Wie Kindheit und Herzgesundheit verbunden sind

 

Herzliche, stabile Beziehungen zwischen Eltern und Kind sind mit einer besseren Herzgesundheit im Erwachsenenalter assoziiert, so eine US-amerikanische Studie.1 Bei widrigen Kindheitsumständen zeigt sich Gegenteiliges; bei Jahreseinkommen ≤ 35.000 US-Dollar werden die Zusammenhänge jedoch überlagert.

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

07.02.2024

 

Bildquelle (Bild oben): KonstantinChristian / Shutterstock.com

Den Forschenden zufolge weist die Studie erstmals eine Verbindung zwischen dem Familienumfeld in der Kindheit und der kardiovaskulären Gesundheit über einen 20-Jahres-Verlauf im Erwachsenenleben nach. So sei bekannt, dass die frühkindliche Gesundheit den Grundstein für die spätere Gesundheit lege, aber auch die Art und Weise der Beziehungen in der Kindheit könne von Bedeutung sein.

Junge Erwachsene blicken zurück und werden über 20 Jahre beobachtet

 

Für die Untersuchung wurden Daten von Teilnehmenden der CARDIA-Studie (Coronary Artery Risk Development in Young Adults) ausgewertet. Dabei handelte es sich um 2.074 Personen, die zu Studienbeginn 18 bis 30 Jahre alt waren, im Durchschnitt 25 Jahre. Der Frauenanteil betrug 56 %. Die kardiovaskuläre Gesundheit wurde anhand der "Life's Simple Seven" der American Heart Association (AHA) auf einer Gesamtskala von 0 bis 14 bewertet: Cholesterin, Blutdruck, Blutzucker, Ernährung, Gewicht, körperliche Aktivität und Raucherstatus – jeweils erhoben zu Studienbeginn sowie im 7. und 20. Studienjahr.


Die Kindheitserfahrungen wurden im 15. Studienjahr retrospektiv erfasst, anhand des Risky Families (RF) Questionnaire (Skala 7–28). Das Ausmaß an Misshandlung und Warmherzigkeit wurde jeweils auf Subskalen von 1 bis 4 erfasst und z. B. durch folgende Fragen im RF Questionnaire erhoben: „Wie oft wurden Sie von Erwachsenen in Ihrem Haushalt so stark geschubst, gepackt oder geschlagen, sodass Abdrücke oder Verletzungen zurückblieben?“ „Wie oft wurden Sie beschimpft oder erniedrigt, sodass Sie sich bedroht fühlten?“ „Wie oft wurde körperliche Zuneigung durch Gesten wie Umarmungen gezeigt?“

Neben Warmherzigkeit auch Stabilität wichtig

 

Mehr als 28 % der Teilnehmenden erreichten zu Studienbeginn einen idealen kardiovaskulären Gesundheitswert von ≥ 12, im Studienjahr 20 waren es mehr als 16 %. Unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Alkoholkonsum konnten die Forschenden über den gesamten Zeitverlauf folgende Zusammenhänge feststellen:

 

  • Unabhängig vom Jahreseinkommen im Erwachsenenalter: Kindesmisshandlung war je Einheit auf der Subskala mit einer um fast 13 % geringeren Wahrscheinlichkeit für eine ideale kardiovaskuläre Gesundheit verbunden (Odds Ratio 0,872; 95%-Konfidenzintervall 0,77–0,99). Dabei wurden im Schnitt die niedrigsten Gesundheits-Scores bei instabilen Betreuungsbeziehungen beobachtet: bei hoher elterlicher Wärme und gleichzeitig hoher Misshandlungsrate.
  • Bei einem Jahreseinkommen > 35.000 US-Dollar im Erwachsenenalter: Berichte über negative Kindheitserfahrungen im familiären Umfeld waren je Einheit im RF Questionnaire mit einer um fast 4 % geringeren Wahrscheinlichkeit assoziiert, eine ideale kardiovaskuläre Gesundheit zu erreichen (OR 0,9645; 95%-KI 0,94–0,98). Bei Einkommen ≤ 35.000 US-Dollar war dieser Zusammenhang nicht erkennbar. Die Forschenden vermuten, dass dann andere Effekte zum Tragen kommen, darunter anhaltende sozioökonomische und strukturelle Widrigkeiten.
  • Bei einem Jahreseinkommen > 75.000 US-Dollar im Erwachsenenalter: Die Warmherzigkeit der Bezugspersonen war je Einheit auf der Subskala mit einer um fast 12 % höheren Wahrscheinlichkeit einer idealen kardiovaskulären Gesundheit verbunden (OR 1,1165; 95%-KI 1,01–1,24).

Prävention als komplexes Zusammenspiel

 

Die Forschenden schlussfolgern, dass warmherzige und stabile Beziehungen in der Kindheit sowie wirtschaftliche Möglichkeiten im Lebensverlauf eine entscheidende Rolle bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen. Sie räumen jedoch ein, dass die Studie auf Aussagen von Erwachsenen beruht, die auf ihre Kindheitserfahrungen zurückblicken, was zu Verzerrungen führen kann. Für konkretere Aussagen und zur Beurteilung von Ursache und Wirkung sollten weiterführende Studien mit ihrer Beobachtung bereits in der frühen Kindheit beginnen und diese über den weiteren Lebensverlauf fortsetzen.


Referenz

 

  1. Ortiz R et al. Evidence for the Association Between Adverse Childhood Family Environment, Child Abuse, and Caregiver Warmth and Cardiovascular Health Across the Lifespan: The Coronary Artery Risk Development in Young Adults (CARDIA) Study. Circ Cardiovasc Qual Outcomes. 2024 Jan 23:e009794. doi: 10.1161/CIRCOUTCOMES.122.009794.

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