Zu viel Vitamin B3 erhöht das kardiovaskuläre Risiko

 

Können wasserlösliche Vitamine wie Niacin schaden? Bisher ging man davon aus, dass ein Überschuss ausgeschieden wird und daher harmlos ist. Niacin (Vitamin B3) galt zudem früher als vielversprechender Wirkstoff zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, doch der erwartete Nutzen blieb aus. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie könnten jetzt die paradoxe Wirkung von Niacin erklären.  

von:

Dr. Heidi Schörken

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

18.04.2024

 

 

Niacin-Supplementation in den USA

 

Niacin, auch Vitamin B3 genannt, unterstützt den Auf- und Abbau von Kohlenhydraten, Fettsäuren und Aminosäuren sowie den Energiestoffwechsel und ist außerdem bedeutend für die Zellteilung. Die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) empfiehlt Erwachsenen eine tägliche Niacin-Zufuhr von etwa 15 mg.1 Niacin ist in vielen Lebensmitteln, wie Erdnüssen, Fisch, Fleisch, Pilzen, Milch, Eiern und Kartoffeln enthalten - daher ist ein Mangel sehr selten. Dennoch werden in den USA und vielen anderen Ländern seit Jahrzehnten Grundnahrungsmittel wie Mehl, Getreide und Hafer mit Niacin angereichert. Längere Zeit galt Niacin auch als vielversprechender Wirkstoff zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, indem es den Cholesterinspiegel im Blut senkt. Allerdings konnte eine Meta-Analyse mit 23 randomisierten klinischen Studien aus dem Jahr 2017 keinen Hinweis auf einen Nutzen der Niacin-Therapie nachweisen.2

Niacin-Metabolite: 2-fach erhöhtes kardiovaskuläres Risiko

 

Forschende aus den USA und Deutschland gingen nun der Frage nach, warum einige Menschen ohne bekannte Risikofaktoren trotzdem ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben.3 Das Forscherteam analysierte Blutproben von über 1.162 chronisch Herzkranken (darunter 422 Frauen), die stabil eingestellt waren (60 % erhielten Statine). Sie untersuchten das Metabolitenspektrum in den Nüchtern-Plasma-Proben und stießen dabei auf die beiden Substanzen N1-Methyl-2-pyridon-5-carboxamid (2PY) und N1-Methyl-4-pyridon-3-carboxamid (4PY). Interessanterweise handelte es sich um Metabolite, die beim Abbau von überschüssigem Niacin entstehen. 25 % der Teilnehmenden wiesen Niacin-Metabolite auf, die mit einem verdoppelten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse einhergingen.

Bestätigung durch Validierungskohorten

 

Um zu überprüfen, ob die beiden Stoffwechselprodukte, 2PY und 4PY, tatsächlich mit dem Auftreten schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse (MACE) wie Herzinfarkt oder Schlaganfall assoziiert waren, wurden die entsprechenden Metabolit-Konzentrationen in 2 Validierungskohorten untersucht (USA n = 2.331 insgesamt, n = 774 Frauen; Europa n = 832 insgesamt, n = 249 Frauen). Dabei wurde bestätigt, dass die Niacin-Metabolite 2PY und 4PY mit einem erhöhten 3-Jahres-MACE-Risiko assoziiert waren.

Vaskuläre Entzündungsreaktionen

 

Durch eine genomweite Assoziationsanalyse wurde eine genetische Variante identifiziert, die mit erhöhten 2PY- und 4PY-Konzentrationen einherging. Für diese genetische Variante wurde ein Zusammenhang mit dem löslichen vaskulären Adhäsionsmolekül 1 (sVCAM-1) nachgewiesen. Weitere Untersuchungen im Mausmodell zeigten, dass die Behandlung mit physiologischen Mengen von 4PY zur Expression von VCAM-1 und zum Anhaften von Leukozyten am Gefäßendothel führte und somit eine entzündliche Reaktion auslöste.

Fazit: Bei Nahrungsergänzungsmitteln genau hinschauen

 

Insgesamt weisen die Ergebnisse dieser Studie darauf hin, dass überschüssiges Niacin schädlich sein kann und Niacin-Metabolite entzündliche Mechanismen in Gang setzen können, die mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergehen.

 

"Daher sollte man bei Nahrungsergänzungsmitteln immer genau hinschauen, ob die Einnahme wirklich nötig ist", so der an der Studie beteiligte Experte Prof. Haghikia im Interview mit HERZMEDIZIN.de. Hier gelangen Sie zum vollständigen Experten-Interview.  


Referenz

 

  1. https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/niacin/
  2. Schandelmaier S et al. Niacin for primary and secondary prevention of cardiovascular events. Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Issue 6.
  3. Ferrell M et al. A terminal metabolite of niacin promotes vascular inflammation and contributes to cardiovascular disease risk. Nat Med. 2024;30(2):424-434

 

Zur Übersichtsseite Rubrik Prävention

Das könnte Sie auch interessieren

Verschreibungspraxis bei Statinen: Frauen unterversorgt?

Trotz höherer kardiovaskulärer Mortalität werden Frauen seltener und seltener intensiv mit Statinen behandelt. Prof. A. Bäßler kommentiert zwei aktuelle Studien.

Wie Wut das Herz-Kreislauf-System beeinflusst

Die PUME-Studie legt nahe, dass Wutgefühle das kardiovaskuläre Risiko erhöhen können, indem sie das Endothel schädigen. Dr. O. Hahad berichtet.

Zilebesiran – ein Gamechanger für die Bluthochdrucktherapie?

ACC-Kongress 2024 | KARDIA-2: Zilebesiran könnte zum neuen Meilenstein der Bluthochdrucktherapie werden. Von Dr. L. Lauder und Prof. F. Mahfoud.

Diese Seite teilen