Patientinnen und Patienten mit Depression gezeigt, dass bei einer erfolgreichen Gesprächspsychotherapie der Depression das Auftreten einer koronaren Herzerkrankung deutlich geringer ist.

Weiter zur vorgestellten Publikation:

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zur Notwendigkeit und Finanzierung stationärer psychokardiologischer Behandlung

Literaturnachweis: Albus C., Dannberg G., Fritzsche K., et al. Kardiologie (2024). https://doi.org/10.1007/s12181-024-00686-9

 

Zur Person

Prof. Malte Meesmann

Prof. Malte Meesmann ist als Kardiologe in einer psycho-kardiologischen Praxis in Veitshöchheim bei Würzburg tätig. Als Past-Sprecher der AG 30 „Psychosoziale Kardiologie“ setzt er sich weiterhin für praktische Belange der Psychokardiologie ein. (Bildquelle: Stiftung Juliusspital Würzburg)


Kurzinfo: Die Formate der DGK-Publikationen

Leitlinien sind für Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Stütze im klinischen Alltag, um ihre Patientinnen und Patienten nach neuestem Stand der Wissenschaft bestmöglich zu behandeln. Dabei dienen die Leitlinien als verlässliche Handlungsempfehlungen in spezifischen Situationen.

Pocket-Leitlinien sind Leitlinien in kompakter, praxisorientierter Form. Bei Übersetzungen von Pocket-Leitlinien der ESC werden alle Empfehlungsklassen und Evidenzgrade der Langfassung übernommen.

Master Pocket-Leitlinien stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Leitlinienempfehlungen in Form von grafischen Diagnose- und Therapiealgorithmen dar. Als Quelle der Empfehlungen dienen dabei vorwiegend die nach strengen wissenschaftlichen Kriterien erstellten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) sowie deren deutsche Übersetzung durch die DGK.

CardioCards behandeln im Wesentlichen Themen der Diagnostik und Akuttherapie für den ambulanten Bereich. Hier werden die essenziellen Informationen von Leitlinien komprimiert und übersichtlich zusammengefasst.

Kommentare beinhalten Hinweise, wie sich die neuen von den alten Leitlinien unterscheiden, Hinweise auf wesentliche Neuerungen, die seit dem Erscheinen der ESC-Leitlinien bekannt geworden sind, Diskussion kontroverser Empfehlungen in den ESC-Leitlinien sowie Möglichkeiten und Grenzen der Leitlinienumsetzung im Bereich des deutschen Gesundheitswesens.

Ein Positionspapier behandelt eine Fragestellung von großem allgemeinen Interesse, für die keine aktuelle Leitlinie vorliegt.

Bei einem Konsensuspapier handelt es sich um ein von mehreren Fachgesellschaften getragenes Statement.

Diese Veröffentlichungen enthalten Empfehlungen einer DGK-Arbeitsgruppe zu einer speziellen Frage von großem Interesse.

Stellungnahmen der DGK beziehen sich auf gesundheitspolitische Fragestellungen und erfolgen durch den Vorstand, gemeinsam mit Kommissionen und Projektgruppen. Sofern möglich und sinnvoll, werden auch Fachgesellschaft-übergreifende Stellungnahmen ausgearbeitet.

Ein Manual ist eine praktisch orientierte Expertenempfehlung für wesentliche kardiovaskuläre Prozeduren.

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