Soziale Benachteiligung, tödliche Folgen: Assoziation zwischen niedrigem Sozialstatus und Herzrisiko

 

 

In einer aktuellen Studie des Zentrums für Kardiologie der Unimedizin Mainz wird deutlich: Bildungsgrad und Berufsstatus können mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen und Tod assoziiert sein.

Von:

Dr. Omar Hahad

Universitätsmedizin Mainz

 

16.04.2024

Forschende der Mainzer Kardiologie haben in einer neuen Studie1 festgestellt, dass auch in Deutschland ein niedriger sozioökonomischer Status (SES) mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer höheren Sterblichkeit assoziiert ist. Die Analyse beruht auf den Daten von 15.000 Teilnehmenden der Mainzer Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS) im Alter von 35 bis 74 Jahren aus Mainz und Rheinhessen für die Jahre zwischen 2007 und 2022.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Bildungsniveau, der Berufsstatus und das Einkommen nicht nur soziale Unterschiede widerspiegeln, sondern auch mit der Herzgesundheit assoziiert sein können. Personen mit niedrigerem SES könnten möglicherweise einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen und einer höheren (kardiovaskulären) Sterblichkeit ausgesetzt sein im Vergleich zu Personen mit höherem SES. Diese Assoziationen bleiben auch nach Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Lebensstil und kardiovaskulären Risikofaktoren bestehen.

Die Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS), gestartet im Jahr 2007, ist eine der weltweit größten Bevölkerungsstudien ihrer Art. Die GHS zielt darauf ab, die Ursachen von Volkskrankheiten zu identifizieren und die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Durch regelmäßige Verlaufsuntersuchungen werden neue Erkenntnisse gewonnen, die für die Prävention und Therapie von Herz- und anderen Erkrankungen von entscheidender Bedeutung sind.

Der Bildungsstand und der Beschäftigungsstatus erwiesen sich als entscheidende Faktoren, die möglicherweise mit dem Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert sind, während überraschenderweise das Haushaltsnettoeinkommen insgesamt eine geringere Rolle zu spielen scheint.

Bei der Untersuchung nach 5 Jahren (2012–2017) war ein niedriger sozioökonomischer Status sowohl mit erhöhter kardiovaskulärer Mortalität (Hazard Ratio 5,36; 95%-Konfidenzintervall 2,24–12,82) als auch mit erhöhter Gesamtmortalität (Hazard Ratio 2,23; 95%-Konfidenzintervall 1,51–3,31) assoziiert.

Bei der Untersuchung nach 10 Jahren (2012–2022) hatten Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status ein um 68 % höheres Risiko für neu auftretende Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Odds Ratio 1,68; 95%-Konfidenzintervall 1,12–2,47) im Vergleich zu jenen mit einem hohen sozioökonomischen Status. Darüber hinaus war die Gesamtmortalität um 86 % erhöht (Hazard Ratio 1,86; 95%-Konfidenzintervall 1,55–2,24).

Während frühere internationale Studien ähnliche Assoziationen nahelegten, hebt diese Mainzer Forschung die Bedeutung des sozioökonomischen Status besonders hervor, da sie in einem Land durchgeführt wurde, in dem der Zugang zum Gesundheitssystem weniger vom Einkommen abhängt.

Die Ergebnisse dieser Studie sollten als Weckruf dienen, um die potenziellen Gesundheitsrisiken durch soziale Benachteiligung ernst zu nehmen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Die Schlussfolgerung besteht darin, dass besondere Chancen in der Prävention für sozial benachteiligte Personen liegen. Der soziale Status sollte bei der Bewertung von Risiken und präventiven Maßnahmen berücksichtigt werden, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern und soziale Ungleichheiten zu verringern.

Zur Person

Dr. Omar Hahad

Dr. Omar Hahad ist Erstautor der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Kardiologie an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen umweltbedingte Risikofaktoren für Herz-Kreislauf- und neuropsychiatrische Erkrankungen. Er ist Mitglied des Deutsches Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) und Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz.


Referenzen

 

 

  1. Hahad O, Gilan DA, Chalabi J, et al. Cumulative social disadvantage and cardiovascular disease burden and mortality. Eur J Prev Cardiol. 2024;31(1):40-48. doi:10.1093/eurjpc/zwad264
  2. Wild PS, Zeller T, Beutel M, et al. Die Gutenberg Gesundheitsstudie [The Gutenberg Health Study]. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2012;55(6-7):824-829. doi:10.1007/s00103-012-1502-7

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